Das urbane Fahrradmagazin

Die Vision der Radbahn Berlin ist realer als gedacht

Als das Team Radbahn die Idee von einem Radweg unter Berlins berühmter Hochbahnstrecke U1 vorstellten, gab es viel Begeisterung, aber auch einige Fragen zur Umsetzbarkeit des visionären Projektes. Nun wurde nachgelegt und mit Unterstützung von Bike Citizens eine 140-seitige Studie zum Potenzial der Radbahn präsentiert.

Charlotte Keuer
Charlotte studiert Medienwissenschaften an der Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf und wohnt seit zwei Jahren in Berlin. Woher ihre Leidenschaft für das Fahrradfahren kam, kann sie nicht genau erklären aber ein Praktikum bei Bike Citizens war für sie der nächste logische Schritt. In ihrer Freizeit futtert sie sich durch alle asiatischen Restaurants Berlins, geht bouldern oder ins Kino.
So könnte die Radbahn an der Mückernbrücke aussehen, mit Strand einer Flaniermeile für Fußgänger und dem Radweg seitlich der Viadukte. @paper planes e.V.

Die Vorstellung eines 9 Kilometer langen, überdachten Radweges entlang der Hauptverkehrsader Berlins belebtester Bezirke versetzte vor einiger Zeit nicht nur Berliner und Berlinerinnen in Begeisterung. Seitdem hat das Team von der Radbahn, der Verein paper planes e.V., weiter an der Umsetzung gearbeitet, hat vermessen, geplant und entworfen, zahlreiche Unterstützende mit an Bord geholt und die Verwirklichung des Projekts in greifbare Nähe gerückt.

Lobende Worte von der Berliner Verwaltung

Am 30. Mai wurde das Ergebnis ihrer Arbeit der Presse und geladenen Gästen präsentiert, in einem Projektraum in Kreuzberg direkt neben der U1. Vor der Präsentation gab es lobende Worte von Unterstützern wie Christian Wiesenhütter, stellvertretender Geschäftsführer der Industrie- und Handelskammer (IHK) und Christian Tänzler, Pressesprecher von visit.berlin. Wiesenhütter sieht die „innovative Idee als Aushängeschild für einen smarten Wirtschaftsstandort Berlins“ und Tänzler betonte, dass die Radbahn eine ähnliche Leuchtturmwirkung entfalten könnte, wie die New Yorker High Line. „Die Potenzialstudie ist ein gutes Beispiel dafür, wie das Engagement von Einheimischen und Fachleuten mit der Verwaltung und der Politik produktiv zusammenwirken kann.“ sagte Jens Holger Kirchner, Staatssekretär für Verkehr in Berlin.

Was erwartet Fahrradfahrerinnen und Fahrradfahrer auf der Radbahn?

Der Radweg unter der U1 soll mehr sein als nur eine schnelle Verbindung vom Bahnhof Zoo zur Oberbaumbrücke. Das Team Radbahn entwirft ihn als „Spielfeld für zeitgemäße Mobilität, Innovation und Freizeitangebote“. So sind an den Bahnhöfen Mobiltätshubs geplant, an denen Fahrräder geliehen und abgestellt oder E-Bikes geladen werden können. Cafés, Grünanlagen und Bänke links und rechts des Radweges sollen Erholungszonen für Einheimische und Gäste schaffen. Direkt am Landwehrkanal, an der Möckernbrücke, ist gar eine Flaniermeile für Fußgänger und Fußgängerinnen geplant – Platz genug für den Radweg gibt es hier seitlich der Hochbahnviadukte.

Radbahn Berlin Unterm Dach_Ausschnitt_Nollendorfplatz_Hub_750

So sieht zum Beispiel ein Entwurf für den Nollendorfplatz aus: mit Mobilitätshubs, Info-Ständen und deutlich mehr Grünanlagen. Bild: paper planes e.V.

Radfahrende erwartet auf der Strecke viel allgemeiner Fahrkomfort nach Kopenhagener Vorbild, etwa ein besonders reibungsarmer, farblich hervorgehobener Fahrbahnbelag, geneigte Mülleimer, Füßstützen an Ampeln, eine durchgehende Beleuchtung und Anzeigetafeln, die ankündigen ob man schneller oder langsamer fahren muss, um die Grünphase an der nächsten Ampel zu erwischen.

Radverkehrsanalyse durch Smartphones

Neben vielen Unterstützern wie der Barmer-Krankenkasse und dem Innovationszentrum für Mobilität und gesellschaftlichen Wandel (innoZ) haben auch wir von Bike Citizens aktiv zu der Studie beigetragen. Über die von App-Nutzern aufgezeichneten Tracks konnten wir sehen, wie viele Radfahrer und Radfahrerinnen welche Route nehmen. Für das Team Radbahn haben wir über 300.000 km Fahrradfahrten zwischen Bahnhof Zoo und Oberbaumbrücke ausgewertet. Auf dieser Grundlage konnten wir schätzen, wie viele Radfahrende auf die Radbahn wechseln würden und wie schnell sie fahren könnten.

Zurzeit dauert die durchschnittliche Fahrt 39 Minuten. Die Radbahn kann die Fahrtzeit pro Richtung um 11 Minuten verkürzen – das entspricht einem Viertel der Zeit! In der Folge würden sich viele Wege auf die Radbahn verlagern, auch weil es bislang kaum attraktive Ost-West-Routen durch Berlin gibt.

Verlagerungspotenzial Radbahn Berlin

Das Verlagerungspotenzial der Radbahn, oben mit Radbahn unten ohne Radbahn. Je grüner eine Strecke leuchtet, desto mehr Fahrradfahrende sind dort unterwegs. Bild: Bike Citizens

Großes Potenzial prognostiziert das Team Radbahn nicht nur dem Fahrspaß, sondern auch der Wirtschaftlichkeit, Nachhaltigkeit sowie der Leuchtturmwirkung des einmaligen Projektes. Die vorgestellte Potenzialstudie ist seit Anfang Juli als gedruckte Version erhältlich und kann zur Unterstützung des Projektes per Crowdfunding erworben werden.

Weltweit kann Verkehrsplanung von Bike Citizens Analytics profitieren

Im Gegensatz zu herkömmlichen punktuellen Zählungen und Verkehrsbefragungen liefern die per Bike Citizens App aufgezeichneten Tracks auch Informationen zur Streckenwahl, Geschwindigkeit und Standzeiten der Radfahrenden. Damit kann der Radverkehr großflächig erfasst und das Verkehrsverhalten direkt und nahezu in Echtzeit abgebildet werden.

Heatmap Radbahn Berlin

Die Radbahn auf der Bike Citizens Heatmap von Berlin. @Bike Citizens

So kann Bike Citizens Analytics weltweit der Verkehrsplanung dabei helfen, konventionelle Erhebungsmethoden mit GPS-basierter Analyse zu ergänzen. Innovative Projekte wie die Radbahn Berlin, aber auch Nahverkehrsunternehmen und Städte, die bei der Planung und Evaluierung neuer Radinfrastruktur auf aktuelle Verkehrsdaten zugreifen können, profitieren so von Bike Citizens Analytics.

Mit der Potenzialstudie konnte das Team Radbahn so eine wichtige Hürde nehmen. Der politische Wille in Berlin scheint da zu sein – bald sollte es also an die Umsetzung gehen.

Charlotte Keuer
Charlotte studiert Medienwissenschaften an der Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf und wohnt seit zwei Jahren in Berlin. Woher ihre Leidenschaft für das Fahrradfahren kam, kann sie nicht genau erklären aber ein Praktikum bei Bike Citizens war für sie der nächste logische Schritt. In ihrer Freizeit futtert sie sich durch alle asiatischen Restaurants Berlins, geht bouldern oder ins Kino.

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