Das urbane Fahrradmagazin

Warum Kuriertaschen zeitlos sind?

Timbuk2, in San Francisco gegründet, produziert seit mehr als einem Vierteljahrhundert Kuriertaschen. Aber so einiges hat sich verändert seit 1989: Aus der kleinen Hinterhofwerkstatt, in der Taschen für Freunde und Freunde von Freunden entstanden, ist ein Weltunternehmen geworden. Der Klassiker, die Umhängetasche, von den Fahrradkurieren populär gemacht, ist heute ein unverzichtbares Accessoire des urbanen Radfahrers.

Nora_square
In Berlin geboren, lebt Nora Manthey heute in London und schreibt über das Radfahren und alles, was damit in Verbindung steht.
Image © Timbuk2

Von Fahrradkurier Rob Honeycutt unter dem Namen Scumbags gegründet, wird Timbuk2 heute von Patti Cazzato geleitet. Die Mutter von zwei Kindern war als Managerin bei Gap und Levi’s für deren jeweilige Damenkollektion verantwortlich.

Nora Manthey hat mit der Unternehmerin in der kalifornischen Produktionsstätte von Timbuk2 über die Fertigung in den USA und den weiblichen Touch gesprochen – und darüber, wie man das Wesen einer Marke auch auf lange Sicht vital und relevant erhält.

Patti Cazzato, Geschäftsführerin von Timbuk2, in San Francisco

Timbuk2 Geschäftsführerin Patti Cazzato HR

Foto © Timbuk2

Ich treffe mich mit Patti Cazzato im Misson District von San Francisco, dem Mekka der Hipster-Hippies. Hier wurde Timbuk2 geboren und hier hat das Unternehmen auch 27 Jahre später noch seinen Sitz.

Nur der Metall-Schriftzug „Timbuk2“ an der Ziegelsteinmauer einer ehemaligen Fabrik weist den Weg. Hier „ist der Geist der produzierenden Industrie noch lebendig“, sagt Patti später über das Gebäude, das ursprünglich eine Teppichweberei war.

Das Innere ist heute ein großzügiger Raum mit hohen Decken und einem halben Zwischengeschoss. Ein paar verbleibende Wände werden demnächst auch abgerissen, um den Raum noch offener zu machen und Platz für einen Showroom und Büros zu schaffen.

Der unprätentiöse Raum ist offen und einladend – ganz wie die blonde Frau, die mir entgegenkommt und mich herzlich begrüßt. Patti Cazzato ist kleiner, als ich von den Fotos angenommen hatte, aber sie strahlt eine ruhige Kraft aus, die sie vielleicht entwickelt hat, als sie als alleinerziehende Mutter mit einem Vollzeitjob zwei Mädchen großgezogen hat.

Während Sie mich durch ihr Unternehmen führt, erzählt sie mir, „wie alles begann“ – mit Rob Honeycutt und Timbuk2.

Tief verwurzelt in der Fahrradkurier-Community

Klassische Kuriertasche

Foto © Timbuk2

Rob war jahrelang kreuz und quer mit dem Fahrrad durch die USA gereist, als er in San Francisco ankam. Er blieb hier hängen und verdiente sich seinen Lebensunterhalt als Fahrradkurier. „Damals, um 1989“, erinnert mich Patti daran, „haben Unternehmen Fahrradkuriere bestellt, wenn dringende Unterlagen in der Stadt von A nach B mussten. Das war vor Google und vor der digitalen Technologie.“

Rob hatte einen Freund, dessen Kuriertasche er wirklich bewunderte. Der Freund wollte seine Tasche nur an Rob verkaufen, an sonst niemanden. So kam Rob auf die Idee Kuriertschen für sich und seine Messenger-Freunde zu nähen. Soweit die Legende. Das Atelier machte sofort Kuriertaschen auf Bestellung, erzählt die heutige Chefin, und so entstanden sowohl der Überschlag mit den drei Blockstreifen als auch das Konzept der vielseitigen und flexiblen Fertigung nach Kundenwünschen.

Timbuk2 ist stolz auf seine Wurzeln im Mission District von San Francisco, und Patti setzt das Markenerbe geschickt ein: „Wir sind fest davon überzeugt, dass wir Teil dieser Community sind und wir sorgen dafür, dass sie hier bleibt und dass die Menschen hier Arbeit haben.“

Daher die Idee einer offenen Fabrik. Sobald der Umbau fertig ist, können Kunden einfach vorbeischauen, ihre Wunschtasche im Atelier zusammenstellen und entweder eine Stunde später wiederkommen und sie abholen oder den Näherinnen bei der Arbeit zuschauen.

Wir gehen durch die Produktion, die im Grunde nur aus Tischen mit Nähmaschinen besteht. In Griffweite liegen die bunten Materialstücke. Die Fertigung einer Kuriertasche nach Kundenwünschen, erklärt Patti, „dauert 18 Minuten“. Versandfertig ist sie in einer Woche. Patti nennt das „personalisiert und doch schnell auf dem Markt“, wobei die Fertigung nach Kundenwünschen natürlich ihre Zeit braucht. Timbuk2 hat in den USA einen Marktanteil von 44 % bei Kuriertaschen. „Das ist normalerweise unvorstellbar“, freut sich die Geschäftsführerin, die den Erfolg auf Konsistenz und Einzigartigkeit zurückführt.

Timbuk2 ist der zweitgrößte Hersteller

Timbuk2 Reperatur Stätte

Foto © Timbuk2

Jeder Artikel, den ein Kunde nach seinen Wünschen irgendwo auf der Welt bestellt, wird hier gefertigt“, betont Patti. Ihr Unternehmen ist der zweitgrößte Fertigungsbetrieb in San Francisco, davor liegt nur noch eine internationale Brauerei.

Allerdings werden nicht, wie früher, alle Timbuk2-Taschen im Mission District hergestellt. Die Timbuk2-Kollektionen werden in Indonesien und Vietnam gemacht. In beiden Fabriken ist Timbuk2 „der größte Kunde, das heißt, wir halten alle Vorschriften ein“, versichert mir Patti ungefragt.

Die meisten Näherinnen in Kalifornien sprechen Chinesisch, weshalb es Patti ist, die mir erklärt, die Arbeitsbedingungen seien „toll“. Das ist auch glaubhaft, angesichts der Rotation im Produktionsablauf und der Tatsache, dass die meisten Mitarbeiter seit 16 Jahren im Unternehmen sind.

In diesem Jahr wurden Rucksäcke in das Sortiment aufgenommen und zwei weitere Produkte sollen folgen. Das Material wird „je nach Saison vier Mal im Jahr geändert“, erklärt Patti, während wir einem Mitarbeiter zusehen, wie er Stoff in Streifen schneidet. „Damit gibt es immer wieder neue Variationsmöglichkeiten“, und es wird sichergestellt, dass jede Tasche anders ist.

Die meisten Bestellungen für individuell angefertigte Taschen werden online aufgegeben. International gesehen machen die nach Kundenwünschen hergestellten Kuriertaschen 15 Prozent des Umsatzes aus, im Laden sind es fast 30 Prozent. Der Rest des Umsatzes wird von einer umfangreichen Kollektion generiert, die immer mehr Lifestyle-Produkte – weit weg von der Messenger-Kultur – enthält.

Wie sie diese neuen Produkte in die Marken-Botschaft integriert, frage ich Patti, als wir den hinteren Teil der Fabrik erreichen, wo der Versand ist. „Es ist ein Lebensstil, der sich um das Fahrrad dreht“, so Patti, „aber auch die Technologie spielt eine große Rolle.“

So nahe am Silicon Valley mit Microsoft, Apple und den anderen High-Tech-Giganten ist das nachvollziehbar. „Wir sind kein Technologieunternehmen“, stellt Patti klar, aber „wir sind Teil der Technologie-Community, die von Start-ups inspiriert ist.“ Viele dieser ehemals kleinen „Glitschen“ wie Facebook oder Tesla gehören heute zu den B2B-Kunden von Timbuk2.

In den meisten der Kuriertaschen lässt sich ein 13-Zoll-Laptop verstauen, auch in der neuen Kollektion für Frauen, genannt „Femme“. Diese Kollektion, so Patti, „trägt meine Handschrift. Als ich hierher kam, hatten wir eine Premium-Kollektion für Männer, die 10 Prozent des Online- und des Einzelhandelsumsatzes ausmachte. Da habe ich mich gefragt, wieso wir eigentlich nicht auch die Premium-Kundinnen ansprechen.“

Der weibliche Touch: Fahrrad-Kuriertaschen „Femme“

Damen Kuriertasche

Foto © Timbuk2

Aber was ist weiblich an „Femme“? „Wir lösen dieselben Probleme, etwa das Schloss oder ‚wie verstaue ich die Wasserflasche‘, aber 90 Prozent der Frauen haben Lederhandtaschen“, ein Material, das Timbuk2 in seiner Kollektion 2015 zum ersten Mal mit seinem klassischen Cordura kombinierte.

Dennoch: Das sind keine Designertaschen, betont Patti, sondern lässigere Taschen, „mit einem urbanen Charakter.“ Timbuk2, so sagt sie, „löst die Probleme des urbanen Pendlers.“ Und in der Tat, der neue Lux Rucksack spricht den sportlichen Städter an und überzeugt mit vielen und gut zugänglichen Taschen und Unterteilungen. Ein Bieröffner überwindet alle Geschlechterklischees – und wird von den Frauen begeistert aufgenommen.

Wir sind jetzt im hinteren Teil der Fabrik angekommen, wo die Reparaturabteilung zuhause ist. Nach dem Umbau wird dieser Teil des Gebäudes das „Life-Cycle Centre“ beherbergen, im Moment allerdings wird es von einem Riesenstapel Taschen dominiert. Patti begutachtet fast zärtlich verschiedene Stücke in ganz unterschiedlichen Verschleißzuständen und freut sich, denn „hier sehen wir, dass unsere Kunden ihre Timbuk2s lieben.“ Viele Kunden, die ihre Tasche einschicken, schreiben, sie seien nicht an einem 30%-Rabatt auf einen neuen Artikel interessiert, sondern würden lieber die Lebenszeit-Garantie von Timbuk2 in Anspruch nehmen, die auf Firmengründer Honeycutt zurückgeht. „Wir fordern die Kunden auf, ihre Taschen zu behalten und reparieren zu lassen. Wenn sie das nicht wollen, nehmen wir die Taschen zurück und recyceln sie. Wir haben ein Kompostierverfahren eingerichtet für alle Produkte, die nicht mehr repariert werden können und die auch nicht mehr als Spende geeignet sind“, erläutert Patti.

Neben den gespendeten Taschen gibt es auch die Auftragstaschen, die „meist mit einem guten Zweck verbunden sind, den der Künstler, der die Tasche designt, aussucht“, so die Timbuk2-Chefin.

Dieses soziale Engagement gefällt der alleinerziehenden Mutter und dem Unternehmen. Die Fabriktour ist zu Ende und wir steigen wieder hinauf ins Obergeschoss, wo die Büros liegen. Patti erzählt von gemeinsamen Mahlzeiten, bevor sie mich ihrem Team vorstellt. Die meisten sehen sehr jung und sehr fit aus. Und genau das ist die Gemeinsamkeit, die die Teammitglieder verbindet.

„Als ich hierher kam, dachte ich, ich arbeiten für diese Jungsmarke, aber viel wichtiger als die Männer-Frauen-Sache ist uns die Gesundheit und unsere Einstellung. Als ich erzählt habe, dass ich täglich Yoga mache und gerne wandere, haben sie das sofort akzeptiert“, beschreibt Patti ihren Start bei Timbuk2.

Yoga? „Ich war vorher kein großer Fahrradfahrer“, gibt sie zu, und hier erwähnt sie zum ersten Mal ihre Doppelbelastung als Mutter und Berufstätige, und auch nur um zu erklären, warum sie das Fahrradfahren eine Weile ausgesetzt hat.

Heute ist das Fahrradfahren ein wesentlicher Bestandteil ihrer Arbeit. „Man kann sich nicht ernsthaft am Produktdesign beteiligen, wenn man selbst nicht Fahrrad fährt.“ Also hat sich Patti bei Kollegen Rat geholt, wie sie am besten wieder mit dem Radfahren beginnen könnte und seitdem sitzt sie viel und regelmäßig wieder im Sattel.

Ihre Erfahrungen sowohl mit ihrem eigenen Start-up als auch bei großen Unternehmen wie Gap und Levi’s helfen ihr hier als Firmenchefin, die Bedürfnisse eines kleinen Unternehmens zu erkennen. „Es gab zwar viele Daten und Informationen, doch die waren überall verstreut und nicht alle Beteiligten wurden informiert“, erklärt sie. Das bedeutet, sie musste sicherstellen, „dass jeder genau weiß, wer unseren Zielgruppe ist.“

Femme Backpack

Foto © Timbuk2

Die weibliche Zielgruppe der Marke wird durch Paige symbolisiert, eine selbstbewusste junge Frau, die Patti als „modebewusst“ beschreibt, aber mit einem ganz eigenen Stil, und die meist mit ihrem Fahrrad unterwegs ist, sei es zur Arbeit, auf die Party oder an die Uni. Patti, das wird sofort klar, liegt Paige ganz besonders am Herzen.

Während sich heute die meisten Marken auf eine bestimmte Altersgruppe und einen bestimmten Stil konzentrieren, spielen bei den Timbuk2-Kunden die starken Wurzeln in der Fahrrad-Community eine große Rolle – und natürlich wollen alle sehen, wie die neue Chefin das alles so packt. „Jeder war gespannt, was eine Geschäftsführerin für das Unternehmen tun kann“, sagt Patti.

Eine ganze Menge. Aus dem Online-Unternehmen machte Patti eine Firma, die heute 16 Filialen betreibt, die Hälfte davon in den USA, die anderen mit Partnern im Ausland. Die erste europäische Timbuk2-Filiale wurde in Island eröffnet, aber Berlin und London sind auch schon im Gespräch.

Wir setzen uns in den Yoga-Raum, eindeutig Pattis Neuerung, und sie erzählt mir, wie sie ihr Unternehmen sieht und warum sie es liebt. „Hier in einem mittelständischen Unternehmen zu sein, bedeutet, dass man genug Geld hat, um das zu tun, was getan werden muss. Es macht einfach Spaß, hier zu arbeiten. Und ich sehe gerne, wie ein Unternehmen wächst.“ Ganz klar: Der Geist von Timbuk2 lebt!

Foto © Timbuk2

Nora_square
In Berlin geboren, lebt Nora Manthey heute in London und schreibt über das Radfahren und alles, was damit in Verbindung steht.

Kommentar schreiben

Interessiert dich das Magazin?
Jetzt schmökern