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Radfahren im Winter – Benefit oder Risiko? Ein Sportarzt informiert und verrät, was Radfahrende vom Wintersport lernen können

Regelmäßiges Radfahren mindert das Risiko von Herz-Kreislauf-Erkrankungen und wirkt gesundheitsfördernd auf Atemwege und Gelenke. Aber was tun Radfahrende im Winter bei Minustemperaturen? Was können sie von Langläufern und Schitourengeherinnen lernen? Bike Citizens sprachen mit Sportarzt und Gesundheitsexperten Dr. Piero Lercher.

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Seit 2017 leitet Karen das Urban Independence Magazin. Die leidenschaftliche Pedalistin hat bereits einige (Welt-)Reisekilometer im Radsattel gesammelt. Heute verbindet sie entweder Faltrad plus Kinderanhänger oder Kompakt-Cargobike mit der Bahn in Berlin und Brandenburg - meist mit ihrer Tochter auf Tour. Ihr Zugang zum Fahrrad(fahren) ist vielschichtig-detailverliebt aber stets pragmatisch und reicht in ihre frühen Jugendtage in Österreich zurück.
Foto © Sigmund / Unsplash

Bike Citizens: Herr Dr. Lercher, was bedeutet Ihnen das Radfahren?
Dr. Piero Lercher: Radfahren ist eine gesunde und familienfreundliche Sportart aber auch eine praktische und gesundheitsfördernde Alternative zur Bewältigung des Arbeitsweges.

Bike Citizens sind auch bei schlechtem Wetter nicht aus dem Radsattel zu kriegen. Ist Radfahren im Alltag und als Sport auch im Winter gesund?
Dr. Piero Lercher: Beim Radfahren bei Kälte oder im Winter ist es wichtig sich mit optimaler Kleidung vor Kälte und Nässe zu schützen. Ebenso wichtig ist es, die Straßenverhältnisse richtig einzuschätzen, um das Unfallrisiko aufgrund von Glatteis, Split oder Matsch auf ein Minimum zu reduzieren. Wenn auch das Fahrrad ordentlich für den Winterbetrieb vorbereitet und mit Licht ausgestattet ist, dann steht einem gesunden, sportlichen Winterradfahrvergnügen nichts im Weg.

Radfahren bei Minusgraden?

Worauf sollte man aus gesundheitlichen Aspekten beim Radfahren im Winter besonders achten?
Dr. Piero Lercher: Es kommt auf die richtige Atemtechnik an: Bei extremer Kälte also durch die Nase ein- und durch den Mund ausatmen. Wenn man stark verschwitzt ist, sollte man sich nicht längere Zeit in einer kalten Umgebung aufhalten. Ab etwa minus 10 bis minus 12 Grad Celsius, spätestens bei 15 Grad unter Null, kann körperliche Aktivität, vor allem bei nicht kälteerprobten Menschen, ungesund werden. Wer für die Wettkampfsaison trainiert schwingt sich bei solchen Temperaturen besser in der warmen Stube auf Ergometer oder „Rolle“. Das ist um ein vielfaches klimafreundlicher als ein Flug nach Mallorca.

“Wer für die Wettkampfsaison trainiert schwingt sich (…) auf die „Rolle“. Das ist um ein vielfaches klimafreundlicher als ein Flug nach Mallorca.” Dr. Piero Lercher, Sportarzt

Und wenn man nicht trainiert, sondern einfach ein paar Kilometer mit dem Rad zur Arbeit oder mit den Kindern zur Kita fahren möchte?
Dr. Piero Lercher: Bei extremer Kälte ist moderates Radfahren einem intensiven Radfahrtempo vorzuziehen. Ansonsten gilt: Richtig atmen, intelligent kleiden! Bewegung an der frischen Luft tut dem Körper gut.

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Beim Thema “Radfahren im Winter” ist Training vom moderaten Fahrradpendeln zu trennen! Foto © Emilie Farris / Unsplash

Kann man sich ein gutes Immunsystem “erradeln”?

Wie sieht es mit der Vitamin D-Versorgung im Winter aus? Kann ich mir Vitamin D „erradeln“?
Dr. Piero Lercher: Radfahren bei Sonnenlicht ist eine gut geeignete Präventionsmaßnahme und wirkt bei leichten Mangelerscheinungen. Einen leichten Mangel kompensiert man ebenso mit ausgewogener Ernährung – Fisch, Ei und Pilz stehen dann auf dem Speiseplan. Ein mittlerer bis schwerer Mangel ist ausschließlich durch ein Vitamin D Präparat auszugleichen. Die Dosierung muss ärztlich verordnet werden. Bei Vitamin D gibt es nämlich die Möglichkeit einer gesundheitsgefährdenden Überdosierung. Der definitive Vitamin D Status lässt sich durch eine Blutuntersuchung feststellen.

Und warum macht Radfahren im Winter so glücklich wie im Sommer?
Dr. Piero Lercher: Hier spielen zwei Faktoren eine Rolle. Erstens: Radfahren steigert die Ausdauer. Ausdauersportarten, haben bei richtiger Anwendung viele positive Auswirkungen auf den Stoffwechsel und somit auch auf die Freisetzung von körpereigenen „Glückshormonen“ – die Endorphine. Der zweite Faktor ist die Umgebung: Radeln in der freien Natur, sei es entlang eines Flusses, sei es in einem städtischen Grüngebiet oder in unserer wunderschönen Bergwelt wirkt absolut stimmungsaufhellend und antidepressiv. Kurz gesagt: beide Faktoren zusammen machen glücklich!

Mythos Immunsystem, bitte klären Sie auf: Radfahren ist gesund. Aber: Stärkt oder schwächt Radfahren im Winter das Immunsystem?
Dr. Piero Lercher: Es kommt einfach immer auf die Dosis an! Während allzu intensives Radfahren – egal ob im Sommer oder Winter – das Immunsystem sogar schwächt, hat moderates Radfahren im Grundlagenausdauerbereich positive Auswirkungen auf das Immunsystem. Das zeigt sich in einer Verbesserung der Abwehrzellenfunktion und in einem Anstieg des Immunglobulinspiegels.

Wann erteilen Sie im Winter Radfahrverbot?
Ein Radfahrverbot gibt es nicht. Aber ein temporäres Sportverbot gilt bei allgemeinen Infektionen, die den ganzen Körper erfassen, sprich bei Fieber, Lymphknotenschwellungen, allgemeiner Abgeschlagenheit und Krankheitsgefühl. Dazu zählt auch eine Grippe. Die muss unbedingt auskuriert werden!

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Erkältungen und Grippe nicht unterschätzen. Lieber eine Radfahrpause einlegen! Foto © Toa Heftiba / Unsplash

Für viele gehört klassischer Wintersport zur kalten Jahreszeit einfach dazu. Während man in der Stadt aufs Radfahren aufgrund von Kälte und Nässe verzichtet schwingt man sich bedenkenlos bei Minusgraden und Schneesturm die Schipiste runter? Was ist gesund, was nicht?
Dr. Piero Lercher: Die wesentlichen Kriterien sind hier die Umgebungsbedingungen und Witterungsverhältnisse. Die Bewegungsart muss sicher und unfallfrei ausgeübt werden können. Beim Radfahren kommt es vor allem auf die Straßenverhältnisse und leider auch auf die Reaktionsfähigkeit der anderen Verkehrsteilnehmenden an. Letztere ist bei winterlichen Fahrverhältnissen oft mangelhaft und verzögert – das kann für Radfahrende gefährlich werden.

Aber das ist kein Problem des Radfahrens an sich, sondern ein lösbares Infrastrukturproblem. Was können Radfahrende von Schi- und Langlauf lernen?
Dr. Piero Lercher: Skitourengehen oder Langlaufen sind vom Ausdauertrainingswert mit Radfahren zu vergleichen. Der Radsport kann hier von der Funktionalität der Bekleidung profitieren aber auch umgekehrt! Besonders ein Accessoire des Schisports empfehle ich auch im winterlichen Radsport: eine Brille als Augenschutz. Mittlerweile gibt es auch interessante Challenges und Wettkämpfe, wo man mit Fatbikes (Anm. d. Red: Räder mit sehr breiten Reifen) auf Schneepisten fährt. Ich habe auch schon Räder mit metallbespikten Reifen gesehen mit denen Eisflächen befahren wurden – das heißt, dass wir hier noch spannende, neue Radfahrmöglichkeiten erleben werden!

Über Dr. Piero Lercher
Dr. Piero Lercher ist Sportarzt, Präventiv-, Arbeits- und Umweltmediziner. Seit 2004 ist er Lehrbeauftragter an der Medizinischen Universität Wien, zudem ist er Organisatorischer Leiter des Universitätslehrganges „Master of Public Health-Vienna“. Dr. Lercher ist u.a. Mitglied des Ärzteteams im Anshen Zentrum (www. anshen.at) in Wien. Lercher zeigt großes Engagement für die Propagierung eines gesunden Lebensstils. Radfahren und Skifahren sind für ihn die idealen, generationsverbindenden Familiensportarten. Radfahren ist eine gesunde Alternative zur Arbeitswegbewältigung und Sport.

karen Greiderer_squarel
Seit 2017 leitet Karen das Urban Independence Magazin. Die leidenschaftliche Pedalistin hat bereits einige (Welt-)Reisekilometer im Radsattel gesammelt. Heute verbindet sie entweder Faltrad plus Kinderanhänger oder Kompakt-Cargobike mit der Bahn in Berlin und Brandenburg - meist mit ihrer Tochter auf Tour. Ihr Zugang zum Fahrrad(fahren) ist vielschichtig-detailverliebt aber stets pragmatisch und reicht in ihre frühen Jugendtage in Österreich zurück.

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