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#SNECKDOWN – Schnee macht Straßen sicherer

Abbiegeassistenten? Teure Nachrüstungen in der Verkehrsinfrastruktur? Fast unnötig! Oft reicht etwas Schnee für mehr Sicherheit im Straßenverkehr – oder etwas Farbe und Poller - und es kommt vom #sneckdown zum Neckdown.

Tobias Finger square
Tobias Finger ist freier Journalist und Sozialwissenschaftler in Berlin. Wenn er nicht schreibt, kutschiert er Laptop, Kamera und Notizbuch mit dem Rad durch die deutsche Hauptstadt.
Wo steckt hier der #snecksown ? © Justin Snyder / Unsplash

So ein Schneefall in der Stadt ist schön. Auch wenn er vielleicht unpraktisch sein mag, weil Busse sich verspäten, Straßen glatt sind und Radwege nicht geräumt werden, sorgt er doch zumindest optisch für willkommene Abwechslung. In einer ansonsten grauen Jahreszeit sehen frisch eingeschneite Städte automatisch adrett aus.

Allerdings versteckt die weiße Decke, die sich über die Straßen der Stadt legt, nicht nur die graue Beton-Tristesse. Im Gegenteil, Schnee kann auch aufdecken. Nämlich die Fahrgewohnheiten von Autos und entsprechende Freiräume für andere Mobilitätsarten. Denn überall dort, wo der Schnee nicht befahren ist oder aufgetürmt den Weg versperrt, verrät uns dieser einiges über unser Mobilitätsverhalten. Und das hat auch einen Namen:  SNECKDOWNS

 

 

Braucht der motorisierte Individualverkehr diese Flächen?

Vom #sneckdown zum Neckdown…

#sneckdown geht viral
Sneckdown ist ein Neologismus aus snow, also Schnee, und neckdown, einer Bordsteinverbreiterung zur Verkehrsberuhigung. Insbesondere in den sozialen Medien (#sneckdown), aber auch unter Experten und Expertinnen für Stadt- und Verkehrsplanung wird er gerade im aktuellen schneereichen Winter viel diskutiert. Dabei wurde der Begriff Sneckdowns schon 2011 von Clarence Eckerson Jr. für seinen Blog Streetfilms geschaffen.

Die Idee ist simpel. Einerseits sorgt der Schnee für eine natürliche Verkehrsberuhigung. Andererseits kann man mit einer Schicht Schnee auf den Straßen nach wenigen Stunden die Fließmuster und Raumnutzung des Verkehrs deutlich erkennen, insbesondere des motorisierten.  Wo Autos fahren, lässt sich anhand der entstandenen Spuren ziemlich eindeutig ablesen. Heißt im Umkehrschluss auch: Überall, wo keine Spuren auf der Straße sind, also auf den Sneckdowns, fahren auch keine Autos. An dieser Stelle darf man berechtigterweise fragen: Braucht der motorisierte Individualverkehr diese Flächen überhaupt?

Philadelphia sagt: Nein.
Wenngleich die simple Funktionalität von Sneckdowns überall dort beobachtet werden kann, wo hin und wieder Schnee fällt, lautete die Antwort der Behörden in Philadelphia im US-Bundesstaat Pennsylvania schon 2011: Nein. Basierend auf den Beobachtungen nach einem heftigen Schneefall wurden die temporären Sneckdowns zwei Jahre später als dauerhafte Neckdowns integriert. An der Kreuzung Baltimore Avenue und 48th Street gibt es seitdem einen kleinen Platz, deutlich verkürzte Fußgängerüberwege und sicherere Abbiegewinkel.

Ein nahezu perfektes Beispiel dafür, was (S)neckdowns erreichen:

• Verkehrsberuhigung durch schmalere Fahrspuren sowie engere Kurven und Kreuzungen, die Autofahrende zum abbremsen bringen

• Bessere Sichtbarkeit von und kürzere Wege für zu Fuß Gehende und Radfahrende

• Mehr Bepflanzung und öffentliche Räume wie kleine Plätze im Straßenraum

• Erhöhte Sicherheit für alle am Straßenverkehr beteiligten Personen

Fahrverhalten analysieren und reagieren
Bei Schneefall lässt sich nicht nur das Fahrverhalten von Autofahrenden einfach analysieren. Auch, wo zu Fuß Gehende ihre Trampelpfade hinterlassen, kann als Schablone für Verkehrsplaner und -planerinnen gelten, etwa für Fußgängerinseln und -überwege. Schon in den 70ern orientierte sich der Architekt Christopher Alexander daran, als er die Wegführung auf dem Campus der University of Portland in Eugene, Oregon umgestaltete. Weil es dort nicht so häufig schneit, ließ er Gras aussähen und die über Monate immer weiter vertieften Trampelpfade später betonieren.

Für sicherere Infrastruktur reicht etwas weiße Farbe und zwei Poller
Im öfter verschneiten Finnland nutzen Stadtplaner schon seit einigen Jahren die sogenannten „Desire Lines“, also Wunschpfade, um Bewegungsmuster zu analysieren und die Verkehrsführung entsprechend zu optimieren. Trotz kleineren Schwierigkeiten, etwa dass die Fahrspur von Transportern und LKW nicht so breit ist, wie das Fahrzeug selbst, zeigen Sneckdowns eindeutig auf, wo der Straßenraum unnötigerweise dem motorisierten Individualverkehr zugesprochen wird.

Und um sie auch über die kalte Jahreszeit hinaus dauerhaft zu implementieren, bedarf es nur ein bisschen weißer Farbe, zwei bis drei Poller oder Blumenkästen – und den Willen der örtlichen Verkehrsbehörde. New York City geht da beispielhaft voran, wie Streetfilms auf ihren Youtube-Channel mehrfach zeigt:

Fazit
Es braucht keine unzuverlässigen Abbiegeassistenten (noch mehr fehleranfälltige Technik?), kostenintensive Infrastruktur-Nachrüstungen oder Rundumreflektoren an Fahrrad und Radfahrenden.

Manchmal reicht ein bisschen Schnee, um die Verkehrsführung für Radfahrende und zu Fuß Gehende deutlich sicherer zu machen.

Tobias Finger square
Tobias Finger ist freier Journalist und Sozialwissenschaftler in Berlin. Wenn er nicht schreibt, kutschiert er Laptop, Kamera und Notizbuch mit dem Rad durch die deutsche Hauptstadt.

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