Das urbane Fahrradmagazin

Purple Ride – Berlins Fahrraddemo zum internationalen Frauentag

Kaum ein anderes Verkehrsmittel symbolisiert für die Frau so eindeutig Selbstbestimmung und Unabhängigkeit wie das Fahrrad. Der Purple Ride ruft darum am Frauentag am 8. März zur bunten Fahrraddemo in Berlin!

Juliane Schuhmacher
1987 in Berlin geboren, radelt sie seit Jahren durch die deutsche Hauptstadt und über deren Grenzen hinaus. Mit chronischem Fernweh, lässt sie sich keine Gelegenheit entgehen, unterwegs zu sein. Auf dem Blog radelmaedchen.de schreibt sie nicht nur über die Erlebnisse einer Großstadtradlerin und ihre Reisen, sondern auch über Fahrradbekleidung. Das Thema ihrer Masterarbeit im Modesdesign: Radelmädchen – Urbane Mode für Frauen mit und ohne Fahrrad.
Der Purple Ride am internationalen Frauentag in Berlin startet um 12 Uhr am Fr. 8. März 2019. Treffpunkt ist der Mariannenplatz. © Vladislav Klapin

Berlin hat 2019 einen wichtigen, neuen Feiertag bekommen. Bereits Anfang des 20. Jahrhunderts wurde der 8. März als Tag der Frau gefeiert. 1977 rief die UN-Generalversammlung diesen als „Tag für die Rechte der Frau und den Weltfrieden“ aus. Die Bedeutung ist in unserer fortschrittlichen Welt mehr als relevant. Das Thema Gleichberechtigung und Gleichstellung ist selbst 2020 noch nicht selbstverständlich.


Berlin – Ende 19. Jahrhundert: Mit der Kraft des “eigenen Antriebs” 

Ein großer Schritt in Richtung Emanzipation der Frau wurde Ende des 19. Jahrhunderts mit der Wahl des Fortbewegungsmittels getan. Kaum ein anderes Verkehrsmittel symbolisiert für die Frau so eindeutig Freiheit und Unabhängigkeit wie das Fahrrad. Es erweiterte – Kraft des eigenen Antriebs – den Radius und die Sichtbarkeit von Frauen in der Öffentlichkeit und auf den Straßen. „Viele Kämpfe der weltweiten Frauenbewegung für Emanzipation und Gleichheit, gegen Korsett und Zurückdrängung an den (…) Herd wurden Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts auch auf dem Rad ausgefochten”, schreibt Petra Sturm in der Fahrstil Sonderausgabe „Damenrad“. Sie erklärt, dass einst vor allem die Kleiderfrage das Fahrradfahren von Frauen am vehementesten blockierte. Schon mal mit engem Korsett und langem, wallenden Rock versucht Rennrad zu fahren?


Zurück ins Jahr 2018 in Berlin
An einem der heißesten Sommerabende 2018 fand das erste Treffen im Rahmen des Bicicli „Frauen&Fahrrad“-Salons statt. Der Abend war ein Erfolg: Über vierzig Frauen aus dem Norddeutschen Raum waren zu Gast. Seitdem verästelt und vergrößert sich das neue Berliner Fahrrad-Frauen-Netzwerk.

Bike Citizens Reporterin Juliane Schumacher traf dieser Tage die Initiatorin des Salons und Gründerin des neuen Berliner Fahrrad-Frauen-Netzwerkes Isabell Eberlein. Im Interview verrät die Fahrradaktivistin, welche Aktionen rund ums Fahrrad am Internationalen Frauentag in Berlin geplant sind – Stichwort: #PURPLERIDE.

Sie spricht außerdem darüber, warum es ein Armutszeugnis ist, dass man in Deutschland so einen Tag überhaupt noch braucht und warum die neue feministische Bewegung oder *flti (Anm.: Frauen, Lesben, Transgender und Intersexuell) gerade mit dem Fahrrad so gut zusammenpassen.

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Vor über 100 Jahren war weder die Gesellschaft noch die Mode dafür gemacht, Frauen auf dem Fahrrad zu sehen. © Marija Zaric / Unsplash

Bike Citizens (BC): Warum ist das Fahrrad für die Frau ein Freiheits- und Unabhängigkeitsvehikel?
Isabell Eberlein: Aus heutiger Sicht ist es normal Männer und Frauen fast in gleicher Anzahl auf dem Fahrrad zu sehen. Doch das mussten sich Frauen hart erkämpfen. Vor über 100 Jahren war weder die Gesellschaft noch die Mode dafür gemacht, Frauen auf dem Fahrrad zu sehen. Doch Frauen haben sich den Weg in die Öffentlichkeit raus auf die Straße erkämpft.

Der O-Ton war “Radfahren sollte Frauen verboten werden”. Stimmt das?
Richtig. Die ersten Radfahrerinnen haben sich nicht entmutigen lassen und sich für ihre persönliche und öffentliche Freiheit eingesetzt. So wurde das Fahrrad ein Vehikel zur Emanzipation. Es hat einen erheblichen Beitrag zur Gleichstellung geleistet.

Erst im Jahr 2019 wurde der Internationale Frauentag zum gesetzlichen Feiertag erklärt – in Berlin. Ist es nicht ein Armutszeugnis, dass der 8. März kein weltweiter gesetzlicher Feiertag ist?
Eigentlich sollte jeder Tag Frauentag sein. Oder besser: Wir sollten den Frauentag gar nicht brauchen müssen! Der Frauentag zeigt die Missstände auf, die bis heute in Deutschland und der ganzen Welt existieren. Frauen sind im Parlament unterrepräsentiert mit nur 30 Prozent weiblichen Bundestagsabgeordneten, in Dax-Konzernen gibt es immer noch mehr Männer mit Vornamen Thomas als Frauen insgesamt. Und: der Equal Pay Day fällt in Deutschland in diesem Jahr auf den 19. März! Das heißt: Frauen verdienen durchschnittlich 21% weniger als Männer und müssten, um auf denselben Lohn wie ihre Partner zu kommen rund 77 Tage länger arbeiten!

Das klingt nicht nach Gerechtigkeit. Weshalb bewegt sich erst jetzt wieder etwas, wo doch die Thematik Gleichberechtigung der Frau doch schon ein Diskussionsthema seit vielen Dekaden ist?
Nachdem sich jahrelang das Gefühl eingestellt hatte, dass die Gleichberechtigung auf einem ganz guten Weg ist, wird jetzt einfach deutlich, dass sich die Strukturen doch nicht von selbst ändern. Wir müssen für den Feminismus auch kämpfen. Das geht nicht von selbst. Es muss ein Ruck durch die Gesellschaft gehen!

Ein „Feiertag“ hat ja etwas mit einem glücklichen Anlass zu tun. Welche Gründe zum Feiern gibt es aller Missstände zum Trotz?
Wir, und ich spreche da besonders von dem Berliner Fahrrad-Frauen-Netzwerk und den vielen aktiven Frauen, nutzen den neuen „freien“ Tag um uns selbst mehr Raum und Sichtbarkeit in der Öffentlichkeit zu verschaffen. Ich glaube fest daran, dass der Feiertag Frauen auf die Straßen bringt, die sonst am Frauentag nicht für ihre Rechte demonstriert hätten. Am 8. März kann eine große Signalwirkung von Berlin ausgehen. Die Botschaft: Lasst uns feministische Themen umsetzen. Lasst uns am 8. März so richtig feiern! Und dazu haben wir den #PURPLERIDE ins Leben gerufen.

Der Purple Ride ist die große Berliner Fahrrad-Demo zum Internationalen Frauentag. Was ist die Botschaft?
Der Purple Ride macht den Aufruf: Rauf auf das Rad – gegen das Patriarchat! Im Zusammenschluss von Radaktivistinnen und Feministinnen verfolgt die gemeinsame Fahrrademo klare Ziele:

  1. Das Ziel für eine fahrradgerechte und fußverkehrfreundliche Stadt, in der alle, auch Familien, Kinder und Seniorinnen und Senioren, sicher unterwegs sind
  2. Das Ziel ein Zeichen für Autonomie über den Körper und gegen Sexismus
  3. Das Ziel für gleiche Bezahlung und gegen Diskriminierung von FLTI* am Arbeitsplatz
  4. Und das Ziel eines intersektionen Feminismus. Women* of colour, migrierte Frauen*, BPoC trans* inter und non-binary Personen sind am härtesten betroffen von Patriarchat und Kapitalismus. Niemand ist frei, solange jemand anders dafür unterdrückt wird!
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Niemand ist frei, solange jemand anders dafür unterdrückt wird. © Samantha Sophia / Unsplash

BC: Was hat es mit dem Namen #PURPLERIDE, der Farbe lila und FLTI*-Fahrrad-Demo auf sich?
Wir wollen Sichtbarkeit schaffen. Darum haben wir uns für die Farbe Lila – einer markanten Farbe der Frauenbewegung – entschieden. Die Farbe ist ein Symbol für Gleichstellung zwischen den Geschlechtern. In der Farbenlehre steht Lila für Individualität und Selbstvertrauen. Jede und jeder ist eingeladen etwas lila-farbenes mitzubringen. FLTI* steht für die Gleichstellung aller unterdrückten Personen in unserer Gesellschaft – nicht nur Frauen!

BC: In Berlin gab es letztes Jahr bereits am 8. März feministische Demonstrationen mit dem Fahrrad. So eine Demo erfordert  gute Organisation vorab. Wer steckt dahinter?
Hinter dem Purple Ride steht ein loses Personenbündnis aus feministischen und fahrradaktivistischen Radfahrenden, die von verschiedene Organisationen und Vereinen in Berlin solidarisch unterstützt werden. Mit dabei sind Fahrradaktivistinnen wie Carolina Mazza und die Feministische Fahrradfahrerin, Isabel Woyke, die Organisatorinnen des Bikini Bike Ride, die Fixed Gear Group She36, die Youtuberin Svenja von Shefix und weitere Fahrradaktivistinnen von Changing Cities.

BC: Wer „darf“ mitfahren?
Grundsätzlich: Alle sind eingeladen. Niemand ist ausgeladen. Wir freuen uns über jede einzelne Person, die da ist und damit den Purple Ride unterstützt. Da wir an diesem Tag besonders die Sichtbarkeit von FLTI* stärken möchten, werden wir einen eigenen FLTI* Bereich haben.

Welche Highlights sind geplant?
Wir wünschen uns einen lockeren, harmonischen Vibe wie bei der Critical Mass. Das Tempo ist entspannt – wir wollen das Radfahren genießen. Wir haben Soundbikes – also Cargobikes die Musik machen. Unterwegs gibt es kurze Pausen mit Redebeiträgen. Mal sehen, wie sich das mit der Farbe Lila entwickelt. Ich kann mir vorstellen, dass es dem Ride eine besondere Stimmung verleiht, wenn plötzlich alle Fahrerinnen und Fahrer irgendetwas in Purple dabei haben.

Was ist der Unterschied zur Critical Mass?
Im Vergleich zu einer Critical Mass ist unsere Demo angemeldet und wird durch politische Aussagen, Sprüche und vielleicht außergewöhnliche Deko auffallen. Für die “Faces Of Cycling”-Kampagne der Bike Citizens wird eine Person die Demo mit der Kamera begleiten und die Buntheit der Straßen von Berlin einfangen. Am Ende gibt es musikalische Live-Acts. Der Rest ist Überraschung.

Wo sind Start und Ziel?
Start ist um 12 Uhr am Mariannenplatz. Wir radeln durch Kreuzberg, Mitte und Friedrichshain. Wir erreichen um 14:30 das Ziel in Lichtenberg – und zwar das Frauengefängnis nahe dem U-Bahnhof Lichtenberg. Dort startet um 15 Uhr die „United we get what we want demo“, welche FLTI* only ist. Da schließen wir uns an.

Isabell, zum Abschluss zu dir. Was bedeutet das Radfahren für dich und warum passt es so gut zur aktuellen Gleichstellungsdebatte?
Das Fahrrad ist die absolute Freiheit für mich. Kein Stau. Kein Warten auf den Bus. Es ist die Freiheit überall in der Stadt hinzufahren – von meinem Zuhause bis direkt vor die Tür – in einer fest planbaren Zeit, mit der größtmöglichen Flexibilität. Es kostet wenig bis kein Geld, und ich kann es selbst reparieren. So fühlt sich Selbstbestimmung an – damals wie heute. Und darum ist das Fahrrad auch heute mehr denn je, das Vehikel in die Unabhängigkeit!

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Was, Wann & Wo
Purple Ride Berlin 

#purpleride #womensday 
@criticalmassfltiberlin
Facebook-Event

Datum & Zeit
Freitag, 8. März 2019, 12:00 – 14:30 Uhr

Start & Ziel
Berlin / Deutschland
Start:  Mariannenplatz, Kreuzberg
Ziel: U-Bahnhof Lichtenberg, Lichtenberg

Juliane Schuhmacher
1987 in Berlin geboren, radelt sie seit Jahren durch die deutsche Hauptstadt und über deren Grenzen hinaus. Mit chronischem Fernweh, lässt sie sich keine Gelegenheit entgehen, unterwegs zu sein. Auf dem Blog radelmaedchen.de schreibt sie nicht nur über die Erlebnisse einer Großstadtradlerin und ihre Reisen, sondern auch über Fahrradbekleidung. Das Thema ihrer Masterarbeit im Modesdesign: Radelmädchen – Urbane Mode für Frauen mit und ohne Fahrrad.

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