Das urbane Fahrradmagazin

Wie Integration ganz nebenbei funktioniert

Anna Eder hat im Frühling 2015 das Projekt IntegRADsion ins Leben gerufen. Geflüchtete Menschen bekommen dort die Möglichkeit, gemeinsam mit sogenannten Radpaten Fahrräder zu reparieren, die sie zum Schluss behalten können. Auf diesem Weg können sie ihr neues Zuhause näher kennen lernen und selbstständig erkunden.

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Fotos: Bengt Stiller Photography

Individuelle Mobilität als fixer Bestandpunkt von Integration

Integration funktioniert dann am besten, wenn man im täglichen Kontakt mit dem Leben ist, in das man sich integrieren will. Dafür ist Mobilität im Großstadtleben wichtig. Flüchtlinge wohnen in Wien zum Großteil in Außenbezirken. Der Weg zum Unterricht oder in ihre neue Stadt ist nur durch öffentliche Verkehrsmittel möglich. Das wiederum erfordert ein Ticket, was die meisten nicht bekommen, außer sie haben das Glück, noch im schulpflichtigen Alter zu sein. Nur dann bekommen sie eine Schülerfreikarte.

Für Flüchtlinge ist es, neben dem Erlangen eines positiven Asylbescheids und des Erlernens unserer Sprache, mindestens genauso wichtig, sich in Wien willkommen zu fühlen und nach und nach hier ein neues Zuhause zu finden.

Mit diesem Leitgedanken wurde im Frühling 2015 das Projekt IntegRADsion ins Leben gerufen. Die Gründerin Anna Eder lernte die Arbeit mit Flüchtlingen über die Lernhilfe des Start Alumni Vereins TANMU kennen. Nach einigen Monaten wuchs der Wunsch in ihr, ein eigenes Projekt auf die Beine zu stellen. “Ich überlegte, was neben dem Erlernen der deutschen Sprache am meisten gebraucht wird. Und da fiel mir ein, dass mir das Zurechtfinden in einer neuen Stadt immer am leichtesten fällt, wenn ich ein Fahrrad habe, mit dem ich sie erkunden kann.”

Das Projekt fing im tralalobe-Haus für unbegleitete, minderjährige Flüchtlinge der Diakonie in Mödling an. Mit acht Jugendlichen wurde der erste Reparaturnachmittag im bikesplus im 15. Bezirk, mit drei Fahrradmechanikern der Gruppe Radzukunft, organisiert. Es wurde zusammen mit den Jugendlichen an vier gebrauchten Fahrrädern gearbeitet, die der Besitzer von bikesplus dem Projekt geschenkt hatte. Zwei Wochen später war das 2. Treffen, an dem alle gemeinsam mit den Rädern nach Mödling fahren sollten. Zu den vier gebrauchten Rädern waren noch vier neue, gespendet von Raiffeisen, dazugekommen. Jeder sollte sein eigenes Fahrrad bekommen. Die Wahl fiel keinem der Jugendlichen leicht. Lustigerweise gab es kein großes Interesse an den nigelnagelneuen Puch-Rädern von Raiffeisen, vielmehr wollten alle die Räder, die gemeinsam repariert worden waren.

Integradsion Wien mit geflüchteten Menschen

Fotos: Bengt Stiller Photography

Zu sehen, wie viel Bedeutung den gemeinsam reparierten Rädern geschenkt wurde, motivierte das Team zu mehr Reparaturnachmittagen und vor allem dazu, das Projekt zu erweitern. Im Sommer 2015 erreichte das Projekt insgesamt 30 Jugendliche. In der Selbsthilfewerkstatt Flickerei fanden die Treffen der Jugendlichen mit ihren Radpaten statt. Jeder Jugendliche arbeitete mit seinem Radpaten an seinem zukünftigen Fahrrad. So entstanden im besten Fall auch Freundschaften, die bis heute bestehen.

Nach einer Winterpause begann das Projekt wieder im Februar. Diesmal in der Vorderen Zollamtsstraße, auch VoZo genannt, in der eine Notunterkunft des roten Kreuzes untergebracht war. Hier baute IntegRADsion mit einer Spende von 20 Fahrrädern der Seestadt Aspern ein Fahrradleihsystem für die 1.200 Bewohner des Hauses auf. Mit einer kleinen Gruppe Bewohner wurden die wöchentlichen Reparaturnachmittage in der Flickerei fortgeführt und dadurch eine nachhaltige, regelmäßige Beschäftigung für die jungen Männer geschaffen.

Integradsion Wien Radausflug mit Flüchtlingen

Foto: Integradsion

Es wurden auch Ausflüge und Verkehrsworkshops in Kooperation mit dem ÖAMTC angeboten und Ende Mai wurde ein Frauentag veranstaltet.

Ende Mai sperrt die VOZO zu und viele Bewohner wurden schon in andere Camps transferiert. IntegRADsion zieht weiter in das Camp Erdberg, um dort wieder ein Leihsystem aufzubauen. Die Reparaturnachmittage in der Flickerei werden mit einer Gruppe von Bewohnern des Camps Erdberg weitergeführt und hoffentlich werden die alten Bewohner der VOZO auch regelmäßig vorbeischauen.

In der Nähe des Camps entsteht gerade durch TU-Studenten das nächste futurelab “OPENMarx“. Die alten Schlachthofgründe werden mit offenen Werkstätten, einer Küche, Seminarräumen und vor allem viel Platz zum Bespielen genutzt.

Durch OPENMarx bietet sich für IntegRADsion die Chance, geflüchtete Menschen noch mehr einzubeziehen, indem die regelmäßige, eigenständige Benutzung einer Werkstatt ermöglicht wird.

Über die Autorin:

Anna Eder, 21 Jahre alt
Studiert Arabistik und hoffentlich bald Soziale Arbeit. Arbeitet als Projektassistentin bei Start Stipendium.

“Das Radfahren habe ich selber erst spät für mich entdeckt, vor allem durch mein erstes Rennrad. Mit dem Rad unterwegs zu sein ist etwas ganz besonderes, wie eine kleine eigene Welt, die man immer dabei hat. Jede andere Stadt, die ich mit dem Fahrrad erkunden konnte, bleibt mir eindrucksvoll in Erinnerung.”

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