Das urbane Fahrradmagazin

Bike Citizens Guide to Vienna: Teil 1

Wer? Wo? Wann? Wie? – Keine Panik! Einfach weiterlesen, hier steht praktisch alles, was es über das Radfahren in Wien zu wissen gibt.

Foto: Argus Bike Festival

Aperitif – Radfahren in Wien allgemein

In Österreichs Hauptstadt tobt das Rad förmlich. Allgegenwärtig ist die ‘beste Erfindung der letzten 200 Jahre‘ auf den Straßen, den Plätzen, Wegen und Wiesen Wiens.

War das Radfahren in Wien vorerst ausschließlich tagsüber und nur auf der Prater Hauptallee erlaubt, wurden die Einschränkungen für den Radverkehr mit der Durchsetzung des Niederrads und einem Erlass vom 1. Mai 1897 großteils abgeschafft. Mit dem Ende des zweiten Weltkriegs wurde dann wiederum der gesamte Verkehr in Wien auf das motorisierte Auto ausgerichtet, und das Fahrrad verschwand wieder weitestgehend aus dem urbanen Stadtbild.

Erst Anfang der 1980er Jahre wurde es wieder mehr für die kurzen Wege innerhalb des Stadtgebiets genutzt und erlebt seitdem einen regelrechten Boom als alternatives, umweltfreundliches und schnelles Verkehrsmittel. Dies kann man an aktuellen Messungen und Trends erkennen. So wurde das Radwegnetz von Anfang der 1990er Jahre bis Ende 2014 von knapp 200 auf gute 1200 Kilometer erweitert. Und die Entwicklung steht erst am Anfang. Die Stadt Wien sieht vor, den Anteil des Radverkehrs am gesamten Verkehrsaufkommen in Wien zu erhöhen.

Deutlich wird dieses Vorhaben an einigen markanten Beispielen, die in den letzten Jahren entwickelt und umgesetzt wurden:

  • Ausbau des Radwegnetzes und Errichtung neuer Abstellanlagen
  • Einführung von 30er-Zonen in vielen Wohngebieten Wiens
  • Umbau der Hasnerstraße im 16. Wiener Gemeindebezirk 2012, zur ersten ‘fahrradfreundlichen Straße‘ Österreichs
  • Abhaltung der Velo-city Europe Conference 2013

Möglich macht diese Entwicklung die Zusammenarbeit der Stadt Wien mit verschiedenen Fahrradfahrer-Vertretungen und Agenturen Österreichs.

Die Radlobby Wien, bestehend aus der Interessensgemeinschaft Fahrrad (IGF) und der ARGUS, gibt Tipps für RadfahrerInnen, informiert über Projekte, Schnittstellen und Schwierigkeiten, bietet Kurse, Veranstaltungen und Versicherungen für RadfahrerInnen an und versucht die Politik auf Probleme und Anliegen der Bike-Community zu sensibilisieren.

Ein medienwirksames Event ist zum Beispiel die Verleihung der Goldenen Speiche, die jedes Jahr für die beste Radverkehrsmaßnahme in Wien verliehen wird.

Der Weg zur Fahrradstadt Wien ist noch lang, doch erste kleine Schritte werden langsam getan.

Community Locations

Die erste Adresse für radbegeisterte Wien-Neulinge oder neue Wiener Radumsteiger ist wohl die Goldschlagstraße 8 im 15. Wiener Gemeindebezirk. Jeden Donnerstag um 16 Uhr öffnet dort die bikekitchen Wien ihre Tore (bzw. ihr Törchen), um allen Fahrradinteressierten Zugang zu einer freien Werkstatt, Informationen rund ums Rad und gleichgesinnten Menschen zu geben. Von kleinen Reparaturen über Schlauchwechsel, Achter beheben, Laufradbau und Aufbau des eigenen Fahrrads bis hin zu groben Schweißarbeiten und heiklen Rahmentüfteleien kann man sich hier einbringen, austoben und verwirklichen – bei Erfahrungsmangel auch gerne unter Anleitung oder zumindest in Begleitung von alten Fahrradküche-Füchsen. Natürlich kann man auch einfach zum Tratschen, Zuschauen, Essen oder Trinken vorbeikommen, es heißt ja nicht umsonst bikeKITCHEN. Jede und jeder ist eingeladen, sich einzubringen, sei es als Barkeeper, Mechanikerin, Koch, Pokaldesignerin oder Experte in Sachen Tallbike-Bau – die bikekitchen Wien versteht sich als ein Ort der unbegrenzten Möglichkeiten. Ein Besuch lohnt sich also immer.

Cafés, Bars, Kneipen & Shops

Außerdem trifft man sich in diversen einschlägigen Cafés, Bars, Kneipen und Shops. Das Gagarin in der Garnisongasse ist ein von rad-affinen Menschen betriebenes Café, in dem sehr gute Gerichte und Speisen zu selbstbestimmten Preisen immer frisch und möglichst regional und saisonal angeboten werden. Das ein oder andere Feierabendbier lässt sich auch gut im Schikaneder genießen, das außerdem des Öfteren zur von der Radlobby organisierten Bike Community Film Night einlädt.

FixDich Fahrradshop

Fotos © Bike Citizens

Einen guten Kaffee mit Blick auf aufwendig hergerichtete Renn- und Retroräder bietet zum Beispiel das Radlager in der Operngasse, und auch die auf Fixie und Singlespeed spezialisierte Track Bike Boutique FixDich in der Reindorfgasse lädt zum kurzen Espresso oder auf ein gemütliches Bierchen neben dem Bike-Parts stöbern ein.

Community-Aktivitäten

In der größten Fahrrad-Community Österreichs gibt es selbstverständlich jede Menge zu erleben, und zwar so viel, dass man seinen Terminkalender leicht mit Kongressen, Vorträgen, Ausfahrten und unzähligen Fun’n’Ride-Veranstaltungen füllen kann. Für jeden ist etwas dabei – vom Lobbyist zum Familien-Picknicker, von der Aktivistin zur Radballerina, vom Gelegenheitsradler zur Fahrradbotin.

Diskurs und Einbringunsmöglichkeiten

Treffen tun sich alle auf der monatlich zelebrierten Critical Mass, deren Ziel, mehr Raum und Aufmerksamkeit fürs Radfahren in Wien zu schaffen, alle RadfahrerInnen in Wien seit nun schon 10 Jahren verbindet. Jeden 3. Freitag des Monats um 16:30 Uhr treffen sich Renn- und Klappräder, Mountain- und Citybikes, Tall-Bikes, Fixies, Freak-Bikes, Tandems, Soundbikes, Lastenräder und und und, am Schwarzenbergplatz, um auf einer Stadtrundfahrt gemeinsam die Liebe zum Rad und die Freude am Radeln in der Stadt lautstark und breitschultrig zu feiern, im Sommer wie im Winter, bei Schneefall genauso wie bei Sonnenschein, mal verkleidet (Halloween), mal geschmückt (Weihnachts-CM) und manchmal auch ganz ohne (als Naked CM).

Für kreative und interessierte RadfahrerInnen, die auch politisch aktiv werden möchten, bietet die Mobilitätsagentur mindestens einmal im Monat ein Treffen mit dem Radverkehrsbeauftragten Wiens, Martin Blum, an. Immer von 14 bis 16 Uhr können in der Großen Sperlgasse Vorschläge, Wünsche und Ideen diskutiert und erörtert werden.

Und auch die TU Wien beschäftigt sich mit dem Thema Fahrrad. Jeden Dienstag von 18 – 20 Uhr werden dort (Karlsplatz 13) Vorträge und Meetings über eine Vielzahl von Themen rund ums Rad und das Radfahren im urbanen Raum zum Lauschen und Mitdiskutieren angeboten.

Alle Angebote findet man im Terminkalender von Fahrrad Wien.

Bike-Events

Daneben gibt es in regelmäßiger Folge etliche weitere Bike-Events, die mit einer Vielzahl an attraktiven Erlebnissen und Angeboten locken.

Das Fahrradkalenderjahr wird seit 2010 am ersten oder zweiten Jänner-Wochenende tosend, wild und mit einem lauten ‘YARRR’ mit der Fahrrad-Regatta Piratislava eingeläutet. Die prachtvoll geschmückten Zweirad-Fregatten werden jährlich von ihren (angriffs)lustigen, augenbeklappten und tapferen Kapitänen vom Wiener Stephansplatz durch wogende Schneestürme nach Bratislava manövriert, um abschließend die schnellsten, kreativsten und schönsten Piraten ausgiebig mit RRRum zu begießen. Tortuga lässt grüßen.

Denjenigen, die lieber Gas geben, sei das Anfang Februar organisierte Slovakia Experiment empfohlen. Auch dabei geht es durch Regen, Matsch und Schnee nach Bratislava, mit Speed, Zeitfahrlenker und Radtrikot statt Rum, Galionsfigur und Augenklappe. Gefeiert wird am Ende aber trotzdem.

ARGUS Bike Festival

Fotos © Friedrich Simon Kugi

Alljährlich findet am Wiener Rathausplatz eines der größten Fahrrad-Festivals Europas statt – das Argus Bike Festival. Neben einer großen Fahrradmesse mit über 100 Ausstellern können einige Vorträge zum Thema Rad besucht, radtechnische Neuheiten getestet, die ‘Crazy Bikes’ der WUK-Werkstatt ausprobiert und das eigene Rad auf Herz und Nieren bei der Radrettung gecheckt werden. Es gibt Flohmärkte, Gewinnspiele und natürlich die waghalsigen Jumps und Tricks des Vienna Air Kings zu bewundern.

Außerdem ist die im Juni stattfindende Radparade zu erwähnen, die 2015 ihr 5-jähriges Jubiläum mit einer neuen Route und einem neuen Ziel feierte. Vom Burgtheater gings los Richtung Prater, dann über die Reichsbrücke und die Hauptallee retour zur Kaiserwiese, wo dann das 4. Wiener Fahrrad-Picknick auf alle durstigen und hungrigen Radler wartete. Als Höhepunkt wurde zum einen die Austrian Brompton Championship im Wiener Prater ausgetragen, und abrundend der Awesome Bike Award für die gelungenste Fahrrad-Outfit-Kombination verliehen, auf den sich vor allem die Tweedrider große Hoffnung machen konnten.

Selbstverständlich kommen auch sportlich ambitionierte Wien-Biker auf ihre Kosten.

bike polo player

Beim Bike-Polo auf der Schmelz oder am Messeplatz kann man seine Feinmotorik, sein Fahrgefühl, sein Gleichgewicht und seine Teamfähigkeit trainieren. Spielhärte ist bei den meist gemütlichen und spaßigen Treffen jeden Samstag eher nicht gefragt – bei internationalen Turnieren dagegen darf man nicht zimperlich sein. Da wird gerempelt, geschubst, abgedrängt und getrickst bis sich die Laufräder biegen – offene Knie und Ellbogen sind da vorprogrammiert.

Auch der Hanky Panky Goldsprint fordert seine Teilnehmer bis aufs Letzte. 500 Meter, zwei Fixies, zwei Fahrer, eine Uhr – wer am längsten die höchste Frequenz treten kann, gewinnt. Es erwarten einen weiche Knie und komplette Verausgabung, ganz nach dem Motto ‘Come. Ride. Vomit.’ Die Schnellsten tragen die Finalrunden im K.O.-System aus, bis ein gebeutelter aber strahlender Sieger feststeht. Ganz wichtig: Atmen nicht vergessen!

Wer seine City-Speed testen möchte, kann sich bei einem vor allem unter Fahrradboten weit verbreiteten Alleycat mit anderen Geschwindigkeits-Junkies messen. Bei dieser Schnitzeljagd durch das städtische Verkehrsgewirr gilt es, so schnell wie möglich alle Aufgaben an allen Checkpoints zu erledigen. Infos gibt’s bei den Vienna Alleycats, Messengers For Good oder in der Fahrradbotenzentrale eures Vertrauens.

Und auch Liebhaber älterer Radmodelle haben die Möglichkeit, ihre Rösser auf eine sportliche Art und Weise zu präsentieren. Die In Velo Veritas, das österreichische Pendant zur weitbekannten l’Eroica, zieht immer wieder viele Retro-Enthusiasten ins Weinviertel, um die alten Renntage aufleben zu lassen und die Mittel vergangener Rennlegenden zu feiern.

Wer findet, dass sein Wissensdurst über das Radfahren in Wien noch nicht zur Gänze gestillt ist, kann sich nächste Woche über den zweiten Teil der Reihe Radfahren in Wien erfreuen! Schaut also wieder rein!

Fotos © Friedrich Simon Kugi, Bike Citizens

Entdecke die Welt von Bike Citizens > www.bikecitizens.net

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