Das urbane Fahrradmagazin

“Radfahren begleitet mich mein ganzes Leben”

Tom Terborgs Leidenschaft fürs Radfahren ist groß. So groß, dass aus ihr sein Beruf wurde: Er ist Briefträger. Seit 24 Jahren. In seiner Freizeit ist der Darmstädter mit Mountainbike, Rennrad und Lastenrad unterwegs – aber vor allem auf einem seiner alten Klappräder, die er seit sechs Jahren sammelt.

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Lebt im urbanen Rhein-Main-Gebiet und genießt es, mit ihrem Hollandrad zu Arbeit zu fahren. Monotonie ist nichts für sie und vermeintliche Umwege sind oft die spannenderen und schöneren Wege, die auch zum Ziel führen. In ihrer Freizeit ist sie meist mit dem Rennrad unterwegs; reist ans Meer und in die Berge - ein Rad ist immer dabei, denn ohne geht es bei ihr nicht!

Unterwegs mit dem Postrad

Tom Terborgs Arbeitstag beginnt um 6 Uhr. Briefe werden sortiert, anschließend das Rad bepackt. Um halb neun sitzt er dann auf dem Sattel. Wie lange er unterwegs ist, ist immer eine Frage der Menge an Post, aber auch der Begegnungen, die er unterwegs hat. „Ich gehe es so an, dass es Spaß macht.“ Und da spielt Geschwindigkeit für ihn keine Rolle.

„Ich bin eher der Entspannte. Es geht von Briefkasten zu Briefkasten. Da gibt es hier und da mal einen Plausch. Es entschleunigt und es tut mir gut. Und ich merke, dass es meinem Gegenüber auch gut tut, mal eine Pause einzubauen. Ich bin ein bisschen später fertig, aber das ist okay. Auch für die Menschen, denen ich die Post bringe. Wunderbare Freundschaften sind entstanden!“

Seit 24 Jahren ist er nun als Postmann unterwegs. Zuvor hatte er eine Banklehre gemacht. Doch hinterm Schalter fühlte er sich nicht wohl. Es war ihm zu eng, zu kapitalistisch und zu spießig. Er kündigte. Nach einer Phase des Ausprobierens war ihm klar: „Was ich am Liebsten mache, ist Radfahren.“ Ursprünglich wollte er nur einige Jahre Briefe austragen, „aber die Leidenschaft zum Radfahren war damals schon recht groß.“

Und so fährt er 15 Kilometer, fünf Mal die Woche – ohne Elektromotor. „Der Grund, warum ich angefangen habe, ist die sportliche Komponente beim Post austragen“, erzählt Tom. Die Arbeit als Fahrradkurier kann er sich hingegen nicht vorstellen. Nicht wegen der weit mehr zu fahrenden Kilometern, sondern weil es ihm zu gefährlich ist. Ganz anders als Postmann, ist er doch viel auf Bürgersteigen unterwegs.

4x Ironman und Mont Ventoux

Fürs Extreme hat er allerdings ein Faible. Vier Mal hat er bereits einen Ironman gemacht. Mit seinem Bruder fuhr der 50-Jährige den Mont Ventoux, einer der Tour de France Berge, von vier verschiedenen Seiten hinauf und wieder hinunter. Alles an einem Tag. Monatelang haben sie dafür trainiert; Höhenmeter auf den nahe Darmstadt gelegenen Bergen Frankenstein und Melibokus gesammelt. Oft ging es zehn, elf Mal ohne Pause hinauf und wieder hinunter.

Und dann war es am 9. Juni 2015 soweit. Morgens um 5 Uhr ging es los; abends um halb zehn waren sie fertig. „Es hat mir sehr viel gegeben. Aber seitdem habe ich privat nicht mehr auf dem Rennrad gesessen. Einfach weil der Kopf ein bisschen leer gefahren ist. Ich liebe Radfahren weiterhin, aber ich hab das Ziel erreicht.“

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Seine Sammelleidenschaft: Klappräder

Stattdessen genießt er es nun, mit einem seiner Klappräder zu fahren. Auch mit ihnen fährt er den Frankenstein – mit zum Teil über 10% Steigung auf insgesamt 3 Kilometern – hoch, ist in der Stadt unterwegs und schätzt es, dass er sie einfach im Kofferraum mitnehmen kann. Allerdings nur die Räder aus den 60ern, 70ern und 80ern. Inzwischen sind es neun; davon zwei Tandem-Klappräder. Es ist das Design, das es ihm angetan hat. „Sie sind formschön, man sitzt aufrecht und sie sind wendig“, schwärmt er. „Es ist unwahrscheinlich entspannend.“

Sein Lieblingsrad ist ein „Vaterland“, aber auch die zwei „Peugeots“ und das „Hercules“-Klapprad, das wie ein Mofa ausschaut, fährt er gern. Die „Rixe“, die er auf dem Speermüll fand, muss noch repariert werden, aber auch das ist Teil seiner Sammelleidenschaft. „Ich mag lieber eins retten, das man aufmöbeln kann, als ein neues zu kaufen.“ Und das nicht nur, weil die Liebe zum Detail nur bei den alten zu finden ist, sondern auch, weil er weniger konsumieren will. So ist seine Lebenseinstellung. Seine Sammelleidenschaft bezeichnet er als „Rettung von Kulturgut“. Es geht ihm nicht um eine Wertsteigerung, sondern ums „anschauen, benutzen und sich darüber freuen.“

Diese Freude findet er auch beim Kalmit Klapprad Cup. In Verkleidung wird die Kalmit, der zweithöchste Berg der Pfalz, 6 Kilometer lang hinaufgefahren. Es ist keine Sportveranstaltung, sondern ein Event. „Dabei sein und Spaß haben.“ Darum geht es ihm. Jedes Jahr gibt es ein anderes Motto. In wochenlanger Feinarbeit näht und fertigt Tom mit seinem Bruder die Kostüme an. Einst verkleideten sie sich als Krake und Kalmar. Dieses Jahr geht es um Italien und sie werden als Pinocchio und Geppetto auf ihrem Tandem den Berg hinauffahren.

Radfahren in der Stadt

„Durch meinen Job bin ich geschult, sehr aufmerksam zu fahren.“ Täglich erlebt er schwierige Situation, vor allem wenn Autos abbiegen. Wünschenswert wären mehr Radwege in Darmstadt genauso wie Erneuerungen der alten. Auch der Müll auf den Wegen ist ein Problem. „Ein achtsames, rücksichtsvolles Miteinander – ich finde, das ist in der Stadt machbar! Auch weniger Verkehr, dafür mehr Räder, Lastenräder!“ Er selbst fährt auch mit einem. Übrigens ein Geschenk eines Kunden, bei dem er Post austrägt.

Radfahren ist genau das richtige – beruflich und privat

„Radfahren begleitet mich mein ganzes Leben. Es macht dich unabhängig und mobil. Du kannst es überall machen!“ Beruflich kann er sich nichts anderes mehr vorstellen. Für ihn ist es genau das richtige und es wird von Tag zu Tag intensiver. „Unterwegs zu sein, an der Luft zu sein, in der Natur zu sein, die Jahreszeiten mitzuerleben“, zählt er begeistert auf und schwärmt von einem intensiven Lavendelduft, der kürzlich in seinem Bezirk herrschte.

„Teilweise habe ich ein Urlaubsgefühl während der Arbeit. All die schönen Begegnungen – das passiert so nebenbei. Ist so fließend. Irgendwann bist du dann fertig und hast einen wahnsinnig schönen Tag gehabt!“

Fotos © Jennifer Gliemann, Tom Terborgs

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Lebt im urbanen Rhein-Main-Gebiet und genießt es, mit ihrem Hollandrad zu Arbeit zu fahren. Monotonie ist nichts für sie und vermeintliche Umwege sind oft die spannenderen und schöneren Wege, die auch zum Ziel führen. In ihrer Freizeit ist sie meist mit dem Rennrad unterwegs; reist ans Meer und in die Berge - ein Rad ist immer dabei, denn ohne geht es bei ihr nicht!

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