Das urbane Fahrradmagazin

Graz-Tokyo Teil #4: Faktencheck Reiserad, Ausstattung und Gepäck

Nach sieben Ländern in zehn Wochen - mit teils widrigsten Witterungs- und Straßenverhältnissen ziehen die Radreisenden Elias und Fabio ihr erstes Fazit. Der Faktencheck zu Freundschaft, Reiserad, Technik und Gepäck.

Graz-Tokyo-Portrait_01
Elias und Fabio know each other for 5 745 600 minutes. Together they weight 159 kg in total and count 39 years. 128 kilometer - this is the longest distance they've ever cycled togehter in their life. (August 2018). But these facts are about to change - just right now! In 2019 the two guys from Austria ride their bikes more than 14.ooo km from Graz (AT) to Tokyo (JPN) and make a film out of it! Bike Citizens share frequently articles about the two adventurers! #graztokyo
Photo © Graz Tokyo

An Extremsituationen wächst man – persönlich, aber auch als Team. Die Proben lauern an allen Ecken. Nach sieben Ländern, heftigsten Regengüssen, brennender Hitze, gefährlichen Tieren und lausigen Straßenverhältnissen sind Freundschaft, Reiserad und Ausstattung auf Herz und Nieren geprüft.

Elias und Fabio ziehen in dieser Folge der Serie Graz-Tokyo erste Zwischenbilanz und verraten, was sie bei der nächsten Radreise auf jeden Fall wieder genau so und auch komplett anders machen würden.

Status Quo
Sieben Länder in zehn Wochen

Gewinn
Schlafmöglichkeiten, Freunde und Notfallnummern

Verlust
Stick der Action Cam, Schlafsack, Kameraobjektiv

Tagesrekord Strecke
151 Kilometer (mit Rückenwind)

Derzeit unterwegs
Russland, Kasachstan, Usbekistan

Bilanz
Noch immer befreundet
gut im Zeitplan
keine großen technischen Probleme

reiserad

Selfie im Russischen Dauerregen. Foto © Graz Tokyo

Zwischenbilanz einer Freundschaft: Leere Wasserflaschen, 40°C Wüstensand, Schummeln und Harmonie
Wie man sich fühlt, wenn man bei knappen 40° C in einer Wüstenlandschaft unterwegs ist, links und rechts endlose Weiten an einem vorbeiziehen, immer wieder Schlangen den Weg kreuzen, die nächste Stadt noch meilenweit entfernt ist und in der Wasserflasche bereits seit vielen Kilometern gähnende Leere herrscht?

Das wissen Elias und Fabio seit ihren ersten Kilometern auf usbekischen Boden. In diesem Fall zeigte sich ihr ganz persönliches „Lichtlein“ in Form von zwei freundlichen LKW-Fahrern, die die Jungs mit Sack und Pack ein Stückchen durch die Wüste kutschierten. Zum Taxidienst gab es obendrein Proviant – ein Rundum-Sorglos-Paket Deluxe.

Die Angst vorm Verdursten war zweifelsfrei größer als das schlechte Gewissen zu trampen. Schließlich geht es um Leben und Tod. Oder zumindest um die gute Laune und das Hochhalten der Motivationskurve. Die Rechnung fürs „Schummeln“ wurde den beiden in dem Moment präsentiert, als sie bemerkten, dass sie einen Schlafsack am LKW vergessen hatten.

Gelassenheit, Verständnis und von Zeit zu Zeit magische 1 bis 2 Kilometer Abstand. So funktioniert Abenteuer-Auszeit bei Elias und Fabio. Man muss sich nicht ständig unterhalten, man muss sich nicht immer sehen und man muss sich auch nicht immer einig sein. Man muss seinen Traum nur gemeinsam beginnen und gemeinsam zu Ende bringen wollen.

Die beiden geben zu, dass sie selbst nicht mit dieser anhaltender Harmonie gerechnet hätten. Und auch nicht mit den „lichten“ Momenten und schönen Überraschungen, die sie in mental schwachen Zeiten über Wasser und auf Kurs halten.

Radreise Freude

Elias und Fabio haben nicht mit dieser anhaltender Harmonie gerechnet – hier schieben sie ihre Reiseräder durch Usbekistan. Foto © Graz Tokyo

Der wohl heftigste Regen, den die beiden je erlebt haben, überraschte sie entlang der Wolga. Gerade noch besorgt durch die vielen Schlangen am Straßenrand, wich diese Angst binnen Sekunden der Sorge um die starken Regengüsse. Klatschnass und ohne Sicht ging es tapfer weiter durch das russische Grenzland.

Das Stimmungshoch blieb leider aus, als die Sonnenstrahlen den Regen ablösten: Der Stick der Action Cam ist irgendwo im Regenchaos verschwunden. Erstmal Vorräte einkaufen und zu neuen Kräften kommen!

Österreichisches Bier im russischen Irgendwo und „Stoasteirisch“ in der kasachischen Steppe
In einem Minimarkt nahe der Grenze zu Kasachstan konnten die beiden ihren Augen nicht trauen: Gösser Bier im Kühlregal! Mit strahlendem Blick ging es zur Kassa um sich gleich darauf Schluck für Schluck – weit weg von daheim – so richtig Zuhause zu fühlen. Der nächste „Gruß aus der Heimat“ folgte gleich nach Grenzübertritt:

Ein österreichisches Kennzeichen in Kasachstan! Zwei Motorradfahrer aus der Steiermark freuten sich wie Elias und Fabio über das unverhoffte Treffen. Seit zehn Wochen hören die Abenteurer zum ersten Mal wieder vertrauten Dialekt und können ihr Glück gar nicht fassen: Heimatgefühle!

Noch mehr von diesem Hochgefühl inhalierten die beiden, als es nach Tagen der nüchternen Reiskost endlich wieder Schokolade, Käse, Wurst und Brot zu beißen gab. Man lernt zu genießen. Herrlich. Manchmal hat man einfach einen Lauf. Und ehe man sich daran gewöhnen kann, läuft plötzlich wieder etwas schief. Stativ und Kamera wurden bei einer Fotosession vom Sturm umgeschmissen und für das Objektiv bedeutete dieser Zwischenfall das Ende der Reise.

Radreise

Gastfreundschaft kommt als MUST HAVE ins Reisegepäck…

Radreise

…und wunderbare Sonnenuntergänge! Fotos © Graz Tokyo

‘MUST HAVE’ Radreisegepäck: Sonnenuntergänge und Gastfreundschaft
Dass man auf einer Abenteuerreise wie dieser einige unvergessliche Sonnenuntergänge erlebt, ist gewiss. Ein ganz besonderer Moment, war das Abendessen in Atyrau. Der Fluss teilt die Stadt in eine europäische und eine asiatische Hälfte und Elias und Fabio ergreifen die Gelegenheit mit neu gewonnenen Freunden einen Ramadan-Abend zu zelebrieren.

Neben dem kulinarischem Genuss beeindruckte vor allem das kulturelle Erlebnis und die Offenheit und Gastfreundschaft der Kasachen. Auch wenn das Gepäck der beiden Weltenbummler wirklich schon schwer genug ist, diese begrüßende Gastlichkeit müssen sich die beiden unbedingt mit nach Hause nehmen.

Was auch unbedingt ins Rückreisegepäck muss, ist das unfassbar geniale Gefühl immer wieder Bewunderung für das mutige Abenteuer zu ernten. Regelmäßig mussten die beiden für ein Selfie herhalten, wurden durch Hupkonzerte vorbeifahrender Autos gefeiert und in Geschäften, Restaurants und Tankstellen zu ihren Reisegeschichte befragt.

An den Grenzen gab es Willkommensfreude und schnelles Durchwinken statt langer Wartezeiten und die Gastgeber haben sich gefreut Elias und Fabio zu beherbergen, als handle es sich um zwei internationale Rockstars. Beflügelt von diesen positiven Vibes legten die beiden ihren persönlichen Rekord hin: 151 Radkilometer kurz vor Beineu. Mit Rückenwind. Aber dieses Detail schmälert nicht mal ansatzweise das Hochgefühl.

In Beineu waren sie dann keine „Exoten“, denn an dieser Drehscheibe treffen Reisende der südeuropäischen Route über Griechenland und das rote Meer auf die Abenteurer der Nordroute über Russland. Für die meisten geht es von hier auf die alte Seidenstraße und so ziehen auch Elias und Fabio weiter Richtung usbekische Grenze.

Radreise

Durch den Verlust von Action Cam Stick, Schlafsack und Kameraobjektiv reisen…

Radreise Usbekistan

…Fabio und Elias aktuell mit etwas leichterem Gepäck durch Usbekistan. Foto © Graz Tokyo © Graz Tokyo

Radreise Usbekistan

Statt Gaskocher käme unbedingt ein Benzinkocher mit auf die nächste Reise! Foto © Graz Tokyo

Überholspur trotz Verlust
Endlich an der usbekischen Grenze angekommen, sichert der europäische Pass einmal mehr die Überholspur für die Österreicher. Vorbei an der Passkontrolle, vorbei an der Zollkontrolle, vorbei am Bodyscanner. Ein schnelles Foto vom Grenzsoldaten – diesmal kein Selfie 😉 … hellooooooo Usbekistan.

Durch den Verlust von Action Cam Stick, Schlafsack und Kameraobjektiv reisen Fabio und Elias aktuell mit leichterem Gepäck. Zeit, die Ausrüstung der beiden einmal genauer unter die Lupe zu nehmen. Wir machen den Faktencheck an der 7. Station der Reise.

FAKTENCHECK: Reiserad

Reiserad

Foto © Graz Tokyo

Rad + Ausstattung Fabio
Rad
: KTM Life style 1864
Lenker: KTM Line HB KT-2/640 31.8 Trekking
Bremse: hydraulische Scheibenbremse, Shimano Deore XT T8000
Schaltung: Shimano Deore XT T8000
Reifen: Schwalbe Marathon (seit der Ukraine Schwalbe Marathon plus
Sattel: Selle royal essenza
Griffe: Ergon GP3 SD OEM
Rücklicht: B+M Toplight 2C plus, LED,, Line Te, mit Standlicht
Vorderlicht: B+M Lumotec IQ-XS, LED-70 Lux, Sens+TF
Taschen: Vier Seitentaschen zzgl. Lenkertasche von Ortlieb

Rad + Ausstattung Elias
Rad
: KTM life style tour
Lenker: KTM Line HB KT-2/640 31.8 Trekking
Bremse: hydraulische Scheibenbremse, Shimano Deore T6000
Schaltung: Shimano Deore XT T8000
Reifen: Schwalbe Marathon (seit der Ukraine Schwalbe Marathon plus)
Sattel: Selle royal essenza
Griffe: Ergon GP3 SD OEM
Rücklicht: B+M Toplight 2C plus, LED,, Line Te, mit Standlicht
Vorderlicht: B+M Lumotec IQ-XS, LED-70 Lux, Sens+TF
Taschen: Vier Seitentaschen zzgl. Lenkertasche von Ortlieb

 

FAKTENCHECK: Gepäck

Reiserad

Foto © Graz Tokyo

Gepäck Fabio

Schlafen: Zelt von MSR
Küche: drei Töpfe, zwei Messer, zwei Gabeln, zwei Löffel, Taschenmesser
Wasser: 2 x 10 Liter Wassersack von Ortlieb, zwei Trinkflaschen
Kleidung: kurze/lange Hose, 3 T-Shirts, 5 Paar Socken, 5 Unterhosen, Fleecejacke, Softshelljacke, Regenhose, Regenjacke, Jogginghose, Pullover, Haube, Handschuhe, Radhose
Technik: Tablet zur Datenübertragung, Solarpanel, zwei Powerbanks
Werkstatt: Fahrradpumpe
Backoffice und Apotheke: Zwei Packsäcke für Dokumente, Passkopien, Kreditkarten, Ausweise, Notfallapotheke
Sonstiges: eBook, Faltbare Waschwanne, aufblasbarer Polster (Kissen)

 

Gepäck Elias

Schlafen: Zwei Northland Schlafsäcke (aktuell nur einen)
Küche: Primus Gaskocher, max. vier Gaskartuschen
Wasser: 4 Liter Wassersack von Ortlieb, 2 Trinkflaschen
Kleidung: kurze/lange Hose, Radhose, 4 T-Shirts, 2 lange Shirts, Pullover, Daunenjacke, Regenjacke, Regenhose, 5 Unterhosen, 5 Paar Socken, Haube, lange Unterhose, Handschuhe, Bandana
Technik: Tablet zur Datenübertragung, zwei Powerbanks, Solarpanel
Werkstatt: 2 Reserveschläuche, Bremsbeläge, Repair Kit
Sonstiges: Viel Platz fürs Essen

Gewicht

Dass die Räder ein Eigenwicht von circa 14 Kilo haben, hat man den Jungs im Fahrradladen gesagt. Wieviel das gesamte Equipment auf die Waage bringt, können sie aber nur schätzen. 30 Kilogramm pro Person werden es mit samt der Kameraausrüstung schon sein. Unterwegs durch die Wüste wog wahrscheinlich alleine der Wasservorrat der beiden 30 Kilogramm.

Material und Manko

Die Räder sind für das Abenteuer super geeignet! Da Fabio und Elias sich blind auf die Experten verlassen mussten, können sie nicht sagen ob ein „Material-Pimp“ noch mehr Komfort gebracht hätte. Im Großen und Ganzen gab es aber bisher keine großen Probleme. Manko: Beide Fahrradständer sind leider schon nach kurzer Zeit durch die Last in die Knie gegangen. Ein kleines Detail, an das wohl auch der Fachmann im Bike-Store nicht gedacht hat. Die Reifenmäntel haben Elias und Fabio bereits in Charkiv gewechselt und sich gleich für ein robusteres Modell entschieden. Die Standardbereifung schützte den Schlauch bei den Straßenverhältnissen nicht gut genug.

Fehler

Was die beiden aus jetziger Sicht anders machen würden: Statt Gaskocher käme ein Benzinkocher mit auf die Reise. Damit spart man Zeit, Benzin ist billig und einfach überall erhältlich. Gaskartuschen sind zum Teil wirklich  schwer aufzutreiben.

Taschenhüter

Die faltbare Waschwanne bleibt wohl beim nächsten Mal daheim – sie ist bis dato (Stand September 2019) unbenutzt.

Unverzichtbarer Luxus

Auch wenn die Reisenden auf Luxus und Komfort gut verzichten können, schielt Elias immer wieder neidisch auf eBook und Kopfkissen von Fabio. Das Mehrgewicht würde er beim nächsten Abenteuer absolut in Kauf nehmen.

Bike Citizens warten gespannt auf das nächste Update der beiden Radreisenden und wünschen gute Fahrt! Wer nicht so lange warten kann, schmökert in den vorherigen drei Episoden und erfährt im ersten Artikel, wie alles begann

 

Radreise Usbekistan

Beim Einschlafen schielt Elias ein bisschen neidisch auf Fabios Kopfkissen… Unverzichtbarer Luxus beim Radreisen! Foto © Graz Tokyo

Radreise Usbekistan

In der Wüste wog wahrscheinlich alleine der Wasservorrat der beiden 30 kg. Foto © Graz Tokyo

Usbekistan Radreise

Beim nächsten Mal treffen wir Fabio und Elias nach ihrer Reise durch China. Wir sind gespannt! Foto © Graz Tokyo

Melanie AlmerÜber die Autorin
Für Bike Citizens begleitet Melanie Almer von der Konzepterei Elias und Fabio vom Schreibtisch aus. Sie hält engen Kontakt zu den Beiden und schreibt regelmäßig über das Radreise Abenteuer Graz.Tokyo. Dass es Menschen geben soll, die mehr als ein Fahrrad besitzen, konnte die sportliche Grazerin, Texterin und  Autorin bis vor fünf Jahren gar nicht verstehen. Heute kann die Marketingberaterin nicht mehr ohne Stadtflitzer, Rennrad und Mountainbike sein. Auch für Klatsch & Tratsch mit Freundinnen sitzt es sich mittlerweile besser am Sattel, als auf der Couch.

Graz-Tokyo-Portrait_01
Elias und Fabio know each other for 5 745 600 minutes. Together they weight 159 kg in total and count 39 years. 128 kilometer - this is the longest distance they've ever cycled togehter in their life. (August 2018). But these facts are about to change - just right now! In 2019 the two guys from Austria ride their bikes more than 14.ooo km from Graz (AT) to Tokyo (JPN) and make a film out of it! Bike Citizens share frequently articles about the two adventurers! #graztokyo

Kommentar schreiben

Interessiert dich das Magazin?
Jetzt schmökern