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Helsinki verdreifacht die Kapazität seines Fahrradverleihsystems

Im vergangenen Herbst sorgte Finnlands Hauptstadt Helsinki mit Berichten über den herausragenden Erfolg ihres neu eingeführten Fahrradverleihsystems Kaupunkipyörät („City Bikes“) international für Schlagzeilen. Für die kommende Saison 2017, die im Mai beginnt, hat die Stadt die Kapazitäten des Systems nahezu verdreifacht. Ein guter Anlass, sich die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft des Fahrradverleihs in Helsinki einmal genauer anzuschauen.

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Markus Seppälä ist Biologe für invasive Arten und lebt schon sein ganzes Leben in Helsinki. Seine Passion gilt dem Radfahren und allem, was damit zu tun hat. Die Hälfte seiner Zeit arbeitet er als Projektmanager und Designer für Box Bike Helsinki.
Foto: Olimar, CC-BY-SA-4.0.

Wenig erfolgreich: Helsinkis erster Anlauf im Bike-Sharing (2000-2010)

Obwohl Helsinkis Kaupunkipyörät als neue Art der Fortbewegung innerhalb der Stadt gefeiert wird, ist es nicht der erste Versuch der Stadt, ein Fahrradverleihsystem einzuführen. Schon in den Jahren 2000 bis 2010 war es den Bürgern während der Sommermonate möglich, klobige und schwere Eingangräder in grün zu leihen, die mithilfe einer Zwei-Euro-Münze freigeschaltet werden konnten.

Der Fahrkomfort der Räder war eher unbefriedigend, schuld waren das hohe Gewicht und die Vollgummireifen. Für den Verleih war keine Registrierung erforderlich, und da die Fahrräder nicht mit einem GPS zur Rückverfolgbarkeit ausgestattet waren, wurden viele Räder gestohlen oder fielen dem Vandalismus zum Opfer. Bei der Einführung waren 400 Fahrräder in Umlauf, 2009 waren davon gerade einmal noch 150 Fahrräder funktionstüchtig.

Gut durchdacht: Helsinkis zweiter Versuch

Nach dem fehlgeschlagenen ersten Versuch entschied sich Helsinkis Verkehrsbehörde, ihre Hausaufgaben beim nächsten Mal richtig zu machen. Für den Neuanfang stellte die Stadt eine Liste an Mindestanforderungen an die Fahrräder und das Verleihsystem an sich zusammen, bevor im November 2014 eine öffentliche Ausschreibung an internationale Anbieter von Fahrradverleihsystemen erfolgte.

Der Zuschlag für den Aufbau und die Unterhaltung des Systems erging im Oktober 2015 an eine Unternehmensgruppe unter der Leitung von Smoove SAS und Moventia. Der städtische Verkehrsbetrieb HKL und der Verkehrsverbund HSL der Stadt Helsinki unterzeichneten einen Beschaffungsvertrag über 10 Jahre mit einem Budget von 12 950 000 Euro. Für die Außenwerbung des Systems ist die Werbefirma Clear Channel Finland zuständig, der finnische Fahrradhersteller Helkama Velox kümmert sich um die Instandhaltung der Fahrräder. Die leuchtend gelbe Farbgestaltung stammt vom Hauptsponsoren Alepa, einer finnischen Supermarktkette.

Helsinki Fahrradverleihsystem

Helsinki’s zweites Fahrradverleihsystem ist besser durchdacht. Foto: Markus Seppäla

Anfang Mai 2016 wurde das brandneue Bike-Sharing-System erstmals in Betrieb genommen, mit 500 Fahrrädern und 50 Verleihstationen. In der Öffentlichkeit fand das neue System großen Anklang: Die Nutzer hatten schnell verstanden, wie Abholung und Rückgabe der Fahrräder funktioniert und auch die Spezifikationen der Fahrräder (3-Gang-Nabenschaltung, Handbremsen, Dynamo) erwiesen sich als gut geeignet für Helsinkis gemäßigt hügelige Fahrradinfrastruktur. Zwei eigens abgestellte Mannschaften waren dafür zuständig, Fahrräder von überfüllten Verleihstationen zu Stationen mit weniger Fahrrädern zu transportieren und eventuell notwendige Wartungs- und Reparaturarbeiten durchzuführen. Mittlerweile gibt es zahlreiche offizielle und inoffizielle Apps und Webseiten, die dem Nutzer den Weg zur nächstliegenden Verleihstation mit Fahrrädern weisen.

Technische Grundausstattung der Fahrräder:

  • Shimano Nexus 3-Gang-Nabenschaltung
  • Trommelbremsen
  • Nabendynamo für Scheinwerfer vorne und hinten
  • Fahrradkorb am Lenker für mittelgroße Taschen
  • Die Sattelhöhe lässt sich einfach und schnell verstellen, es sind keine Werkzeuge erforderlich
  • Im Lenker untergebrachtes Kabelschloss
  • Die gefahrenen Kilometer können online abgerufen werden

Um das System mit der örtlichen Netzkarte nutzen zu können, müssen sich die Fahrer online registrieren lassen. Möglich sind Registrierungen für einen Tag (5 Euro), eine Woche (10 Euro) oder über die gesamte Saison (25 Euro). Aber auch Touristen, die sich keine Netzkarte zulegen möchten, müssen sich keine Sorgen machen – im Umkreis der beliebtesten Ziele gibt es 5 Verleihstationen, an denen man sich mit üblichen EC- oder Kreditkarten (Visa, Mastercard oder American Express) für einen Tag oder eine Woche registrieren lassen kann.

Sobald die Registrierung erfolgt ist und für die allgemeine Nutzung bezahlt wurde, kann das Fahrrad kostenlos für 30 Minuten genutzt werden. Nach diesen ersten 30 Minuten werden jeweils weitere 30-Minuten-Intervalle in Rechnung gestellt – die Höchstdauer für die einmalige Nutzung ist auf 5 Stunden festgelegt. Falls das Fahrrad nicht innerhalb der 5 Stunden an eine der Stationen zurückgebracht wird, wird eine Verspätungsgebühr fällig.

Die Saison 2016: eine Erfolgsgeschichte für Helsinki

Ende der Saison 2016 wurde der immense Erfolg des neuen Systems ersichtlich – und übertraf selbst die Erwartungen der Stadtverantwortlichen. Die gesamte Saison über (d. h. von Anfang Mai bis Ende Oktober) waren die Fahrräder von Bewohnern und Touristen genutzt worden – für über 400.000 Ausfahrten mit insgesamt 700.000 gefahrenen Kilometern. Der Durchschnitt an täglichen Fahrten pro Rad lag höher als an jedem anderen Ort Europas und Amerikas.

Laut einer Umfrage der HKL (Quelle: www.theseus.fi/bitstream/handle/10024/118953/Madetoja_Ulla.pdf?sequence=1, in finnischer Sprache), wurden die Fahrräder zumeist für Freizeitausflüge genutzt, jedoch gaben über 50 % der Nutzer an, auch damit zu pendeln. Etwa 60 % der Befragten nutzten die Fahrräder in Kombination mit öffentlichen Verkehrsmitteln, die meisten Nutzer gaben eine Anzahl von 1-5 Fahrten pro Woche an. Auf einer Skala von 1-5 wurde die Qualität des Systems im Durchschnitt mit einer 4 bewertet.

Über 10.000 Fahrradnutzer entschieden sich für eine Registrierung mit Netzkarte, weitere 10.000 holten sich einen Tagespass, 2.000 Nutzer kauften Wochenpässe. Die Einnahmen aus den Registrierungsgebühren beliefen sich insgesamt auf über €400.000. Und, zu guter Letzt: nicht ein einziges Fahrrad wurde gestohlen oder beschädigt.

Hier und heute

Aktuell bereitet sich Helsinki darauf vor, mit einer im Vergleich zum Vorjahr nahezu verdreifachten Kapazität in die neue Saison zu starten: 1400 Fahrräder und 140 Verleihstationen. Zunächst waren 1500 Rädern und 150 Stationen angekündigt, jedoch entschied man sich in Helsinki, der Nachbarstadt Espoo mit 100 Fahrrädern und 10 Stationen ebenfalls einen Testlauf zu ermöglichen.

Die Nutzung des Helsinki City-Bike-Systems wurde zudem in die lokale (und sehr beliebte) Website Reittiopas – einem Planungstool für Pendler – aufgenommen. Der Dienst zeigt an, wie sich die City Bikes neben den öffentlichen Verkehrsmitteln nutzen lassen, um von A nach B zu gelangen und ist somit auch eine der ersten Umsetzungen des neuen und revolutionären MaaS-Konzepts (Mobility As A Service, zu Deutsch etwa „Mobilität als Dienstleistung“ – Konzept, bei dem öffentliche Verkehrsmittel, Carsharing, Taxis sowie öffentliche und private Fahrradverleihsysteme als kombinierte Dienstleistung genutzt werden können). Das Zukunftsziel von MaaS besteht darin, die Notwendigkeit von Privatautos obsolet werden zu lassen – indem jegliche Mobilitätsanforderungen zu einer festgelegten monatlichen Gebühr erfüllt werden.

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Mit der dreifachen Kapazität will Helsinkis Verleihsystem in die neue Saison starten. Foto: Markus Seppälä

Wird es in anderen finnischen Städten einen vergleichbaren Bike-Sharing-Boom geben? Es sieht ganz danach aus.

Durch die Erfolgsgeschichte von Helsinki ermutigt, startet die Nachbarstadt Espoo für einen Sommer seinen eigenen Bike-Sharing-Versuch: mit 100 Fahrrädern und 10 Verleihstationen. Registrierte Nutzer können die Fahrräder in beiden Städten nutzen. Es wurden bereits Überlegungen über ein gemeinsam zu nutzendes System zwischen den drei Nachbarstädten Helsinki, Espoo und Vantaa angestellt.

Die Finnische Verkehrsbehörde gab 2016 eine Studie in Auftrag, um zu untersuchen, welche Art von Fahrradverleihsystem für weitere große Städte (wie z. B. Jyväskylä, Lahti, Oulu und Tampere) am besten geeignet wäre. Dies weckt natürlich die Hoffnung, dass es eines Tages möglich sein wird, in allen größeren Städten mit einer einzigen Benutzerkarte oder per Handy ein City Bike zu leihen.

Du planst einen Sommerurlaub in Helsinki? Einfach registrieren und los geht´s!

Am Beispiel von Helsinkis Erfolg mit dem neuen Fahrradverleihsystem wird deutlich, wie wichtig es ist, auch nach einem Misserfolg einen Neustart zu wagen. Die Fehler aus dem ersten Versuch wurden identifiziert, um sie beim nächsten Mal garantiert nicht zu wiederholen. Zum Thema Bike-Sharing-Systeme in Finnland hat Helsinki eine hohe Messlatte gelegt, die hoffentlich dazu führt, dass in anderen finnischen Städten Fahrradverleihsysteme in einer ähnlichen Qualität eingeführt werden. Jedem, der seinen Sommerurlaub in Helsinki verbringen möchte, empfehlen wir, sich als Radfahrer registrieren zu lassen und die Sehenswürdigkeiten von einem wirklich bequemen Fahrradsattel aus zu genießen.

Featured image: Olimar (CC-BY-SA-4.0) via Wikimedia Commons

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Markus Seppälä ist Biologe für invasive Arten und lebt schon sein ganzes Leben in Helsinki. Seine Passion gilt dem Radfahren und allem, was damit zu tun hat. Die Hälfte seiner Zeit arbeitet er als Projektmanager und Designer für Box Bike Helsinki.

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