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Die Renaissance des Cargobikes #3: Finanzierung und moderne Städte: Was hat „Nutzen statt Besitzen“ mit der Verkehrswende zu tun?

Bike Citizens schaffen in der dreiteiligen Serie den Überblick über das Trendthema Cargobike: Faktencheck und Infopool rund um Modelle, Kaufprämien und Finanzierung sowie Leihräder, Infrastruktur und Fahrradparken. Ein Gespräch mit dem Experten, für alle die ihr Rad als Transportmittel nutzen (möchten)! (Teil 3/3)

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Die leidenschaftliche Pedalistin hat schon einige (Welt-)Reisekilometer im Radsattel gesammelt und verbindet tagtäglich Faltrad mit ÖPNV in Berlin. Ihr Zugang zum Fahrrad(fahren) ist vielschichtig-detailverliebt bis unkompliziert-pragmatisch und reicht in ihre frühen Jugendtage in Österreich (Graz) zurück. Ob total beladen, super lightweight, 16 Zoll oder 29er, gefahren wird alles was gute Laune macht.
Ein Schlüssel zum Erfolg des Cargobikes ist "Nutzen statt Besitzen" © Forschungsgesellschaft Mobilität - FGM / Volker Hoffmann

Colin Pöstgens, Cargobike-Experte, steht Bike Citizens Rede und Antwort rund ums Trendthema. Am Ende jedes Gesprächs gibt es eine Sammlung der wichtigsten Links und weiterführenden Artikel. Die drei Teile im Überblick:

#1: Warum boomt das Rad? Eine Einnordung des Trends.
#2: Cargobike-Fibel und Typenkunde: Welches Rad für wen und welchen Zweck?
#3: Finanzierung und moderne Städte: Was hat „Nutzen statt Besitzen“ mit der Verkehrswende zu tun?

 

Die Renaissance des Cargobikes #3: Finanzierung und moderne Städte
Was hat „Nutzen statt Besitzen“ mit der Verkehrswende zu tun?

Bike Citizens: Wenn ich das Cargobike meiner Träume gefunden habe, kommt der nächste Brocken: Die Finanzierung. Preislich geht es zwischen 2.000 EUR ohne und 3.000 EUR mit E-Antrieb los. Warum sind Cargobikes so teuer?

Colin Pöstgens: Noch sind Cargobikes Nischenprodukte die in kleinen Stückzahlen hergestellt werden. Das erklärt auch die oftmals langen Wartezeiten im Handel. Dazu müssen die Räder echt was leisten: Steifer Rahmen – hochwertige Bremsen. Qualität hat ihren Preis.

BC: Geht das wirklich nicht günstiger?

CP: Doch. (lacht) Für DIY-Fans gibt es XYZ-Cargobike aus Hamburg. Die sympathische Open Source Idee „Made in Germany“ bietet einen Cargobike-Bausatz: Teile bestellen und selbst zusammen basteln – auch bei Umbauten und Aufbauten kann man kreativ sein – die ideale Grundlage. Die Räder möchte ich nicht als fragile Platzsparer bezeichnen. Das sind echte Maschinen, solide und preiswert. Bei EUR 1500 geht es los.

BC: Welche Finanzierungsmöglichkeiten gibt es noch für kleine Geldbeutel?

CP: Zum einen Leasing, also das Dienstfahrrad statt Dienstauto für Arbeitnehmende und Selbständige (Bike Citizens berichteten). Dann natürlich wie in Themenblock 1 unseres Gesprächs ausgiebig erörtert: Förderungen für private und gewerbliche Nutzung.

BC: Hier möchte ich ganz aktuell die Förderung vom Land Berlin erwähnen…

CP: Ja! Und dann gibt es noch die sogenannte 0%-Finanzierung, also eine Ratenzahlung ohne Zinsen – die eine private Finanzierung attraktiv machen. Da muss man halt mit dem Händler ins Gespräch kommen!


10.000 Kilometer
E-Cargobike-Fahren
kostet etwa 800 Euro.

10.000 Kilometer
Kleinstwagen fahren
kostet 3.500 Euro.
(Q: VCD)

Cargobike Lastenrad Nutzen Kosten Euro Auto Vergleich Preis

Graphic © Bike Citizens

BC: Ein Rechenbeispiel vom VCD zeigt ja auch: 10.000 Kilometer E-Cargobike-Fahren kostet etwa 800 Euro. 10.000 Kilometer Kleinstwagen-Fahren kostet 3.500 Euro. Den Vergleich fand ich total spannend denn leider sehen viele beim Cargobike Kauf nur den Anschaffungspreis, nicht aber, was sie damit eigentlich sparen.

CP: Richtig. Und ein Cargobike kann ein Auto tatsächlich ersetzen. Hinzu kommt: Das Cargobike ist ein Nutzgegenstand. Der springende Punkt ist „Nutzen statt besitzen“. Nicht jeder Haushalt braucht ein Cargobike. Das würde nur viel zu oft ungebraucht herumstehen und wieder kostbaren und immer weniger vorhandenen öffentlichen Raum besetzen . Gemeinschaftliche Nutzung muss sein!

BC: Das Cargobike: Ein Fahrzeug, kein Stehzeug! Apropos „stehen“: Lass uns noch ein bisschen über Infrastruktur und die Problemzone „Parkplatz“ sprechen. Viele bemerken ja erst wenn sie ein Cargobike nutzen, wie unpraktisch der Hinterhof und das Kellerabteil sind. Oder wie unsicher die Straße vor dem Haus zum Abstellen des Rades ist. Das grätscht auch das Cargobike-Projekt LARAShare aus Österreich rein. Die bieten auf der Plattform nicht nur Bikesharing sondern auch “sichere” Parkplätze für Cargobikes zur Miete. 

CP: Die Frage nach dem adäquaten Stellplatz ist bei der Kaufentscheidung nicht zu unterschätzen. Die aktuelle Infrastruktur lässt es oft nicht zu mehrspurige Cargobikes, aufgrund der Breite, oder einspurige Cargobikes, aufgrund der Länge, sicher, vandalismus-geschützt – zufriedenstellend abzustellen. Aber genau das ist das coole an der Lastenradszene: Die Hersteller sind klug. Die schon erwähnten Muli Cycles oder Sblocs reagieren proaktiv auf infrastrukturelle Defizite und haben die neue Klasse Kompakt-Cargobikes entwickelt. Das heißt: Das Cargobike ist kaum länger als ein konventionelles Fahrrad und passt damit in den Aufzug wenn man mit Rad und ÖPNV pendelt.

Auf einem Autostellplatz haben vier Cargobikes Platz.
Die Städte müssen sich mit diesen Fakten beschäftigen und Parkplätze umwidmen!

 

Platz Fahrrad Parken Parkplatz Auto Cargobike Faltrad

Die Umwidmung eines einzigen PKW-Parkplatzes in einen Fahrradparkplatz schafft “viel Raum” © Bike Citizens

BC: Wie sieht denn eine optimale Cargobike-Infrastruktur aus?

CP: Es ist schon viel gute Infrastruktur vorhanden, nur ist diese dem “Motorisierten Individualiverkehr” vorbehalten. Auf einem Autostellplatz haben zum Beispiel vier Cargobikes Platz. Die Städte müssen sich mit diesen Fakten beschäftigen und PKW-Parkplätze umwidmen. Unterschiedliche und gute Abstellmöglichkeiten für Cargobikes prästentiert unter anderem Cargobike.jetzt  auf dem Blog. Mit dem Thema optimale Infrastruktur für Cargobikes beschäftigt sich auch die Masterarbeit der Bauingenieurin Luise Braun an der TU Berlin. Sie fragt nach den „Auswirkungen der steigenden Bedeutung des Lastenrades auf die Planung von Radverkehrsanlagen im urbanen Raum“. Das ist sehr interessant.

BC: Heißt dass, Radwege müssen mindestens so breit sein, dass sich zwei mehrspurige Cargobikes problemlos überholen können?

CP: Richtig. Das ist ein Punkt von vielen. Der VCD bringt das auf im Projekt „Mehr Platz fürs Rad“den Punkt – auch hohe Bordsteinkanten oder Rampen sind für Cargobikes ein wahres Hindernis.

BC: Wie sieht das beim Wohnraum aus?

CP: Zwei Punkte, die ich dazu persönlich total wichtig finde: Der Wegfall des Stellplatznachweises für Autos und gleichzeitig die Initiierung des Nachweises für Fahrradstellplätze bei Neubauten durch die jeweiligen Landesbauordnungen.

BC: Super – endlich ein Ende der Reichsgaragenordnung! So, das Wissen liegt gesammelt und aufbereitet vor.  Aktuelle Bücher wie das 2018 erschienene “CarGo! Bike Boom!!!” oder “Besser leben ohne Auto” rücken die Mobilitätswende in greifbare Nähe. Plötzlich scheint vieles wandelbar. Jetzt braucht es Taten. Bei wem liegt eigentlich deiner Meinung nach die Verantwortung?

CP: Ich setze auf die „Verkehrswende von unten“. Der Volksentscheid Fahrrad und das initiierte erste Deutsche Mobilitätsgesetz, das diesen Sommer in Berlin verabschiedet wurde – daran nehmen sich jetzt viele Städte ein Beispiel. Zugleich haben Länder und Kommunen die Möglichkeit durch ihre Landesbauordnungen und die darin verankerte Stellplatzsatzung die Stellplatzsituation bei den Planungen zu steuern. Ich möchte dazu Arne Messe von DHL im Rahmen der Transfer Conference 2014 zitieren: „What you are is what you get. So Venice is getting boats from DHL, Amsterdam is getting bikes and other cities are getting vans. So if you make a good urban mobility plan and look at the infrastructure and if it’s a good infrastructure, we will use it.“

BC: Das Cargobike wird in den Medien als etwas Neues zelebriert – als innovativer Heilsbringer gegen das Verkehrschaos. Dabei gab es das in Deutschland alles schon um die Jahrhundertwende. Ebenso heute rund um den Globus: Cargobikes sind weltweit im privaten und gewerblichen Verkehr im Einsatz. Leiden wir unter einer spezifischen Form von Demenz und Egozentrismus?

CP: Nein. Das ist menschlich. Ich nenne das: Jeden Tag ein Auto weniger. Genau da befinden wir uns heute!

Links

  • LARA Share in Österreich >> Link
  • Lastenrad.de mit Liste „Freier Lastenräder“ >> Liste
  • Forum Freie Lastenräder >> Karte bestehender Initiativen
  • VCD “Mehr Platz fürs Rad!” >> Link
  • Cargobike.jetzt – Der Infopool und Blog rund ums Cargobike >> Link
  • Cargobike Roadshow >> Link


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Colin Pöstgens Jobrad Cargobike Jetzt RoadshowÜber den Experten
Colin Pöstgens ist gebürtiger Münsterländer, passionierter Radfahrer und Bachelor of Science Raumplanung. Mit seinen Kollegen Wasilis von Rauch (Bundesvorstand VCD) und Arne Behrensen (cargobike.jetzt) organisiert er seit 2015 die Cargobike Roadshow. Diese bringt rund zwölf unterschiedliche Lastenrad-Modelle zum Testen in sieben Städte bzw. Regionen, wo das Angebot heute noch recht dünn ist. Daneben engagiert ersich seit Jahren in Bürgerinitiativen, gemeinnützigen Vereinen sowie beruflich für den Radverkehr. Foto © Katja Täubert

karen Greiderer_squarel
Die leidenschaftliche Pedalistin hat schon einige (Welt-)Reisekilometer im Radsattel gesammelt und verbindet tagtäglich Faltrad mit ÖPNV in Berlin. Ihr Zugang zum Fahrrad(fahren) ist vielschichtig-detailverliebt bis unkompliziert-pragmatisch und reicht in ihre frühen Jugendtage in Österreich (Graz) zurück. Ob total beladen, super lightweight, 16 Zoll oder 29er, gefahren wird alles was gute Laune macht.

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