Das urbane Fahrradmagazin

Die Radfahrerin – Fahrtwind im Haar ist unisex

Das Fahrrad feiert Geburtstag. 200 Jahre Emanzipationsvehikel. Und nach wie vor beantwortet eine Radfahrerin die Frage, was das Fahrrad für sie bedeutet, mit „Freiheit“ oder „Unabhängigkeit“! ¹ Was ist da los?

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Seit 2017 leitet Karen das Urban Independence Magazin. Die leidenschaftliche Pedalistin hat bereits einige (Welt-)Reisekilometer im Radsattel gesammelt. Heute verbindet sie entweder Faltrad plus Kinderanhänger oder Kompakt-Cargobike mit der Bahn in Berlin und Brandenburg - meist mit ihrer Tochter auf Tour. Ihr Zugang zum Fahrrad(fahren) ist vielschichtig-detailverliebt aber stets pragmatisch und reicht in ihre frühen Jugendtage in Österreich zurück.
Foto: Karen Rike Greiderer

Das Fahrrad war auch mein Gefährt(e) in die Unabhängigkeit: Beginnend mit ersten Expeditionen vor 20 Jahren, integrierte ich das Velo Stück für Stück in sämtliche Aspekte meines Lebens. Ein ausschlaggebender Moment vor vier Jahren führte mich zuletzt beruflich in die Fahrradbranche. Das Thema „Frau+Fahrrad“ beschäftigt mich schon lange. Das obige Antwortverhalten, veranlasste mich dazu diesen Essay zu schreiben.

Passion vor Produkt

Als „Just-for-Fun“ Radfahrerin nahm ich mich – als Frau – bezüglich des Radfahrens sehr lang nicht ernst. Mir reichten kleinere Varianten der Herrenstandards, damit kam ich überall hin. Anfangs, auf einem doch trägen Damenrad mit übertrieben gut gemeinter Straßenvollausstattung, bezwang ich Mountainbike-Strecken, klebte im Windschatten von Hobbyrennradfahrern und pendelte 10 km (One-Way) zur Schule. Bei einem Verkehrsunfall küsste mich das Glück doppelt: Blaue Flecken und ein neues Fahrrad. Der Autofahrer – selbst begeisterter Radfahrer – teilfinanzierte mir mein erstes Mittelklasse-MTB. Tschüss Damenbremse! Hallo Freiheit! Dass es kaum frauenspezifische Produkte gab, bzw. etwas das mir auf dem Rad wirklich passte, war mir damals schon aufgefallen. Aber, es war mir – genauso wie die Tatsache, dass ich keine andere Frau für meine Fahrradleidenschaft begeistern konnte – egal. Ich genoss meine tägliche Dosis Unabhängigkeit. Fahrtwind im Haar ist unisex.

Es ist nicht egal: Der weibliche Selbstausschluss

Viele Jahre war ich, bis auf wenige Ausfahrten, allein unterwegs. Im Studium kratzte ich mein Selbstbewusstsein zusammen und meldete mich bei der Universitäts-Radsportgruppe an. Und als mir die Gruppe davon pedalierte – ich war die einzige Frau im Team – wurde ich munter. Obwohl ich beim Rollentraining im Wintersemester gut dabei war, gestalteten sich die Ausfahrten im Sommersemester ernüchternd. Mir wurde klar, dass ein ergonomisch gut passendes Rad, optimal sitzende Bekleidung und eine hochwertige Ausstattung einen entscheidenden Unterschied machen. Mangels Motivation von Seiten der Herren dabeizubleiben, Budget für Ausstattungsoptimierung und Muße meinerseits auf das Wohlwollen der Teammitglieder angewiesen zu sein – nämlich eine Radfahrerin mitzuziehen – trat der Klassiker ein: Der weibliche Selbstausschluss. Lieber sammelte ich weiterhin als Solo Radfahrerin Kilometer auf dem Rad: Just-for-Fun, Freiheit und Unabhängigkeit.

Fahrrad Radfahrerin

Lieber sammelte ich weiterhin als Solo Radfahrerin Kilometer auf dem Rad: Just-for-Fun, Freiheit und Unabhängigkeit. Foto: Karen Rike Greiderer

Das Pink-it-Shrink-it Phänomen

Mitte der Nullerjahre kam Pink-it-shrink-it: Fahrradprodukte für die Frau, hieß es. Aber es handelte sich vielmehr um eine Neuausrichtung der Marketingstrategie, denn die Damenprodukte waren kleinere Varianten der Herrenmodelle in lieblichen Farben. Dieses rosa Überraschungs-Ei wurde mir in den kleinsten Läden mit glänzenden Augen erwartungsvoll überreicht: „Hier. Für dich!“ Meine Identifikation mit diesen Damenprodukten strebte gegen Null. In meiner Heimatstadt Graz eröffnete ein Laden, deren Inhaber von sich behaupteten, sie wüssten was Frauen wollen. Meistens war das bunt. Oder gepunktet. Es war eine Zwickmühle: Freu’ ich mich, dass es jetzt überhaupt etwas für Frauen im Sortiment gab? Oder ärgere ich mich, dass diese frauenspezifischen Angebote Leuchttürme produktgewordener Geschlechterstereotypen sind?

Der Konflikt: Pink-it-shrink-it verallgemeinert Frauen anhand von geschlechterstereotypen Produkten auf eine einzige Weiblichkeit. Es verkennt die Diversität. Das passiert gern, wenn sich Männer Gedanken machen, was der Frau gefallen könnte.

Das Gute: Pink-it-shrink-it kommuniziert die Erkenntnis, dass Frauen auch Rad fahren. Es war ein kleiner Beweis, dass sich etwas tut.

Von der Sinnhaftigkeit des „WomenOnly“

Vielleicht war es der positive Effekt des Pink-it-shrink-it, oder die Tatsache, dass das Fahrrad generell salonfähig wurde: Auf jeden Fall waren Frauen mit Fahrradleidenschaft Ende der Nullerjahre keine Randerscheinungen mehr. Es wurden mehr! Wir wurden mehr.

Diese weibliche Präsenz rüttelte am ISO-Standard „Mann“ – der vorherrschenden und etablierten Männlichkeitsnorm – im Fahrradbereich. Männer rüttelten vereinzelt mit, wenngleich der Prozess nicht konfliktfrei passierte. „Umgedrehter Sexismus!“, hieß es, oder „Ausschluss der Männer!“, wenn bei dem globalen WomenOnly Markenevent #RaphaWomens100 (weltweit seit 2013) Frauen ihre Kilometer runterspulten, ungeachtet der Tatsache, dass Frauen nach wie vor von vielen etablierten Rennen des Radsports ausgeschlossen sind.

Übrigens: Neben @Rapha ist auch @Specialized Vorreiter wenn es darum geht Fahrrad- bzw. Rennrad-Botschafterinnen auf den Weg zu schicken um Frauen den Einstieg in den Hobbysport zu erleichtern. Im Angebot: Geführte WomenOnly-Ausfahrten, Leihradservice, ein passendes und attraktives Produktportfolio und kostenlos eine Probepackung Mut dazu. Warum braucht es das?

Meine Erfahrung: Frauen fahren anders, wenn Männer dabei sind. Männer auch. Es ist darum vorteilhaft, dass es geschlechtergetrennte Radgruppen gibt – zumindest am Anfang einer Fahrradpassion. In dieser exklusiven Zone passiert ein magischer Switch: Das WomenOnly wirkt sich positiv auf das Selbstverständnis der Frau als Radfahrerin aus. Plötzlich flickt Frau den Platten selbst, feixt mit Genossinnen über Ausstattung, Technik, Zubehör, fordert sich zum Rennen auf, macht sich Mut mal „Klickis“ auszuprobieren. Die Frau wandelt sich von der weiblichen Begleitung und Ausnahmeerscheinung (in Herrengruppen) zu einer selbstbewussten, autarken Radfahrerin ohne Sonderstatus. Teamspirit, Bananenbrot und Bier danach! PS: Natürlich gilt das nicht für alle Frauen: #Diversität!

Vernetzung und der „liebe Sexismus“

Seit geraumer Zeit verfolge ich, neben der analogen, eine dichte digitale Vernetzung der Fahrradfrauen. Beides in Kombination schafft es, den lieben Sexismus – der leider immer noch Status Quo in der Branche ist – aufzudecken. Im Gegensatz zum offensichtlich frauenfeindlichen Grab’em by the Pussy-Sexismus (siehe US-Wahlkampf 2016), der in der Fahrradbranche durch zB. #bikeporn sein Unwesen treibt, meint es der „liebe Sexismus“ eigentlich gut mit Frauen. Er macht sich zum Beispiel bemerkbar durch die gut gemeinte Aussage „Die Frauen in der Redaktion waren begeistert!“, ² wenn es um das neue Kinderwagenfahrrad geht (Anm.: Und die Herren?). Oder, wenn bei einem 300 km-Jedermann-Rennen auch eine Damenrunde zu 90 km angeboten wird (Anm.: Auf die Worte achten und was diese in einem auslösen: Jedermann-Rennen vs. Damenrunde). Der „liebe Sexismus“ macht es der Frau schwer. Er reproduziert auf eine subtile, nette Art Geschlechterrollen und Stereotypen aus den westlichen 1950er-Jahren und trägt zur Aufrechterhaltung der Männlichkeit als Norm bei.

Dem Fahrrad die Zukunft. Und der Radfahrerin!

Meine Vision?

A: Mehr Frauen, die passioniert und mutig aufs Rad steigen – egal auf welches, Freiheit und Unabhängigkeit feiern und so an der Männlichkeit als Norm rütteln.

B:

Ein vernünftiger Frauen-Fahrradladen im deutschsprachigen Raum – eine Art Club oder Bike-Cafe mit integriertem Onlineshop und Blog, Reparaturkursen, Ausfahren, Events und Academy, geführt von passionierten Radlerinnen für ebendiese und all jene, die noch ganz am Anfang ihrer Fahrradleidenschaft stehen. Eine niedrigschwellige Anlaufstelle für das bunte weibliche Ensemble, wo niemand Sätze wie „Die Frauen werden jetzt auch immer verrückter und fahren unterschiedlichste Räder!“(3) von sich gibt. Bleibt zu hoffen, dass die soziale und kulturelle Entwertung, die oftmals mit der weiblichen Etablierung in einem Bereich einhergeht, ausbleibt. Denn das Fahrrad ist die Zukunft! Fahrtwind im Haar ist unisex! Und wie es unsere amerikanischen Kolleginnen gerade auf den Punkt bringen: Future is female!

Fahrrad Radfahrerin

Das Fahrrad ist die Zukunft! Fahrtwind im Haar ist unisex! Und wie es unsere amerikanischen Kolleginnen gerade auf den Punkt bringen: Future is female! Foto: Karen Rike Greiderer

Zitate und Quellen:

  1. Aus einer qualitativen Befragung mit Ausstellung der Berliner FXD-Gruppe @She36 – März 2017.
  2. Velototal Magazin: Post auf Facebook zum Kinderwagenfaltfahrrad – März 2017.
  3. Kinderwagenfahrrad: http://www.tagabikes.com
  4. VELOBerlin: Interviewstatement auf Radio1 – April 2017.
karen Greiderer_squarel
Seit 2017 leitet Karen das Urban Independence Magazin. Die leidenschaftliche Pedalistin hat bereits einige (Welt-)Reisekilometer im Radsattel gesammelt. Heute verbindet sie entweder Faltrad plus Kinderanhänger oder Kompakt-Cargobike mit der Bahn in Berlin und Brandenburg - meist mit ihrer Tochter auf Tour. Ihr Zugang zum Fahrrad(fahren) ist vielschichtig-detailverliebt aber stets pragmatisch und reicht in ihre frühen Jugendtage in Österreich zurück.

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Kommentare
  • Sven

    Im Ruhrgebiet sehe ich sehr wenige Frauen Fahrrad fahren (außer am Sonntag und nur dann wenn es schön ist, aber im normalen Alltag sehr selten). In den Niederlanden ist es gefühlt anders herum. Da fahren sehr viele Frauen Fahrrad, während ich das Gefühl habe, dass dort die Männer eher weniger fahren.

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