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Wegweiser zu einer konstruktiven Verkehrskommunikation

Ralf Risser, Universitätsdozent im Forschungsbereich für Verkehrsplanung und Geschäftsführer von Factum Verkehrs- und Sozialanalysen, über Konfliktpotenzial im Straßenverkehr, sowie hilfreiche Tipps für angebrachte Verkehrskommunikation.

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Geboren und aufgewachsen in der Steiermark, wohnhaft in Graz und als Konferenzdolmetsch-Studentin zwischen Sprachen, Texten und Worten zuhause. In Studium und Beruf bin ich sprachliche Bastlerin aus Leidenschaft. In meiner Freizeit bin ich liebend gerne auf Reisen und baue meinen sprachlichen Werkzeugkasten aus.
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Wo zwei oder mehr beisammen sind…

…da entsteht neben positiven Berührungspunkten unweigerlich auch nicht ganz so freundliches Kontaktpotenzial. Das gilt zweifelsohne auch für den Straßenverkehr. Dabei reicht die Palette vom stummen Ärgern über das leise Fluchen bis hin zum gehörigen lauten Wutausbruch. Aber das muss nicht unbedingt immer so sein. Betrachtet man derartige Situationen genauer, wird ersichtlich, dass man sich durch ein paar bewusste Entscheidungen weitaus nervenschonender durch den Verkehr bewegen kann. Ein erster wichtiger Schritt: Ein besseres Verständnis für emotional aufgeladene Verkehrs-Settings. Konfliktreiche Ausgangssituationen können unterschiedlich gestaltet sein, wie Ralf Risser erklärt:

„Zunächst muss man grundsätzlich unterscheiden zwischen einem Verkehrskonflikt und einem Sozialkonflikt im Straßenverkehr.“ Bei einem Verkehrskonflikt, so Risser, handelt es immer um einen Beinahe-Unfall: Herr X und Frau Y sind unabhängig voneinander unterwegs im Verkehrsgetümmel. Eigentlich könnten die beiden ohne Kontakt unbehelligt aneinander vorbeifahren. Da verletzt Herr X plötzlich grob eine Verkehrsvorschrift, und wenn Frau Y nicht scharf bremst oder schnell ausweicht, dann kommt es zur Kollision.

Bei einem Sozialkonflikt im Straßenverkehr hingegen entstehen Spannungen zwischen Verkehrsteilnehmern, ohne dass ein akutes Unfallrisiko damit verbunden sein muss. Ein Beispiel hierfür: Verkehrsteilnehmer A klaut Verkehrsteilnehmer B den Vorrang und zwingt B dadurch, mit dem Losfahren zu warten. „Der Betroffene wird wütend sein, und vielleicht auch fluchen oder schimpfen. Aber während der gesamten Situation besteht dennoch keine tatsächliche Unfallgefahr“, erläutert Risser.

Ganz ungefährlich sind derartige Sozialkonflikte im Straßenverkehr trotzdem nicht. Schließlich besteht immer das Risiko einer unschönen Eskalation. Aus Experteninterviews ist bekannt, dass Verkehrsteilnehmer oft eine gewisse „Empfindlichkeit“ rund um das Fahrzeug zeigen – eine Angst, dass der eigene Besitz einen Schaden (wie etwa Kratzer oder Dellen) davonträgt. Solche Vorfälle tun dann im wahrsten Sinne der Wortes weh: Das Verkehrsmittel wird oft wie eine „zweite Haut“ wahrgenommen. Dementsprechend heftig können die Reaktionen sein. Verkehrskommunikation zwischen den Verkehrseilnehmern ist also ein ernst zu nehmendes Thema und oft auch Inhalt öffentlicher Diskussionen. Risser rät hierbei, die in der Öffentlichkeit gezeichneten Bilder eher mit Vorsicht zu genießen.

Verkehrskommunikation: Wenn sich zwei streiten…

… dann freut sich der Dritte?

Auch dieser Satz kann durchaus auf den Straßenverkehr zutreffen. Man kann die Verkehrswelt als ein „Revier“ verstehen, so Risser. Ein Lebensraum, in dem sich mehrere Gruppen von Verkehrsteilnehmern gemeinsam aufhalten. Will nun eine Gruppe das Revier verteidigen und sich als „Herrscher“ im Straßenverkehr bewähren, kann es sich unter Umständen als vorteilhaft erweisen, Zwietracht unter den anderen Verkehrsteilnehmern zu säen.

So kommt es „häufig zu verallgemeinernden Problemzuschreibungen. Gewisse Gruppen werden als Rowdies dargestellt, die keine Regeln beachten und sich über alles hinwegsetzen.“

Was man sich dabei aber immer vor Augen halten sollte: „Diese Schwarz-Weiß-Teilung gibt es in der Praxis nicht. Beispielsweise sind nicht alle Fußgänger brav, und nicht alle Mopedfahrer sind schlimm. Dasselbe gilt auch andersrum, in jeder Gruppe gibt es Vorbilder, und in jeder Gruppe gibt es Regelbrecher.“

Ein erhöhtes Bewusstsein, sich nicht von einem derartigen Kategorien-Denken beeinflussen und von einem solchen „Mit-Dem-Finger-Zeigen“-Verhalten anstecken zu lassen, kann bereits ein weiterer wichtiger Schritt in Richtung eines konstruktiveren und respektvolleren Umgangs mit anderen Verkehrsteilnehmern sein.

Anleitung zur Schadensbegrenzung: Wenn man in eine Konfliktsituation gerät…

…welche Auswege gibt es?

Als Beispiel kann man sich folgende Situation vorstellen: Herr und Frau X schreien einem anderen Verkehrsteilnehmer nach, weil dieser angeblich seine Wartepflicht ignoriert und die beiden so zum Anhalten gezwungen hat.

Risser rät in diesem Fall: „Man soll sich nicht dazu verleiten lassen, in den Konflikt einzusteigen, wenn es auch anders geht.“ Lässt man sich nämlich dazu hinreißen, ist eine Auseinandersetzung in gewisser Weise schon vorprogrammiert. Vor allem, wenn man zu impulsiven gereizten Gegenreaktionen neigt. Die negativen Energien sollte man in diesem Fall sprichwörtlich lieber hinter sich lassen, um Eskalationen zu vermeiden. Es gibt jedoch auch Fälle, in denen man sich nicht so einfach aus der Situation zurückziehen kann. Dann ist eine direkte Konfrontation mit dem anderen Verkehrsteilnehmer unausweichlich.

Dabei ist es von größter Wichtigkeit, geschickt zu kommunizieren. Das kann sehr herausfordernd sein – vor allem, wenn man selbst auch gereizt und verärgert ist.
Was hierbei laut Ralf Risser zur Deeskalation unbedingt zu beachten ist:

  • Tief durchatmen und sich erst einmal beruhigen. Auf keinen Fall gereizt in die Situation gehen.
  • Lächeln und ein freundliches Verhalten an den Tag legen. „Dabei ist es wichtig, nicht breit zu grinsen, sondern wirklich nur freundlich zu lächeln. Durch ein Grinsen kommt sich das Gegenüber eventuell veräppelt oder angestachelt vor, und wird sich somit erst recht provoziert fühlen.“
  • Während der Kommunikationssituation ruhig und gelassen bleiben.
  • Versuchen, immer höflich zu bleiben.
  • Versuchen, eine neutrale Position einzunehmen.

Denkt man in aufgeladenen Settings an diese Punkte, kann dies unter Umständen zur Deeskalation des Konfliktes beitragen. Oder vielleicht noch mehr, wenn dadurch sogar eine konstruktive Kommunikation ermöglicht wird. Die Kenntnis derartiger Strategien ist ein zusätzlicher Schritt in Richtung respektvolles Miteinander. Damit ist aber ein längerer Lernprozess verbunden – sich im Verlauf einer tatsächlichen Auseinandersetzung auch an all diese Punkte zu halten ist nicht einfach, vor allem nicht, wenn man selber bereits aufgeregt ist.

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Foto: Bike Citizens

Anleitung zum Glücklichsein: Damit es gar nicht erst zu Missverständnissen kommt…

…kann man Strategien zur allgemeinen Vorbeugung und Reduzierung von Konflikten im Straßenverkehr anwenden. „Hierzu gibt es in der Wissenschaft einen durchaus nützlichen Ansatz. Und zwar wäre es ein guter Weg, innerhalb der breiten Öffentlichkeit, das Bewusstsein für folgendes zu stärken: Nicht jede Reaktion eines anderen Verkehrsteilnehmers muss unbedingt böse gemeint sein“, so Risser. Oft ist es uns nicht klar, wie wir die Reaktionen unserer Mitmenschen im Straßenverkehr einzuordnen haben. In unserem Unwissen tendieren wir dazu, „den anderen automatisch eine böse Absicht zu unterstellen. Mit dieser Negativ-Tendenz setzen wir automatisch voraus, dass das Verhalten der anderen falsch, blöd oder böse ist.“ Eine derartige Negativ-Tendenz macht das Aufkeimen von Konflikten bereits grundsätzlich wahrscheinlicher.

„Das muss aber nicht so sein. Man muss nicht alles mit dieser Negativ-Tendenz wahrnehmen – ein Gedanke, der auch in Kampagnen noch verstärkt in die Öffentlichkeit getragen werden sollte.“ Trifft man eine bewusste Entscheidung gegen diese negative Form der Verteidigungsposition, dann gibt man sich selbst und auch dem Gegenüber von vornherein eine Chance. Eine Chance, zu lernen, das Verhalten anzupassen, Nerven zu schonen und positiver durch den Tag zu gehen.

Ein weiterer Schritt in Richtung eines konstruktiven Verkehrsklimas kann ebenfalls mit einer einfachen grundlegenden individuellen Entscheidung gesetzt werden. „Man sollte sich immer gut überlegen, wie Regelverstöße ankommen. Aus Gründen der eigenen Sicherheit, aber auch was den Respekt gegenüber den anderen Verkehrsteilnehmern angeht. „Nur weil sich gewisse Verkehrsteilnehmer gegebenenfalls in einer unterlegenen Position befinden oder sich unterlegen fühlen, muss man sich „noch lange nicht zu unfairen Handlungen provozieren lassen. Auch als Schwächerer kann man fair sein.“ Dies bezieht sich nicht nur auf tatsächliche Regelverstöße, sondern auch auf Verhaltensformen, die zwar theoretisch legal, aber dennoch respektlos und unfair sind: Frau A dürfte zwar laut Vorschrift ganz eng seitlich an dem Fahrzeug von Herrn B vorbeifahren. Sie weiß aber aus eigener Erfahrung genau, dass dies für Herrn B eine sehr unangenehme Situation ist. Frau A muss sich nun entscheiden, ob sie nur die Regeln respektiert, oder ob sie auch für Herrn B noch eine Portion Respekt übrig hat.

Wenn man sich von sich aus dazu entscheidet, sich grundsätzlich nicht nur regelkonform zu verhalten, sondern gegenüber den anderen Verkehrsteilnehmern Respekt und Fairness an den Tag zu legen, dann steigert man dadurch das eigene Selbstbewusstsein

schildert Risser.

Fazit:

Will man die Welt verbessern, kann es oft sowohl am logischsten als auch am effizientesten sein, bei sich selbst zu beginnen. Die Reise in die richtige Richtung beginnt immer mit dem ersten Schritt.

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Geboren und aufgewachsen in der Steiermark, wohnhaft in Graz und als Konferenzdolmetsch-Studentin zwischen Sprachen, Texten und Worten zuhause. In Studium und Beruf bin ich sprachliche Bastlerin aus Leidenschaft. In meiner Freizeit bin ich liebend gerne auf Reisen und baue meinen sprachlichen Werkzeugkasten aus.

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