Das urbane Fahrradmagazin

Klimaschutz statt Billigflieger: Flugfrei Reisen mit dem Fahrrad zwischen Luxus und Lösung

Jedes Jahr ein neues Rekordjahr zu verzeichnen, ist für die allermeisten unmöglich. Nicht einmal der legendäre und erfolgreichste Radrennfahrer aller Zeiten Eddy Merckx hat das geschafft. Nur das Klima und die entsprechenden Durchschnittstemperaturen schreiben seit Jahren kontinuierlich neue Rekorde – und untrennbar damit verbunden: die Luftfahrt. Dabei lassen sich viele Flugstrecken innerhalb Europas sogar wunderbar auf dem Rad zurücklegen!

Tobias Finger square
Tobias Finger ist freier Journalist und Sozialwissenschaftler in Berlin. Wenn er nicht schreibt, kutschiert er Laptop, Kamera und Notizbuch mit dem Rad durch die deutsche Hauptstadt.
Photo © Frank Vex

Jedes Jahr ein neues Rekordjahr zu verzeichnen, ist für die allermeisten unmöglich. Weder der legendäre und erfolgreichste Radrennfahrer aller Zeiten Eddy Merckx hat das geschafft, oder die deutsche Bahnrekordlerin Kristina Vogel vor ihrem Trainingsunfall im Jahr 2018. Auch Staatshaushalte und DAX-Unternehmen schaffen das nicht.

Nur das Klima und die entsprechenden Durchschnittstemperaturen schreiben seit Jahren kontinuierlich neue Rekorde – und untrennbar damit verbunden: die Luftfahrt.

Seit 2009 stieg die jährliche Zahl der Passagiere immer weiter an. Die Internationale Zivilluftfahrtorganisation (ICAO) nennt für 2018 ein Passagieraufkommen von 4,3 Milliarden Fluggästen, 7,1 Prozent mehr als im Vorjahr. Laut der Internationalen Luftverkehrsvereinigung (IATA) wird sich der Trend fortsetzen: Sie erwartet für das Jahr 2035 rund 7,2 Milliarden Passagiere.

25 Minuten Flugzeit: Vier Stunden CO2-freier Radausflug statt vier Tonnen CO2
Europa, nach Australien der kleinste Kontinent der Erde, ist laut ICAO für mehr als ein Drittel, nämlich 37 Prozent der weltweiten Passagierkilometer verantwortlich. Auch hier: Tendenz steigend. Braucht es die Flugverbindungen von Zürich nach Basel, oder Wien nach Bratislava wirklich?

Letztere Strecke (sie sollte 2015 eingeweiht werden), wäre 40 Kilometer lang gewesen, also 25 Minuten Flugzeit, und überflüssiger als Zusatzgebühren für Handgepäck. Bei normalem Verkehr dauert die Fahrt auch mit dem Auto oder dem Bus nur eine Stunde, selbst mit dem Fahrrad wären es bei moderatem Tempo höchstens vier! Auf der Donaufähre sind es 75 malerische Minuten. Oder per Direktverbindung mit dem Zug, ebenfalls nur eine Stunde und fünf Minuten!

„Vier Tonnen CO2 pro Flug von Wien nach Bratislava“, schimpfte schon damals der Verkehrssprecher der österreichischen Grünen, Georg Willi, „das ist grob geschätzt das 50-fache im Vergleich zum Autobus.“

Klar. Wien – Bratislava ist ein Extrembeispiel. Aber auch viele andere Strecken, die heutzutage gerne geflogen werden, sollten besser mit anderen Verkehrsmitteln bewältigt werden. Wieso also nicht mit dem Fahrrad? Der Weg ist das Ziel!

Bratislava Wien Donau Rad

Entlang der Donau ist man in knapp drei Stunden von Wien nach Bratislava geradelt – CO2 frei! Auf der Donau geht’s zurück. Photo  © Mr. Söbau / Unsplash

Nur drei Prozent der Weltbevölkerung sind 2017 geflogen
Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) spricht von etwa fünf Prozent, die die CO2-Emissionen des Luftverkehrs an der globalen Erwärmung ausmachen. Verschiedene Zusammenschlüsse der Branche kalkulieren mit zwei Prozent. Aber selbst das ist noch eine absurd hohe Zahl. Denn die 4,3 Milliarden Passagiere in absoluten Zahlen sind relativ betrachtet viel weniger: Nur drei Prozent der Weltbevölkerung sind 2017 mindestens einmal geflogen.

Flug CO2 Urlaub

Hast du dich schonmal gefragt, wieviel CO2 eigentlich auf deinem Flug ausgestoßen wird und welche Konsequenzen das für alle hat? © Fernando Cferdo

Berlin – Köln und Frankfurt – Stuttgart: Flug versus Zug
Im Deutschlandweiten Vergleich liegt der CO2-Ausstoß laut dem Mobilitätstool ecopassenger.com auf der Strecke von Berlin nach Köln mit dem Flugzeug fast zehnmal so hoch wie mit dem ICE: 273 gegen 27,6 Kilogramm. Von Frankfurt nach Stuttgart wird sogar 16-mal so viel CO2 in die Atmosphäre abgegeben. Aber auch europaweit werden die Unterschiede deutlich:

Pro Person werden auf einem Flug von Zürich nach Paris 87,8 Kilogramm CO2 ausgestoßen. Mit dem Auto (das oft deutlich teurer ist) sind es 60 bis 70 Kilogramm. Der Zug steht mit nur drei Kilogramm dagegen. Und das Fahrrad? Klar: Null!

Im Sinkflug
Natürlich ist ein interkontinentaler Langstreckenflug mit Abstand die einfachste und schnellste Alternative. Mehrere Tage oder gar Wochen mit dem Frachtschiff von Hamburg nach New York ist deutlich weniger verlockend.

Aber gerade Kurzstreckenflüge unter 1.000 Kilometern sind besonders klimaschädlich, da sie hauptsächlich aus den energieintensiven Steig- und Sinkflug bestehen, mit kleineren Maschinen durchgeführt werden und oft weniger stark ausgelastet sind. Darum einmal die spitze Frage:

Wenn in Deutschland aber so schon 24,8 Milliarden Fahrradkilometer zurückgelegt wurden (Stand: 2015), wieso müssen diese kurzen Strecken überhaupt noch angeflogen werden?

So weit die schlechten Nachrichten. Jetzt die gute: Es gibt andere Möglichkeiten! Gute sogar. Sehr gute!

Sei kein Teil des Problems: Klimaschutz und Bequemlichkeit passen zusammen
Die bequemste Option ist die Bahn in Kombination mit Fahrrad. Wer im Besitz eines Faltrades ist, hat jetzt schon das flexibelste Fortbewegungsmittel für den Urlaub mit Kombinationen aus Transportmitteln. Auch mit dem Renn- oder Tourenrad wird es wieder zunehmend leichter, Fahrrad und Bahn zusammenzubringen – eine Mobilitäts-Kombi die Spaß macht. Eigentlich.

Leider stehen dem noch immer zu häufig hohe Preise oder lückenhafte Streckenabdeckung entgegen: beides sind die langfristigen Folgen von monopolisierter Netzinfrastruktur und mangelnder Zusammenarbeit zwischen den nationalen Unternehmen. 

Dennoch gibt es auch auf der Schiene gute Angebote – wenngleich sie es nicht mit den hoch subventionierten Billigflug-Tickts auf sich nehmen können. Wer heute trotzdem in den Flieger steigt . aus Bequemlichkeit – ist ganz klar Teil des Problems und darf nicht über die Bahn und deren schlechte Konditionen meckern. Denn schon im Grundkurs Wirtschaft haben wir gelernt: Angebot und Nachfrage bestimmen sich wechselseitig.

#AmBodenBleiben statt #flugscham
Flugfrei reisen mit allen Sinnen statt sinnlose Kurzstrecke über der Wolke
Die Möglichkeiten für flugfreies Reisen gab es schon, bevor Kurstrecken über den Wolken zur Normalität wurden. Und es gibt sie auch heute! Das deutsche Portal „Katzensprung“ zum Beispiel sammelt die schönsten, aufregendsten und besten Optionen für all jene, die sich für flugfreies Reisen interessieren.

Wie wäre es zum Beispiel mit einem E-Cargobike-Familienurlaub an der Ostsee? Entspanntes Rollen samt Gepäck am Strand, egal ob Rücken- oder Gegenwind. Oder mit Zug, Zelt und Rad ins Umland? Sowohl Abenteuer als auch Urlaub können vor der Haustür beginnen – man muss halt hinsehen!

Bleib’ am Boden. Schon das Klima und fahr’ auch mit dem Rad in den Urlaub © Pascal Meier

Radreise

Photo © Les Routes sans Fins

London – Istanbul in Rad-Etappen
Das europäische Fahrradrouten-Netz Eurovelo listet mittlerweile 19 Routen, vom Nordkap bis nach Sagres, vom Atlantik bis ans Schwarze Meer. Ob man die ganze Strecke an einem Stück oder nur einen Teil davon fährt, hängt natürlich ganz von der persönlichen Vorliebe und der verfügbaren Zeit ab. Ein- und Ausstiege gibt es aber überall. Man kann seinen Traum mit dem Rad bis nach Zypern zu reisen also auch ganz einfach stückeln. Jeden Urlaub geht es eine Etappe weiter – bis man nach ein paar Jahren die ganze Strecke geradelt ist.

Radel’ den Flug
Und wem das noch nicht  reicht, kann auch einfach mal ein Zeichen setzen und die kürzesten Flugstrecken einfach mal abradeln: Manche Routen schafft man sogar an einem Tag! Von Wien nach Bratislava zum Beispiel dauert es nur etwas mehr als drei Stunden in moderatem Tempo. Und:

Wer kann von sich schon behaupten,
er oder sie hätte sich die Zeit und das Rad genommen – statt eilig mit dem Flieger wohinzudüsen?

Vielleicht verzeichnet damit die Luftfahrt  schon bald nicht mehr jedes Jahr neue Rekorde.

Und damit hoffentlich auch nicht mehr das Klima…

Tobias Finger square
Tobias Finger ist freier Journalist und Sozialwissenschaftler in Berlin. Wenn er nicht schreibt, kutschiert er Laptop, Kamera und Notizbuch mit dem Rad durch die deutsche Hauptstadt.

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