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Schienen-Stress: Wie Straßenbahnschienen für Radfahrende sicherer werden

Straßenbahnschienen stellen für Menschen, die Rad fahren, häufig eine Gefahr dar. Doch es gibt Mittel und Wege, das Unfallrisiko zu verringern.

Tobias Finger square
Tobias Finger ist freier Journalist und Sozialwissenschaftler in Berlin. Wenn er nicht schreibt, kutschiert er Laptop, Kamera und Notizbuch mit dem Rad durch die deutsche Hauptstadt.
Entlang von Straßembahnschienen bedeutet allzu oft zischen ihnen zu fahren. Foto: Bike Citizens

An jeder Straßenbahnschiene bin ich auf dem Rad besonders aufmerksam. Egal ob ich sie überqueren, oder parallel zu ihnen fahren möchte. Der richtige Abstand beziehungsweise der richtige Winkel von Rad zu Schiene sind wichtig – denn wenn das Laufrad einmal eingefädelt hat, ist ein Sturz kaum zu vermeiden. Natürlich kann man Straßenbahnschienen auf der eigenen Route umfahren. Ein Patentrezept ist das aber auch nicht und manchmal ist der Umweg dann auch viel zu lang, schließlich laufen die Tram-Linien häufig entlang wichtiger Verkehrswege.

Auf größeren Straßen sind die Schienen und die Straßen, sowie eventuell vorhandene Radwege oder –streifen, baulich voneinander getrennt. Das hat viele Vorteile: Die unterschiedlichen Verkehrsteilnehmer behindern sich so nicht gegenseitig. Straßenbahnen haben in der Regel freie Fahrt, im Haltestellenbereich kommt es nicht zu Problemen bei Ein- und Ausstieg und schließlich bergen die Schienen in dieser Form kein Gefahrenpotential für Radfahrende.

Auf engeren Straßen und auf Kreuzungen ist eine effektive bauliche Trennung aber in der Regel nicht möglich. Dadurch muss man zwangsläufig entlang der Schienen fahren beziehungsweise sie überqueren. Und entlang bedeutet allzu häufig dazwischen. Denn fährt man rechts der Schienen, besteht die Gefahr in die Dooring-Zone der am Straßenrand parkenden Autos zu geraten. Und gegen eine überraschend geöffnete Tür zu fahren, ist keinesfalls angenehmer, als in einer Straßenbahnschiene einzufädeln.

Reifen in Schiene

Wenn das Laufrad einmal eingefädelt hat, ist ein Sturz kaum zu vermeiden. Daher gibt es neue Ansätze für einen Gummibelag zum Füllen der Rillen. Foto: Bike Citizens

Schienengummi für die sichere Fahrt

In der Mitte der Straßenbahnschienen ist der Platz aber bei Weitem nicht ausreichend. Trotzdem finden sich vielerorts Fahrrad-Piktogramme auf dem Asphalt zwischen den Schienen. Eine nette Geste, symbolisieren sie doch, dass Radfahrer die gesamte Fahrbahn nutzen dürfen und sich nicht in die Reichweite der Autotüren drängen lassen müssen. Dass das eigene Rad eine unangenehme Bekanntschaft mit den Fahrrillen der Bahn macht – und man selbst mit dem Asphalt – verhindern die Bilder aber nicht.

Wie ist das Problem also zu lösen? Diese Frage stellten sich auch die Verkehrsverantwortlichen der Stadt Zürich. Und begannen zu experimentieren. Auf verschiedenen Schienenabschnitten füllten sie die Rillen der Schienen mit einem Spezialgummi auf. Das besondere Material ermöglicht Rad fahrenden Menschen das sichere Fahren auf den Schienen und beim Überqueren der Straßenbahnschienen. Das Gewicht einer Straßenbahn drückt das Gummi jedoch soweit in die Fahrrille, dass die Bahnen problemlos fahren können.

Problem gelöst? Leider nein. Denn der Verschleiß des Materials war immens. Schon nach einigen Wochen zerkrümelte es wortwörtlich. Die Rückstände verteilten sich über die gesamte Straße und wurden zur nächsten Gefahrenquelle. Deswegen ist die Industrie gefordert. Die eingesetzten Materialien müssen widerstandsfähiger werden. Auch um die hohen Kosten zu rechtfertigen.

Keine Versuche in anderen Städten

Denn die benötigten Summen halten andere Städte davon ab, eigene Versuche zu starten. In Berlin hatte der damalige Stadtentwicklungssenator und heutige regierende Bürgermeister Michael Müller mal einen Test angeregt, der aber aus Kostengründen nie durchgeführt wurde. Eine Sprecherin der Berliner Verkehrs Betriebe sprach gegenüber der Süddeutschen Zeitung von Investitionen in Milliardenhöhe – weil die Schienen sich vielerorts nicht für den Einsatz des Spezialgummis eignen.

ueberqueren von Straßenbahnschienen

Straßenbahnschienen überquert man am besten in einem rechten Winkel, wenn möglich. Fhoto: Bike Citizens

Eine wirkliche Lösung des Problems ist also noch nicht gefunden. Bis dahin müssen Radfahrer auf eigene Strategien zurückgreifen, wie Straßenabschnitte mit Schienen zu vermeiden (zum Beispiel durch die Navigation mit der Bike Citizens App). Die beste Hilfe bleibt aber nach wie vor, bei jeder Schiene, egal ob parallel oder quer zur eigenen Fahrtrichtung, besonders aufmerksam zu sein.

Tobias Finger square
Tobias Finger ist freier Journalist und Sozialwissenschaftler in Berlin. Wenn er nicht schreibt, kutschiert er Laptop, Kamera und Notizbuch mit dem Rad durch die deutsche Hauptstadt.

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Kommentare
  • Thieringer

    In Belgien (Lüttich) hab ‚ ich solche Gummi-bewehrten Straßen bahnschienen gesehen. Mein Aufenthalt war aber zu kurz, um Nachforschungen anzustellen. Die Fremdenführerin wusste aber nichts von Nachteilen und Elastmerkrümel waren auch nicht zu sehen!

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