Das urbane Fahrradmagazin

Kalkhoff: Die europäische Fahrradkultmarke

Die Allround-Räder aus Deutschland. Sie sind Bikes für die goldene Mitte. Räder mit dem Schriftzug Kalkhoff am Unterrohr. Keine Spezialisten wie Rennräder oder Mountainbikes. Dafür gestern wie heute treue Seele für Pendler und Rad-Abenteurer. Die deutsche Traditionsmarke erlebte in ihrer Geschichte ein Auf und Ab und schwimmt aktuell mit dem E-Bike-Boom wieder ganz oben auf.

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Dicke Walzen, schmale Reifen, bergauf, bergab - ist für alles zu begeistern, nur flach darf es nicht sein. Unbekehrbarer Fahrrad-Afficionado für den das Bike mehr ist als nur Mittel zum Zweck. Schreibt nieder, was andere nicht in Worte fassen können. Einer der Köpfe vom LINES Magazine.
Foto Credits: grrsh (CC BY-SA 2.0) via Flickr

Start-up anno 1919

Heinrich Kalkhoff war ein echter Jungunternehmer. 16 Jahre alt und als Landpostbote von zahlreichen Raddefekten gebeutelt, begann er 1919 im Elternhaus in Cloppenburg mit Fahrradteilen zu handeln. Dass sein kleines Start-up zum größten Radhersteller Deutschlands mit über 500.000 verkauften Rädern jährlich werden würde, das hätte sich der Teenager wohl nicht erträumt. Mit seiner Motivation legte er jedoch bereits damals den Grundstein für den Unternehmenserfolg: 1920 handelte er mit Fahrrädern, 1923 begann die Rahmenproduktion mit zwei Mitarbeitern.

Alle Weichen auf Wachstum

Das Zubrot als Postler dürfte Kalkhoff schnell nicht mehr benötigt haben. Denn vom ersten kompletten Fahrrad aus der Cloppenburgschen Manufaktur (1927) bis zur Produktion von 250.000 Rädern dauerte es weniger als zehn Jahre. Rund 70 Kilometer von Bremen entfernt waren die Kalkhoff-Werke einer der wichtigsten Arbeitgeber der Region. Mit dem zweiten Weltkrieg musste die Fahrradproduktion zwangspausieren, Rüstungsgüter hatten Vorrang.

Boom und Insolvenz

Bis in Cloppenburg wieder Räder gefertigt wurden, verging einige Zeit. Nach der Produktion von LKW-Anhängern und Küchenherden in der Nachkriegszeit, widmete man sich erst 1950 dem ursprünglichen Produkt. Dann dafür umso intensiver. Der Trend zum Rad verlieh Kalkhoff Flügel: zu Spitzenzeiten fertigten 1.200 Mitarbeiter beinahe alle Anbauteile (Lenker, Sattelstützen, Laufräder, Rahmen, Zahnkränze) und bis zu 5.000 Rahmen täglich direkt in Cloppenburg. Das fünfmillionste Rad wurde 1972, im Todesjahr von Heinrich Kalkhoff, ausgerollt. Ebenso zielstrebig wie es an die Spitze gegangen war, steuerte man 1986 in die Insolvenz.

Erfolgreicher Neustart

Dass noch Potenzial in der Marke Kalkhoff steckte, bewies Derby Cycle. Der ursprünglich amerikanische Konzern sicherte sich 1988 die Markenrechte und führte die Produktion am Cloppenburger Standort weiter. Als einige Jahre später der Management-Buy-out erfolgte, verschmolz Derby zusehends mit Kalkhoff. Heute wird Heinrich Kalkhoff als Gründer von Derby Cycle – umsatzstärkster Radhersteller Deutschlands und drittgrößter Hersteller in Europa – genannt. Und das wäre wohl ganz in dessen Sinne: denn wer heute ein Kalkhoff Rad fährt, der radelt auf einem Alltagsbike „Made in Germany“ – genau so eines wie es der einstige Landpostbote wollte.

2.800 Räder, ein Fünftel davon mit Elektroantrieb, produziert Derby Cycle heute täglich. Das Hauptaugenmerk liegt auf Commuter- und E-Bikes. Für andere Disziplinen hält Derby Cycle bekannte Marken wie Focus, Rixe, Raleigh und Univega im Portfolio.

Der Fahrradgeschichte im Nordwesten widmet sich aktuell die Ausstellung „Fahrtwind!“ im Museumsdorf Cloppenburg. Bis Jahresende werden dort rund 200 Exponate von 1869 bis zum futuristischen Bike mit pulsgesteuertem E-Motor gezeigt. Der Name Kalkhoff ist auch hier nicht unbeteiligt: der Grundstock der Ausstellungsstücke stammt aus der Privatsammlung von Gaby und Kalle Kalkhoff, Derby Cycles unterstützte gemeinsam mit der Stadt Kloppenburg den Ankauf.

Foto Credits: grrsh (CC BY-SA 2.0) via Flickr

 

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Dicke Walzen, schmale Reifen, bergauf, bergab - ist für alles zu begeistern, nur flach darf es nicht sein. Unbekehrbarer Fahrrad-Afficionado für den das Bike mehr ist als nur Mittel zum Zweck. Schreibt nieder, was andere nicht in Worte fassen können. Einer der Köpfe vom LINES Magazine.

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