Das urbane Fahrradmagazin

Die schnellen Sonntags-Radfahrenden von Prag

Prag ist eine Stadt voller Widersprüche. Zumindest, was das Radfahren betrifft. Die Infrastruktur ist stark unterentwickelt, die goldene Stadt an der Moldau hat aber durchaus Potenzial. Doch was auf den ersten Blick als Vorteil für die Radkultur erscheint, entpuppt sich hier als Nachteil. Wie etwa die Tatsache, dass Tschechinnen und Tschechen voller Begeisterung aufs Rad steigen.

portrait jan krcmar SA
Jan Krcmar is living in Prag since 2006, where he works as a PR-Expert. Jan grew up in Vienna. In the capital of Austria the bicycle became his first choice of means of transport. Today he is living with his family in a car free household and counts on his bike, public transport and carsharing.
Prager und Pragerinnen mit Begeisterung im Radsattel © AutoMat

Bei meinem Umzug von Wien nach Prag im Jahr 2006 kam mein Rad natürlich mit. Bald merkte ich, dass ich als Radfahrer zu einer kleinen Minderheit gehörte. Als städtischer Radfahrer zumindest, der mit dem Rad zur Arbeit pendelt. Es war eine echte Herausforderung! (Mehr dazu gibt es hier nachzulesen: Radfahren in Prag) Dabei wäre das Rad für Prag die ideale Mobilitätslösung! Enge historische Gässchen, überfüllte öffentliche Verkehrsmittel, Fußgängerzonen, die optimal für Cargo-Bikes sind. Und nicht zuletzt die fahrradbegeisterten Pragerinnen und Prager, die fast alle am Wochenende hochwertige Mountainbikes auspacken und Radausflüge unternehmen. Aber das ist Prag. Hier ist aber alles anders. Der Platzmangel in den Gässchen wird gelöst, indem man die Gehsteige zu Parkplätzen umfunktioniert. In den Fußgängerzonen wimmelt es von Autos mit Sondergenehmigungen, während Radfahren verboten ist.

Wochenend-Radfahrende
Ein spezielles Kapitel ist der Typus „Wochenend-Radfahrende”. Radfahren ist in Tschechien eine der beliebtesten Sportarten. Bald fällt mir auf, dass am Sonntagabend die U-Bahn beim Hauptbahnhof voller Radfahrer/innen ist, die bereits nach wenigen Stationen aussteigen. In den Straßen sehe ich Räder auf Autodächern, die am Stadtrand abgeschnallt werden. Ich frage ein paar fahrradaffine Freunde, warum sie nicht die paar wenigen Stationen mit dem Rad fahren? Warum sie das Auto nicht ganz zu Hause lassen? Die Antwort ist eine Gegenfrage: Ich soll in der Stadt mit dem Rad fahren?

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Beim großen Frühlingsradsport © AutoMat

Mein Fahrrad ist ein Sportgerät
In vielen Städten Tschechiens – vor allem im jahrzehntelang konservativ regierten Prag – wird Radfahren primär als Sport gesehen. Das Radwegnetz wurde nur am Stadtrand ausgebaut. Fahrrad-Aktivitäten fallen ins Sportressort. Kommunalpolitiker betonen oft, dass Radfahreneine Angelegenheit für sportliche, junge Menschen sei. Im Modal-Split, der Statistik mit der die Verkehrsmittelwahl in einer Stadt gemessen wird, liegt das Rad landesweit aktuell mit 1-2 Prozent weit abgeschlagen an letzter Stelle.

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Der Tschechische Verkehrsminister Ťok auf dem Cross Bike © AutoMat

Zunächst dachte ich, das Potential für Radverkehr in Prag muss aufgrund der hohen Anzahl an Wochenendradfahrern und Fahrerinnen enorm sein. Nicht nur, weil Mountainbikes für das grobe Kopfsteinpflaster wie gemacht sind. Ein Generalstreik der Verkehrsbetriebe verwandelte Prag vor einigen Jahren für einen Tag in Kopenhagen. Die Prager Bike-Lobby AutoMat organisiert jedes Jahr im Mai eine Bike-To-Work Kampagne. Bei dieser werden mehrere Tausend neue Radfahrer/innen in den Sattel gelockt. Gleichzeitig sieht man allerdings im Mai auch immer deutlich, dass immer noch die Vorstellung vom Fahrrad als Sportgerät dominiert. Statt urbanem Cycle-Chic trifft man auf Radfahrer/innen in Sportdressen, die unterwegs zur Arbeit extra Umwege machen, um ordentlich zu schwitzen. Unternehmen fördern diese Art des Radfahrens sogar mit Abstellräumen und Duschen! Radfahren dient dem Teambuilding und der Fitness. Dafür ist Budget vorhanden. Zum Kunden soll man aber lieber nicht mit dem Fahrrad fahren. Wer, wie ich, wenn nötig auch im Anzug fährt, wird angestarrt. Wie soll man schick gekleidet fahren, wenn das Rad mit Klickpedalen ausgestattet ist?

Zum Kundentermin fährt man lieber nicht mit dem Fahrrad  © AutoMat

Fahrgewohnheiten
Das größte Problem beim Umstieg von Sport- auf Alltagsrad sind allerdings die Fahrgewohnheiten. Am Wochenende kann man schnell auf speziellen Radwegen fahren. Die Nähe zu PKWs ist man nicht gewohnt. Im städtischen Verkehr werden Radstreifen auf der Fahrbahn sogar gemieden. Gefahren wird auf dem Gehsteig. Und das im Tempo, das man vom Wochenendausflug gewohnt ist. Langsam fahren kommt nicht in Frage. Manchen ist das so fremd, dass man statt aufs Fahrrad sogar lieber ins Auto oder in die U-Bahn steigt. Besonders dann, wenn es am Arbeitsplatz keine Dusche gibt und man von der schnellen Fahrt zur Arbeit verschwitzt wäre. Langsamer fahren? Unmöglich.

Das folgende Szenario ist auf Prags Straßen ganz alltäglich: Durchtrainierte Radsportler und top fitte Radsportlerinnen auf Premium-Cyclocrossern schlängeln sich rasant auf dem Bürgersteig durch Passanten und Passantinnen. Der Radstreifen, der direkt daneben auf der Straße verläuft, ist ungenutzt. Dazu kommt die Gewohnheit vieler, den Bürgersteig als Notfallparkplatz fürs Auto zu verwenden. Beide Verhaltensweisen werden eigentlich nie bestraft. Jedoch bestätigt all dies wiederum viele Politiker/innen und auch große Teile der Bevölkerung in der Ansicht, Radfahrer/innen seien gefährlich und gehören an den Stadtrand. Dabei steigt die Anzahl der Personen auf dem Fahrrad in Prag jedes Jahr, wenn auch langsam.

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Mountainbikes sind auch in der Stadt die 1. Wahl  © AutoMat

Damit ergeben sich für Prag zwei Szenarien
1.) Mehr und mehr Radfahrende unterwegs auf mangelhafter oder nicht akzeptierter Infrastruktur, was steigende Unfallzahlen zur Folge hat. Oder
2.) eine Stadtregierung, die erkennt, dass auch ein paar Prozent mehr Radnutzende Wunder für prall gefüllte Straßenbahnen bewirken können.

Jedoch sollte man sich von der Vorstellung verabschieden, Radfahren sei ausschließlich Sport und das Rad sei als Verkehrsmittel nicht geeignet. Andere tschechische Städte, wie Pardubice oder Königgrätz, haben das längst geschafft. Nur die Hauptstadt braucht offenbar noch ein bisschen länger. In Prag ist das Auto ein Statussymbol und Schnellfahren ein Kavaliersdelikt.

portrait jan krcmar SA
Jan Krcmar is living in Prag since 2006, where he works as a PR-Expert. Jan grew up in Vienna. In the capital of Austria the bicycle became his first choice of means of transport. Today he is living with his family in a car free household and counts on his bike, public transport and carsharing.

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