Das urbane Fahrradmagazin

Kommunale Pilotprojekte als Zukunftsmodell

Baustellen, Rush-hour, Streiks der öffentlichen Verkehrsanbieter oder Fahrrad, modernes Equipment und unglaublicher Fahrspaß? Der urbane Raum ist begrenzt und die Zeiten der „autogerechten Stadt“ sind vorbei, das erkennen immer mehr Städte. So sind rund 60 Prozent mehr Fahrrädern als Autos auf den deutschen Straßen unterwegs. Laut Prognose des Europäischen Radfahrer-Verbands ist die Tendenz weiter steigend. Ein Trend auf den Entscheidungsträger in den Kommunen nun reagieren müssen. Denn die stetig steigende Bevölkerungsdichte in den Ballungsräumen spiegelt sich zunehmend auch in den Straßenverhältnissen wider, die sich nun dringend den neuen Anforderungen anpassen müssen. Nach UN-Studie werden bis 2050 immerhin zwei Drittel der Bevölkerung in Städten leben.

Europäische Vorbilder

Kopenhagen, Amsterdam aber auch das westfälische Münster machen schon seit Jahren vor, welchen Stellenwert Radfahren für die Verbesserung der städtischen Infrastruktur einnimmt. 2012 wurde in Kopenhagen mit dem C99 der erste von insgesamt 26 geplanten Fahrradautobahnen, den so genannten „Cykelsuperstis“ eingeweiht. Die Idee dahinter war den Radverkehr zu beschleunigen und den Umstieg auf die unmotorisierten Zweiräder größtmöglich attraktiv zu machen. Mit Erfolg: Über 55 Prozent der knapp 600.000 Kopenhagener nutzen die Schnellstraßen. Mit dem Auto fährt mittlerweile nur noch eine Minderheit. Die “Fahrrad-Autobahnen” sollen nun auch die rund 30 Prozent der Pendler, die bislang noch mit dem Auto fahren, zum Umstieg bewegen. Die Rechnung scheint mehr als aufzugehen: Kopenhagen verzeichnet nicht nur eine jährliche CO2-Einsparung von 110.000 Tonnen gegenüber vergleichbaren Städten, sondern landet mit einem attraktiven Mix aus urbaner Kultur und Lebensqualität immer in den Top 10 der weltweit lebenswertesten Städte.

Neue Visionen für deutsche Straßen

Diese Vorbilder sowie massive Veränderungen und Investitionen in Fahrradinfrastruktur in Metropolen wie Paris und London hinterlassen auch hierzulande ihre Spuren. Freiburg und Bremen beweisen bereits seit Jahren, wie entsprechende Investitionen, gekoppelt mit einem starken politischen Umsatzwillen, das Stadtbild verändern können. Frank Uekermann, Leiter des Bereichs Mobilität und Verkehr sowie Umwelt und Natur der Stadt Freiburg im Breisgau, erkannte bereits frühzeitig, dass Freiburgs Infrastruktur den jährlichen Bevölkerungszuwachs auf Dauer nicht tragen kann. So ist die Einführung von Radschnellwegen unter anderem ein gewichtiger Teil des Radverkehrskonzepts 20/20 der Breisgau-Metropole Freiburg. “In einer schnell wachsenden und historischen Stadt wie Freiburg kann man die Vorteile des Radverkehrs nutzen, um Probleme im motorisierten Verkehr zu beheben. Durch die derzeitige Radinfrastruktur ist das Rad nicht nur das angenehmste, sondern auch das schnellste Verkehrsmittel in Freiburg mit ausreichenden Kapazitäten für alle Nutzerinnen. Dies ermöglicht ein weiteres Bevölkerungswachstum, ohne die sehr kostenintensive Verkehrsinfrastruktur des motorisierten Verkehrs unnötig zu belasten oder zu erweitern. Die Investitionen in die Radinfrastruktur sind bedeutend niedriger und fördern zudem das zeitgemäße Stadtbild der ‚Wohlfühlstadt‘”, resümiert der unter anderem für die Verkehrsplanung zuständige Amtsleiter Frank Uekermann.

Bremen „Bike it“

Bremen konzentriert sich mit seiner ins Leben gerufenen Marke „bike it!“ auf die Förderung von Radmobilität und behauptet damit seinen dritten Platz im ADFC-Fahrradklimatest. Die Hansestadt animiert nicht nur durch eine radoptimierte Infrastruktur seine Einwohner, auf das Rad umzusteigen, sondern schafft durch einen attraktiven Service rund ums Rad auch eine große Nachfrage unter Touristen. In Kooperation mit Bike Citizens und deren Fahrradapp bietet die Stadt fahrradfreundliche, individuelle Navigation sowie Touren durch Stadt und Umland. Ergänzt wird das Angebot von Veranstaltungen und Gewinnspielen rund um urbane Mobilität. „Mit ‚bike it‘ haben wir einen großen Meilenstein innerhalb unserer Agenda umgesetzt: Fahrräder werden zunehmend häufiger benutzt, was unter anderem auch Auswertungen von Verleih- und Sharing-Portalen sowie die Bike Citizens Heatmap belegen. In der heutigen Zeit ist es nicht nur wichtig, Infrastruktur zu stellen, sondern auch mit Zusatzangeboten Einwohner als auch Besucher der Stadt zu motivieren, die Stadt auf eine völlig neue Art und Weise zu entdecken“, erklärt Jens Joost-Krüger, Projektleiter bei der Wirtschaftsförderung Bremen. „Wir setzen weiter auf die Verbesserung der Radverkehrsqualitäten und darauf, die Bedeutung des Radfahrens für urbane Lebensqualität bewusst zu machen. Und wir setzen darauf, besonders diejenigen für das Rad zu gewinnen, die die Lust am Rad noch nicht entdeckt haben.“

“Green City“ München

Wie stark das Interesse der Bevölkerung an der Umwandlung von deutschen Großstädten zu Fahrradmetropolen mittlerweile ist, beweist auch „Green City“ in München. Neuestes Projekt der Umweltaktivisten ist das „Radlshuttle“, dem sich Pendler anschließen können und von Mitarbeitern des Vereins sicher durch brenzlige Gefahrenbereiche in Hauptverkehrszonen geleitet werden. „Insbesondere mit dem Radlshuttle war es uns wichtig, eine Möglichkeit aufzuzeigen, wie man mit dem Fahrrad sicher und entspannt zum Arbeitsplatz kommt. Wir erhielten durchweg positive Reaktionen. Selbst mit den Autofahrern in der Rush-hour gab es kaum Probleme. Das stimmt uns positiv und ermutigt uns, den Weg weiter zu gehen und München zu einer Stadt der Radfahrer zu machen“, so Mobilitäts-Experte Christian Grundmann bei Green City e.V.

Zwar werden Deutschlands Straßen noch von Autos dominiert, dennoch ist ein Wandel deutlich spürbar. Radfahren ist nicht nur Mittel zum Zweck, sondern wird wesentlich stärker mit Entspannung und Wohlbefinden verknüpft und findet mehr und mehr seinen Einzug in den modernen Lifestyle. Innovative Urbanisten, ob Organisationen, Stadtentwickler oder Anbieter radoptimierter Services haben dieses Potenzial einer Radkultur für das städtische Zusammenleben längst erkannt und arbeiten an Zukunftsmodellen. Kommunale Pilotprojekte werden ausschlaggebend sein in diesem Prozess.

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