Das urbane Fahrradmagazin

Transcontinental Race: Team 255 – zwei Frauen zwischen Mythos und Machbarkeit

Wunderschön und brutal hart: Das "Transcontinental Race" ist das selbstorganisierte Ultradistanz-Radrennen quer durch Europa. Zwischen Mythos und Machbarkeit und mittendrin im brütend heißen Sommer 2018, meistert das erste Frauenteam den mächtigen "Race Across Europe" innerhalb des Zeitlimits. Johanna Jahnke und Marion Dziwnik - Team 255 - im Interview über 15 Tage im Radsattel, 4.000 Kilometer, 35.000 Höhenmeter und "wirkliche" Herausforderungen.

karen Greiderer_squarel
Die leidenschaftliche Pedalistin hat schon einige (Welt-)Reisekilometer im Radsattel gesammelt und verbindet tagtäglich Faltrad mit ÖPNV in Berlin. Ihr Zugang zum Fahrrad(fahren) ist vielschichtig-detailverliebt bis unkompliziert-pragmatisch und reicht in ihre frühen Jugendtage in Österreich (Graz) zurück. Ob total beladen, super lightweight, 16 Zoll oder 29er, gefahren wird alles was gute Laune macht.
Im Radsattel: 15 Tage, 4.000 Kilometer, 35.000 Höhenmeter © Sebastian Hofer / Click Inspired

Intro
Endloses Alpenpanorama – Kalksteinspitzen schneiden sich in dunkles Tannengrün. Ostblock-Architektur läuft im Kontrastprogramm – kalter Beton auf Himmelblau. Trockenes Ackerland mit goldenem Kurzhaarschnitt wellt sich endlos dahin. Dann zwei Cycling-Caps unter neongelbem Helm – Nr. 255a und Nr. 255b. Das sind Johanna und Marion. Sie grinsen. Das sind die Zwei, die als erstes Frauenteam das Transcontinental Race (TCR) rockten. Und hier ist eine ihrer Geschichten…

Das Transcontinental Race
4000 Kilometer, 40.000 Höhenmeter in maximal (!) 16 Tagen, quer durch Europa, eins mit dem Fahrrad, gegen die Zeit. Das Transcontinental Race, kurz TCR ist eines der anspruchsvollsten selbst-organisierten Ultra-Distanz-Rad-Rennen Europas. Seit 2013, das Jahr des TCRNo1, werden jeden Sommer neue Mythen rund um den ziemlich coolen und ziemlich mächtigen „Race Across Europe“ geschrieben.

„The Transcontinental Race is (…) a beautifully hard bicycle race, simple in design but complex in execution. Factors of self reliance, logistics, navigation and judgement burden racers’ minds as well as their physiques. (…) many experienced riders target only a finish.” Transcontinental Team

Transcontinental Race

Historie
Was als Subkultur-Brevet für etwa 30 Herren über Vierzig mit einer ganz normalen Heldenstatus-Sehnsucht begann, zog im Sommer 2018 rund 300 Langstreckenfetischisten unter den irrsten Radsportlern und Radsportlerinnen aus der ganzen Welt an.  Beim TCRNo1 startete nur eine einzige Frau, Juliana Burhing. Sie machte die Strecke von 3400 km in zwölf Tagen. Zurück geht das TCR auf Mike Hall, die Ultra-Distance-Legende aus UK. Er verunglückte 2017 während eines Rennens in Australien tödlich und lebt mit dem Hashtag #bemoremike in der Community weiter.

Das Rennen war für beide Fahrerinnen ein außergewöhnlicher Zustand © Sebastian Hofer / click.inspired

„Hätte ich in den ersten Wochen ein Interview geben müssen;
Das würde anders aussehen!” 
MARION DZIWNIK


Ein guter Zeitpunkt
Dienstag im Dezember 2018: Das Telefon klingelt. „Hallo, Marion hier!“ Sie ist just mit dem Rad bei Hamburger “Shietwedder” auf der Uni angekommen. Hier unterrichtet die Fixed-Crit-Fahrerin Anfang 30 Mathematik. Am Wochenende davor – knapp ein halbes Jahr nach des TCR – hatten Marion und Johanna ihren ersten gemeinsamen Vortrag zum Rennen gegeben. Marion sagt, jetzt sei der perfekte Moment für das Telefonat.

„Hätte ich in den ersten Wochen ein Interview geben müssen; Das würde anders aussehen! Ich war mental fertig. Ich war nicht positiv. Das Rennen an sich war ein außergewöhnlicher Zustand. Ja. Aber ich brauchte Abstand. Ich musste mich mental erholen.“ Nach einer Pause in der sich beide um die vernachlässigten Partner und ihre Familien kümmerten, war der Vortrag ihre erste gemeinsame öffentliche Rekapitulation.

„Zum Zeitpunkt der TCR-Anmeldung war ich vielleicht ein Mal 200 km am Stück gefahren. Ich hab’ den ganzen Tag gebraucht und war fix und fertig!“ MARION DZIWNIK


NR 255: Einmal Team. Zweimal Neuland.

Team 255 – Johanna und Marion –  waren mit komplett unterschiedlichen Motivationen und Hintergründen an den Start gegangen. Von Johanna kam die Initiative sich anzumelden. Die Zwei kennen sich seit vielen Jahren von diversen Fixed Crits.

Team 255: Links Marion, rechts Johanna, wie es zum TCR startete  © Sebastian Hofer / click.inspired

Marion war auf der Suche nach einer neuen körperlichen Herausforderung. „Zum Zeitpunkt der TCR-Anmeldung war ich vielleicht ein Mal 200 km am Stück gefahren. Ich hab’ echt den ganzen Tag gebraucht und war fix und fertig!“

Sie wollte das Race schaffen. „Bike Packing – also mehrtägige, selbst organisierte Radtouren mit wenig Gepäck – das kenn ich. Der Aspekt war mir nicht so wichtig!“

Johanna wiederum zog genau das magisch an – dieser „Spirit of the Race“. Die ehemalige Rugbynationalspielerin, Mutter von zwei Kindern und Kriterium-Fahrerin war fasziniert vom Fahren ohne Support und ohne Backup.

Johanna saugte alle Infos zu selbst organisierten Ultra-Distanz-Rennen auf. Sie bereitete sich intensiv vor. Das Training der langen Distanzen war ein wichtiger Teil ihrer Vorbereitung, aber ebenso das recherchieren der passenden Rennradgeometrie, der geeigneten Übersetzung, das Bikepacking-Setup des Rades, die persönliche mentale Herausforderung, die Routenplanung …

Die Nacht der Nächte: Der Start am Kapelmuur Berg in Belgien © Sebastian Hofer / click.inspired

“Es ist Nacht. Auf einem super engen Kopfsteinpflasterweg mit 25 Prozent Steigung drängeln sich von einem Moment auf den anderen rund 300 Fahrerinnen und Fahrer auf den Kapelmuur Berg hoch. Plus Gepäck. Da stehen die ersten. Einer verliert was. Es geht drunter und drüber. Du bist mit Adrenalin vollgepumpt.”
MARION DZIWNIK

 

Tag X: Man ist nicht allein in dieser ersten Nacht
Geraardsbergen, 22 Uhr am 29. Juli 2018: „Es ist Nacht. Auf einem super engen Kopfsteinpflasterweg mit 25 Prozent Steigung drängeln sich von einem Moment auf den anderen rund 300 Fahrerinnen und Fahrer auf den Kapelmuur Berg hoch. Plus Gepäck. Da stehen die ersten. Einer verliert was. Es geht drunter und drüber. Du bist mit Adrenalin vollgepumpt.“  300 Leute – jeder und jede ist bei dem Rennen für sich allein und doch fahren alle irgendwie zusammen. Man sieht sich immer mal wieder an den Checkpoints. Dann verlaufen sich die Wege. Man weiß nicht, wen sieht man am Ziel – wen nicht? „Das war mein Highlight! Ich wusste nicht mal ob ich diese Nacht überstehe!“

Drei Powernaps. Ein Sturz.
Drei Powernaps zu 30 Minuten nach der durchfahrenen Nacht und 420 km und 4000 Höhenmeter am ersten Tag: Team 255 bretterte hart und knackig mit der 1,5-fachen Etappe ins Rennen. Am zweiten Tag der Dämpfer: Beide sind unaufmerksam. Marion stürzt. Und es gibt keine passenden Schlafplätze in der Schweiz. „Wir mussten weiter. 50 zähe Kilometer oder so. Danach haben wir uns eingepegelt.“

Eine Tagesetappe des TCR ist doppelt bzw. dreifach so lang, wie eine Etappe der Tour de France – nur ohne jeglichen Komfort oder Sicherheit.


Selbstorganisiert
Selbstorganisiertes Rennen, das bedeutet, dass sich die TCR Fahrerinnen und Fahrer die Route vor dem Rennen eigens zusammenstellen und ihre individuelle Strecke planen. Die Checkpoints stehen bei der Bewerbung fest, also acht Monate vor dem Start, ebenso die zehn „keep it short and simple“ Rules. Wer dagegen verstößt, fliegt raus oder bekommt eine Zeitstrafe.

Selbstunterstützt
Selbstunterstützt bedeutet, dass egal was passiert – man muss eine Lösung finden. Und zwar möglichst schnell und immer allein: Bei einer Strecke von 4000 km kann einiges zusammen kommen: Stürze, Hagelstürme, gefrorene Finger am Morgen und sengende Hitze am Nachmittag, ein defektes Bike, knappe Wasserreserven und quälender Hunger, vielleicht ein wildes Hunderudel? Zum Ein-Norden: Eine Tagesetappe des TCR ist im Schnitt doppelt bzw. dreifach so lang, wie eine Etappe der Tour de France – nur halt ohne jeglichen Komfort und Sicherheiten.

24/7 am Tracker
Bei der Akkreditierung zum Rennen bekommen alle einen Tracker. 24Stunden/16Tage lang zeichnet der alles auf. Der famose TCR Dot-Watchers-Blog verfolgt so die Fahrer und Fahrerinnen, kommentiert und zelebriert das irre Leben der Transcontinentalists auf der Straße.

Eine Regel des Transcontinentals besagt, dass man nur essen darf, was man entlang der Straße findet  © Sebastian Hofer / click.inspired

„Die Planung war eine Herausforderung.Wir analysierten Heatmaps von Fahrradnavis. Die Routen wo niemand mit dem Rad fährt, haben wir sofort gestrichen.“  MARION DZWINIK


Ohne Berge durch die Alpen. Routenplanung für Hamburgerinnen,
oder: Definitiv ein Fehler! 

Die Route von Marion und Johanna lässt sich grob so skizzieren: Belgien, Luxemburg, Frankreich, Deutschland, Schweiz, Österreich, Italien, Slowenien, Tschechien, Polen, Ungarn, Kroatien, Bosnien Herzegowina, Montenegro, Albanien Griechenland. In kurz: 16 Länder – 4 Checkpoints – 15 Tage.

„Die Planung war eine Herausforderung. Wir analysierten Heatmaps von Fahrradnavis. Die Routen wo niemand mit dem Rad fährt, haben wir sofort gestrichen.“ Ebenso mieden Johanna und Marion Berge. Zumindest so weit das ging. Beide wohnen in Hamburg, eine Region die nicht unbedingt für ihre Gipfel bekannt ist. Beide fahren Kriterien. Das sind Rennen von eher kurzer Dauer, null Höhenmetern und hohem Tempo.

Gerade wegen des Gepäcks am Fahrrad und ihrer bisherigen Erfahrungen waren sich beide einig: Unbedingt flache Strecken wählen, Höhenmeter meiden – auch wenn sich das Rennen dadurch um zig Kilometer verlängerte. „Das war definitiv ein Fehler! Mir tat der Arsch so weh, wie nie zu vor! Auf die Distanz, also zwei Wochen à 260 km pro Tag, in ein und derselben Position mit 25 km/h auf der Geraden, dazu ist es heiß, nichts ändert sich…“ Die Bergetappen hingegen waren abwechslungsreich und gut. „Kleine Gänge, gute Übersetzung, langsames Tempo – ich war total überrascht! Das Körpergefühl ist ein ganz anders. Man sitzt sich nicht wund!“

Im Gegensatz zu Marion, hatte Johanna hier keine Probleme. Ihre Vorbereitung zahlte sich aus, sie profitierte von der komfortablen Sitzposition und geriet irgendwann in einen Flow in dem sie ewig hätte weiter fahren können.

Neuplanung und Gepäck
Spontan um planen musste Team 255 die Route nur einmal. „In Tschechien sind wir auf einer richtig stressigen Straße gelandet: LKWs und 30 cm Seitenstreifen. Nach 20 km haben wir die Route neu definiert und sind statt auf der Geraden über den Berg gefahren.“

Auch ihre Bedenken mit Gepäck zu fahren stellen sich schnell als unbegründet heraus. „Mein Rad plus Zeitfahraufsatz und Trinkflaschenhalter wog 9,5 kg, mit Gepäck 13 kg. Da kommen noch 3 kg Wasser und Essen dazu. Apropos Essen: Wenn ich dran denke, was wir verdrückt haben, wird mir schlecht.“

Anfangs Nüsse, am Ende Milch für Marion: Die beiden Frauen hörten gut auf ihre Körper © Sebastian Hofer / click.inspired

“Wenn ich dran denke, was wir verdrückt haben, wird mir schlecht.“ MARION DZIWNIK


Eine ganze Packung Nüsse: Vegan und Vegetarisch durchs Rennen
Johanna ist Veganerin. Marion ist Vegetarierin. Johanna übernahm das Einkaufen. Marion buchte die Hotels. „Und unsere Körper haben uns immer gesagt, was sie wann brauchen. Anfangs Nüsse, dann eher frische Sachen, am Ende hatte ich total Lust auf Milchprodukte. Wir hatten einen echt guten Flow.“

Eine Regel des TCR schreibt vor, dass nur konsumiert werden darf, was auf der Strecke liegt. Die meisten Fahrerinnen und Fahrer pfeifen sich darum 14 Tage lang jegliches essbare Zeug rein, was sie entlang des Weges finden – das können auch mal 13 Steckerleis am Tag sein. So wird es zumindest erzählt.

Bei ihrer Testtour vor dem TCR, verrät Marion, war das mit der Versorgung noch nicht optimal gelaufen. „In Tschechien ist abends um 21 Uhr Schicht im Schacht. Wir haben uns mit Knurren im Magen hingelegt. Das ist echt nicht gut.“ Je weiter die zwei beim TCR in Richtung Süden kamen desto einfacher wurde die Versorgung. Die Lokale haben abends länger geöffnet als im Norden!

 

“Ich suchte nach einer körperlichen Grenzerfahrung. Aber die kam nicht.
Aber die mentale Herausforderung wuchs immer mehr und mehr…“
MARION DZIWNIK

TCR bemoremike biehlerhöhe alpen

Mangart Cesta Slowenien Checkpoint Transcontinental

Meteora TCR Griechenland

Bosnien Checkpoint TCR Polen Karkonosze

Bosnien Checkpoint TCR Bjelasnica

 

Eat. Sleep. Bike. Repeat.
„Wir lebten die ganze Zeit über für das Rennen. Also: NUR für das Rennen. Das saß mir total im Nacken. Immer schnell essen, wenig schlafen, den Blick auf der Uhr – das machte mich fertig! Ich suchte nach einer körperlichen Grenzerfahrung. Aber die kam nicht. Mein Körper hatte sich einfach an die etwa 300 km pro Tag gewöhnt. Es wurde einfach nicht anstrengender. Aber die mentale Herausforderung wuchs immer mehr und mehr…“

Trotzdem, Marion erinnert jeden der vier Kontrollpunkte als ein Highlight für sich.
2018 waren das
#1: Bielerhöhe Pass auf 2032 m Seehöhe, Silvretta-Hochalpenstraße / Österreich
#2: Mangart Sedlo  auf 2027 m Seehöhe, Triglav Nationalpark / Slowenien
#3: Karkonosze Pass  auf 1198 m Seehöhe / Polen
#4: Bielašnica Pass auf 2023 m Seehöhe / Bosnien Herzegowina

Highlights
„Super beeindruckend war der Anstieg zum Mangart Cesta, der höchsten Straße in den Slowenischen Alpem im Triglav Nationalpark. Wir starteten im tiefen Wald. Es war finster, düster, gespenstisch… wir fuhren einfach in die Wolken rein. Dann wurden die Bäume weniger und die Vegetation war plötzlich wie auf Malle. Es geht weiter. Es wird hochalpin. Oben liegt Schnee. Du machst ein Foto. Packst dich ein und rollst wieder runter. Wunderschön!“

Kompromisse
900 km vor dem Ziel an Checkpoint Nr.4 in Bielašnica/ Bosnien, machten die Beiden den enormen Zeitdruck und Stress zum Thema. „Ich wollte das Ganze schnell hinter mich bringen – Johanna nahm Rücksicht!“ Ihr Kompromiss: Mehr Kilometer pro Tag im Radsattel – dafür weniger Stress im Nacken. Der Plan ging auf: Am Tag 15, Meteora, Griechenland drückt Team 255 den Stempel aufs letzte freie Feld im Brevet-Buch.

Das Brevet-Buch sammelt die Stempel der beeindruckenden Stationen. © Sebastian Hofer / click.inspired

“Das ganze Rennen muss nicht mega episch hart sein. Du musst nicht draußen schlafen. Du musst nicht komplett übermüdet im Radsattel hängen. Wenn du das als Frau nicht willst, brauchst du einen guten Plan!”
MARION DZIWNIK


Ein guter Plan. Ein guter Flow. Und die Angst.

„Neben dem Stress war besonders das wenige Schlafen echt hart. Stell dir vor, es ist morgen. Es ist kalt. Du hast wenig geschlafen und du musst jetzt erst mal einen Berg hoch radeln. In der Früh war ich echt immer grumpy. Was mir sehr geholfen hat war das Tape von meinem Freund. Er hat mir ein Buch als Hörspiel aufgenommen – das hat mich zu ihm gebracht – ich konnte abschalten. Aber wenn ich das mit meinem Freund gefahren wäre – wir wären nicht mehr zusammen!“

Etwa zwei Drittel der TCR Starterinnen und Starter bestreiten das Rennen allein, ein Drittel fährt im Team. „Mir war vorher gar nicht klar, aber es ist viel einfacher, das allein zu machen.“ Würde sie das Rennen nochmal mit Johanna bestreiten, dann lieber in freundschaftlicher Herausforderung statt konkurrenzlos rücksichtsvoll im Team. „Wenn du alleine fährst musst du deinen Rhythmus finden. Das ist total wichtig! Und das ist halt die unglaubliche Herausforderung für das Team. Denn im Team gilt der Kompromiss des Schwächeren.“ Marion ergänzt, dass es aber überhaupt nicht zur Debatte stand als Solistin zu starten. „Wir hatten viel zu große Angst vor der neuen Herausforderung – wir beide!“

Zwanzig Frauen. Zweihundertneundzwanzig Männer.
Apropos Angst: „Meine Erklärung dafür, dass der Frauenanteil am TCR bisher eher gering ausgefallen ist, ist die Angst. Angst vor der Situation. Angst vor Osteuropa, vielleicht. Angst davor, wie sich die Männer benehmen.“  Denn auch das zeigt die TCR Anmeldestatistik. 2018 ist der Frauenanteil so hoch wie noch nie zuvor. Unter den 249 Anmeldungen sind zwanzig Frauen.

„Dabei liegt die Stärke des Rennens gerade darin, dass du alles selbst in der Hand hast. Wir sind das sehr strukturiert angegangen. Wir haben nie draußen übernachtet. Wir haben sieben Stunden Nachtruhe eingeplant und die auch wirklich in der Nacht eingehalten. Wir hatten eine gute Route. Und: Wir haben als Team – trotz unserer unterschiedlichen Motivationen – unseren Rhythmus gefunden! Unser Plan ging auf. Keine Komplikationen!“

Eine der größten Herausforderungen für Team 255 war es – trotz unterschiedlicher Motivationen – einen guten Rhythmus zu finden © Sebastian Hofer / click.inspired

“Wenn ich das mit meinem Freund gefahren wäre – wir wären nicht mehr zusammen!” MARION DZIWNIK


Entzauberung und neue Mythen
Der Heldenepos des Transcontinental Races – hiermit vom ersten Frauenteam (innerhalb des Zeitlimits) entzaubert? Irgendwie schon.

„Das ganze Rennen muss nicht mega episch hart sein. Du musst nicht draußen schlafen. Du musst nicht komplett übermüdet im Radsattel hängen. Wenn du das als Frau halt nicht willst, brauchst du einfach einen guten Plan!“ Marion fährt fort: „Frauen haben außerdem einen körperlichen Vorteil. Der Fettstoffwechsel ist besser für lange Distanzen ausgelegt. Bei den Ultra-Distanz-Rennen in den USA sind Frauen bereits ganz vorn dabei!“

Wirft man einen Blick in die Zukunft, in diesem Fall in die gegenwärtige Geschlechterverteilung bei den Anmeldungen, so gibt es laut Renn-Organisatorin Anna Haslock bisher den höchsten prozentualen Anteil an weiblichen Anmeldungen jemals. 62 Frauen wurden 2019 angenommen. Das sind dreimal so viele wie 2018 gestartet sind!

Team 255 – Johanna und Marion – haben mir ihrer Geschichte einen neuen Mythos kreiert. Denn so schnell klappt das nicht, mit dem „Entzaubern“. Dafür ist das Transcontinental einfach zu spektakulär, die Checkpoints zu atemberaubend, die Etappen zu krass, die Fangemeinde zu irre und jeglicher soliden Planung zum Trotz – ist das Transcontinental ein absolut mächtiges Radrennen ins blanke Ungewissen…

Meteora Transcontinental Marion Johanna

Am Ziel: Meteora / Griechenland © Sebastian Hofer / click.inspired

Über Johanna
Johanna Jahnke, 35 Jahre, aus Hamburg ist zweifache Mutter, ehemalige Rugbynationalspielerin und lebt seit 18 Jahren vegan. Neben ihrem Psychologiestudium fährt sie international Fixedgearkriterien und erkundet Länder auf ihrem Rad.  Sie spricht schwärmt und fachsimpelt auf ihrem Podcast Die Wundersame Fahrradwelt mit spannenden Menschen aus der Fahrradwelt über diese. Reinhören!

Über Marion
Marion Dziwnik, 32 Jahre, ist Mitte 2018 von Berlin nach Hamburg gezogen  und arbeitet als Postdoktorandin am Fachbereich für Mathematik an der Uni Hamburg. Sie fährt nationale und internationale Fixedgearkriterien für das Team Maloja Pushbikers Fem und hat vor knapp zwei Jahren das Bikepacking für sich entdeckt.

Alle Fotos sind unter höchsten Transcontinental Race Auflagen entstanden. Der Fotograf ist Sebastian Hofer / click.inspired

karen Greiderer_squarel
Die leidenschaftliche Pedalistin hat schon einige (Welt-)Reisekilometer im Radsattel gesammelt und verbindet tagtäglich Faltrad mit ÖPNV in Berlin. Ihr Zugang zum Fahrrad(fahren) ist vielschichtig-detailverliebt bis unkompliziert-pragmatisch und reicht in ihre frühen Jugendtage in Österreich (Graz) zurück. Ob total beladen, super lightweight, 16 Zoll oder 29er, gefahren wird alles was gute Laune macht.

Kommentar schreiben

Interessiert dich das Magazin?
Jetzt schmökern