Das urbane Fahrradmagazin

Medellin – Kolumbiens zweitgrößte Stadt auf zwei Rädern erleben

Medellin bietet neben der unglaublich günstigen Metro und Stadtseilbahn auch ein gratis Verleihsystem von Fahrrädern. Damit lernt man nicht nur die Metropole auf ganz besondere Art und Weise kennen, sondern schnuppert auch die sympathische Luft der kolumbianischen Bürokratie.

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Fahrradweg oder Markt? © André Lintschnig

Auch wenn Medellín die Stadt des ewigen Frühlings genannt wird – selten über 30 und unter 16° C – drückt die Sonne ganz schön auf den Asphalt. Doch der abgasgetränkte Fahrtwind erfrischt und imprägniert die Haut mit einer schönen Rußschicht, während wir mit unseren gratis Bicis auf den Ciclorutas unterwegs sind. Diese Radwege sind super verbunden mit der Metro und decken einen weiten Bereich der Nord-Süd-Achse von Medellín ab. Teilweise sind es richtige Fahrradschnellwege auf denen es zügig voran geht. Wo bei uns in Zentraleuropa oft Mittelleitplanken stehen, führen in Medellín Radwege mitten durch sechsspurige Stadtautobahnen. Wie kommt man überhaupt in diesen Genuss?

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Mit gratis Bicis auf Radwegen  inmitten der Stadtautobahn unterwegs © André Lintschnig

Ein Bewerbungsgespräch der anderen Art

Bevor man in die Pedale treten kann, gilt es einen anspruchsvollen, bürokratischen Hürdenlauf zu bestehen: Akkreditieren, Registrieren, Bewerben, Warten.

Darum gleich vorweg: Für einen kurzen Städtetrip eignet sich das Leihsystem leider nicht. Es dauert ganze vier Tage, bis wir unsere Civica-Karte stolz in Besitz nehmen und endlich die erste Ausfahrt unternehmen können. Wie läuft das ab? Zuerst geht es persönlich zu einem Punto de Atención al Cliente (Kunden-Serviceschalter) an einer der Metro Stationen Niquía, San Antonio, Itagüí oder San Javier. Sind alle Daten aufgenommen, bekommt man seine Civica-Karte. Zusätzlich muss man sich auf der Website des Leihradsystems  inskribieren und seine eingescannten Reisepässe schicken. Tipp: An der Metro-Station San Antonio gibt es eine öffentlichen Bibliothek mit gratis Computer-Arbeitsplätzen. Nach der Verifizierung folgt die Bestätigung per E-Mail.

Aber: Der Bürokratie nicht genug. Am Stadtamt der Área Metropolitana del Valle de Aburrá, ca. einen Kilometer südöstlich der Station San Antonio, hat man sich beim Radbeauftragten vorzustellen. Verwirrt? Wir auch!

Als krönenden Abschluss des Hürdenlaufes gibt es ein nettes „Bewerbungsgespräch“ mit dem Beamten: „Was sind Sie von Beruf? Sind Sie schon einmal Rad gefahren?“. Selten schaffen es Reisende wohl so weit. Sichtlich amüsiert verabschiedet sich der Beamte: „Viel Spaß bei der ersten Fahrt und einen schönen Urlaub!“. Was da auf uns zu kommt?

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Ein Kolumbianisches Pärchen beim “Bewerbungsgespräch” des Leihradanbieters © André Lintschnig

Ein Wettlauf mit der Zeit

Endlich! Wir sind mit den Encicla-Rädern auf den Ciclorutas von Medellín unterwegs – Radkarte und Smartphones zum Navigieren im Gepäck. Die Stadt mit dem Leihradsystem zu erleben gleicht einer Schnitzeljagd. Man hat maximal eine Stunde, dann muss das Rad wieder zurück zu einer Station. Alternativ registriert man sich nur kurz, um die Uhr wieder auf Null zurück zu setzen. Wir weichen etwas von der Cicloruta ab und setzen damit kontinuierlich die Messlatte zum Erreichen der nächsten Station höher – ohne dass wir es merken. Aber: Der Countdown läuft! Verschwitzt erreichen wir die nächst gelegene Estación. Das Schöne: Neben automatischen Stationen, wo die Räder in eine Halterung reingeschoben und verriegelt werden, gibt es persönliche Schalter. An diesen wird man von Mitarbeitenden bei Verleih und Rückgabe empfangen.

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Fußgänger- und Fahrradwege führen über die Stadtautobahn © André Lintschnig

Gemüsemarkt oder Radweg?

Unser Ausflug führt uns mitten durch Stadtautobahnen, einen riesigen Universitäts-Campus und über Radbrücken quer durch Medellín. Die letzte Etappe vom botanischen Garten zurück ins Zentrum birgt jedoch noch eine Besonderheit. Je näher man in das Centro Histórico von Medellín vor dringt, desto höher wird die Dichte an Verkaufsständen auf den Ciclorutas. Im Slalom führt uns der Radweg durch thematisch strukturierte „Viertel“. Über das Auto- und Mopedwerkstatt-Viertel erreichen wir den Kleidermarkt. Hier kommen wir mit Geschick noch ganz gut voran. Dann endet die Cicloruta mitten in einem riesigen Obst- und Gemüsemarkt. Nur noch ab und zu blitzen die Bodenmarkierungen des Radweges durch. Wir tauchen ein in den Trubel der Marktstände. Lauthals werden uns Produkte von allen Seiten angepriesen.

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Gemüsemarkt oder Fahrradweg? Ab hier schiebt man die Bicis besser © Irene Stockinger

Ab jetzt gilt das Motto: Wer sein Gefährt liebt, der schiebt. Wir genießen das rege Treiben auf der Straße und füllen unsere Radkörbe mit frischen Mangos und Ananas. Medellín mit dem Rad. Ein fruchtiges Erlebnis in einer fortschrittlichen Metropole.

Über Autor und Autorin:

Author Autor LintschnigAndré Lintschnig hat eine Metamorphose vom autogeprägten Landleben zum begeisterten, urbanen Alltagsradfahrer gemacht und kann sich ein Leben ohne Pedale nicht mehr vorstellen. Er machte journalistische Erfahrungen in der Redaktion der Klagenfurter Universitätszeitung und beim Geo Graz Magazin der Karl-Franzens-Universität.

 

Irene Stockinger kam vor 10 Jahren mit einem alten, rosaroten Citybike nach Graz zum studieren und ist seither nicht mehr vom Sattel zu bekommen. Mittlerweile gibt es im “Fuhrpark” für jede Situation ein Rad. Erfahrung beim Schreiben machte sie mit einem Blog, den sie gemeinsam mit André für ihre Südamerika-Reise erstellte.

 

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