Das urbane Fahrradmagazin

Erfahrungsbericht: Neu in Brisbane und auf Tour mit der Fahrrad-App

2017 verlegte ich meinen Wohnort von Adelaide nach Brisbane. Nachdem ich zuvor in der fahrradfreundlichen Stadt Adelaide gelebt hatte, war ich nicht sicher, was mich in dieser um einiges größeren Stadt erwarten würde. Schon mein erster Trip entlang des Flussufers um halb sechs Uhr morgens war ein echtes Aha-Erlebnis.

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Ryan Waddington ist professioneller Triathlet und begeisterter Weltenbummler. Vor kurzem ist der nach Adelaide (Australien) gezogen, um die schönen Sommer am Sattel seines Fahrrads zu genießen. Er arbeitet ebenfalls als Lehrer und Ökonom.
Photo © Ryan Waddington

Das subtropische Klima Brisbanes ist ideal für Ganzjahres-Pendler. Mir persönlich ist das Wetter für die tägliche Fahrt zur Arbeit etwas zu schwül. Aber im Gegensatz zu mir scheinen die Einheimischen nicht beim ersten Anzeichen einer Steigung ins Schwitzen zu geraten. Die Fahrradwege in den Südwesten der Stadt sind gut vernetzt und es ist schier gar unmöglich, sich zu verfahren. In der Nähe des Brisbane River zu wohnen, ist der wahr gewordene Traum eines jeden Fahrradpendlers.

Der erste Eindruck von Brisbane

Brisbane verfügt über die höchste Anzahl an verkehrsgünstig gelegenen Radfahrstreifen, die ich bisher in Australien erlebt habe. Fahrradpendler können so aus den verschiedensten Richtungen starten, anstatt auf ein und dieselbe Strecke geleitet zu werden. Zusätzlich zu den Radfahrstreifen in gut sichtbarem Hellgrün gibt es eigens festgelegte Fahrradwege. Auf dem Bicentennial Bikeway kann die Strecke zwischen Stadt und Bergen befahren werden, ohne auch nur einmal die Fahrradwege zu verlassen. Für diejenigen, die sich während der Rushhour für eine Fahrgemeinschaft entscheiden, sind viele der Hauptverkehrsstraßen mit Fahrgemeinschaftsspuren ausgestattet. Die Anzahl der Fahrzeuge auf den innerstädtischen Fahrspuren wird dadurch verringert und der Pendelverkehr auf offener Straße somit sicherer.

Brisbane Fahrradweg

Brisbane verfügt über die höchste Anzahl an verkehrsgünstig gelegenen Radfahrstreifen, die ich bisher in Australien erlebt habe.

Ein Wermutstropfen ist die bergige Beschaffenheit von Stadt und Außenbezirken – ich fühle mich an San Francisco erinnert. Manche der Straßen sind schlicht zu steil, um sie zu befahren. Durch die gut angelegten Fahrradwege wird dieses Problem jedoch umgangen. Man könnte meinen, dass Fahrradpendler an der Planung beteiligt waren. Auch kann man allerorten mit Fahrradwegen rechnen. So kann ich mit Sicherheit behaupten, dass jede Brücke, die den Süden von Brisbane mit der Innenstadt verbindet, über einen Fußgängerweg verfügt. Ein geradezu einzigartiges Bauwerk ist die Goodwill Bridge, eine ausschließlich für Fußgänger und Fahrradfahrer errichtete Brücke. Auch die Kaffeeverkäufer wissen den Radverkehr für sich zu nutzen, während der Stoßzeiten werden Heißgetränke angeboten. Man kann buchstäblich vorbeirollen, sich seinen Schuss Koffein ordern und weiter zur Arbeit fahren.

Es darf nicht vergessen werden, dass Brisbane eine Großstadt ist, und dass der Verkehr in den Städten Australiens immer noch durch motorisierte Fahrzeuge bestimmt wird. Vor sechs Uhr am Morgen sind die Straßen schnell überlastet und die Fahrt auf dem Radfahrstreifen wird zur klaustrophobischen Erfahrung. Wenn man sich jedoch in den Seitenstraßen auskennt und weiß, wo die Fahrradwege sind, lassen sich die Hauptverkehrsadern mit Leichtigkeit umfahren. Ein Wissen, über das ich als Neuankömmling aus einem anderen Staat leider nicht verfügte. Um die Wahrheit zu gestehen, wurde mir beim Gedanken an das Radfahren in meiner neuen Stadt angst und bange – mehr, als ich mir das selbst eingestehen wollte. Nachdem meine Strategie, auf der Suche nach sicheren Strecken durch die Stadt einfach blindlings draufloszufahren, eher gemischte Ergebnisse zur Folge hatte, versuchte ich mein Glück mit der Bike Citizens App.

Die Fahrrad-App im Straßentest

Brisbane Fahrrad-App Test

Sobald die Routenberechnung abgeschlossen ist, ähneln Optik und Haptik der App der eines GPS.

Die Bike Citizens Fahrrad-App gehört zu den Preisträgern des renommierten Eurobike Awards und setzt nutzergenerierte Kartengrundlagen aus OpenStreetMaps zur Planung fahrradfreundlicher und sicherer Strecken ein. Zur Routenplanung wird eine Adresse eingegeben oder einfach ein Zielpunkt auf der Karte ausgewählt. Ich bevorzuge die zweite Option, denn sie ermöglicht eine freiere Auswahl. Trotzdem war ich skeptisch. Schließlich befand ich mich in Australien, und somit auf Straßen, auf denen sich die europäischen App-Entwickler mit Sicherheit nicht auskannten. Sobald die Routenberechnung abgeschlossen ist, ähneln Optik und Haptik der App der eines GPS.

Es lassen sich drei verschiedene Modi einstellen: Gemütlich, Normal und Schnell. Durch diese Kategorien wird die Strecke bestimmt. Der Nutzung vorhandener Fahrradinfrastruktur wird dabei je nach Modus eine abnehmende Bedeutung zugemessen. Zu beachten ist, dass auch im Schnell-Modus verkehrsreiche Straßen gemieden werden und eine möglichst sichere Route ermittelt wird. Es war spannend zuzusehen, wie anhand der Einstellungen die beste Route in die Innenstadt festgelegt wird. Die App ist einfach in der Benutzung – und ich entdeckte ziemlich schnell ein ganzes Netz von Radwegen, von dem ich nicht einmal wusste, dass es existiert. Der Kompromiss, den man eingehen muss, sind die erheblich vergrößerten Entfernungen. Die Modi Normal und Schnell bringen einen unter minimalem Aufwand und auf relativ ruhigen Straßen ans Ziel. Natürlich kann auf der Schnell-Route Zeit eingespart werden, indem größere Hauptverkehrsstraßen gewählt werden. Die Entscheidung darüber hängt letztendlich von der eigenen Risikobereitschaft ab. Ich würde eine Nutzung der App in den Anfangsphasen der Erkundung empfehlen. So lässt sich eine Auswahl an sicheren Strecken kennenlernen, bevor man sich an verkehrsreichere Straßen wagt.

Brisbane Fahrrad-App Bike Citizens

Ich wählte einen etwa 44 Kilometer entfernten Punkt auf der Landkarte, an dem es mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit keine Fahrradinfrastruktur geben würde.

Nachdem ich die Fahrrad-App ausgiebig in der Innenstadt getestet hatte, beschloss ich, sie auf die Probe zu stellen. Ich wählte einen etwa vier-und-vierzig Kilometer entfernten Punkt auf der Landkarte, an dem es mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit keine Fahrradinfrastruktur geben würde. Auf meinem Ritt im Routing-Profil Normal führte mich die App geradewegs ins Abenteuer. Ich nutzte so gut wie keine Hauptstraßen und verließ mich, neben gelegentlichen flüchtigen Blicken aufs Display, ganz auf die Sprachanweisungen. Nach schier endlosen Abfolgen von Seitenstraßen und Landwirtschaftsflächen landete ich schließlich in einer Sackgasse und somit an einem toten Punkt – oder so dachte ich zumindest. Die App dirigierte mich nach links, wo ich einen mit Gras überwachsenen, fußbreiten Pfad entdeckte. Schwer zu sagen, wann dieser das letzte Mal genutzt worden war – aber die App wusste, dass er da war. Natürlich habe ich mein Ziel letztendlich erreicht. Das heißt fast. Der Punkt, den ich mir auf der Karte ausgesucht hatte, lag so weit westlich, dass die Straße schließlich in Schlamm überging. Ich hatte noch einen Kilometer vor mir und wurde freundlich dazu aufgefordert, abzusteigen und den Rest des Wegs zu Fuß zurückzulegen.

Straße Lake Manchester Brisbane

Ich hatte noch einen Kilometer vor mir und wurde freundlich dazu aufgefordert, abzusteigen und den Rest des Wegs zu Fuß zurückzulegen.

Mein Fazit: Ich bin beeindruckt. Die Applikation verfügt über das Wissen um örtliche Gegebenheiten und funktioniert auch ohne Datenverbindung. Durch die verschiedenen Einstellungen werden unterschiedliche Routen festgelegt – aber sie führen alle ans Ziel. Die Navigationsaufforderungen sind unglaublich genau. Man verpasst keine Abzweigung, weil man damit beschäftigt ist, sich zu fragen, ob nicht vielleicht doch die nächste Abzweigung gemeint sein könnte. Mein einziges Problem waren Überführungen. Viele Wege verlaufen unterhalb von Hauptverkehrsstraßen. An manchen dieser Stellen ließ sich die Fahrrad-App verwirren, da sie davon ausging, dass ich stattdessen die Hauptverkehrsstraße genommen hätte. Sobald die festgelegte Route als verlassen betrachtet wird, werden weitere Anweisungen pausiert und die Route neu berechnet. Das ist jedoch ein geringfügiges Problem – es sei denn, man fährt längere Strecken. Bei Strecken von unter 15 km geht eine Neuberechnung zügig vonstatten, d. h. man muss nicht anhalten. Bei meinem 50-km-Experiment musste ich hingegen anhalten und warten, da Länge und Komplexität der Strecke die Neuberechnung erheblich verlangsamten.

Abschlussbemerkungen

Nutzt die App am Besten mit hohen Helligkeits- und Lautstärkeeinstellungen. Die Fahrrad-App ist mit vielen Smartphone-Halterungen nutzbar, Bike Citizens empfehlen jedoch die Finn. Die App selbst ist kostenlos, aber einige Stadtpläne sind kostenpflichtig. Es lassen sich Karten freischalten, indem innerhalb von 30 Tagen 100 km mit der App zurückgelegt werden. In der aktuellen Entwicklungsstufe ist die App mit allen Android- und Apple-Geräten kompatibel. Ein geplanter Trip nach Brisbane funktioniert auch ohne eigenes Bike. Mit City Cycle bietet die Stadt ein Fahrrad-Sharing-Programm, mit dem Fahrräder und Fahrradhelme problemlos gemietet werden können. Und wenn´s in die richtige Richtung gehen soll: Nehmt einfach euer Smartphone mit!

Fotos © Ryan Waddington

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Ryan Waddington ist professioneller Triathlet und begeisterter Weltenbummler. Vor kurzem ist der nach Adelaide (Australien) gezogen, um die schönen Sommer am Sattel seines Fahrrads zu genießen. Er arbeitet ebenfalls als Lehrer und Ökonom.

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