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Gedenken an den Kindertransport: Mit dem Fahrrad von Berlin nach London

Vor 80 Jahren wurden in der Rettungsoperation Kindertransport zehntausende Kinder und Jugendliche vor den Nazis in Sicherheit gebracht. In Gedenken daran hat World Jewish Relief letztes Jahr eine außergewöhnliche Fahrradtour von Berlin nach London organisiert, auf der die Teilnehmer und Teilnehmerinnen die Route des Kindertransports auf dem Rad nachfuhren – eine eindrucksvolle und emotionale Reise. Für das Gedenkjahr 2019 ist wieder eine Fahrt geplant. Anmeldungen sind noch bis zum 15. Februar möglich!

CormierPhoto
Caroline Cormier kommt ursprünglich aus Toronto, Kanada. Zurzeit lebt sie in Berlin, wo sie sich auf der Suche nach neuen Geschichten aus der Vergangenheit durch die Archive wühlt, die Stadt mit dem Fahrrad erkundet oder einen Kaffee in einem lokalen Café oder auf einem Markt genießt.
Paul Alexander erlebte den Kindertransport und fur 2018 zusammen mit seinem Sohn und Enkel die Tour. © World Jewish Relief

Dieses Jahr jährt sich zum 80. Mal der Kindertransport, die Rettungsoperation,  in deren Rahmen vor Ausbruch des 2. Weltkriegs 10.000 vor allem jüdische Kinder aller Altersklassen, von Babys bis zu Jugendlichen, aus Deutschland und von den Nazis besetzten Gebieten evakuiert wurden.

Zum Gedenken an dieses Ereignis machten sich im vergangenen Juni 42 Radfahrer auf den Weg, um die über 900 km lange Route nachzufahren, auf der viele dieser Kinder in den späten 1930ern von Berlin nach London gebracht wurden. Die Radtour wurde durch World Jewish Relief (WJR) organisiert, dessen Vorgängerorganisation die damaligen Rettungsmaßnahmen angeführt hatte.

Die letztjährige Reise begann am 17. Juni an Frank Meislers Kindertransport-Denkmal vor dem Berliner Bahnhof Friedrichstraße – dem Bahnhof, an dem sich viele junge Menschen zum letzten Mal von ihrer Familie und Freunden verabschiedeten, bevor sie in die Züge stiegen, die sie ins sichere Ausland brachten.

Kindertransport

Start der Tour ist das Denkmal von Frank Meisler – der Ort, wo sich Eltern und Kinder oft das letzte Mal gesehen haben © World Jewish Relief

Die Route
Nach dem Start in Berlin legte die Gruppe ungefähr 100 km am Tag zurück und bewegte sich westwärts durch Deutschland und die Niederlande, bis sie Hoek van Holland erreichte. Dort gingen sie an Bord einer Nachtfähre nach Harwich, wo die Kinder des ersten Kindertransports im Dezember 1938 an Land gegangen waren. Von Harwich aus fuhren die Radfahrer Richtung London und erreichten am Freitag, den 22. Juni ihr Ziel, dasKindertransport-Denkmal vor der Liverpool Street Station. Am Ziel angekommen wurden sie von Familien und Freunden in Empfang genommen, ebenso wie von einer Gruppe von Holocaust-Überlebenden, die auf genau der gleichen Route aus Nazi-Deutschland geflohen waren.

„Diese Reise war die bedeutsamste Reise, die ich in meinem ganzen Leben je unternommen habe. Sie hat es mir ermöglicht, ein normales Leben mit meinen Eltern zu leben, nachdem man uns wieder zusammengeführt hatte.“  Paul Alexander


Persönliche Geschichte und Geschichten 

Viele unter den Radfahrern hatten einen persönlichen Bezug zum Kindertransport und fuhren die Strecke nach, auf der ihre Eltern oder Großeltern in Sicherheit gebracht worden waren. Zum Beispiel war Ilse Newton, die Großmutter von Philip Harris, im Juni 1939 von Berlin bis zum Bahnhof Liverpool Street gereist, als sie gerade einmal 16 Jahre alt war. Harris, der mit seiner Fahrt seiner verstorbenen Großmutter gedenken wollte, begann seine Radtour an der ehemaligen Berliner Wohnung seiner Großmutter – derselben Wohnung, die sie damals verlassen haben muss, um sich ein letztes Mal von ihrer Berliner Heimat zu verabschieden und ihren Platz an Bord des Kindertransports einzunehmen.

Kindertransport Bike Ride

Viele in der Gruppe verbindet eine ganz persönliche Geschichte mit dem Kindertransport © World Jewish Relief

Eine Feier ‘meines’ Lebens
Ein weiterer radelnder Teilnehmer war der 80-jährige Paul Alexander, der heute in Israel lebt. Alexander war eines der jüngsten Kinder, die je mit dem Kindertransport gereist sind: als er im Juli 1939 von Leipzig nach Großbritannien kam, war er erst ein Jahr alt. Letztes Jahr vollendete er die Fahrt gemeinsam mit seinem Sohn Nadav und seinem 14-jährigen Enkel, Daniel. Wenn man ihn fragt, was diese Radfahrt ihm bedeutet, antwortet Paul: „Für mich ist das ein krönender Abschluss, eine Bestätigung und eine Feier meines Lebens. Vor 79 Jahren wurde ich als Kind aus Deutschland – das ein Land der Verfolgung und des Hasses war – in ein Land [Großbritannien] geschickt, in dem ich Freiheit und Sicherheit fand. Diese Reise war die bedeutsamste Reise, die ich in meinem ganzen Leben je unternommen habe. Sie hat es mir ermöglicht, ein normales Leben mit meinen Eltern zu leben, nachdem man uns wieder zusammengeführt hatte.“


Über die Grenze(n) in die Freiheit 

Rebecca Singer, Head of Communications and Community Engagement bei WJR, stellte sich der Herausforderung ebenfalls. Für sie war die Radfahrt eine wichtige Möglichkeit, ihre im Holocaust ums Leben gekommenen Familienangehörigen zu ehren. Als sie über die ganze Fahrt nachdenkt, erinnert sie sich an einen der einprägsamsten Momente für sie und die anderen Fahrer: „Das war, als wir die Grenze von Deutschland nach Holland passiert haben. Eines der Kindertransport-Kinder war in unser Büro gekommen und eine der Erinnerungen, von denen er uns erzählt hatte, handelte davon, wie gut die Kinder sich während der Fahrt durch Deutschland benommen hatten, weil sie so große Angst davor hatten, was geschehen könnte. Er erinnerte sich, dass die deutschen Wachen an der Grenze ausstiegen, woraufhin die Kinder aus den Fenstern hängend nach Deutschland zurück spuckten, während sie in Holland einfuhren. Man realisierte plötzlich, was für ein unglaubliches Gefühl der Freiheit das Überqueren dieser Grenze mit sich brachte.“

Der zweite Ort, der in der Gruppe starke Resonanz fand, war Hoek van Holland, wo sie die Fähre nach Harwich nahmen. „Dadurch, dass wir physisch an diesem Ort waren,“ sagt Singer, „dadurch konnten wir wirklich nachvollziehen, dass diese Kinder den Kontinent und ihre Familien hinter sich ließen. Viele unter den Radfahrern, vor allem jene mit persönlichen Verbindungen zum Kindertransport, begannen über die Eltern und Großeltern dieser Kinder nachzudenken. Es musste so schwer gewesen sein, sie in dem Wissen gehen zu sehen, dass man sich vielleicht nie wiedersehen würde.“

Für die Teilnehmer war die Fahrt 2018 eine aufregende, emotionale und begeisternde Erfahrung, die die historische Bedeutung des Kindertransportsmit den Geschichten jener verknüpfte, deren Leben dieser für immer verändert hatte. Die Veranstaltung brachte zudem über 190,000 £für die humanitären Programme von World Jewish Relief in Osteuropa ein.


Jetzt anmelden und mitfahren!

Angesichts des Erfolgs der letztjährigen Veranstaltung plant World Jewish Relief bereits die Neuauflage der Kindertransport-Radtour von Berlin nach London, die vom 16. – 21. Juni 2019 stattfinden wird. Diese Fahrt wird an die letzte Kindertransport-Reise erinnern, die 1939 stattfand. Die Rettungsoperation kam zu ihrem Ende, als am 1. September der 2.Weltkrieg ausbrach. An ebendiesem Tag verließ der letzte Zug mit Kindern und Jugendlichen Berlin in Richtung Großbritannien.

Für all jene, die gerne an dieser bedeutsamen Herausforderung teilnehmen und dabei Geld für ein wichtiges Anliegen sammeln möchten, endet die Anmeldefrist am 15. Februar 2019.Weitere Informationen zur Teilnahme sind online auf der Webseite von World Jewish Relief verfügbar.

CormierPhoto
Caroline Cormier kommt ursprünglich aus Toronto, Kanada. Zurzeit lebt sie in Berlin, wo sie sich auf der Suche nach neuen Geschichten aus der Vergangenheit durch die Archive wühlt, die Stadt mit dem Fahrrad erkundet oder einen Kaffee in einem lokalen Café oder auf einem Markt genießt.

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