Das urbane Fahrradmagazin

Radfahren in Prag: Eine Herausforderung

Prag ist unter den europäischen Hauptstädten einzigartig. Romantische, enge Gassen und antike Kopfsteinplasterstraßen bilden eine Stadt, die sich über mehrere Hügel erstreckt, auf denen man den Sonnenuntergang in spektakulären Farben über den Dächern des riesigen historischen Stadtzentrums bestaunen kann. Kurz gesagt: ein Albtraum. Ja, ich meine es ernst. Ich nenne Prag einen Albtraum. Naja, zumindest ein Albtraum auf den ersten Blick.

portrait jan krcmar SA
Jan Krcmar is living in Prag since 2006, where he works as a PR-Expert. Jan grew up in Vienna. In the capital of Austria the bicycle became his first choice of means of transport. Today he is living with his family in a car free household and counts on his bike, public transport and carsharing.
Image © Andreas Stückl

Fahrradstadt Prag – ein Paradies für Lobbyisten

Prag scheint alle Eigenschaften aufzuweisen, die Personen mit gesundem Menschenverstand davon abhalten sollten, mit dem Fahrrad durch die Straßen zu fahren. Und doch gibt es sie. Viele. Aus allen sozialen Schichten, jeglichen Alters und mit den unterschiedlichsten Berufen. Wie sich herausstellt, ist Prag tatsächlich ein wahr gewordener Traum. Ein wahr gewordener Traum für Fahrrad-Lobbyisten. Ich erkläre es kurz.

Problem eins: die Hügel. Das häufigste Argument, das Menschen in Bezug auf das Radfahren in Prag hervorbringen, lautet etwa so: „Man kann in Prag nicht Radfahren, es gibt zu viele Hügel.“ Falsch. Natürlich ist es topografisch korrekt zu sagen, dass es in Prag Hügel gibt, von denen einige sehr steil sind. Wie viele andere hügelige Städte auch verfügt Prag jedoch über eine wachsende Fahrradgemeinschaft mit Menschen, die erkannt haben, dass der Körper nur ein paar Tage braucht, um sich an das Fahren bergauf zu gewöhnen. Und dass das Vergnügen, bergab zu fahren, die Strapazen mehr als aufwiegt. Natürlich haben sich viele Menschen in Prag für ein E-Bike entschieden, um die steilen Straßen zu bewältigen. Unter ihnen war der ehemalige dänische Botschafter, der dabei beobachtet werden konnte, wie er auf seinem E-Bike mit Anzug und Krawatte in einem strengen Kopenhagener Stil Fahrrad fuhr. Als die regionale Fahrradlobby Auto*Mat 2012 ihre Kampagne „Mit dem Fahrrad zur Arbeit“ organisierte, gaben nur acht Prozent der Teilnehmer an, dass Hügel unterwegs ein Problem darstellten.

Problem zwei: Gepflasterte Straßen. Ja, die sind ein großes Problem. Kopfsteinpflaster sieht vielleicht auf Urlaubsfotos toll aus und die Textur der rauen Oberfläche wirkt auf Instagram einfach nur großartig. Man kann Kopfsteinpflaster jedoch auch in „Reifen-Killer“ oder „Radbrecher“ umbenennen. Aber es gibt nichts, was ein Mountainbike nicht bewältigen kann. Sofern man also kein Singlespeed-Bike besitzt, ist alles in Ordnung. Und hey, es gibt auch eine wachsende Singlespeed-Gemeinde in Prag, der es offensichtlich nichts ausmacht, bergab auf Kopfsteinpflasterstraßen zu fahren und dabei eine kräftige Massage zu erhalten.

Problem drei: romantische, nette, kleine und enge Gassen im historischen Stadtzentrum. Auch diese können eine Herausforderung darstellen, besonders wenn es vor Touristen nur so wimmelt. Die gute Nachricht ist jedoch, dass man in den meisten Fußgängerzonen im Zentrum Prags mit dem Fahrrad fahren darf. Ein Privileg, das viele Städte ihren Radfahrern nicht zugestehen.

eine Radspirale in Prag

Image © Andreas Stückl

Was bedeutet all das wirklich für das Radfahren in Prag?

Wie bereits erwähnt hat Prag eine stetig wachsende Fahrrad-Gemeinde. Jedes Jahr fahren immer mehr Menschen mit dem Fahrrad in die Schule, zur Arbeit, zum Einkaufen oder verbringen ihre Freizeit auf dem Fahrrad. Leider erkennen Politiker nur langsam, dass das Fahrrad fahren auch durch eine Verbesserung der Fahrrad-Infrastruktur unterstützt und gefördert werden kann. Prag bietet Radfahrern nur wenige Radwege oder Radspuren. Tatsächlich nutzen viele Radfahrer in Prag zweckwidrig die Gehsteig. Aus Sicht eines Fahrrad-Lobbyisten schaden sie sich damit, offen gesagt, selbst. Während der Ruf von Radfahrern beschädigt wird, dient dies als ultimatives Argument dafür, mehr Radwege zu bauen, da die Menschen Fahrrad fahren wollen. Und wenn nicht mehr Radwege gebaut werden, wird trotzdem Fahrrad gefahren. Auf Gehsteigen. Oder auf gefährlichen Straßen.

Derzeit liegt der Anteil der Radfahrer in Prag bei etwa zwei Prozent, was erstaunlich gering ist, da die Tschechen eine Fahrrad-verrückte Nation sind. Die meisten Tschechen haben ein teures Mountainbike zu Hause stehen, das sie am Wochenende auf ihre Autos laden, um in der wunderschönen Landschaft zu biken. Das bedeutet auch, dass die Stadtverwaltung viele Jahre lang hauptsächlich in Radwege am Stadtrand investiert hat.Glücklicherweise werden jedes Jahr immer mehr Radspuren auf die Straßen von Prag gemalt und die Stadt bietet Radfahrern einige Kleinode. Die Radwege entlang der Moldau laden beispielsweise besonders in den Morgenstunden zu einer außergewöhnlich schönen Fahrt ein. Es gibt sogar einen Fahrrad-Highway mit einem Tunnel nur für Radfahrer. Dieser ultramoderne Teil der Fahrrad-Infrastruktur, der auf einer verlassenen Bahnstrecke gebaut wurde, ist ein Beispiel dafür, wie einfach Radwege geschaffen werden könnten.Die Aussichten für Radfahrer in Prag sind gut, da die Stadt gegenüber vielen anderen Städten endlich aufgeholt und erkannt hat, dass man Radwege nicht einmal bauen oder aufpinseln muss.

Jan und Andi beim Durchradeln eines Radtunnels in Prag

Image © Andreas Stückl

Prag hat die Vorteile geschwindigkeitsbegrenzter Zonen entdeckt. Nach der Einführung einer Geschwindigkeitsbegrenzung von 30 km/h in Wohngebieten haben viele Lokalpolitiker die Vorteile der Verkehrsberuhigung entdeckt. Ein langsamerer Verkehr bedeutet sicherere Fahrten. Aus diesem Grund wird nicht einmal eine Radspur benötigt, auf der die Autos mit einer sicheren Geschwindigkeit fahren. Drücken wir also die Daumen. Prag benötigt mehr Radfahrer, da die Anzahl der Autos im Vergleich zu anderen europäischen Hauptstädten eine der höchsten ist und der öffentliche Verkehr sich an seiner Kapazitätsgrenze befindet. Um die Situation zu verbessern, sollten die Menschen zum Radfahren ermutigt werden. So einfach ist das.

Jan Krcmar, langjähriger Fahrrad-Aktivist in Prag (Auto*Mat Fahrrad-Lobby)

 

portrait jan krcmar SA
Jan Krcmar is living in Prag since 2006, where he works as a PR-Expert. Jan grew up in Vienna. In the capital of Austria the bicycle became his first choice of means of transport. Today he is living with his family in a car free household and counts on his bike, public transport and carsharing.

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