Das urbane Fahrradmagazin

Wenn ein Fahrradschlauch eine Seele bekommt

„Segra Segra“, zu deutsch „Schwester Schwester“, heißt ein kleines Unternehmen in Prag, in dem Eliska und Dagmar Mertova Mode für urbane Radfahrer kreieren. Sie benutzen dafür unübliche, wie praktische Materialien und verwerten etwa alte Fahrradschläuche als Lederersatz. Was es mit ihrem innovativen „bicycle-to-office“-Ansatz auf sich hat und warum sie keine Farben mögen, erklärt Eliska Mertova im Interview.

David Baumgartner
Absolvierte seine Journalismus-Ausbildung in Graz und schreibt jetzt als freier Journalist hauptsächlich für die Kleine Zeitung und das Bike Citizens Magazin. Ist, weil er nicht in der Stadt lebt, zwar kein urbaner „Biker“, verbringt aber dennoch mehrere Stunden in der Woche am Radsattel.
Photo: Andreas Stückl

Jeder Radfahrer macht früher oder später Erfahrungen mit dem Schlauch im Fahrradreifen – aber nicht unbedingt an seinem Outfit. Segra Segra bietet Radbekleidung, wofür unter anderem alte Radschläuche wiederverwendet wurden. Was brachte euch auf diese Idee?

Wir wurden von Accessoires inspiriert, die aus Radschläuchen gemacht sind. Vor zehn Jahren sah ich einen Schlüsselring aus diesem Material, mir gefiel die Idee. Als wir dann begonnen haben, an unseren ersten Kreationen zu arbeiten, suchten wir nach neuen, ungewöhnlichen Materialien – und erinnerten uns an die Schläuche. Sie sind praktisch, sehr resistent und interessant, weil sie bislang noch nie für Radbekleidung verwendet wurden.

Upcycling steht auf der Liste von Segra Segra weit oben. Was wird neben den Schläuchen noch wiederverwertet?

Wir recyclen auch Reifen selbst. Künftig wollen wir auch mit anderen Abfallmaterialien arbeiten. Meine Schwester und ich wuchsen damit auf, Dinge wiederzuverwerten. Wir mögen alte Sachen mit etwas Patina mehr als neue, hochtechnologische Produkte.

Fahrradschläuche

Fahrradschläuche finden bei Segra Segra neue Verwendung in Radbekleidung. Foto: Andreas Stückl

Wenn man Google nach „Radbekleidung“ fragt, bekommt man fast ausschließlich farbenfrohe Leibchen und Hosen. Segra Segra möchte urbanes Radfahren aber von bunten Farben befreien – warum?

Bunte Radbekleidung passt nicht in die Stadt, sondern in die Natur, wo man lange Strecken fährt. Wenn man in der Stadt mit dem Rad fährt, muss man meist in die Arbeit, ins Theater, man geht einkaufen oder in eine Bar. Deswegen kreierten wir funktionelle und unauffällige Kleidung für alle, die nicht zusätzlich Gewand auf ihre Fahrt mitnehmen wollen oder sich mit der Sporthose am Arbeitsplatz unwohl fühlen.

Trends sind in der Mode gang und gäbe, Segra Segra will sie aber bewusst vermeiden und zeitlose Bekleidung schaffen. Wie sorgt ihr dafür, dass eure Produkte nicht aus der Mode kommen?

Seit dem Beginn von Segra Segra setzen wir auf unseren Geschmack – bis jetzt hat es sich ausgezahlt (lacht). Wir mögen simple, funktionelle und unaufdringliche Kleidung und unterstützen Slow-Fashion. Es gibt keinen Grund, Kleidung nach einer Saison auszutauschen. Wenn man etwas für Jahre behält, es vielleicht sogar reparieren muss, dann entwickelt man eine besondere Beziehung zu seinem Kleidungsstück, es bekommt eine Seele. Das ist ein lustiger Zufall und ein häufiger Witz unter uns, weil man zum Reifenschlauch auf tschechisch „Seele“ sagt.

Zeitlose Fahrradmode

Eliska und Dagmar Mertova mögen zeitlose, simple und unaufdringliche Bekleidung. Foto: Andreas Stückl

Wer ist euer typischer Kunde, der „Bicycle-to-office“-Radbekleidung kauft?

Unsere Kunden sind meistens Männer und Frauen über 30, die verschiedenste Berufe ausüben – nicht nur den typischen Business-Job im Anzug. Einige fahren täglich mit dem Rad, anderen gefällt einfach die Idee und der Stil, auch wenn sie nicht oft fahren.

Zusammen mit deiner Schwester Dagmar hast du Segra Segra gegründet. Woher kommt eure Leidenschaft für die Mode?

Wir absolvierten erst eine Kunstschule und besuchten dann beide eine Universität für Kunst und Design. Dagmar studierte Grafik und ich Mode – und im Zuge der Masterarbeit von Dagmar haben wir erste Produkte entworfen. Weil diese unter unseren Freunden beliebt waren, haben wir beschlossen, weiterzumachen und unsere erste Streetwear-Kollektion zu entwickeln.

Was ist das für ein Gefühl, wenn ihr in Prag Menschen seht, die mit eurer Bekleidung am Fahrrad sitzen?

Es gibt uns das Gefühl, dass wir Menschen eine Freude bereiten. Und dass unsere Arbeit Sinn macht.

Foto: Andreas Stückl

Fotos © Andreas Stückl

David Baumgartner
Absolvierte seine Journalismus-Ausbildung in Graz und schreibt jetzt als freier Journalist hauptsächlich für die Kleine Zeitung und das Bike Citizens Magazin. Ist, weil er nicht in der Stadt lebt, zwar kein urbaner „Biker“, verbringt aber dennoch mehrere Stunden in der Woche am Radsattel.

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