Das urbane Fahrradmagazin

Die radfahrende Frisörin – Wenig Platz, wenig Zeit und immer unterwegs

Bike Citizens beim Termin bei der radelnden Friseurin Hanna in Hamburg. Hannas Haar Rad zeigt, wie ein mobiles Gewerbe traditionelle Dienstleistungen revolutioniert – auf und mit dem Fahrrad. Es muss nicht mal ein Cargobike sein!

Juliane Schuhmacher
1987 in Berlin geboren, radelt sie seit Jahren durch die deutsche Hauptstadt und über deren Grenzen hinaus. Mit chronischem Fernweh, lässt sie sich keine Gelegenheit entgehen, unterwegs zu sein. Auf dem Blog radelmaedchen.de schreibt sie nicht nur über die Erlebnisse einer Großstadtradlerin und ihre Reisen, sondern auch über Fahrradbekleidung. Das Thema ihrer Masterarbeit im Modesdesign: Radelmädchen – Urbane Mode für Frauen mit und ohne Fahrrad.
Hanna kennt man als die radelnde Frisörin auf Hamburgs Straßen © Hannas Haarrad

Fahrräder und vor allem Cargobikes als Transportmittel für Unternehmen und als Dienstrad gibt es schon sehr lange. Ende des 19. Jahrhunderts wurden sie bereits zum Transport von Paketen und Lebensmitteln verwendet. Dann rückte das Rad als Transportmittel in den Hintergrund. Es verschwand fast über 100 Jahre komplett von unseren Straßen und aus unseren Köpfen.


Hannas Haarrad
holt die „alte“ Praxis ins moderne, urbane Hier und Jetzt (…)
In eine Zeit in der es sich viele aufgrund hoher Fixkosten zweimal überlegen,
einen Laden zu führen…

Hanna Alt ist als Frisörin mit dem Fahrrad in Hamburg unterwegs. Sie bietet ihre Dienstleistung als mobile Radfrisörin Hannas Haarrad an. Sie zeigt im Interview, wie es auf und mit dem Fahrrad gelingt, ein klassisches Geschäftsmodell ganz innovativ aufzubauen und erfolgreich zu leiten. Denn der moderne Alltag wartet im Vergleich zur Jahrhundertwende mit ganz neuen Herausforderungen: Der urbane Mensch von heute hat nämlich vor allem wenig Platz, wenig Zeit und ist immer unterwegs!

In der Mittagspause noch schnell den Frisörtermin im Park wahrnehmen und danach frisch gestylt zum Termin?

Kein Problem!

Gerade weil Hanna mit ihrem mobilen Fahrradgewerbe so flexibel ist, entspricht sie mit ihrem Service den Bedürfnissen der modernen Großstadtmenschen. In der Mittagspause noch schnell den Frisörtermin im Park wahrnehmen und danach frisch gestylt zum Termin? Kein Problem! Und super unkompliziert ist es auch. So verbindet Hanna und ihr radelnder “Frisiersalon” das Schöne mit dem Praktischen. Und Hanna ist bisher sogar ohne Lastenrad unterwegs!

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Ein “normales” Fahrrad ist vollkommen ausreichend für Hannas Unternehmen – vorerst! © Hannas Haarrad

Bike Citizens Reporterin Juliane Schumacher hat einen Termin bei Hanna und lässt sich spontan „die Spitzen schneiden“. Dabei führt sie ein ganz unkonventionell-spannendes Frisör-Gespräch.

Juliane Schumacher (BC): Hanna, du bist gelernte Friseurin und Meisterin in deinem Handwerk. Wie kam es, dass du nicht in einem Friseursalon angefangen oder dich selbstständig niedergelassen hast? Erzähl’ mal ein bisschen was zu deinem Fahrrad, mit dem du heute hier bist!

Hanna Alt (HA): Ich nutze dieses einfache Stahlrahmenrad mit Nabenschaltung. Ich habe das Rad  extra anfertigen lassen – es ist optisch ein “Hingucker”, aber praktisch sehr optimierungsfähig.

BC: Wäre ein Cargobike nicht hilfreich für den Transport deiner Arbeitsmaterialien?

HA: Ja! Ich denke schon länger über ein Cargobike nach, aber es muss zu meinen Bedürfnissen passen. Das muss ich erst finden!

BC: Es gibt mittlerweile einige „mobile Dienstleister“. Bekannt und sichtbar sind sie vor allem im Lebensmittelbereich – zum Beispiel als Coffee Bike. Aber auch vom Förster am eBike, dem Schornsteinfeger oder der Bestatterin aus Kopenhagen hab ich schon gelesen. Ist der Service, den du bietest, auch auf andere „stationäre Gewerbe“ übertragbar?

HA: Es gibt schon viele mobile Dienstleister auf dem Rad und es ist auf jeden Fall  noch mehr möglich. Hier in Hamburg sind bereits viele Masseurinnen und Masseure, die Fußpflege oder Hebammen mobil unterwegs.

BC: Was funktioniert für dich als radelnde Frisörin besonders gut im Vergleich zum festen Standort?

HA: Besonders gut ist die Flexibilität und die Zeitplanung für die Anfahrt, da ich mit dem Rad nie im Stau stehe.

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Spannende Arbeitsorte, minimale Ausstattung: Hanna arbeitet komplett ohne Chemie © Hannas Haarrad

BC: Was hast du stets im Gepäck, wenn du zum Termin losradelst? Im Prinzip kannst du ja überall arbeiten, was zum Beispiel auch direkt am Ufer der Elbe sein kann.  Ist die Ortswahl auch von der geplanten Frisur abhängig? Dauerwellen und Haare färben kann ja mitunter etwas aufwendiger sein und eventuell benötigst du Strom.

HA: Ich habe mein Werkzeug immer dabei, sprich Kamm und Schere. Außerdem einen Umhang, einen Spiegel, eine Sprühflasche, eine Haarschneidemaschine und  nach Bedarf auch einen Föhn, Bürsten, Massageöl und Shampoo. Die Kunden und Kundinnen brauchen einfach nur ein bisschen Platz, einen Stuhl und Licht. Mein Angebot beschränkt sich auf das Haareschneiden und frisieren oder Frisur stecken. Alles was mit Chemie zu tun hat, biete ich nicht an.

BC: Gab es einen Arbeitsort, den du als besonders kurios oder seltsam in Erinnerung hast?

HA: Also einen richtig seltsamen Ort gab es bisher nicht. Aber viele ausgefallene Orte, z.B im Park, als Event vor einem Restaurant, auf Messen, auf einem Festival, bei einem Straßenfest, in Gärten und auf Terrassen, auf einer Bühne während eines Konzerts und immer wieder in unterschiedlichen Küchen, Bädern oder Wohnzimmern…

BC: Gibt es etwas, das die Arbeit erschwert?

HA: Ein Nachteil ist das Planen der Termine mit einer möglichst sinnvollen Route. Um untertags ein gutes Zeitmanagement zu haben, geht  vorab relativ viel Zeit für die Planung drauf. Aber auch das lässt sich bestimmt noch optimieren.

BC: Ohne festen Sitz ist es sicherlich schwierig Kunden und Kundinnen zu gewinnen. Wie bewirbst du dein Unternehmen. Wie können Interessierte Kontakt mit dir aufnehmen?

HA: Oh ja, Kundenakquise ist sehr schwierig, vor allem am Anfang. Ich habe viele Sachen ausprobiert. Am Besten hat es ganz altmodisch mit Flyerverteilung  geklappt. Das war ein harter Weg!  Jetzt läuft alles von selbst. Mund-zu-Mund-Propaganda und Internet waren sehr hilfreich. Es gibt tatsächlich auch Kunden, die via Such-Plattformen nach einem mobilen Friseur in ihrer Nähe suchen. Die beste Kontaktaufnahme ist per SMS, Messenger oder E-Mail. Da ich den ganzen Tag unterwegs bin und  Zeit zum Planen brauche, bin ich telefonisch oft nicht zu erreichen.

BC: Was motiviert dich, jeden Tag wieder aufs Fahrrad zu steigen und deinen Job als “mobiles” Gewerbe auszuführen?

HA: Also generell kann ich mir mittlerweile keine schönere Option vorstellen, meinen Beruf auszuüben. Ich bin gerne draußen auf meinem Rad und auch die Arbeit ist angenehmer als in einem Salon und das Verhältnis zu den Kunden viel persönlicher. Ich bin auf dem Rad immer entspannt und frei und das wirkt sich auf meine Arbeit aus. Insofern ist es auch meine Motivation einen guten Job zu machen.

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Die Voraussetzung für ihre Selbständigkeit war... © Hannas Haarrad
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... nur der Meistertitel und eine gewisse Passion fürs Radfahren © Hannas Haarrad

BC: Glaubst du, dass die zunehmende Bequemlichkeit der Menschen einen Einfluss auf den Erfolg von Lieferdiensten hat oder woran könnte das deiner Meinung nach liegen?

HA: Auf jeden Fall! Aber ich würde nicht sagen, dass es nur die Bequemlichkeit ist. Oftmals ist es auch Zeit, die man selbst dadurch spart. Und eine gewisse Nachhaltigkeit, die man unterstützt.

BC: Brauchst du eine andere Versicherung als ein stationärer Betrieb? War die Anmeldung deines Gewerbes aufwendiger im Vergleich zur Miete eines Salons?

HA: Für mich als Handwerkerin spielt es keine Rolle, ob ich mein Gewerbe stationär – also in einem Laden – oder mobil ausführe. Voraussetzung zur Selbstständigkeit ist der Meistertitel. Es erfolgt eine ganz normale Gewerbeanmeldung beim Gewerbeamt und zusätzlich eine Eintragung in die Handwerksrolle. Zudem ist der Beitrag der Rentenversicherung beim Handwerk Pflicht und nicht freiwillig, wie bei anderen Gewerbeformen.

BC: Was rätst du Anderen, die darüber nachdenken, ein radelndes Gewerbe aufzubauen?

HA: Eine genaue Überlegung welches Rad für ihre Bedürfnisse am Besten ist. Und wenn möglich, vielleicht erstmal mit dem starten, was man hat. Vieles stellt sich erst heraus, wenn man es tut. Ansonsten gute, wetterfeste Kleidung und: Kein Zögern!

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Juliane Schuhmacher
1987 in Berlin geboren, radelt sie seit Jahren durch die deutsche Hauptstadt und über deren Grenzen hinaus. Mit chronischem Fernweh, lässt sie sich keine Gelegenheit entgehen, unterwegs zu sein. Auf dem Blog radelmaedchen.de schreibt sie nicht nur über die Erlebnisse einer Großstadtradlerin und ihre Reisen, sondern auch über Fahrradbekleidung. Das Thema ihrer Masterarbeit im Modesdesign: Radelmädchen – Urbane Mode für Frauen mit und ohne Fahrrad.

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