Das urbane Fahrradmagazin

Selbstleuchtende Radwege in Polen und Niederlanden sorgen für mehr Sichtbarkeit

Der Trend geht weg vom grauen Asphalt und hin zum Leuchtstoff. Leuchtende Radwege verbessern Sicht sowie Sichtbarkeit und sorgen für ein angenehmeres – und schöneres – Fahrerlebnis.

Tobias Finger square
Tobias Finger ist freier Journalist und Sozialwissenschaftler in Berlin. Wenn er nicht schreibt, kutschiert er Laptop, Kamera und Notizbuch mit dem Rad durch die deutsche Hauptstadt.
Flouriszierender Radweg in Lidzbark Warminski in Polen. Photo: TPA Sp. z o.o.

Ein gut ausgebauter Fahrradweg macht Spaß. Umso besser, wenn er in einer ansehnlichen Umgebung verläuft. Noch schöner wird es nur, wenn der Radweg selbst gut aussieht. Zum Beispiel, wenn er leuchtet.

Tagsüber türkis und nachts blau

So wie im nord-polnischen Ort Lidzbark Warminski. Dort gleiten Radfahrer seit einem halben Jahr über einen etwa 100 Meter langen Streckenabschnitt, der tagsüber türkis glänzt und im Dunkeln in einem vollen Blau leuchtet. Dafür stattete das Unternehmen Strabag das Teilstück für ungefähr 31.000 Euro mit einem Belag aus fluoreszierenden Leuchtstoffen aus. Diese nehmen tagsüber Sonnenlicht auf, das sie nachts wieder ausstrahlen.

Floureszierender Radweg in Lidzbark Warminski in Polen. Photo: TPA Sp. z o.o.

„Das Material kann mehr als zehn Stunden Licht abgeben“, erklärte Strabag in einer Pressemitteilung. Und weiter: „Wichtig ist dabei, dass die Leuchtkraft aus den Eigenschaften des Materials kommt und keinerlei zusätzliche Energie benötigt wird.“ Das sieht nicht nur schön aus und ist nachhaltig, sondern schützt Radfahrer durch verbesserte Sicht und Sichtbarkeit. Allerdings kosten die 100 Meter Radweg auch mehr als doppelt so viel, wie ein gleichlanger „standardisierter“ Radweg, der zwischen 12.000 und 15.000 Euro gekostet hätte.

Sternennacht von unten

Das gleiche Prinzip erleuchtet seit 2014 etwa 800 Meter Radweg in der Nähe von Eindhoven. Der niederländische Künstler Daan Roosegaarde hat darin eine der berühmtesten Persönlichkeiten der Stadt und ihr Werk verewigt: Vincent Van Gogh und seine berühmte „Sternennacht“.

Die LED-Leuchtmittel im Straßenbelag speichern das Sonnenlicht und geben es nachts in Grün- und Blautönen wieder ab, sodass durch ihre Anordnung der Himmel des weltbekannten Gemäldes von der Erde leuchtet. Das faszinierende Lichtschauspiel solle aber nicht nur das Fahrerlebnis für Radfahrer verbessern, sagt Roosegaarde.

Van Gogh leuchtender Radweg

Der Radweg schimmert in der Form von Van Gogh’s berühmer “Sternennachtt”. Photo: Studio Roosegaarde

„Es gibt Menschen, die energieneutrale Landschaften durch Technologie schaffen wollen. Es gibt Menschen, die sich für die Kulturhistorie interessieren und sie auf besondere Art und Weise erleben wollen“, gab er gegenüber NPR zu Protokoll. „Und dann gibt es Künstler wie mich, die einfach nur etwas unglaublich Poetisches schaffen wollen.“ Das ist ihm auf jeden Fall gelungen. Auch wenn das ganze Kunstwerk rund 870.000 Euro kostete – nach dem Preis-Leistungs-Verhältnis fragt hier wohl niemand.

Fluoreszenz aus Sicherheitsgründen

Nicht ganz so poetisch, aber sehr sinnvoll, ist der Ansatz der Texas A&M University. Die Universität nördlich von Houston hat einen vielbefahrenen Radweg, der auch über eine Straßenkreuzung führt, mit fluoreszierender Farbe gestrichen. Auch der neongrüne Anstrich nimmt Sonnenlicht auf, um es im Dunkeln wieder abzustrahlen.

fahrradfahrerin auf leuchtendem Radweg

Fahrradfahrerin auf dem leuchtenden Radweg der Texas A&M University. Die Kreuzung wurde nach niederländischem Vorbild gestaltet. Photo: Texas A&M University

Die Farbe besteht zusätzlich aus recyceltem Material, ist also umweltfreundlich in der Herstellung. Vor allem sorgt sie beim Radfahren in Campusnähe für bessere Sichtbarkeit. Auch, weil die Universität mit der Farbe das Niederländische Kreuzungsdesign eingeführt hat. Dadurch sind Menschen, die Fahrrad fahren für rechtsabbiegende Autos sichtbarer und das Konfliktpotential sinkt.

Insgesamt wird das Verkehrserlebnis für alle Teilnehmer stressfreier, Radfahren wird durch das ansprechende Design zum Erlebnis und durch die bessere Sichtbarkeit ebenfalls sicherer. Laut Universitätsmitarbeitern haben sich schon weitere Kommunen nach dem neuen Design erkundigt. Völlig zurecht, wenn man sich das so ansieht.

Tobias Finger square
Tobias Finger ist freier Journalist und Sozialwissenschaftler in Berlin. Wenn er nicht schreibt, kutschiert er Laptop, Kamera und Notizbuch mit dem Rad durch die deutsche Hauptstadt.

Kommentar schreiben

Kommentare
  • Erwin

    Also ganz ehrlich, ich weiß grad nicht, ob ich das gut finde. Bei aller Euphorie über gut sichtbare Radwege geht das mir doch etwas zu weit. Die immer mehr um sich greifende Lichtverschmutzung gehört zu einem nicht geringen Teil zur Umweltverschmutzung und stört Fauna und Flora … zunächst unerkannt. Ich favorisiere da lieber eine qualitativ gute Fahrradbeleuchtung und wünsche mir, dass dieses scheinbar “überflüssige” Geld sozialen Zwecken zu Gute kommt. 100 mtr Fahrradweg für 31.000,- € oder doch lieber 100 mtr Fahrradweg für 15.000,- € und die anderen 16.000,- € in den Kindergarten oder ins Seniorenheim der Kommune ??? Übrigens … ich bin überzeugter Radfahrer!

    Antworten
    • Norbert
      Fluoreszierende Oberflächen sind ein nettes Gimmik der Stadtgestaltung aber das ersetzt doch keine Beleuchtung. Sobald ein paar Jahre Bremsstaub etc. sich auf den Radweg gesetzt hat, fluoresziert da nichts mehr. Mal abgesehen davon, was da eingesetzt wird und womöglich ausgeschwemmt wird und in die Umwelt gelangt im Umfeld des Radwges. Das die die Sichtbarkeit und Sicht verbessern, ist eine steile These, die man erst einmal belegen sollte. Gerade wenn man damit Bilder generiert, entsteht eine unterschiedlich helle Oberfläche. Darauf muss sich das Auge dann immer wieder neu einstellen. Das strengt an und führt zur Ermüdung und damit weniger Aufmerksamkeit. Und ist die Leuchtkraft wirklich so gut, dass diese zu einer besseren Wahrnehmung führt? Und sinkt dann die Wahrnehmung von Radverkehrsanlagen an anderer Stelle? @Erwin: Ich fände an manchen Stellen Beleuchtung schon sinnvoll, aber die kann ja mitlaufend sein und ansonsten aus bleiben.
      Antworten
Interessiert dich das ganze Magazine?
Jetzt schmökern