Das urbane Fahrradmagazin

Veranstaltungslogistik per Fahrrad: Zwischen Realität und Zukunftsmusik

Die Festivalsaison steht am Zenit des Jahres und mit ihr die Veranstaltungslogistik. Wie jeden August sammelt sich die hedonistisch-heitere Welt der Jugend und jungen Erwachsenen auf Festivals und Open Airs unterschiedlichster Genres und lässt im Kollektiv- zumindest für die Kraft des Augenblicks – den Alltag weit, weit hinter sich.

Das Fahrrad birgt dabei enormes Potenzial für Veranstalter und Publikum – sofern das Rad als Variante der Besuchermobilität und Veranstaltungslogistik ernst genommen und entsprechend eingesetzt wird.

Mit dem MS Dockville, vom 19.-21. August 2016, zelebriert Hamburg ein Highlight des Festivalsommers rund um Musik und Kunst. Rund 20.000 Menschen – jung, bunt, gut gelaunt, international – pilgern dieses Jahr bereits zum 10ten Mal – an vier Tagen zum Festivalgelände in Hamburg Wilhelmsburg, das auf der anderen Seite des alten St. Pauli Elbtunnels liegt. Die Besonderheit des Festivals: Neben einem erlesen-elektro-poppigem Line-Up, freshem Design und zeitgenössischer bildender Kunst – ein fahrradfreundliches Umfeld.

Aufgrund räumlicher Knappheit und verhältnismäßig hohen Standortkosten (Zentrumsnähe) kann der Veranstalter keine flächen- und daher kostenintensiven PKW-Abstellmöglichkeiten anbieten. Eine Situation, mit der insbesondere innerstädtische Veranstalter konfrontiert werden und klassischerweise auf ÖPNV, Shuttle und eine „Besucher-Kümmer-Dich“–Mentalität setzen.

Besucherperspektive

Betrachten wir diese Herangehensweise kurz aus (meiner) Besucherperspektive: Als Besucherin möchte ich gern flexibel, schnell, kostengünstig und unabhängig an- und abreisen sowie möglichst leicht die Location mit meinem ausgewählten Verkehrsmittel erreichen. Es folgt das Abwägen zwischen den angebotenen Alternativen und die Toleranz deren negativer Aspekte inklusive Feinabstimmung mit Freunden, die mich auf die Veranstaltung X begleiten:

  • Shuttlebus: Eingeschränkte Flexibilität, ggf. lange Wartezeiten oder gar nicht angeboten?
  • ÖPNV: Eingeschränkte Flexibilität, ggf. vor und nach Events übervoll bzw. hektisch, ggf. unregelmäßige Fahrtzeiten zu später Stunde, Fahrtdauer?
  • Taxi: Hohe Kosten?
  • PKW: Keine Parkmöglichkeiten.
  • Per Pedes: Zu weit.
  • Fahrrad: Hohes Risiko für Diebstahl , Beschädigung und/oder Vandalismus, Mangel an sicheren Abstellplätzen?

Wir entscheiden uns basisdemokratisch fürs Fahrrad (weil wir es gewohnt sind Alltagswege mit dem Rad zurücklegen) und sperren die (zum Teil kostspielige bzw. kostbare) Flotte an einen der wenigen freien Straßenlaternen vor der Location zusammen. Etwa 50 andere Radfahrer haben dieselbe Idee, an derselben Laterne. Nach dem Event fädeln wir mit etwas Geduld unsere Räder (zum Glück vollständig) aus dem expressionistischen Abstellhappening und begutachten kleinere und größere Schäden an unseren Gefährten.

Veranstalterperspektive

Zurück zur Veranstalterperspektive: Im ersten Jahr des MS Dockville wurden rund 10% der vor Ort abgesperrten Räder demoliert, kaputt oder gestohlen – so das Festival. Von mehreren Seiten bekamen die Veranstalter sowohl Verbesserungsvorschläge als auch Kritik – und man wurde aktiv: Nahe am Eingang zum Gelände wird 2012 zum ersten Mal die FahrradGarderobe positioniert – ein mutiger Selbstversuch beider Fronten. Das Team bedient an den darauffolgenden Tagen/Nächten durchgehend über 500 Räder. Danach wissen beide: Es funktioniert!

Im Vorfeld des MS Dockville wird das Fahrrad damit als ideales Mobilitätsmittel zur Anreise empfohlen und auf den Garderobeservice hingewiesen sowie der PKW-Parkplatzmangel klar kommuniziert. Die FahrradGarderobe baut ihren Service stetig aus: Mittlerweile gibt es geführte Gruppen-Radtouren aufs Festival von GetCyclique– und 2016 auch eine Kooperation mit der BikeCitizens App. Alle Teilnehmer bekommen einen Gutscheincode, mit dem sie das Kartenmaterial der Stadt Hamburg kostenlos herunterladen können.

Die Kombi macht’s: Vorteile für Veranstalter

Summa summarum zeichnen sich klare Vorteile für Veranstalter ab, die sich mit Fahrradmobilität auseinandersetzen.

  • Wirtschaftlichkeit: Kosten für Parkfläche, Sicherheitspersonal, Wegeleitung, Shuttleservice können minimiert werden. Verweildauer der Besucher kann verlängert werden, was eine Umsatzsteigerung für zB. Gastro/Merch nach der Veranstaltung begünstigt.
  • Sicherheit: Fluchtwege werden von beliebig abgesperrten Fahrrädern nicht (mehr) blockiert.
  • Guter Gastgeber: Das Publikum fühlt sich vom Veranstalter abgeholt. Das Rad ist vor Diebstahl und Vandalismus geschützt.
  • Image: Wahrnehmung der Veranstaltung als umweltbewusst. Der Sympathieträger Fahrrad bzw. das Label „Autofreies Festival“ haben aktuell enorme Strahlkraft.
  • Marketing / PR: „Autofreies Festival“ sowie die FahrradGarderobe sind frische Pressethemen, abseits vom Dauerbrenner „Müll“

Der Produktionsleiter des MS Dockville, Mischa Karafiat bringt es auf den Punkt: „Das Fahrrad ist das sinnvollste Verkehrsmittel bei stadtnahen und innerstädtischen Events. Ein verantwortungsvoller Veranstalter setzt sich mit der Mobilität seiner Besucher auseinander. Und gerade die FahrradGarderobe bietet uns als externer Dienstleister eine Lösung mit wenig Aufwand und großem Nutzen“, so der Inhaber der gleichnamigen Event- und Projektagentur.

Exkurs: Weitere Vorteile Fahrrad und Event

Im Rahmen von mehrtägigen Festivals kann ein Mobiler Festival-FahrradVerleih belebend sein (ebenfalls im Portfolio der FahrradGarderobe). Per Rad sind Einkäufe und Ausflüge in die Umgebung möglich. Das belebt die Region – wirtschaftlich, touristisch, interkulturell. Auch Veranstaltungslogistik (Auf-, Abbau, Durchführung) profitiert vom Fahrrad – insbesondere bei flächenmäßig weit streuendem Gelände. Die Wege sind komfortabel, schnell, budget- und umweltfreundlich zurückzulegen. Mit einem Lastenrad lassen sich zusätzlich große Mengen an Material leise, wendig und flink transportieren. Diese Nische bespielt das Berliner Unternehmen Velogista. Geschäftsführer Martin Seißler und sein Team bietet neben dem Kerngeschäft CO2-freie-Citylogistik per Elektrolastenrad auch Veranstaltungslogistik an. So managte das Velogista Geschirrmobil beim Umweltfestival 2014 für 40 Caterer den permanenten An- und Abtransport von Mehrweggeschirr und im aktuellen Berliner Wahlkampf setzten die Grünen bei Auf- ,Abbau und Warenlogistik der Wahlwerbestände auf den Service.

Die FahrradGarderobe

Zurück zum MS Dockville und der FahrradGarderobe. Die FahrradGarderobe ist ein Teil des Gesamtangebotes der KonzertKultur GbR aus Hamburg. Die Idee von Geschäftsführer und Erfinder Michael Kellenbenz und Helen Schepers ist so simple wie clever: Transportable Ständer (modifizierte Triathlonständer aus Stahl) sind im aufgebauten Zustand nur durch einen (bewachten) Zugang begehbar. Analog zur Jackenabgabe erhält der Fahrradbesitzer bei Abgabe des Rades einen Parkschein plus Garderobenmarke. Das Rad wird vom Besitzer selbst geparkt und mit dem eigenen Schloss gesichert – als Backup bei Verlust des Parkscheins. So schafft die Garderobe aktuell locker und je nach Eventcharakter zwischen 50 und 2000 Räder pro Tag und bietet dazu eine Ladestation für Mobiltelefone, Fahrradpumpen und Leihschlösser. Weitere Services können zu gebucht werden: Fahrrad-Check, geführte Touren, Leihräder oder einen „Feedbackservice“ für den Veranstalter – denn an der Garderobe kommt die Stimmung der Besucher ungefiltert an. Die Kosten für die Radabgabe variiert. Abhängig vom Veranstalter kostet der Service zwischen 0 und 2 EUR. Veranstalter die fürs nächste Event die FahrradGarderobe mieten möchten, holen sich ein individuelles Angebot bei Michael Kellenbenz – selbstbezeichneter „alter Hase“ in der Eventbranche, der sich seit Ende der 80er als Eventfotograf und Redakteur in der Szene bewegt.

Seine FahrradGarderobe bedient ein breit gefächertes Spektrum an Veranstaltungen sowie Anforderungen. „Hauptsache: Geile Events!“ so Michael Kellenbenz. Er ist auch immer selbst vor Ort, denn egal ob sportliches Großevent wie der Hella Hamburg Halbmarathon, Kunst- und Musikfestival wie das MS Dockville oder Heimspiele des FC St. Pauli – nach jedem Ereignis taucht der Besucher – nach ein paar Stunden oder Tagen – wieder auf, um wieder nach Hause in den Alltag zu gleiten: Am besten selig-grinsend glücklich auf dem Fahrrad!

Fotos © Fahrradgarderobe