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Die Renaissance des Cargobikes #2: Cargobike-Fibel und Typenkunde. Welches Rad für wen und welchen Zweck?

Bike Citizens schaffen in der dreiteiligen Serie den Überblick über das Trendthema Cargobike: Faktencheck und Infopool rund um Modelle, Kaufprämien und Finanzierung sowie Leihräder, Infrastruktur und Fahrradparken. Ein Gespräch mit dem Experten, für alle die ihr Rad als Transportmittel nutzen (möchten)! (Teil 2/3)

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Die leidenschaftliche Pedalistin hat schon einige (Welt-)Reisekilometer im Radsattel gesammelt und verbindet tagtäglich Faltrad mit ÖPNV in Berlin. Ihr Zugang zum Fahrrad(fahren) ist vielschichtig-detailverliebt bis unkompliziert-pragmatisch und reicht in ihre frühen Jugendtage in Österreich (Graz) zurück. Ob total beladen, super lightweight, 16 Zoll oder 29er, gefahren wird alles was gute Laune macht.
Photo © Karen Rike Greiderer

Colin Pöstgens, Cargobike-Experte, steht Bike Citizens Rede und Antwort rund ums Trendthema. Am Ende jedes Gesprächs gibt es eine Sammlung der wichtigsten Links und weiterführenden Artikel. Die drei Teile im Überblick:

#1: Warum boomt das Rad? Eine Einnordung des Trends.
#2: Cargobike-Fibel und Typenkunde: Welches Rad für wen und welchen Zweck?
#3: Finanzierung und moderne Städte: Was hat „Nutzen statt Besitzen“ mit der Verkehrswende zu tun?

 

Die Renaissance des Cargobikes #2: Cargobike-Fibel und Typenkunde
Welches Rad für wen und welchen Zweck?

BC: In diesem zweiten von drei Teilen schauen wir uns die „private Nutzung“ an. Typenkunde und Zwecke stehen im Fokus. Und zuallererst braucht es eine Begriffsklärung: Colin, du sagst eigentlich immer Cargobike – dabei fallen aber auch Bezeichnungen wie Lastenfahrrad, Transportrad, Familienrad, Utility Bike, Nutzrad… Wie heißt es denn?

CP: Ich möchte mich dem Wortlaut von meinem Kollegen Arne Behrensen von Cargobike.jetzt anschließen und „Cargobike“ als Sammelbegriff etablieren.

BC: Ein Sammelbegriff macht das Thema für Neulinge leider nicht übersichtlicher: Einspurig vs. mehrspurig, kurz vs. kompakt vs. lang, Kastenrad vs. Longtail, mit E-Antrieb, oder ohne. Wie finde ich mich zurecht? Braucht es das alles?

CP: Gleich vorweg: Jedes Cargobike hat seine Berechtigung und seinen Einsatzzweck. Zudem sind Cargobikes sehr vielseitig. Mit verschiedensten Aufbauten wie abschließbare Boxen, Kindersitz bzw. Kabinen oder Regenverdeck kann man das Rad je nach Zweck individuell modellieren. Die Elektrifizierung erweitert das Spektrum.

Cargobike Fibel Typen Lastenrad Utilitybike Familienfahrrad Familybike Bullitt Load Urban Arrow Longtail Tern Bike43 Christiania Bakfiets Riksha Schwerlastrad Bäckerfahrrad

Typologie der Cargobikes © Bike Citizens

 

BC: Wie bekomme ich einen Überblick über die Räder?

CP: Einen super Überblick gibt die Typenkunde im Katalog von nutzrad.de.

BC: Magst du zur Orientierung eine kurze Typenkunde inklusive Einsatzzweck geben?

CP: Was mir auf unserer Cargobike Roadshow aufgefallen ist: Schnelle, geübte Radfahrende greifen zum einspurigen, sportlichen Lastenrad ohne Elektrifizierung vom Typ „Long John“. Das Bullitt von Larry vs. Harry aus Dänemark ist das Bike für den Kurierdienst schlechthin. Familien, bei denen beide Elternteile das Rad gleichermaßen nutzen, greifen eher zu gefederten Tiefeinsteigern. Diese fühlen sich noch an wie ein normales Rad, sind intuitiv zu lenken und mit Lasten bzw. Kindern vorn drin angenehm zu fahren. Modelle die man kennt sind zB. das „Load“ von Riese + Müller oder das „Family“ von Urban Arrow.

“Bullitt” Harry vs. Larry © Cargobike Roadshow

Riese Müller Load Lastenrad Cargobike Waschmaschine Familie Fahrrad Cargobike

“Load” Riese & Müller © Riese & Müller / PD-F

Bullitt Larry Harry Lastenrad Cargobike Waschmaschine Familie Fahrrad Cargobike

“Family” Urban Arrow © Cargobike Roadshow

CP: Auch mehrspurige Cargobikes, die klassischen Kastenräder – wo vorn eine große Box zwischen zwei Rädern ist – sind bei Familien beliebt. Diese Räder sind zudem das perfekte Kiezfahrrad – gern im Einsatz bei Hausgemeinschaften, oder als Leih-Lastenrad. Weltbekannt und seit den 60er Jahren im Dauereinsatz: Das solide Christiania oder Bakfiets.NL mit den Vorteilen: kippt im Stand nicht, aufrechte Sitzposition, geräumige Ladefläche. Nur die Kurvenlage ist eine Herausforderung für Ungeübte. Wendiger sind da schon die Weiterentwicklungen des Klassikers, zB. Sblocs aus Berlin oder das Butchers&Bicycles aus Kopenhagen – diese Räder haben eine besondere Neigetechnik.

Christiania Cargobike Lastenfahrrad Familienfahrrad Kastenfahrrad

“Christiania” © Cargobike Roadshow

Cargobike Trike Mehrspurig Bakfiets

“CargoTrike” Bakfiets.NL © Cargobike Roadshow

“MK1-E” Butchers & Bicycles © Butchers & Bicycles

CP: Pragmatische Alltagsradfahrende oder Pendelnde greifen zum hierzulande noch exotischen, aber in den USA beliebten Longtail mit verlängertem Gepäckträger. Auf den Straßen zu finden sind Modelle von Yuba, bike43 oder brandaktuell das Tern GSD. Bei einer Gesamtlänge von 1,90 m ist das Longtail nicht wesentlich größer als ein “Normales Rad” und ein echter Allrounder.

Yuba Cargobike Lastenrad Longtail

“Mundo Classic” Yuba © Yuba Cycles

Bike43 Longtail Lastenrad Cargobike

“Bike43” © Bike43

Tern GSD Utility Bike Transport Cargobike Longtail Lastenrad Familienrad Transportrad

“Tern GSD” Tern © Boxbike Berlin

CP: Und dann gibt es eine relativ neue Gattung , die “Kompakt-Cargobikes” wie das Muli oder auch Sblocs. Diese sind kürzer und schmäler als der Standard – das Rad passt zB. in einen Aufzug oder durch schmale Hauseinfahrten.

SBLOCS Cargobike Kastenrad Hybrid Familiybike Utilitybike Transportrad

“Sblocs” © Sblocs Berlin

Muli Lastenrad Familienrad Compact Cargobike Kompakt Radstand kurz Faltbox Klappbox Hamburg

“Muli” © Muli Cycles

BC: Gibt es Cargobikes, die vorwiegend im gewerblichen Bereich im Einsatz sind?

CP: Die Transportbedürfnisse  sind im Wirtschafts- und Gewerbeverkehr ja noch komplexer als im Privatverkehr. Hier muss man nach Packmaß unterschieden – sind die Waren einheitlich, immer gleich und genormt oder fahre ich immer oder nur mal hier und dann Spezialmaße, eine Waschmaschine oder andere unförmige Güter aus? Das Projekt “Ich entlaste Städte” lässt gerade deshalb knapp 23 verschiedene Modelle testen!

Cargobike Schwerlastrad Fahrrad Umzug DLR Transportrad

Schwerlastrad © DLR

DHL Schwerlastrad Liegerad KEP Lieferdienst Cargobike

Liegerad Transporter © Jens Schlueter / Deutsche Post DHL Group

Rikscha Fahrradtaxi Velotaxi Potsdam Fahrradkonzert

“Rikscha” / “Fahrradtaxi” © Moghul Rikschas Berlin

BC: Gibt es typische Männer- und typische Frauen-Cargobikes?

CP: Cargobikes sind Unisex. Mit höhenverstellbaren Lenkerstangen und Sattelstangen – natürlich mit einem Handgriff und ohne Werkzeug – und einem kompakten Rahmen passt sich das Cargobike fix an unterschiedliche Körper an. Ob das Rad zu mir passt hängt vielmehr davon ab, wie sicher ich mich generell auf dem Rad und im Verkehr fühle, welchen Fahrstil ich pflege, was meine Wegezwecke sind und wo ich unterwegs bin.

BC: Die meisten Cargobike-Modelle gibt es ohne und mit (nachrüstbarem) E-Antrieb. Landläufig herrscht ja leider immer noch die Meinung, dass man mit einem E-Bike soviel schneller ist… Was spricht für einen e-Antrieb?

CP: Der Motor erhöht nicht unbedingt die Geschwindigkeit – schließlich endet die Tretunterstützung bei 25km/h. Aber der Motor ist beim Anfahren an der Ampel eine enorme Erleichterung, er schiebt bei Steigungen ordentlich an. Man spart Kraft und das erweitert den Radius. Worum es bei der Motorisierung des Cargobikes wirklich geht ist, dass Cargobike-fahren eine bequeme Alternative zum MIV (Anm.: Motorsierter Individualverkehr, aka. Auto) sein. Wir müssen weg von der Einstellung, dass Radfahren „Sport“ ist. Es geht doch vielmehr darum schnell und einfach von AnachBzu kommen, als eine sportliche Höchstleistung zu vollbringen!

BC: Wie finde ich jetzt das Modell, das perfekt zu meinem Fahr- und Lebensstil passt?

CP: Die wichtigsten Entscheidungskriterien sind Verwendungszweck und Platzbedarf. Stell’ dir einfach folgenden Fragen: Kommt das Rad beim Kindertransport und Einkauf im Kiez zum Einsatz – also ist dein Radius klein und gemütlich. Oder planst du längere Fahrten mit höherem Tempo oder etwa einen Urlaub oder eine längere Reisen mit dem Cargobike? Ersetzt das Rad ein Auto oder ergänzt das Rad ein Auto? Wo stellst du das Rad sicher und trocken ab?

Bullitt Larry Harry Lastenrad Cargobike Waschmaschine Familie Fahrrad Cargobike

Transport “für” die Familie statt “Familientransport” © Christoph Schulz

BC: Und wenn ich diese Fragen klar beantwortet habe, surfe ich den Hersteller an, packe das Rad in den Warenkorb, klicke auf „bestellen“ und pedaliere los…

CP: Bitte nicht. Testfahren unterschiedlicher Modelle ist ein MUSS vor dem Kauf. Viele Läden verleihen Cargobikes übers Wochenende. Und der Handel ist auch Profi wenn es um Reparatur und Wartung geht.

BC: Was tun wenn es in meinem Wohnort keinen entsprechenden Fachhandel gibt?

CP: Hilfreich ist ein Blick die Händlerumkreissuche des VCD– vielleicht gibt es einen Laden in der nächsten Stadt? Oder man schaut, welche Events, Testivals und Messen rund ums Rad in der Region passieren. Mit der Cargobike Roadshow besuchen wir zB. mit zwölf unterschiedlichen Marken sieben verschiedene Städte. Praktisch fürs Sammeln erster Erfahrungen sind „Freie Lastenräder“. Last but not least: Einfach die nächste Dame oder den nächsten Herrn ansprechen. Die Community ist offen und hilft sich gegenseitig, fast familiär. Dadurch verläuft der Cargobike-Trend auch ganz organisch.

BC: Vielen Dank – bin gespannt auf Teil 3 und die Frage nach der Finanzierung!

Links

  • Lastenrad Typenkunde auf Nutzrad.de >> Link
  • Dein Lastenrad.de mit Liste „Freier Lastenräder“ >> Liste
  • Forum Freie Lastenräder >> Karte bestehender Initiativen
  • VCD Lastenrad Händlersuche (Stand 8/2018: Liste wird nicht mehr aktualisiert) >> Link
  • Cargobike.jetzt – Der Infopool und Blog rund ums Cargobike >> Link
  • Cargobike Roadshow >> Link


Mehr zum Thema „Cargobike“ im Urban Independence Magazin der Bike Citzens
:

 

Colin Pöstgens Cargobike Katja Täubert

Über den Experten
Colin Pöstgens ist gebürtiger Münsterländer, passionierter Radfahrer und Bachelor of Science Raumplanung. Mit seinen Kollegen Wasilis von Rauch (Bundesvorstand VCD) und Arne Behrensen (cargobike.jetzt) organisiert er seit 2015 die Cargobike Roadshow. Diese bringt rund zwölf unterschiedliche Lastenrad-Modelle zum Testen in sieben Städte bzw. Regionen, wo das Angebot heute noch recht dünn ist. Daneben engagiert ersich seit Jahren in Bürgerinitiativen, gemeinnützigen Vereinen sowie beruflich für den Radverkehr. Foto © Katja Täubert

karen Greiderer_squarel
Die leidenschaftliche Pedalistin hat schon einige (Welt-)Reisekilometer im Radsattel gesammelt und verbindet tagtäglich Faltrad mit ÖPNV in Berlin. Ihr Zugang zum Fahrrad(fahren) ist vielschichtig-detailverliebt bis unkompliziert-pragmatisch und reicht in ihre frühen Jugendtage in Österreich (Graz) zurück. Ob total beladen, super lightweight, 16 Zoll oder 29er, gefahren wird alles was gute Laune macht.

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