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Alleine mit den Öffis zur Schule: Können Erstklässler drei Mal umsteigen?

Wie bringt man sein Kind auf dem sichersten Weg in die Schule? Vor dieser Frage stehen Eltern spätestens am Tag der Einschulung. Die Diskussionen, ob das Kind bereits mit Beginn der ersten Klasse oder erst mit zehn Jahren allein am Straßenverkehr teilnehmen darf, spaltet Deutschland.

Foto: Bike Citizens

„Dabei muss die ganze Situation aus Sicht des Kindes und nicht einzig der Eltern betrachtet werden“, so Daniel Kofler, Vater, Gründer und CEO von Bike Citizens, einer Online Plattform und Community für Menschen, die gerne in der Stadt mit dem Rad unterwegs sind. Der passionierte Fahrradkurier erzählt von seinen eigenen Erfahrungen im Schulweg-Training mit seiner 8-jährigen Tochter und verrät seine Erfolgsgeheimnisse:

„Papa, ich trau mich nicht!“ – Gemeinsam Ängste überwinden

Der Schulweg muss geübt werden – darüber sind sich alle einig. Über das Wie hat sich Daniel Kofler, der mit seiner Familie in Graz lebt Gedanken gemacht und eine eigene Methode überlegt, die sich der naturgegebenen Neugier von Kindern bedient und so immer mehr Freiheit und Selbstständigkeit verleiht. Schrittweise wird beim täglichen Weg zur Schule immer mehr Verantwortung auf das Kind übertragen. Die Lösung klingt so einfach, wie einleuchtend: Er begleitet seine Tochter, die mit den öffentlichen Verkehrsmitteln fährt, mit dem Fahrrad. Während sie im Bus sitzt, fährt er hinterher und hält vom Fahrrad aus Blickkontakt. Bis es jedoch soweit war, dass Koflers Tochter allein in der Tram saß, dauerte es Wochen. Viele gemeinsame Fahrten, Erkundungen der Heimat- und Schulstationen sowie verschiedene Umstiegpunkte wurden wiederholt, bis es keine Unsicherheiten mehr gab. Bei dieser Methode besteht zwar eine Distanz zwischen Vater und Tochter, jedoch sind beide nicht völlig getrennt voneinander. Dies beruhigt Daniel Kofler und entschärft die gesamte Situation aus Sicht der Tochter. Dadurch merkt sie, dass es ohne Papa gar nicht so schlimm ist, alleine im Bus zu sitzen und wird dadurch immer selbstständiger. Die Steigerung dazu ist das alleinige Fahren einiger Teilstrecken, während er an der nächsten Haltestelle wartet. Mit jedem Tag gewinnt das Kind mehr Vertrauen und wird sicherer, bis es den Schulweg alleine beschreiten kann.

„Ich bin schon groß!“ – Auf die Erfahrung kommt es an

Ab wann sollten Kinder den Weg zur Schule alleine antreten dürfen? Ab wann sollten sie selbstständig Wege zurücklegen, bei denen sie ein, zwei oder gar drei mal umsteigen müssen? Daniel Kofler hat dazu seine ganz eigene Theorie. Denn seiner Meinung nach kommt es nicht auf das Alter des Kindes an, sondern auf die bereits gesammelten Erfahrungen, auf die es zurückgreifen kann. Einmal hat seine Tochter ihre Handschuhe eine Station vor Endstation in der Tram liegen gelassen und weinte bitterlich. Ihr Papa, der an der Station auf sie wartete, konnte diese Situation durch seine Ruhe und Erfahrung entschärfen. Die Lösung war einfach: Sie warteten gemeinsam darauf, dass die Tram wieder zurückkam und siehe da: Die Handschuhe lagen noch an ihrem Ort. Je unterschiedlicher die Situationen sind, auf die das Kind in Begleitung stößt, desto eher weiß es, wenn es später einmal alleine unterwegs ist – in neuen, unbekannten Situationen zu reagieren. So spielt Daniel Kofler die Situationen immer wieder mit seiner Tochter durch und überlegt mit ihr gemeinsam, was zu tun ist. Das Kind soll in seinen Augen Niederlagen einstecken können und auf gemeisterte Hürden stolz sein.

Ein Schritt vor und zwei zurück – Nicht gleich verzweifeln!

Das Kind soll lernen, dass es zu jeder Situation eine Lösung gibt. Denn nur weil man aus Versehen an der falschen Haltestelle ausgestiegen ist, heißt dies noch nicht, dass man nie mehr ans Ziel gelangt. Kofler geht diese Situationen immer wieder spielerisch mit seiner Tochter durch und fragt sie: „Was wäre denn dann?“, gemeinsam wiegen sie verschiedene Lösungen ab. So sieht sie, dass nicht jeder Fehler gleich eine Katastrophe bedeutet, denn Fehler passieren im Alltag und sind dazu da, um aus ihnen zu lernen. Seine Tochter weiß im Ernstfall genau, was zu tun ist. Sie fährt nach Hause und wartet dort auf ihren Papa. Wohnungsadresse und Schlüssel befinden sich in ihrem Rucksack und den Weg soll sie im Zweifelsfall bei Menschen in Uniformen, wie Polizei oder Ordnungsamt erfragen.

Für Schulweg-Profis – Mit dem Fahrrad die Strecke optimieren

Das Fahrrad als Begleiter bei dieser Methode hat einen entscheidenden Vorteil: es ist wendig und schnell. Dadurch ermöglicht es individuelles Einschreiten in veränderten Situationen. Abgesehen davon ist es auch verlässlich, denn mit keinem anderen Verkehrsmittel benötigt man für dieselbe Strecke an verschieden Tagen gleich lang, weder Stau noch Umleitungen kosten unerwartet Zeit. Das Fahrrad ist in diesem Fall Mittel zum Zweck. Für jemanden für den das Fahrrad eine zentrale Rolle in der urbanen Mobilität spielt, mag das eine offensichtliche Lösung sein, doch was wenn man kein Fahrradkurier ist? Für dieses Problem haben Kofler und sein Team eine App gebaut. Unter Berücksichtigung des Know-Hows von lokalen Fahrradkurieren, kann sich jeder den gemütlichsten oder – wenn gewünscht – auch schnellsten Weg von A nach B finden. Das macht nicht nur Spaß, sondern zeigt die Stadt auch aus einem anderen Blickwinkel.

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