Das urbane Fahrradmagazin

Die niederländischen Radfahrer in Schwung halten

Nimmt man eine beliebige Liste fahrradfreundlicher Länder – die Niederlande stehen bestimmt ganz oben. Die niederländische Radinfrastruktur wird zurecht für ihre Effektivität und Ausdehnung gelobt, die jeden Ort im Land für Radfahrer zugänglich macht. Kein Wunder, dass die Niederlande die größte Fahrradnation auf dem Planeten sind. Doch dafür Investiert das Land auch viel in den Radverkehr.

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Michael Afanasyev wurde in der früheren Sowjetunion geboren und lebte lange Zeit in Israel, bis er 2003 in die Niederlande, nach Rotterdam, zog. Als Geophysiker macht er seinen Doktor an der Delft University of Technology. Seine Familie, bestehend aus 4 Familienmitgliedern, besitzt insgesamt 7 Fahrräder. Man kann sich also vorstellen, dass hier oft Fahrrad gefahren wird. Michael fährt mit dem Fahrrad zur Arbeit, zum Supermarkt, mit seinen Kindern in den Park, zum Sport oder einfach nur so zum Spaß. Er liebt Fahrrad fahren und das Schreiben. Als Autor für das Bike Citizens Magazin zu schreiben, erlaubt ihm beide Vorlieben zu kombinieren.
Image © Alfredo J G A Borba (CC BY-SA 4.0) on Wikimedia

Die Fahrradbesitz-Raten in den Niederlanden sind unglaublich – der Durchschnitt liegt bei 1,1 Fahrrädern pro Person! In meinem Haushalt gibt es beispielsweise sieben Fahrräder für vier Personen, wovon zwei davon Kinder sind, von denen eines noch nicht einmal laufen kann. Radfahren ist offensichtlich in den Niederlanden sehr populär, dank der hervorragenden niederländischen Radinfrastruktur. Wenigen Menschen ist jedoch bewusst, dass der Aufwand, um die Radinfrastruktur erfolgreich zu machen und zu erhalten, enorm ist.

So gut, wie sie erhalten wird

Zunächst einmal ist jede Infrastruktur nur so gut, wie sie erhalten wird. Während die niederländischen Radwege immer noch ziemlich gut gepflegt werden, stellen die Tausenden Kilometer an Radwegen in diesen wirtschaftlich harten Zeiten eine schwere Last für das Budget der Gemeinden dar. Es gibt noch keine Anzeichen für Vernachlässigung, aber sie haben auch keine Priorität. Im Winter werden Radwege, abgesehen von den allerwichtigsten Strecken, zum Beispiel nicht vom Eis befreit. Und die Qualität der Straßenoberfläche könnte an einigen Stellen stark verbessert werden.

Radwege nicht nur für Fahrräder

Zweitens gibt es das Problem der gemeinsamen Nutzung der Straßen. Nicht mit Autos, nein – die meisten niederländischen Radwege sind physisch vom Straßenbereich für Autos abgegrenzt. Aber das bedeutet nicht, dass sie ausschließlich den Radfahrern vorbehalten sind. Im Gegenteil – die Regel scheint zu lauten: „Alles, was kein Auto oder Fußgänger ist, gehört auf den Radweg.“ Daher werden Radwege von Mopeds, Segways, Joggern, Reitern, Inlineskatern, Elektromobilen und einer steigenden Anzahl an E-Bikes genutzt. Sie sehen schon – es ist dort ziemlich voll. Motorroller sind ein Sonderfall – sie dürfen die Radwege benutzen, jedoch mit höchstens 25 km/h. In der Praxis sind viele Motorroller auf Radwegen viel schneller unterwegs, was zu gefährlichen Situationen führt.

Fahrradwege für Motorroller_niederländische Radinfrastruktur

Image © Franklin Heijnen (CC BY-SA 2.0)on Flickr

Engpässe im System

Drittens ist ein System offensichtlich nur so stark wie sein schwächster Punkt und es gibt einige wichtige Engpässe im niederländischen Fahrrad-Walhalla. Zur Stoßzeit sind Fahrradstaus ein häufiges Phänomen in den Großstädten. Gebiete rund um Bahnhöfe werden von geparkten Fahrrädern überflutet, die eine Bedrohung für den restlichen Verkehr darstellen. Der brandneue Hauptbahnhof von Rotterdam wurde mit einem hochmodernen unterirdischen Parkplatz für Fahrräder ausgestattet. Nur ein halbes Jahr nach der Eröffnung ist er bereits voll, mit weniger als 10 % an verfügbaren (freien) Plätzen.

niederländische Radinfrastruktur

Image © Incase (CC BY-SA) on Flickr

Es wird immer besser

Zum Glück gibt es Lösungen für diese Probleme. Beheizte Radwege, die eisfrei bleiben, sind seit Jahren ein viel diskutiertes Thema, aber nun wurde der erste beheizte Weg zur Realität. Es wurde festgestellt, dass verletzte Radfahrer die Gesellschaft mehr kosten als eine ordentliche Enteisung. Fahrer auf Pedelecs (schnelle E-Bikes) werden ab 2017 die Autostraßen benutzen (und einen Helm tragen müssen), genau wie die auf schnellen Motorrollern. Apropos Motorroller: Verstärkte Kontrollen der Geschwindigkeitsbeschränkungen für Motorroller zeigen erste Ergebnisse. Der Bedarf an Parkplätzen für Fahrräder wurde von Städteplanern ebenfalls erkannt. Die Stadt Utrecht baut beispielsweise die größte Fahrrad-Garage der Welt, die letztendlich 12.500 Fahrrädern Platz bieten soll. Und der explosionsartige Anstieg von E-Bikes hat die Diskussionen über „Fahrrad-Schnellstraßen“ auf eine ganz neue Ebene gebracht.

Radinfrastruktur – eine lohnende Investition

Wie die niederländischen Zahlen deutlich zeigen, machen Investitionen in Radinfrastruktur das Radfahren sicher und beliebt. Diese Erkenntnis wird hoffentlich dazu führen, dass die niederländische Radinfrastruktur endlich ihren gerechten Anteil am Budget erhält, einen Anteil, der das Ausmaß ihrer Nutzung und ihren Wert für die Gesellschaft widerspiegelt. Neue Lösungen werden auch für die Radfahrer Umstellungen bedeuten – bezahlte Parkplätze für Fahrräder sind die neue Realität. Wer weiß, vielleicht werden Maut-Wege Teil der zukünftigen Radinfrastruktur sein? Und andere Länder können aus der niederländischen Situation etwas lernen. Die Förderung des Radfahrens ist nur der erste Schritt. Es attraktiv und sicher für die Massen zu machen, ist die nächste Herausforderung. Radfahren beliebt zu machen (und zu halten), kostet Geld, Planung und Bewusstsein. Aber am Ende des Regenbogens wartet eine Belohnung. Denn wenn man die Reduzierung von Lärm, Staus und Luftverschmutzung betrachtet, zahlt sich eine Investition in die Radinfrastruktur auf jeden Fall aus.

Foto © Franklin Heijnen on Flickr & © Incase on Flickr & ©  on Wikimedia (CC BY-SA 4.0)

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Michael Afanasyev wurde in der früheren Sowjetunion geboren und lebte lange Zeit in Israel, bis er 2003 in die Niederlande, nach Rotterdam, zog. Als Geophysiker macht er seinen Doktor an der Delft University of Technology. Seine Familie, bestehend aus 4 Familienmitgliedern, besitzt insgesamt 7 Fahrräder. Man kann sich also vorstellen, dass hier oft Fahrrad gefahren wird. Michael fährt mit dem Fahrrad zur Arbeit, zum Supermarkt, mit seinen Kindern in den Park, zum Sport oder einfach nur so zum Spaß. Er liebt Fahrrad fahren und das Schreiben. Als Autor für das Bike Citizens Magazin zu schreiben, erlaubt ihm beide Vorlieben zu kombinieren.

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