Das urbane Fahrradmagazin

Sprache im Verkehr: Positives Klima danke Kampagne

Dass Sprache das Denken beeinflusst und somit die Realität formt, ist bei so manchem gesellschaftspolitischen Thema ein Knackpunkt. Auch im Verkehr wird das Thema brisant: Eine Nachbarschaftsinitiative aus Seattle hat gezeigt, dass bewusster Umgang mit Sprache zu einem bewussteren Umgang im Miteinander führen kann. Die aufgeheizte Stimmung im Alltagsverkehr konnte so abgefangen werden.

Radfahrer, Autofahrer, Fußgänger

Menschen, die Rad fahren, die Auto fahren, die zu Fuß gehen als Radfahrer, Autofahrer (oder gar nur „Autos“) oder Fußgänger zu bezeichnen, suggeriert, dass diese Menschen sonst nichts anderes tun oder sind. Indem man jemanden als „Radfahrer“ oder „Autofahrer“ bezeichnet – mit allgemeinen Begriffen also – wird das Besondere dieser Person unterschlagen. Und da ja die Sprache das Denken beeinflusst, denken wir dann auch nur noch in diesen Schubladen.

Bewusster Umgang mit Sprache

Man kann aber versuchen, sich selbst auszutricksen und sensibler zu sein im Umgang mit der Sprache. Also tatsächlich zu sehen, dass hinter der allgemeinen Bezeichnung „Radfahrer“, „Autofahrer“ oder „Fußgänger“ auch ein Mensch steckt. Und es ist ja auch so, dass niemand nur „Radfahrer“, „Autofahrer“ und „Fußgänger“ ist, sondern oft genug sind wir alles Drei oder zumindest Zwei. Genügend Menschen nützen alle drei Formen des Transports (wenn man von Öffis absieht): Nahverkehr mit dem Rad, durch Fußgängerzonen schlendern und mit dem Auto auf Urlaub fahren.

Radfahrer vs. Menschen, die radfahren

„War on Cars“ in den Zeitungen

Was sich bis jetzt nur nach grauer Theorie anhört, hat sich bereits bewährt. In Seattle startete die Bürgerinitiative „Seattle Neighborhood Greenways” eine Kampagne zur Sprachsensibilisierung in Bezug auf den Verkehr. Die Verkehrspolitik in Seattle sah sich seit 2009 mit einem Phänomen konfrontiert, das als „Bikelash“ bezeichnet wurde: Also ein „Backlash“ in Bezug auf das Radfahren – eine Art Gegenreformation der Verkehrsentwicklung.

Befeuert wurde dies durch die unsägliche Phrase eines „War on Cars“, der auf den Straßen der USA geführt werde. Diese Phrase betraf Investitionen im Bereich der öffentlichen Verkehrsmittel sowie im Fahrradbereich in Toronto und Seattle. Massiv befeuert wurde dies von Boulevardmedien und konservativen Medien, die der Autolobby nahestehen. Die ganze Geschichte von „War on Cars“ könnt ihr hier nachlesen.

„Seattle Neighborhood Greenways“ nahm ganz bewusst das Wort „Fahrrad“ – oder „Bicycle“ in ihren Namen nicht auf, obwohl die Organisation keinen Hehl aus ihrer Pro-Fahrrad Politik machte. Ihr Ziel war einfach die Errichtung von verkehrsberuhigten Straßen zum Gehen, Laufen oder Radfahren, und das taten sie unter dem Namen einer Nachbarschaftsinitiative.

Negative Sprache bekämpfen

Einen wichtigen Teil der Initiative nahm die Bekämpfung negativer Sprache im Verkehr ein. Was sich nach rigoroser Sprachpolitik anhört, wurde durchwegs positiv aufgenommen. Sowohl Medien als auch Politik nahmen sich die neue Sprachregelung zu Herzen.

Der Prozess der gemeinsamen Sprachfindung war natürlich nicht bloß auf die „War on Cars“-Fraktion beschränkt. Auch ältere Fahrradorganisationen – wie der „Cascade Bicycle Club” – die eingebunden wurden, änderten ihre Sprache dahingehend, ihre Projekte nicht nur mehr als „Fahrrad-Projekte” zu bezeichnen. Dies implizierte nämlich, dass ausschließlich Radfahrer davon profitieren.

Sprache im Verkehr

Rollen im Verkehr neu gestalten

Der Bikelash, unter dem die Radfahrerinnen – aber auch alle anderen Bewohner – in der aufgeheizten Stimmung zu leiden hatten, konnte mit dieser und anderen Maßnahmen beruhigt werden. Vielleicht sollte man manchmal daran denken, dass im Auto oder auf dem Rad doch ein Mensch sitzt. Und dass die Rollen ebenso gut vertauscht sein könnten.

Foto © Bike Citizens & © Seattle Neighborhood Greenways

Entdecke die Welt von Bike Citizens > www.bikecitizens.net

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