Das urbane Fahrradmagazin

Wenn man alleine fährt – muss man das selbst machen

Die Radfahrprüfung und die erste Radfahrt allein ist eine große Reifeprüfung - sowohl für Kinder als auch deren Eltern. Pünktlich zum zehnten Geburtstag winkt der Nachwuchs freudig mit dem offiziellen Schein zertifizierter Freiheit. Ein „Fort“-Schritt auf den alle stolz sind. Und dann - ab auf die Straße? Was die 10-Jährigen Amélie dazu sagt, weckt Erinnerungen und macht Mut, sowohl Eltern als auch Kindern.

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Die leidenschaftliche Pedalistin hat schon einige (Welt-)Reisekilometer im Radsattel gesammelt und verbindet tagtäglich Faltrad mit ÖPNV in Berlin. Ihr Zugang zum Fahrrad(fahren) ist vielschichtig-detailverliebt bis unkompliziert-pragmatisch und reicht in ihre frühen Jugendtage in Österreich (Graz) zurück. Ob total beladen, super lightweight, 16 Zoll oder 29er, gefahren wird alles was gute Laune macht.
Wenn man alleine fährt - muss man das selbst machen. Foto © Woom Bikes

Amélie ist zehn Jahre alt. Die Tochter des Geschäftsführers der Bike Citizens Daniel Kofler ist in einer autofreien Familie aufgewachsen und lebt bzw. radelt fast täglich in Graz, der zweitgrößten Stadt Österreichs. Im Herbst letzten Jahres absolvierte sie erfolgreich die Radfahrprüfung an ihrer Schule. Diesen Frühling war es soweit: Amélie (und ihr Papa) wagten die erste „Solo-Fahrt“, sprich: die erste Fahrt Amélies ohne Begleitung.

Im Interview – auch ganz ohne Eltern – erzählt sie von der Radfahrprüfung, der ersten Fahrt alleine und verrät, wie es ihrem Papa dabei ging. Das Gespräch führt Karen Rike Greiderer.

Routenplanung Navigation verkehrsberuhigte Straße Verkehr Verkehrssicherheit

Routenplanung: Die Wahl einer sicheren und gemütlichen Strecke ist essentiell.

 

Amelie, wie bist du überhaupt zum Radfahren gekommen?
Amélie:        Es lag an meinem Papa. Er war immer mit dem Rad unterwegs. Ich war im Anhänger mit dabei. Später im Lastenrad. So bin ich mit dem Rad verbunden worden. Mit drei Jahren bin ich zum ersten Mal auf dem Rad gesessen.

Wo wart ihr unterwegs?
Amélie:        Wir haben angefangen Fahrradwege zu fahren, die nicht auf der Straße sind. Wir sind ziemlich viel gemeinsam gefahren. Dann habe ich die Prüfung gemacht und bald waren wir auch auf der Straße. Wir haben die großen Straßen gemieden und sind viele kurze Strecken und viele Wege gemeinsam gefahren. Da hab’ ich viel gelernt!

Was ist eine kurze Strecke für dich?
Amélie:       Also vom Büro nach Hause ist eine kurze Strecke. Es ist eine kurze Strecke, weil ich die Gegend kenne und ich weiß, wo ich hin muss.

Und was ist eine lange Strecke?
Amélie:       Mehr als 40 Kilometer an einem Tag!

Wie war die Radfahrprüfung für dich? Warst du nervös?
Amélie:       Die Prüfung war letztes Jahr. Ich hatte die Wahl als einzige Neunjährige die Prüfung mit den Älteren mit zu machen. Ich habe gedacht: Ja! Dann: Nein! Ich war hin und her gerissen. Ja und nein. Und nein und ja. Mein Papa hat gesagt: Wenn du glaubst, dass du das schaffst, dann schaffst du es. Aber: Du musst uns und dir und niemanden etwas beweisen. Und ich habe ja doch voll Lust darauf gehabt. Allein hätte ich es nicht geschafft, eine Entscheidung zu treffen. Es war dann eigentlich ziemlich einfach. Ich war nicht aufgeregt. Als wir erfahren haben, dass wir es geschafft haben, waren wir alle glücklich!

Wie war das für deinen Papa? War er nervös?
Amélie:      Papa war nervös. Er ist eigentlich nie nervös. Ich kann es aber nicht wissen. Weil ich nie seine Gefühle hab’. Ich glaube er hat Angst gehabt, weil ich die einzige 9-jährige war.

Wolltest du auch schon vor der Prüfung alleine Rad fahren?
Amélie:       Ja, ich habe ganz oft gefragt: Wann darf ich? Mein Papa hat gesagt: Wenn du dich gut genug auskennst. Wenn es die Fahrradprüfung gibt. Es war ein freudiges Gefühl drauf zu warten. Als es dann da war, war es eine Freude die Prüfung zu machen. Und die erste Strecke alleine war auch ganz unerwartet! Wir waren einkaufen. Mein Papa hat gesagt: Jetzt sollst du alleine nach Hause fahren. Und ich hab’ gedacht: Juhu! Endlich! Und letzte Woche bin ich dann das erste Mal alleine vom Büro nach Hause gefahren.

Dann bist du einfach drauf los?
Amélie:       Nein. Bevor ich los bin hat mich Papa gefragt: „Wo sollst du hin? Und wie würdest du das fahren?“ Vor der Fahrt gab es auch Tipps. Ich soll die großen Straßen meiden. Aber das hat mir schon beigebracht, als ich kleiner war.

Wie war die Fahrt?
Amélie:       Ich war voll aufgeregt. Weil das war das aller-aller erste Mal! Es war auch angenehm. Ein Glücksgefühl. Ein Freiheitsgefühl. Endlich was Neues. Endlich was Anderes. Aber ich habe auch gemerkt: Ich muss noch viel mehr Acht geben.

Worauf musst du beim alleine fahren achten?
Amélie:       Wenn man alleine ist, muss man viel mehr schauen. Wenn man alleine fährt, muss man das selbst machen. Ich hatte Angst, dass ich mir z. B. eine Abschürfung hole. Denn einmal bin ich zu schnell um die Kurve gefahren, da hat es mich hingelegt. Das kann passieren. (Anm. d. Red.: Das war bei einer Tour mit Papa). Und ich habe gewusst, jetzt ist niemand da. Ich bin ganz auf mich allein gestellt. Im Verkehr bin ich ALLEINE. Ich muss mich konzentrieren. Ich darf das nicht so leicht hinnehmen. Früher hab ich das nie bemerkt, dass man SO aufpassen muss. Das mach ich mit links, hab’ ich gedacht. Jetzt weiß ich, ich muss aufpassen. Ich muss ja auch auf Fußgänger achten. Wenn die dunkel gekleidet sind, sieht man sie schwer. Das war wieder eine neue Herausforderung. Und: Ich muss mir den Weg gut einprägen und mitdenken. Ah! Da muss ich Handzeichen geben.

Hat dir die Prüfung dabei geholfen?
Amélie:       Nach der Prüfung habe ich gemerkt, dass ich mich sicher fühle. Ich hatte dann keine Angst mehr, dass ich was falsch mache.

Und hat sich dein Papa etwas gefürchtet?
Amélie:       Einmal hat mich mein Papa ziemlich zusammengeschimpft, weil ich was falsch gemacht habe. Ich bin links abgebogen. Ein Auto hat mich nur knapp verfehlt. Er hat gesagt: ICH MUSS BESSER AUFPASSEN! Ich muss Handzeichen geben! Ich glaube, Angst hat er ein bisschen. Aber er hat auch gewusst was ich tu’, weil wir jahrelange geübt haben. Er hat mir vertraut. Aber er hat auch ein bisschen Angst gehabt. Aber nicht viel!

Wirst du jetzt viel alleine Rad fahren? Was sind deine Strecken?
Amélie:       Ich will jeden Tag Fahrrad fahren und immer öfter allein. Ich werde oft vom Büro nach Hause allein fahren. Ich weiß ich kann das. Ich schaffe das. Aber ich weiß auch: Immer geht’s nicht. Aber ich freue mich drauf. Und ich glaube, dass da mehr kommen wird, was ich darf. Und neue Situationen. Große Straßen. Verkehr.

Kurz zu deinem Fahrrad. Ich weiß, dass ihr das Rad fit für die Straße gemacht habt – Pedale, Schutzblech, Licht, selbst der Vorbau wurde gewechselt. Kannst du dazu was erzählen?
Amélie:       Ich schätze sieben Monate vor der Fahrradprüfung habe ich ein neues Rad bekommen. Das hat gut gepasst. Langsam wird es mir zu klein. Der Sattel ist schon höher als der Lenker. Und ich habe Körbe auf die Pedale bekommen.

Wirklich – du fährst mit Pedalkörben?
Amélie:       Also, ich find’ es mit den Körben viel besser. Du kannst nicht wegrutschen! Davor habe ich meinen Fuß falsch am Pedal gehabt – nicht am Ballen sondern zwischen Ferse und Vorderfuß. Ich bin immer nach hinten abgerutscht. Dann gab es eine brenzlige Situation. Mich hätte es fast geschmissen! Mit den Körben passiert das nicht mehr. Und jetzt schaue ich immer wo kann ich mich festhalten kann – an der Ampel zum Beispiel. Oder wo ist ein Steinchen, auf dem ich stehen kann?

Wie ist das Radfahren für dich?
Amélie:       Einmal waren wir auf einer Fahrradreise. Da hab’ ich eine Todesangst gekriegt. Es hat einen Mittelmeersturm gegeben. Der hat richtig reingefegt. Auch Hagelkörner! Ich habe nicht mehr Lenken können. Da hat es mich richtig in Angst versetzt! Aber: Es ist wie eine Wendeltreppe. Ich habe gemerkt, dass Radfahren ein Abenteuer sein kann: Spaß! Freiheit! Gewitter! Sonnenschein! Blitze! Es hält mich gesund. Als wir das Ziel erreicht haben war ich stolz. Es sind immer wieder neue Treppen. Wie eine neue Reise! Wie eine Wendeltreppe!

Polizei Radfahrprüfung Radfahrpruefung Fahrradprüfung Kinderfahrrad ÖJRK Fahrradparcours

Die Polizei übt mit den Kindern am Parcous für die Fahrradprüfung. Foto © Johannes Brunnbauer / ÖJRK


Hintergrund zur Radfahrprüfung
Generell ist an Österreichs Grundschulen die Radfahrprüfung Standard und freiwillig. Sie wird von der lokalen Polizei in Kooperation mit dem Lehrpersonal durchgeführt – meist in der 4ten oder 5ten Schulstufe auf einem eigenen Verkehrs-Parcours. Auf der Website Radfahrprüfung.at können sich Kinder informieren und vor der Prüfung ihr Wissen testen.

An Amélies Schule gibt es freiwillige Freitagskurse. Darunter fällt auch der Kurs zur Vorbereitung und Absolvierung der Radfahrprüfung. Dieser wird fast am häufigsten und von fast allen Kindern gewählt. Auch ein Radausflug ist Teil des Programms. Das ergänzende Üben mit den Eltern in der Freizeit ist jedoch unersetzbar um Kinder straßenfit zu machen. Die Radfahrprüfung ist kein Garant, dass sich Kinder sicher und umsichtig im Straßenverkehr bewegen.

Daniel Koflers Ergänzung und absoluter Eltern-Tipp zur ersten „Solo-Fahrt“
„Die Routenwahl ist das Kernelement in der ganzen Sache. Eine sichere und gemütliche Route ist für alle extrem wichtig. Mit der Radfahrprüfung ist mir erst bewusst geworden, vor welchen Voraussetzungen man als 10-Jährige steht, wenn man alleine in der Stadt unterwegs ist!“

karen Greiderer_squarel
Die leidenschaftliche Pedalistin hat schon einige (Welt-)Reisekilometer im Radsattel gesammelt und verbindet tagtäglich Faltrad mit ÖPNV in Berlin. Ihr Zugang zum Fahrrad(fahren) ist vielschichtig-detailverliebt bis unkompliziert-pragmatisch und reicht in ihre frühen Jugendtage in Österreich (Graz) zurück. Ob total beladen, super lightweight, 16 Zoll oder 29er, gefahren wird alles was gute Laune macht.

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