Das urbane Fahrradmagazin

Wie Fahrräder Lebensqualität in abgelegenen Dörfern verbessern

Für uns ist Radfahren ein Lebensgefühl. Es ist Sport, Community, Gesundheit, vielleicht eine brennende Leidenschaft. Oder einfach nur das Vehikel der Wahl für den täglichen Weg zur Arbeit.

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Ja, wir haben die Wahl. Wir entscheiden uns ganz bewusst für das Fahrrad, wenn wir es fahren. Dieser Luxus ist uns nur selten bewusst. In ländlichen Regionen Afrikas haben die Menschen meist keine Wahl, sie gehen alle Wege zu Fuß, weil es keine anderen Verkehrsmittel gibt. Oder weil sie sich den Minibus schlichtweg nicht leisten können. Ein Fahrrad ist dort kein Lebensgefühl, es ist viel mehr als das.

Ein einfaches Fahrrad bringt Kinder zur Schule, die sonst nicht zur Schule gehen könnten. Es bringt Ware auf die Märkte, die anders nicht transportiert werden könnte. Es verbindet Geschäftsleute mit Kunden, Krankenpfleger mit Patienten, Kinder mit Schulen und birgt das Potenzial die Wirtschaft eines ganzen Landes nach vorne zu bringen.

Die internationale Hilfsorganisation World Bicycle Relief (WBR) hat die Vision, Millionen von Menschen mit Fahrrädern mobil zu machen. Entfernungen sollen kein Hindernis für Bildung, Gesundheitsversorgung und wirtschaftliche Weiterentwicklung mehr sein. Mit Spenden finanziert produziert WBR das sogenannte Buffalo-Fahrrad und übergibt es an Schüler, Krankenpfleger und Kleinstunternehmer in ländlichen Entwicklungsregionen. Das Fahrrad als Hilfe zur Selbsthilfe.

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Foto: World Bicycle Relief

WBR hat das Buffalo-Fahrrad bis ins Detail darauf ausgelegt, robust, haltbar, belastbar und wartungsarm zu sein. Es muss den extremen Bedingungen von Sand, Wind, Matsch und schwerer Ladung standhalten. Darüber hinaus bildet die Organisation Mechaniker vor Ort aus, um die Wartung der Räder sicherzustellen, aber auch um Jobs zu schaffen. Nur so kann diese Art Entwicklungsarbeit nachhaltig funktionieren. Der Markenname Buffalo soll an die Stärke des wilden Kaffernbüffels erinnern. Buffalo steht demnach auch für ein Qualitätsversprechen. Der Gepäckträger hält ohne weiteres 100 Kilogramm Gewicht aus, und das jahrelang über Stock und Stein.

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Foto: World Bicycle Relief

Andere Räder, die in Afrika erhältlich sind, entsprechen diesen Anforderungen meist nicht. Billige Produkte aus Asien bestimmen überwiegend die Märkte. Meterhoch bepackt geben diese auf den sandigen Pisten allerdings oft schnell den Geist auf.

Seit 2005 hat WBR mittlerweile mehr als 300.000 Räder ausgeliefert und damit Fußmärsche in Fahrradtouren verwandelt. Das hört sich trivial an, hat aber in vielerlei Hinsicht eine unglaubliche Wirkung, wenn es keine alternativen Transportmöglichkeiten gibt.

Es ist jedoch nicht die Mobilität allein, die die enorme Wirkung ausmacht. Evaluationen der Programme ergeben eine nachhaltige Verbesserung von Lebensumständen. Ein Fahrrad ist die Chance, aus dem Kreislauf der Armut auszubrechen. Das macht den großen Erfolg des Projekts aus.

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Mobilität = Bildung. Foto: World Bicycle Relief

Millionen Kinder weltweit laufen jeden Tag stundenlang zur Schule, oder auch nicht. Wenn der Weg zu weit ist oder die Kinder noch nicht groß genug sind um jeden Tag zwei Stunden pro Weg zu laufen, besuchen sie oft gar nicht oder erst spät die Schule. Im Rahmen des Bildungsprogramms BEEP (Bicycles for Educational Empowerment Program) übergibt WBR Fahrräder an Schüler mit weiten Schulwegen. Auswahlkomitees begutachten Wohnort und Lebensumstände der Kinder, die für ein Fahrrad infrage kommen. Wie weit entfernt von der Schule wohnen sie? Handelt es sich um Waisenkinder? Außerdem ist es für das Programm wichtig, dass die Empfänger ihr Rad wertschätzen. Deshalb wird es nicht „verschenkt“ sondern als Teil des sogenannten „study-to-own“-Vertrages übergeben. In diesem verpflichten sich die Schüler, täglich zur Schule zu fahren und ihre Leistungen zu verbessern. Erfüllen sie diese Vorgaben über mindestens zwei Jahre, geht das Rad in ihren Besitz über. Schließlich kommen die Räder so den ganzen Familien und der Wirtschaft in den Regionen zugute.

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Mobilität = Gesundheit. Foto: World Bicycle Relief

In abgeschiedenen Dörfern in Entwicklungsländern sind Kliniken mit Ärzten oder Krankenschwestern nur selten erreichbar. Und im Notfall gibt es keinen Krankenwagen, den die Menschen rufen können. Oft sind es freiwillige Krankenpfleger, die Patienten behandeln, Medikamente verabreichen und Aufklärungsarbeit leisten. Sie sind zu Fuß unterwegs und laufen kilometerweit um die Haushalte zu erreichen. Mit Buffalo-Fahrrädern sparen Krankenpfleger wertvolle Zeit und können mehr Menschen eine bessere Pflege ermöglichen. Evaluierungen zeigen, dass sich der Zugang zu Medikamenten deutlich verbessert, mehr Kinder geimpft werden, HIV- und AIDS-Raten in den Regionen zurückgehen. Im Zweifel retten die Fahrräder sogar Leben.

Ob Bauern, Handwerker oder Geschäftsleute – fast jedes Geschäft hängt von Transportmöglichkeiten ab. Aber Transport kostet Geld. Wer sich das nicht leisten kann oder in einer Gegend ohne Verkehrsmittel wohnt, geht zu Fuß. Ein einfaches, robustes Fahrrad kann der Anfang sein, ein Unternehmen zu starten oder effizienter zu wirtschaften. Förderprogramme von World Bicycle Relief unterstützen zum Beispiel Milchbauern in Kooperativen. Sie können über Mikrokredite ein Buffalo-Fahrrad kaufen, um damit die Milch zur Sammelstelle zu transportieren. So ist allen geholfen: Die Milch kommt schneller zum Ziel und der Bauer kann mehr als doppelt so viel transportieren. Eine 2016 veröffentlichte Wirkungsstudie* zum Einsatz der Buffalo-Fahrräder in der Kooperative in Palabana/Sambia verdeutlicht, wie sich nicht nur die Produktivität der Bauern stark verbessert hat, sondern auch deren Lebensqualität. Ihr Einkommen hat sich um 23 % erhöht, da sie 25 % mehr Milch liefern können und 45 % weniger Transportzeit benötigen. So kommt die Wirtschaft in Gang.

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Hilfe zur Selbsthilfe mit einem starken Fahrrad Foto: World Bicycle Relief

In allen Regionen, in die Buffalo-Fahrräder ausgeliefert werden, arbeitet WBR eng mit vor Ort bestehenden Strukturen zusammen. Das sind zum Beispiel andere Hilfsorganisationen, die sich bereits in den Gemeinden etablieren konnten. Also Leute, die dort leben und die besonderen Gegebenheiten und Bedürfnisse kennen. Außerdem werden keine einzelnen Räder verteilt, sondern immer eine größere Anzahl. So kann die belieferte Region eine Eigendynamik entwickeln.

Für Bildung darf kein Weg zu weit sein. Gesundheitsversorgung muss auch abgelegene Dörfer erreichen. Distanz darf nicht zwischen Unternehmern und ihrem Erfolg stehen. Nicht wenn es so einfach ist, diese Lücke zu schließen.

Was ist der World Bicycle Relief?

Die Wurzeln der Organisation liegen in der Katastrophenhilfe nach dem verheerenden Tsunami in Südostasien: Damals reiste der Gründer von World Bicycle Relief, F. K. Day, mit seiner Frau und Dokumentarfotografin Leah Missbach Day nach Sri Lanka und suchte nach Möglichkeiten, sich sinnvoll für den Wiederaufbau einzusetzen. Schnell stellten sie fest: Was die Menschen wirklich brauchten, war Mobilität. 24.000 gespendete Fahrräder wurden zum Motor des Wiederaufbaus. Angespornt vom Erfolg der Aktion, gründeten sie die Organisation World Bicycle Relief.

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