Das urbane Fahrradmagazin

Ich versteh’ nur Fahrradautobahn. Wie unsere Sprachpraxis und unser Weltbild zusammenhängen.

Was haben die vier Worte Negerkuss, Eisverkäufer, Verkehr und Drahtesel gemeinsam? Was nach kniffliger Reizwortgeschichte aussieht, eröffnet bei genauerer Betrachtung ein Feld, das in der Bibliothek unter dem Schlagwort „Konstruktivismus“ ein ziemlich breites Regal füllt. Die vier Worte zeigen, wie „Sprache “ unser Weltbild erschafft und aufrechterhält. Sprache beeinflusst unser Denken, unsere Wirklichkeit und: Unsere Zukunft.

karen Greiderer_squarel
Seit 2017 leitet Karen das Urban Independence Magazin. Die leidenschaftliche Pedalistin hat bereits einige (Welt-)Reisekilometer im Radsattel gesammelt. Heute verbindet sie entweder Faltrad plus Kinderanhänger oder Kompakt-Cargobike mit der Bahn in Berlin und Brandenburg - meist mit ihrer Tochter auf Tour. Ihr Zugang zum Fahrrad(fahren) ist vielschichtig-detailverliebt aber stets pragmatisch und reicht in ihre frühen Jugendtage in Österreich zurück.
Foto: Bike Citizens

Im Folgenden eine kleine Lesereise. Wir statten den vier Begriffen einen Kurzbesuch ab, um zu erfahren, was diese mit einer Fahrradautobahn und unserer Art des Weltverstehens zu tun haben.

#Negerkuss.

Neger/niger/negro = Schwarz. Um die Jahrtausendwende markierte der Duden „Negerkuss“, die Bezeichnung für eine Süßigkeit aus weichem Schaumzucker, als abwertende Bemerkung. Zehn Jahre davor ersetzte der Schaumkuss die Bezeichnung der Naschsache. Alle wissen (heute), dass das Wort „Neger“ Menschen diskriminiert. Sagst du es, dann bewusst und betrittst den schmalen Grad zwischen Kabarett und Rassismus. Das Fazit: Negerkuss wurde aus unserer Alltagssprache herausgelöst – durch viel Bewusstseinsarbeit. So können sich die negativen Stereotypen rund um den Begriff nicht weiter ausbreiten und festigen. Natürlich ist damit – knapp 20 Jahre später – der Rassismus nicht Vergangenheit, aber es ist ein erfolgreicher Weg, ihm zu begegnen.(1)

#Eisverkäufer.

Stell’ dir einen Eisverkäufer vor – so hinter der frostigen Farbpalette. Das Gesicht. Die Statur. Schnelle Blicke. Wer-bekommt-als-nächstes-bitte? Die Kelle zur Tat bereit! Du bestellst zwei Kugeln. Beim Überreichen der Waffel rutscht ihr die Tüte aus der Hand. Und Stop! War dein Eisverkäufer etwa ein Mann?
Wenn ja, dann war gerade die Sprache am Werk. Sie hat ganz nebenbei eine Wirklichkeit, eine kollektive Normalität, hergestellt. Denn die deutsche Sprache ist normativ männlich (Stichwort: Generisches Maskulinum) (2) und macht „das andere Geschlecht“ unsichtbar. Normative Sprache heißt, dass es im Alltag eine anerkannte Sprachpraxis gibt, die ein bestimmtes Bewusstsein schafft und das immer und immer wieder. Die Sprache kann das aber nicht ohne ihre Sprecher und Sprecherinnen – ohne „Komplitzen und Komplitzinnen“ ist jede Sprache machtlos.
Wenige denken von selbst an eine Frau „Eisverkäufer“, außer das Geschlecht wird explizit genannt und die weibliche Person als „EisverkäuferIN“ benannt. Darauf zielt die Genderdebatte ab: Wenn sich die Sprache nicht ändert, wird sich auch die Gleichberechtigung nur schwer einstellen. Die angebotenen Lösungsansätze (zB. das Binnen-i) sind unsexy und mühsam – ähnlich mühsam wie ein Paradigmenwechsel.
Fazit: Der „Eisverkäufer“ zeigt, dass es ums Bewusstwerden – ums Reflektieren – geht. Was treibt diese normale Sprachpraxis da eigentlich? Bei „Negerkuss“ ist heute schon eine flächendeckende Sensibilität vorhanden. Das generische Maskulinum mag eine ähnliche Entwicklung durchlaufen. Paradigmenwechsel fordern eine sprachliche Sensibilisierung.

#Verkehr.

Für das folgende Szenario nimm dir ein bisschen Zeit. Stell dir vor du steckst im Verkehr. Was siehst du – vor – hinter – neben dir? Was passiert? Was riechst du? Was hörst du? Wie fühlst du dich? (Pause) Abgesehen von allen glücklichen Gemütern, die sich dem Genuss sinnlich-fleischlicher Gedanken hingegeben haben, werden viele an „irgendwas mit Autos“ gedacht haben. Autos im Stau. Dichtes Verkehrsaufkommen. Wer saß im Bus? Wer fuhr Fahrrad? Wer kam zu Fuß?

Vergleich Verkehr

Wenn du an Verkehr denkst, welches Bild sieht dem am ähnlichsten? Foto Collage: Bike Citizens, Chris Brown on Flickr (CC BY 2.0), Alper Çuğun on Flickr (CC BY 2.0).

Seit etwa den 1960ern wurde der Begriff Verkehr immer mehr zum Autoverkehr. Dabei meinen die Verkehrswissenschaften mit „Verkehr“ die „technischen, organisatorischen, informatorischen und ökonomischen Maßnahmen, um Personen, Güter und Nachrichten zu befördern.“ Dieser „Auto-Fokus“ unseres Denkens (und Sprechens) ist das Ergebnis von Maßnahmen im modernen Städtebau und der Autobranche. Die „autogerechte Stadt“ galt in den 1930er Jahren als die gute Zukunft. (3) Umgesetzt wurden die erstrebenswerten Maßnahmen wie zB. die Reichsgaragenverordnung (4) erst nach dem Krieg. An den Folgen erkrankte unsere Gesellschaft: Wohnblock, Einkaufscenter, Stadtumfahrung, krisengebeutelte Innenstädte, eine Auto-Normative Sprache und vieles mehr. Aber Moment! Was hat das mit Urban Independence zu tun, mit Radfahren? Ein letztes Beispiel, dann die Lösung!

#Drahtesel

Der Drahtesel ist ein komischer, nicht ernstzunehmender und recht uncharmanter Spitzname fürs Fahrrad. Drahtesel – das ist auch Name der Zeitschrift der Österreichischen Radlobby. Ein Fehlgriff? Man stelle sich kurz vor die Autolobby nennt ihre Mitgliederzeitschrift „Blechscherm“ (in Deutschland: die Blechbüchse). Irgendwie komisch, nicht?

Das ist des Pudels Kern. Unser Denken, Handeln und Sprechen ist extrem autogerecht. Es ist auf dem 1980er-Jahre-Niveau des Negerkusses. Natürlich ist es nicht tragisch, wenn du Drahtesel zum eigenen Fahrrad sagst. Oder wenn die Presse von einer „Fahrradautobahn“ statt vom „Radschnellweg“ spricht.

Aber bitte nicht wundern, denn damit machst du es dem Fahrrad und dir als fahrradfahrenden Menschen einfach nur ein bisschen schwerer. Es wird als Mobilitätsalternative so lange nicht ernst genommen werden, so lange Fahrradaktivisten, die gleiche Sprache verwenden wie die Automobilindustrie.

Fazit

Das „generische Automobilum“ raubt einem Paradigmenwechsel bereits im Kleinsten die Luft, da es ständig autogerechte Wirklichkeiten produziert, innerhalb derer wir uns im Kreis drehen. Das ist mit Negerkuss und Eisverkäufer nichts anderes. Also: Markieren wir für eine sinnvolle Verkehrswende das „generische Automobilum“ in der Sprachpraxis mit gelben Leuchtstift und lasst es uns Schritt für Schritt entfernen! Geben wir den Mobilitätsalternativen jenseits des Elektroautos eine Sprache!

Quellen/Anmerkungen der Autorin:

(1) Lesenswerter Artikel über die Begrifflichkeiten „Neger“ und „Schwarzer“ im Kontext Alltags und Rassismus >> http://www.zeit.de/gesellschaft/2013-02/leserartikel-rassismus-neger

(2) Exkurs * Generisches Maskulinum >> „99 Staatsbürgerinnen und 1 Staatsbürger sind auf Deutsch 100 Staatsbürger. Die 99 Bürgerinnen können zusehen, wo sie bleiben; sie sind der Sprache nicht wert.“ erklärt Luise Pusch in Die Frau ist nicht der Rede wert (1999). Sie erläutert, dass Frauen in der Sprachpraxis verbal und gedanklich ausgeklammert werden. Diese sogenannte androzentrische Sprachgebrauchskritik kritisiert die gesellschaftliche Norm und die Akzeptanz des GM. Sie weist darauf hin, dass die Sprache von den Sprechenden als enthistorisiert und natürlich (gegeben) unhinterfragt wahrgenommen und verwendet wird – dabei ist Sprache wahnsinnig sozial (konstruiert).

(3) Mehr dazu unter „Wir sind vom Virus Auto befallen“ von Prof. Dr. Hermann Knoflacher zur autogerechten Gesellschaft und autogerechten Stadt
>> https://www.youtube.com/watch?v=1zF1YSRF-q0&t=656s

(4) Die Reichsgaragenverordnung (1930er Jahre) zählt zu den allerersten Maßnahmen zur Autogerechten Stadt. Sie zielte auf eine Pro-Auto-Verhaltensveränderung bei der Bevölkerung. Hintergrund war die Markteinführung des Volkswagens. Die Anordnung sollte sicherstellen, dass jedes Haus Platz für ein Auto hatte – jeder sollte ein Auto haben! Die konsequente Umsetzung begann in der Nachkriegsjahren. Die Regelung gilt noch heute und wird je nach Bundesland unterschiedlich umgesetzt. Mehr dazu: https://de.wikipedia.org/wiki/Stellplatzverordnung

karen Greiderer_squarel
Seit 2017 leitet Karen das Urban Independence Magazin. Die leidenschaftliche Pedalistin hat bereits einige (Welt-)Reisekilometer im Radsattel gesammelt. Heute verbindet sie entweder Faltrad plus Kinderanhänger oder Kompakt-Cargobike mit der Bahn in Berlin und Brandenburg - meist mit ihrer Tochter auf Tour. Ihr Zugang zum Fahrrad(fahren) ist vielschichtig-detailverliebt aber stets pragmatisch und reicht in ihre frühen Jugendtage in Österreich zurück.

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Kommentare
  • Karl Reiter

    Das geht bis zu den traditionellen Bilderbüchern wo als eines der ersten Worte das Wort Auto geübt wird. Daher haben wir (Forschungsgesellschaft Mobilität) im Projekt BAMBINI ein Wortbildungsbilderbuch für die Badewanne entwickelt, wo alle Alternativen zum Auto vorkommen.

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    • Karen Rike Greiderer

      Karl! Ich (zugleich die Autorin) bin auf der suche nach Kinderbüchern und Materialien/Spielsachen wie zB. Cargoli die das Fahrrad mit thematisieren. Von ganz klein bis ganz groß. Wo kann ich das Buch bekommen – das Projekt kennenlernen – euch vielleicht mit Kommunikation unterstützen?

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