Das urbane Fahrradmagazin

Sandro Superhost: Ein italienischer Warmshowers Gastgeber aus Piacenza mit Vision

In Piacenza gibt es bisher nur einen Warmshowers-Gastgeber: Sandro. Er nimmt alle auf, die um einen Übernachtungsplatz bitten. Und bietet seinen Gästen weit mehr als eine warme Dusche und einen Platz zum Schlafen.

Doro Staub
Doro Staub ist Texterin und lebt in der Schweiz und in Italien. Sie reist seit Jahren immer wieder mit dem Fahrrad durch Italien. Wer das auch gern machen möchte, findet auf ihrem Blog Miss Move viele bunte Berichte und Tipps.
Superhost Sandro aus Piacenza (IT) kümmert sich bei der Ankunft um das Reiserad der Autorin. Foto © Doro Staub

“Mangia!”, sagt Sandro Barbieri und legt ein großes Stück selbst gebackenen Zwiebelkuchen auf meinen Teller. Daneben locken frische Melonenstücke. Eben noch hatte er mein Fahrrad neben seinen drei Rennrädern im Keller eingesperrt und meine extra schweren Taschen zu seiner Wohnung hoch getragen. Ganz selbstverständlich.

Weit mehr als nur eine warme Dusche
Sandro ist heute mein Warmshowers-Gastgeber in Piacenza, eine knappe Zugstunde südlich von Mailand. Warmshowers ist eine Online-Plattform, die weltweit kostenlose Übernachtungsplätze für Radfahrerinnen und Radfahrer auf Reisen vermittelt. Sie wird von Freiwilligen betrieben und umfasst aktuell über 145’000 Mitglieder in 161 Ländern. Erfahre mehr dazu hier.

Sandros Wohnung ist überschaubar: ein Zimmer mit Küchenzeile, ein Balkon, ein Bad. Hier hat er innerhalb von zehn Monaten über sechzig Warmshowers-Gäste beherbergt. Manchmal jede Nacht einen neuen – oder auch mehrere: es kam vor, dass vier Menschen gleichzeitig bei ihm übernachteten. Und natürlich beschränkt sich Sandro nicht auf das Warmshowers-Minimalprogramm, kostenlose Übernachtungsplatz und warme Dusche.

Sein Standard ist: Willkommens-Imbiß, Führung durch Piacenza und ins Val Trebbia, die für Piacenza typischen “pisarêi e fâso” zum Abendessen, reichhaltiges Frühstück, sowie Wäscheservice und Tipps für die Weiterfahrt.

“Die sind doch wie wir – Radreisende.”
Sandro ist der einzige Warmshowers-Gastgeber in Piacenza. Der nächste Campingplatz befindet sich in Cremona, dreißig Kilometer östlich. Eine Infrastruktur für Radreisende existiert in Piacenza praktisch nicht. Dabei kommen hier so viele Fahrrad-Touristinnen und -Touristen vorbei: auf dem Po-Radweg von Pavia an die Adria oder ausgehend von Milano, südwärts nach Genua.

“Ich komme kaum nach mit den Gästen”, sagt Sandro. Er nimmt völlig unkompliziert auf, wer immer ihn über Warmshowers kontaktiert: Deutsche, Spanierinnen, Amerikanerinnen, Südkoreaner, Brasilianer,…

Piacenza

Bei Sandro zu Gast! Foto © Doro Staub

Gründe, eine Reihe von Anfragen abzulehnen, hätte er genug: weil er nur Italienisch spricht und auch seiner Schwerhörigkeit wegen Mühe hat, seine Gäste zu verstehen. Oder wenn er selber auf einer Radreise ist, wenn er (zuweilen auch nachts) arbeitet, seinem Ehrenamt im Spital nachgeht oder Freunde trifft. Aber nein, Sandro lehnt niemanden ab: “Die sind doch wie wir – Radreisende – wie könnte ich sie denn ablehnen?”, sagt er.

Warmshowers Host

Zur Begrüßung serviert Sandro seinen Gästen Zwiebelkuchen!

Trebbia

Es folgen Ausflüge zur Trebbia und eine…

Piacenza Fahrrad

…Stadtführung durch Piacenza. Fotos © Doro Staub

Piacenza: Übers Val Trebbia nach Genua und ans Mittelmeer
Piacenza hat weniger Besucherinnen und Besucher als die Nachbarstädte Pavia, Cremona oder Parma. Zu Unrecht, denn die Innenstadt bietet mit der Piazza Cavalli und dem Palazzo Gotico, seinen Gassen, Cafés und Prachtbauten eine Reihe von Attraktionen. Zudem ist das Val Trebbia für Radfahrerinnen und Radfahrer ein reizvoller, sanfter Weg über den Apennin, um an Genuas Hafen oder einfach ans Mittelmeer zu gelangen.

Weltweit erstes Warmshowers Hostel in Piacenza?
“Die Tourismus-Verantwortlichen von Piacenza machen wenig für die Radreisenden, dabei wäre das eine Chance, Piacenza und seine attraktive Fahrrad-Region zu bewerben”, wundert sich Sandro.

Seit einer Weile lässt ihn eine Idee nicht mehr los: In Zentrumsnähe steht ein Gebäude der Stadt, das sich hervorragend als “Warmshowers Hostel” eignet. Auf der Grünfläche vor dem Haus lassen sich bestens Zelte aufschlagen. Sanitäranlagen sind vorhanden und ohnehin unterhalten, weil im Gebäude allerlei Anlässe stattfinden. Die Stadt müsste es “bloß” den Fahrrad-Touristinnen und -Touristen zur Verfügung stellen.

Piacenza Altstadt

Foto © Doro Staub

Piacenza wäre unter den Radreisenden bekannt für das erste Warmshowers Hostel der Welt! 

Ob er das wirklich für machbar hält? “Mmh”, brummt Sandro. “Ich hatte schon viele gute Ideen, aber wenn kein schnelles Geld in Aussicht ist, hat die Stadt wenig Interesse an solchen Projekten. Auch wenn es sich langfristig lohnen würde. Denk nur, wie viele Fahrrad-Touristen und Touristinnen ein solches Hostel anziehen würde. Und wieviel Geld sie in die Stadt brächten. Und wie begeistert sie zuhause von dieser Region sprechen und damit neue Besucherinnen und Besucher anziehen würden. Piacenza wäre unter den Radreisenden bekannt für das erste Warmshowers Hostel der Welt. Es braucht so wenig!”

Sandro wird nicht locker lassen. Bis sein Traum umgesetzt ist, wird er weiterhin Gästen eine warme Dusche, Zwiebelkuchen und Touren ins Val Trebbia anbieten. Kostenlos, wie bei Warmshowers üblich.

Doro Staub
Doro Staub ist Texterin und lebt in der Schweiz und in Italien. Sie reist seit Jahren immer wieder mit dem Fahrrad durch Italien. Wer das auch gern machen möchte, findet auf ihrem Blog Miss Move viele bunte Berichte und Tipps.

Kommentar schreiben

Interessiert dich das Magazin?
Jetzt schmökern