Das urbane Fahrradmagazin

Erlebt die USA einen Wendepunkt in Sachen Fortbewegung?

Die USA sind synonym mit dem Auto. Das weiträumige Land mit seinen Menschen verkörpert die Autokultur wie kaum ein anderes. Ist das Fahrrad eine effektive Art der Fortbewegung in einer solchen Umgebung? Haben die USA einen Wendepunkt erreicht? Und falls ja, welche Änderungen werden umgesetzt, um die Leute dazu zu ermutigen, sich auf zwei Rädern fortzubewegen?

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Stuart ist freischaffender Journalist aus South Pennines, England. Ihn begeistert das Fahrrad nicht nur im sportlichen Bereich, sondern befürwortet das Fahrrad vor allem als tägliches Transportmittel.
Foto: Andreas Stückl/Bike Citizens

Unsere Straßen sind überfüllt

Vor Kurzem wurde in einem Post im Blog auf der Webseite des Guardian davor gewarnt, dass unsere Straßen komplett überfüllt sind und wir ein „Carmageddon“ erreicht haben. Der Verfasser macht Jahrzehnte fehlgeleiteter Politik dafür verantwortlich, dass wir an einem Punkt angelangt sind, an dem das Auto über allem steht und sowohl Entscheidungen hinsichtlich der eigenen Lebensqualität sowie die Planung von Städten vorgibt.

Er war der Meinung, dass es an der Zeit für eine allumfassende Änderung der Sichtweise auf unsere Transportpolitik sei, um die Gesundheit und das Wohlbefinden der aktuellen und kommenden Generationen zu sichern.

Die Niederlande wurden von den Befürwortern einer auf Fahrräder ausgerichteten Infrastruktur oft als Vorbild genannt. In seinem Artikel ruft der Verfasser zu einem angemessenen und auf das 21. Jahrhundert ausgelegten Transportsystem auf und lobte dabei die Vorteile von Städten wie Helsinki, wo ein Punkt-zu-Punkt-Verkehrssystem darauf abzielt, den Besitz eines Autos „sinnlos“ zu machen, oder Hamburg mit seinem umfangreichen Netzwerk aus Rad- und Gehwegen.

Bedenken lassen sich über den Atlantik übertragen

Der Artikel ist aus der Perspektive Großbritannien und Europas geschrieben, doch die Bedenken lassen sich auch über den Atlantik übertragen.

2010 zeigten Forschungen, dass etwa 30 Prozent aller täglich von Amerikanern unternommen Reisen kürzer als eine Meile sind. Fast 70 % dieser Reisen wurden mit dem Auto unternommen. (Quelle: CityLab).

Scott Polikov, der Präsident von Gateway Planning, sagte, dass – insofern man bei einer Punkt-zu-Punkt-Fahrt zwischen Auto und öffentlichen Verkehrsmittel wählen müsste – die Leute sich typischerweise dagegen entscheiden, wenn man sie fragt, ob sie eine zusätzliche Stunde oder zwei in Kauf nehmen würden, um mit dem Bus zu fahren oder eine Meile zu Fuß zu gehen“.

Auf der anderen Seite argumentierte Ralph Beuhler, PhD und Dozent für innerstädtische Angelegenheiten und Stadtplanung an der Virginia Tech, in einem Artikel für The European, dass derartige Statistiken nicht gezwungenermaßen auf einem Willensmangel des Individuums beruhen. Er gestand ein, dass das Autofahren einfach und sehr viel praktischer ist als die anderen Alternativen:

Die größte Herausforderung, der wir beim Bestreben nach einer Ausweitung des öffentlichen Verkehrs, des Radfahrens und des Gehens in den USA entgegensehen, ist nicht die Einstellungen der einzelnen Leute, sondern die Regierungsprogramme und die Politik, durch welche das Auto für die meisten Amerikaner die einzige logische Option bleibt.“

Die Politik begünstigt den Autoverkehr

Dieses Muster politischer Entscheidungen zugunsten des Autos besteht seit langem. Die Massenmotorisierung der USA geschah plötzlich; die Fließbandproduktion senkte die Kosten, wodurch die Zahl derjenigen, die ein Auto besaßen, in den 30ern rapide anstieg. Stadtplaner und Bauingenieure gestalteten ihre Straßen, Brücken und Tunnel daher zugunsten des Autoverkehrs.

Zu dieser Zeit war die USA noch ein Land, das jung genug war, um eine Infrastruktur zu erschaffen, die auf die Bedürfnisse des Autos maßgeschneidert war. Im Kontrast dazu standen die vielen alten europäischen Städte, in denen die Stadtlandschaft jahrhundertelang auf natürliche Weise gewachsen ist und oftmals auf einer komplexen und kompakten mittelalterlichen Grundstruktur aufbaut.

Die Kosten sind demnach ein Faktor, der die Wahl des Transportmittels beeinflusst, die Reisende und Pendler treffen, wobei das Auto in den USA schwächer besteuert wird als in vielen anderen Ländern.

Besteuerungspolitik, Treibstoffpreise und Stadt- und Straßenplanung waren die eine Sache – das andere Problem zeigt sich in Punkto Lebensstil und öffentliches Ansehen. Autos wurden begehrenswerter und dies nicht nur als Transportmittel, sondern auch als Luxusgut oder Statussymbol. Ein Auto zu besitzen wurde zu einer Voraussetzung und wurde für Teenager als Initiationsritus in das Erwachsenenleben gefeiert. Wer kein Auto besaß, zeigte damit, dass er „es nicht geschafft hatte“.

Die Macht des Automobils wurden von vielen Seiten verstärkt. Viele sind mit dem Begriff „Jaywalker [unachtsamer Fußgänger]“ vertraut, sprich, wenn ein Fußgänger eine Straße überquert, ohne auf den Verkehr zu achten, oder dies an einer nicht vorgesehenen Stelle tut. Ein „Jay [Tölpel]“ ist ein Begriff, der genutzt wird, um eine ungebildete Person zu beschreiben – ein einfacher Mensch oder ein Bauerntrampel, also jemand, der dem geschäftigen Straßentreiben der Großstadt gegenüber ignorant ist. „Don’t be a jaywalker!“ hieß es in öffentlichen Bekanntmachungen, wodurch deutlich impliziert wurde, dass das Auto eine höhere Autorität genießt und die Hoheit auf der Straße hat.

Walking the Walk“

In seinem Buch The Lost Continent: Travels in Small Town America erzählt der Verfasser Bill Bryson von seinen Problemen in einer US-Stadt in den späten 80ern, die er dabei hatte, von einer auf die andere Straßenseite zu gelangen. Hierfür waren die fehlenden Einrichtungen für Fußgänger verantwortlich, also musste er ein paar hundert Metern weit fahren, um in einem anderen Lokal zu essen.

Langsam ändern sich die Dinge. Laut den Zählungen, die von Governing analysiert wurden, haben nur 9 % aller amerikanischen Haushalte keinen Zugang zu einem Auto, daher scheint es so, als ob die meisten Leute noch nicht ganz dazu bereit sind, das Autofahren aufzugeben. Stadtplanungsexperten hingegen glauben, dass sich eine Vielzahl an Vorteilen auftun würde, wenn man die Zahl der Autos in unseren Städten senkt: sauberere Luft, gesündere Einwohner und sicherere Nachbarschaften…um nur ein paar zu nennen.

Es heißt, dass jüngere Pärchen und Familien sich weniger auf Ihr Auto verlassen. Machen sich die Kosten für ein eigenes Auto langsam bemerkbar oder tut sich hier ein Wandel des Lebensstils hervor?

Die Neugestaltung von Städten in den gesamten USA kann lediglich als Stütze dienen. Natürlich wäre es nicht hilfreich, dass die Autonutzenden hierdurch benachteiligt werden – alle Arten des Transports müssen unter Aspekten der Sicherheit und des Komforts berücksichtigt werden.

Die Fahrradkultur in Portland/Oregon ist für die USA so wie es die Niederlande für Europa sind – die Stadt ist ein glänzendes Beispiel dafür, wie die Zukunft aussehen könnte, wenn man vorausschauend und entschlossen handelt und die richtige Geldmittel erhält. Die Stadt verfügt über ganze 180 Meilen an Radwegen, wovon fast die Hälfte abseits der Straßen liegt. Oregon war die erste US-Stadt, in der „Fahrradboxen“ an Kreuzungen eingesetzt wurden, außerdem fördert die Stadt ein System mit „Fahrradzügen“ für Schulkinder.

Bike Boxes Richard Masoner / Cyclelicious on Flickr

Foto: Bike Boxes Richard Masoner / Cyclelicious (CC BY-SA 2.0)

Davis/Kalifornien ist eine weitere Stadt dieser Art. Dort manifestierte sich die Fahrradkultur in den 70er-Jahren, woraufhin eine üppige auf Fahrräder ausgelegte Infrastruktur geschaffen wurde, die tatsächlich funktioniert; hier herrscht allgemeinhin eine Toleranz gegenüber dem Transport auf zwei Rädern. Ein Netzwerk aus guten Zugverbindungen und Shuttle-Bussen für Studenten hilft ebenfalls dabei, die Erforderlichkeit eines Autos zu minimieren.

Aktuell könnte man argumentieren, dass die am meisten bevölkerten Städte, die verkehrstechnisch seit langer Zeit verstopfen, auch diejenigen Städte sind, welche den Übergang zu einem multimodalen Transport am besten hinbekommen würden.

Ständig weiter steigende Bevölkerungszahlen erfordern rasche und effiziente Möglichkeiten, durch die gesamte Stadt zu reisen. So plant beispielsweise New York City das größte Straßenbahnprojekt der USA, das im Jahr 2024 umgesetzt sein soll. Der Big Apple konzentriert sich ebenfalls auf nachhaltige Investitionen in den Verkehr zu Fuß, per Fahrrad und mit den öffentlichen Verkehrsmitteln, um die Treibhausgase mithilfe des „80 x 50-Plans“ drastisch zu reduzieren.

Haben wir also den „Autozenit“ erreicht?

Es wäre töricht, davon auszugehen, dass wir uns ohne weiteres nicht mehr aufs Auto verlassen würden und dass die Bevölkerung kurzum auf den Zug-, Straßenbahn-, U-Bahn-, Bus- oder Radverkehr umsteigt. Das Transportsystem wäre nicht in der Lage, der neuen Situation Herr zu werden, und die Straßen sind für neue Radfahrer noch nicht sehr einladend. Viele US-Städte zeigen jedoch erste Anzeichen einer Verhaltensänderung – und erkennen, dass ein wichtiger Hilfsfaktor darin besteht, der Öffentlichkeit eine ernsthafte Alternative zu bieten.

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Stuart ist freischaffender Journalist aus South Pennines, England. Ihn begeistert das Fahrrad nicht nur im sportlichen Bereich, sondern befürwortet das Fahrrad vor allem als tägliches Transportmittel.

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