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Pedale an die Macht: Besser Radfahren in Prag

Es ist ein früher Morgen im Frühling. Der Prager Wenzelsplatz ist bereits voller Touristen und überfüllte Straßenbahnen zockeln die Vodičkova-Straße entlang. Überall sind Autos, aber hier, inmitten des Stadtzentrums, ist kein einziger Radfahrer zu sehen. Aber die Zeiten ändern sich. Der öffentliche und private Einsatz zur Förderung des Radfahrens nimmt ständig zu und Radfahrer sind der Meinung, dass sich die Anstrengungen langsam bezahlt machen.

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Timothy Spence ist ein in Wien lebender freischaffender Journalist, der sich auf die Themenbereiche Klima, Energie und Gesundheit spezialisiert hat. Seit über 20 Jahren führt er ein „Auto-freies“ Leben und ermutigt auch anderen den Wechsel zum Radfahren in der Stadt zu wagen.
(c) Timothy Spence

Neue Infrastrukturprojekte und ziviles Engagement fördern das Radfahren in Prag

„Die Rahmenbedingungen sind im Moment sehr gut”, meint Daniel Mourek, Vizepräsident des Europäischen Radfahrerverbands (ECF) und Mitglied des Radfahrkomitees der Prager Stadtregierung. Durch die Wahlen im Oktober 2014 wuchs die Zahl der fahrradfreundlichen Mitglieder im Stadtrat und „es herrscht nun politische Einigkeit” darüber, dass Radfahren Teil des städtischen Verkehrs werden soll, sagt Mourek.
Ausgewiesene Radwege, die es vor einem Jahrzehnt noch gar nicht gegeben hat, werden immer alltäglicher und Gesetze wurden eingeführt, die dafür sorgen, dass Radfahren in die Verkehrs- und Parkinfrastruktur integriert wird, erklärt Mourek, der täglich mit dem Rad zur Arbeit fährt. „Für mich ist das Fahrrad das einfachste und schnellste Verkehrsmittel.”

Radfahren in Prag

Radfahrer kommen in den Genuss besserer Radwege

Erfahrene Radfahrer sind der Meinung, dass die Radfreundlichkeit in Prag steigt. David Hoffman, der täglich 25 Minuten mit dem Rad zu seiner Arbeit BankWatch, einer Nichtergierungsorganisation, fährt, hat in den letzten fünf Jahren, seit er anfing, mit dem Rad zur Arbeit zu fahren, bemerkt, dass sich immer mehr Menschen auf zwei Rädern fortbewegen. „Letztes Jahr waren es an den ersten warmen Tagen mehr Menschen als je zuvor”, meint Hoffman in seinem Büro in Libeň, einem Stadtteil nordöstlich des Stadtzentrums. „Ich habe regelrecht auf kälteres Wetter gehofft, um die Straßen wieder für mich allein zu haben”, fügt er lachend hinzu.

Anders als die Radrouten EuroVelo 7 und EuroVelo 4, die sich an den Ufern der Moldau und Elbe entlangschlängeln, und einige Verbindungswege, die hauptsächlich zum Sport genutzt werden, gab es noch vor wenigen Jahren fast überhaupt keine Radwege für Pendler. Heute gibt es gekennzeichnete Radwege auf einigen Hauptverkehrsstraßen und ein Gesetz aus dem Jahr 2006 besagt, dass Radwege in alle neuen und sanierten Straßenabschnitte integriert werden müssen. Verfechter des Radfahrens beanspruchen weitere Siege für sich, einschließlich eines Gesetzes, das Parkmöglichkeiten für Fahrräder in allen neuen Gebäuden vorsieht, und Bemühungen, die allgegenwärtigen roten Straßenbahnen und das U-Bahnsystem von Prag für Fahrräder besser zugänglich zu machen. Karlín, ein tief gelegener Stadtteil an der Moldau, der vom Hochwasser im Sommer 2002 besonders betroffen war, wurde neu gestaltet und hat eine der besten Radinfrastrukturen der Stadt.

Bisher haben diese Maßnahmen die tschechische Hauptstadt nicht in Fahrradstädte wie Amsterdam oder Kopenhagen verwandelt und auch nicht in ein Berlin oder Wien, von denen sich die örtliche Radfahr-Community inspirieren lässt. Umfragen zeigen, dass 200.000 der 1,2 Millionen Einwohner der Stadt mindestens einmal pro Woche mit dem Fahrrad fahren und 120.000 mindestens dreimal pro Woche. Radfahren beträgt nur ein mageres Prozent von Prags Mobilität, verglichen mit einem – laut dem ECF – Durchschnitt von 6,24 % in der Europäischen Union. Um Berlin (13 %), Ljubljana (12 %) oder Wien (6 %) einzuholen, ist es noch ein weiter Weg. Das Ziel eines Radfahranteils für 2020 von 5 bis 7 % ist weniger als die Hälfte des durchschnittlichen EU-Ziels von 15 %.

Fahrräder in Prag

Die Prager Fahrradkultur wächst

Prag liegt noch in einer anderen Hinsicht hinter den meisten anderen europäischen Städten zurück: Es gibt kein stadtweites Radverleihsystem, obwohl in einigen Bezirken Pilotprojekte entstanden sind. Radfahrer sind der Meinung, dass auch Grabenkämpfe zwischen den einzelnen städtischen Behörden, die für Straßen, Verkehrssignale und Verkehr zuständig sind, zu den Herausforderungen zählen. Mourek, der auch am Greenways-Programm für die unabhängige tschechische Partnerschaftsstiftung für Umwelt mitarbeitet, meint, dass die Bürokratie zwischen den Behörden Projekte um Monate und sogar noch länger verzögern kann. Er verweist auf ein Gesetz, das die Errichtung von 1.000 Fahrradstellplätzen pro Jahr einfordert, und fügt hinzu: „Letztes Jahr konnte man sie an den Händen abzählen.”

Mourek ist auch der Ansicht, dass sich die öffentliche Wahrnehmung ändern müsse. „Das typische Problem in Prag ist”, sagt er, „dass es keine Radfahrkultur gibt.” Um eine solche Kultur einzuführen, finanzieren örtliche Gruppierungen und Unternehmen im Mai die Aktion Mit dem Rad zur Arbeit. Es gibt auch Bemühungen, gemeinsam mit anderen Städten eine Critical Mass zu veranstalten und tschechische Gruppierungen nehmen regelmäßig an Radfahrveranstaltungen wie dem Bike Festival am Wiener Rathausplatz im April teil.

Es gibt auch einen Anstieg im Bürgerengagement und bei Betrieben: Bajkazyl (“Fahrrad-Asyl”) ist eine ausgeflippte Bar, die Rad-Services anbietet und Rad-Events veranstaltet, und Auto*Mat, eine Gruppe, die 2003 gegründet wurde, bewirbt Alternativen zum Auto. Außerdem erlebt die Stadt eine Flut an neuen Anbietern von Fahrradtouren und Neugründungen wie CityBikes.cz, einem Hersteller von Stadt- und Elektrofahrrädern. Insgesamt machen all diese Veränderungen Prag zu einem viel angesagteren Ort für Radfahrer.

Foto © Timothy Spence

Entdecke die Welt von Bike Citizens > www.bikecitizens.net

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Timothy Spence ist ein in Wien lebender freischaffender Journalist, der sich auf die Themenbereiche Klima, Energie und Gesundheit spezialisiert hat. Seit über 20 Jahren führt er ein „Auto-freies“ Leben und ermutigt auch anderen den Wechsel zum Radfahren in der Stadt zu wagen.

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