Das urbane Fahrradmagazin

Freie Luft und Rückenwind fürs neue Grazer Mobilitätskonzept

Radfahren und die Nutzung des öffentlichen Personenverkehrs sind in Graz, der zweitgrößten Stadt Österreichs, wenig attraktiv. Man plagt sich seit Jahren mit Stau, Feinstaub, Lärm. Die 18 Innovationen des neuen Grazer Mobilitätskonzeptes bieten konkrete Handlungsoptionen für eine lebenswerte Stadt. Jetzt braucht es nur noch eins: Politischen Willen!

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2-in-1: Fahrradstreifen und Bushaltestelle in Graz © Karen Rike Greiderer

Lokalaugenschein
„Wenn ich um 7:30 Uhr morgens aus meinem Wohnungsfenster auf die Radegunderstraße blicke, sehe ich eine Autokolonne soweit das Auge reicht“ erläutert Univ.-Lektor Mag. Dr. Christian Kozina vom Institut für Systemwissenschaften, Innovations- und Nachhaltigkeitsforschung der Karl-Franzens-Universität seine Betroffenheit durch das Grazer Verkehrsproblem. Kozina stellt dieser Tage mit Unterstützung von Heidi Schmitt – Radlobby Argus Steiermark und Thomas Schilcher – Verein Fahrgast Steiermark das neue Grazer Mobilitätskonzept vor.

Kozina Schmitt PK Pressekonferenz Schilcher Graz Mobilitätskonzept

Thomas Schilcher, Dr. Christian Kozina und Heidi Schmitt (v. l.n.r) bei der Pressekonferenz in Graz, Foto © André Lintschnig

 

Der beschriebene Ist-Zustand ist objektiv belegt, die Verkehrsdaten und Entwicklungen der letzten Jahre bestätigen Kozinas Einschätzung: 50% der Wege in Graz werden mit dem Auto zurück gelegt. Doch der Raum in Graz ist begrenzt. Tausende Menschen stehen täglich im Stau. Einher gehen regelmäßige Überschreitungen der Feinstaubtage und die Lärm-Belästigung. Neu sind diese Erkenntnisse nicht.

18 Innovationen für Graz
Die 18 Innovationen des neuen Grazer Mobilitätskonzeptes sollen die Lage entzerren. Das Ziel: Den Modal Split, sprich die Verteilung der persönlichen Wahl des Verkehrsmittels, verändern. Gehen, Radfahren und ÖPNV-Nutzung sollen attraktiver und bequemer, die Nutzung des PKWs unattraktiver werden. Das 77-seitige Mobilitätskonzept sieht neue Zonen für Fußgänger/innen und ein flächendeckendes Radwegenetz vor. Wesentliche Punkte sind zudem der Ausbau des Straßenbahnnetzes und weitere TIM-Carsharing-Stationen. Die Meilensteine, „die nicht spektakulär klingen“, haben das Potenzial Graz grundlegend zu verändern.

Innovation 3 und 4: Radwegenetz und Fahrradparken
Entsprechend dem Konzept der „Stadt der kurzen Wege“ soll der Aus- und Umbau des Radwegenetzes direkte Verbindungen für Radfahrende erschießen und Umwege vermeiden. So bekommen entlang der Radwege Radfahrende konsequent Vorrang. Erzwungene Wechsel der Straßenseite werden zur absoluten Ausnahme. Ebenso werden die Radwege so breit gestaltet, dass auf potenziell stark frequentierten Strecken Nebeneinanderfahren und Überholen möglich ist und in Kurven kein Abbremsen notwendig ist. Auch für Lastenräder soll es in Zukunft ausreichend Platz geben. Neben dem fahrenden, ist der ruhende Fahrradverkehr ein wesentliches Kernelement des Konzeptes. Rund 500 neue, sichere, witterungs-, vandalismus- und diebstahl-hemmende Abstellplätze sollen im öffentlichen Raum pro Jahr entstehen – von Fahrradgaragen an Knotenpunkten des ÖPNVs bis hin zur Einbeziehung von Neubauprojekten und Haus- bzw. Straßensanierung.

Kosten und Finanzierung
Für die Finanzierung der Maßnahmen ist genügend Luft zur Realisierung da. Es braucht nur eine Verschiebung der Prioritäten. „Alleine letztes Jahr wurden 300 Millionen Euro nur für Straßen-Neubauprojekte ausgegeben“ beziffert Christian Kozina den Kostenfaktor Auto. Im Vergleich dazu kostet der Ausbau des Straßenbahnnetzes 120 Millionen Euro auf fünf Jahre gerechnet. Noch größer wird der Spalt zwischen Kosten und Nutzen bei Radfahrenden. „Der Ausbau des Südgürtels hat mehr gekostet als in der Steiermark landesweit jemals für den Radverkehr ausgegeben wurde“ erläutert Heidi Schmitt von der Radlobby und verweist erneut darauf, dass für das flächendeckende Radverkehrsnetz gar nicht viel gebaut werden muss. Wenige einfache Umgestaltungsmaßnahmen, Umverteilung von Verkehrsraum und Fahrradstraßen bewirken viel.

Politischer Wille
Das Verkehrskonzept liegt mittlerweile bei den verantwortlichen Politiker/innen der Stadt auf dem Tisch, darunter Bürgermeister Siegfried Nagl (ÖVP), Stadträtin Elfriede Kahr (KPÖ) und Tina Wirnsberger (Grüne) sowie Landesrat Anton Lang (SPÖ). Bleibt zu hoffen, dass die über 300 Stunden ehrenamtliche Tätigkeit von Christian Kozina und das Engagement aller Beteiligten auf fruchtbarem Boden treffen und ernstgemeintes, zukunftsorientiertes Umdenken in der Politik stattfindet. Dafür braucht es jetzt die Unterstützung der Grazerinnen und Grazer.

Bürgerbeteiligung? Ja!

Um den Forderungen des Konzeptes Nachdruck zu verleihen, kann von eine Online-Petition unterzeichnet werden. Die Radlobby ARGUS Steiermark, Fahrgast Graz/Steiermark und ProBim Graz haben dies als Erstunterzeichner bereits getan. Und: Die Bike Citizens folgen dem Aufruf!

Die Gesamtfassung des neuen Grazer Mobilitätskonzeptes gibt es auf der Website von Graz Verkehr einzusehen.

 

Über den Autor:

Author Autor LintschnigAndré Lintschnig hat eine Metamorphose vom autogeprägten Landleben zum begeisterten, urbanen Alltagsradfahrer gemacht und kann sich ein Leben ohne Pedale nicht mehr vorstellen. Er machte journalistische Erfahrungen in der Redaktion der Klagenfurter Universitätszeitung und beim Geo Graz Magazin der Karl-Franzens-Universität.

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