Das urbane Fahrradmagazin

Schneller, höher, weiter: Langsam bitte. Warum schnelle Räder und Radschnellwege nicht mehr Lebensqualität bedeuten.

Wer von A nach B muss, will kompromisslos schnell sein. Egal ob mit Fahrrad, Auto oder Zug. Zeit gewinnt man damit in Wirklichkeit keine. In Sachen Lebensqualität ist Langsamkeit Trumpf. Eine Streitschrift!

Tobias Finger square
Tobias Finger ist freier Journalist und Sozialwissenschaftler in Berlin. Wenn er nicht schreibt, kutschiert er Laptop, Kamera und Notizbuch mit dem Rad durch die deutsche Hauptstadt.
Städte werden nicht lebenswerter wenn statt mit dem Auto mit dem Fahrrad gerast wird © Mike Kotsch / Unsplash

Schneller, höher, weiter – dieses Paradigma wird heute in vielen Lebensbereichen angeführt. Der Erfolg einer Volkswirtschaft wird an ihrem Wachstum gemessen. Die Fähigkeiten von Arbeitnehmenden an ihren Performances. Die Leistung von Supercomputern an der Rechengeschwindigkeit. Die Menschheit hat die Abwandlung des Olympischen Mottos „Citius, Altius, Fortius“ – das bei den Spielen in Paris 1924 das erste Mal zitiert wurde –  soweit internalisiert, dass es immer nur mehr darum geht, Rekorde zu brechen. Das ehrt sie einerseits. Andererseits ist es nicht überall angebracht.

…wenn die Räder schneller und die Wege länger werden,
gewinnt man keine Lebensqualität. 

Der Mensch im Geschwindigkeitsrausch
Werfen wir einen Blick auf die Alltagsmobilität. Bei Fortbewegungsmitteln ist der Fortschritts-, der Verbesserungsgedanke Messlatte und „Motor“ der Entwicklung. Autos zum Beispiel: Der motorisierte Individualverkehr ist in den letzten 100 Jahren kontinuierlich schneller geworden. Zeit spart das den Fahrenden in der Regel nicht, zum Beispiel beim Pendeln. Denn die Strecken, die auf dem Arbeitsweg zurückgelegt werden, sind gleichermaßen mit dem Tempo gewachsen und einfach weiter geworden, allein zwischen 2002 und 2008 um durchschnittlich 2,5 Kilometer.

Mit wachsender Geschwindigkeit ist ebenso das Unfallrisiko höher geworden. Von 2016 auf 2017 stieg die absolute Zahl von polizeilich erfassten Verkehrsunfällen in Deutschland um 2,2 Prozent, im Vergleich mit 1991 hat sie sich um rund 14 Prozent erhöht. Wenngleich das Risiko einer schwerwiegenden Verletzung dank neuer Technologien gesunken ist, wird doch deutlich, dass das Prinzip „schneller, höher, weiter“ kein Plus an Lebensqualität brachte – denn die viel versprochene „gewonnene“ Zeit durch Geschwindigkeit existiert einfach nicht. So konstatiert das statistische Bundesamt: „Wir sind schneller unterwegs, aber der Zeitbedarf für Mobilität bleibt seit Jahren nahezu konstant. Der Grund: Weil wir schneller sind, können wir mehr und weitere Strecken zurücklegen.“ Dasselbe Szenario auf dem Fahrrad, obwohl da noch zum Teil Muskelkraft und Kraftausdauer als intervenierende Variablen auf die Schnelligkeit wirken.

Stattdessen sollte jede Strecke ihre angemessene Geschwindigkeit haben. Kurze Wege können in kurzer Zeit zurückgelegt werden. Das zeigt auch das 5-Minutes-by-Bike-Feature von Bike Citizens, das veranschaulicht, wo man innerhalb von fünf Minuten von einem bestimmten Startpunkt aus überall sein kann. Radfahren sollte ohne Stau, ohne Lärm und ohne schlechte Luft ablaufen – und jeder Weg mit dem richtigen Speed.

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Für schnelles und sicheres Vorankommen in der Stadt braucht es vor allem eine geeignete, designierte Infrastruktur – das bringt mehr als schnelle Räder! © Eduardo Enrietti / Unsplash


Die lebenswerte Stadt
Statt mit dem PKW pendeln in Deutschland immer mehr Menschen mit dem Fahrrad zur Arbeit. Das ist eine positive Entwicklung, denn es schützt die Gesundheit, Umwelt und den öffentlichen Raum. Das ist der Grundgedanke beim Leitmotiv der „lebenswerten Stadt“ die von Stadtplanern über Politik bis zu Bürgerinitiativen die Entwicklung moderner Metropolen dominiert. Obendrein ist man bei Strecken bis ca. 8 km im urbanen Raum mit dem Rad meist am schnellsten, so der Status Quo und ein gern genommenes Argument pro Fahrradmobilität.

Fazit: Das Fahrrad ist die Zukunft, postuliert die Mobilitätswende. Doch wenn die Räder schneller und die Wege länger werden, gewinnt man auch hier keine Lebensqualität in der kostbaren Währung „Zeit“ und lebenswerter werden Städte auch nicht, nur weil statt mit dem Auto mit dem Rad gerast wird. Das Problem wird verschoben, aber nicht gelöst.

…lebenswerter werden Städte auch nicht, nur weil statt mit dem Auto mit dem Rad gerast wird. Das Problem wird verschoben, aber nicht gelöst.

Mehr Infrastruktur statt mehr Tempo
Geschwindigkeit ist nicht alles. An erster Stelle braucht es für mehr Lebensqualität und gutes Vorankommen keine (noch) schnelleren Räder sondern (a) viele Radfahrende (neben vielen anderen Radfahrenden) und (b) eine geeignete Infrastruktur. Radschnellwege sind eine gute Option (von vielen), die in Metropolen von Kopenhagen bis London schon umgesetzt wird. Auch in Berlin gibt es mit der „Radbahn” eine entsprechend populäre Initiative (die Bike Citizens berichteten). Ebenso haben S-Pedelecs (E-Bikes, die bis zu 45 km/h Tretunterstützung geben, als Kleinkrafträder gelten und versicherungspflichtig sind) in mancher Hinsicht ihre Berechtigung.

There Is No Alternative
Aber drehen wir den Spieß mal um. Vielleicht geht es in der Sache „Lebensqualität“ gar nicht um schneller, höher, weiter? Vielleicht müssen wir einen Schritt zurück machen und den TINA-Gedanken (There Is No Alternative) des omnipräsenten Wachstumsparadigmas ablegen. Schneller bedeutet nicht zwangsläufig besser. Auch nicht auf dem Rad. In Fußgängerzonen, in Wohngegenden und überall dort, wo sich Menschen begegnen zum Beispiel. Spielstraßen für Kinder zum Beispiel. Sie sind ein Segen sowie extremer Mehrwert für Familien und Nachbarschaften – und keine Freie-Fahrt-Highspeed-Abkürzung. Oder verkehrsberuhigte Einkaufsstraßen; Diese bringen wider Erwarten und Protesten dem Einzelhandel großen Kundenzuwachs und sorgen für Aufenthaltsqualität.

Es geht nicht darum, Radfahrer und Radfahrerinnen auszubremsen. Im Gegenteil! Der erste Schritt ist nach wie vor eine geeignete Infrastruktur. Die Verkehrsplanung soll nicht ausbremsen, sondern ermöglichen, gleichermaßen schnell und langsam fahren zu können. Die Geschwindigkeit, die jeder und jede für sich selbst wählt, sollte überall ihre Berechtigung und ihre Entfaltungsmöglichkeit haben – nur so wird Radverkehr zur echten Alternative zum motorisierten Individualverkehr.

…wieso ist SCHNELL die Normalität,
während LANGSAM die Ausnahme bleibt?

Von der idealen Straße zur idealen Stadt
Getrennte und klar zugewiesene Infrastruktur für alle entzerrt die Lage. Mit entsprechender Langsamkeit keimt ein sehr empfindliches Pflänzchen: Die Lebensqualität! Je langsamer der Verkehr, desto höher die Lebensqualität: Das zeigt auch eine Studie des VCÖ. In Basel sagten 27 Prozent der Befragten, dass Begegnungszonen mit einem Tempolimit von 20 Kilometern pro Stunde „(fast) ihre ideale Straße“ seien. Schon bei Tempo-30-Zonen lag die Zustimmung nur noch bei 4 Prozent.

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Oasen der Ruhe vs. Oasen der Geschwindigkeit – was birgt Lebensqualität? © Fritz Bielmeier / Unsplash

Dem allgegenwärtigen Rausch der Geschwindigkeit in Sachen Mobilität werden Oasen der Ruhe entgegengestellt – so weit, so gut. Aber ist das nicht absurd? Wieso ist schnell die Normalität, während langsam die Ausnahme bleibt? Wir sollten andere Maßstäbe anlegen. Normal sollte das menschliche, natürliche Tempolimit sein. Und dem gehören Oasen der Geschwindigkeit gegenübergestellt, wo man sie braucht. Geschwindigkeit ist unabdingbar. Sie hat ihren berechtigten Platz in unserer Gesellschaft. Und in der Infrastrukturplanung. Nur muss der klar designiert sein: Auf Durchgangsstraßen wie Hauptverkehrsadern, auf Autobahnen wie Radschnellwegen. Auf dem ICE-Express von München nach Berlin und beim Flug von Frankfurt nach New York.

Aber es gibt eben auch Orte, wo sie nichts zu verloren hat. Dort, wo sich Menschen begegnen – egal welchen Alters, wo Kinder sicher spielen, entdecken oder sogar Radfahren (lernen) dürfen.

Und wo wir alle mal den Tempomat ein wenig drosseln. Und nicht langsam sind. Sondern „normal“ schnell. Das bringt häufig wahre Lebensqualität und Zeit!

Tobias Finger square
Tobias Finger ist freier Journalist und Sozialwissenschaftler in Berlin. Wenn er nicht schreibt, kutschiert er Laptop, Kamera und Notizbuch mit dem Rad durch die deutsche Hauptstadt.

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