Das urbane Fahrradmagazin

Wie gerecht sind Flächen in Berlin verteilt?

Niemand weiß, wie viel Platz der motorisierte Verkehr in der Stadt einnimmt, wie viel Platz Personen zum Radfahren oder zu Fuß gehen haben: und so ist die Idee eines Flächengerechtigkeits-Report geboren. Heinrich Strößenreuther und mehrere Studierende haben über 200 Straßen ausgemessen, um eine Antwort zu erhalten.

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Foto © Andreas Stückl

Radle vor einem Jahr an einem grauen Oktober-Tag in der Früh zum Sat.1-Frühstücksfernsehen-Live-Dreh, zum ersten Mal im Leben vor laufender Kamera. Hätte fast verschlafen, als der Wecker um 5:30 Uhr nicht klingelte. Also los, einmal durch die Stadt, in die Maske, warten, bis ich um 7:00 Uhr dran bin. Was ich denn so gegen Autofahrer hätte, dass ich ne Falschparker-App? machen wolle, ist die „harmlose“ Aufwärmer-Frage. Heiß geht es weiter, die Online-Facebook-Debatte im Nacken.

Und irgendwann fällt der Satz, dass es zu eng in unseren Städten geworden sei: Zu viele Autos, zu wenig Platz für Radler, keine Mehrheiten mehr, die autogerechte Städte und noch mehr Parkplätze wollen. Sondern lebenswertere Städte, Platz zum Radeln, reclaim the streets. Als dann die Adrenalin-Infusion meines ersten Live-Talkshow-Auftritts langsam verklingt, bleibt das „Zu eng in unseren Städten“ in meinen Gehirngängen hängen.

Hatte als Verkehrsberater für die Stadt Hamburg vor fünf Jahren schon einmal ausgerechnet, dass eigentlich der Radverkehr vervierfacht werden müssen, um das Klimaschutzziel von – 40% CO2-Ausstoß zu erreichen. Dafür hätte man Verkehrsflächen von Parkplätzen zu Radwegen umwidmen müssen, doch diesen Flächenkonflikt wollte der Kunde nicht im Gutachten stehen sehen, fliegt also raus. Lenkt man aber Energie auf diesen Konflikt, so bleibt es in meinem Kopf hängen, dann verändern sich Dinge. Zum Beispiel wie meine Falschparker-App Wegeheld, die einen Teil dieses Konflikts thematisiert.

Flächengerechtigkeit

Foto © Andreas Stückl

Bleibt aber noch die Frage, wie eng es wirklich ist in unseren Städten, wem die Straße gehört. Google weiß dazu nix, befreundete Verkehrswissenschaftlicher kennen keine Zahlen, Berlin und andere Städte auch nicht. Niemand weiß, wie viel Platz Radfahrer zum Radfahren haben, wie viel Platz Autofahrer zum fahren und parken haben und wie es den Fußgängern ergeht: Die Idee zum Flächengerechtigkeitsreport ist geboren.

Lerne durch die Crowdfunding-Kampagne eine Berliner Professorin kennen, einen Spinne im Netz von Tourismus und Nachhaltigkeit. Schnell keimt der Gedanke, ihre Studentinnen doch einfach mal Berlin vermessen zu lassen. Wir wollen zeigen, wie es wirklich aussieht, warum Radler auf den Straßen plötzlich auffallen, was die Stadt tun müsste. Wir wollen eine Kennzahl, die Sabrina, die Aldi-Verkäuferin genauso versteht wie Erwin, der Baggerfahrer. Einer Zahl, die hängen bleibt.

Schnell sind die Studentinnen gebrieft, happy scheinen sie nicht. Denken sie doch, für eine Petzer-App gegen Falschparker jetzt auch noch Straßen zu vermessen, wie viel Platz für Rad- und Autofahrer eigentlich so ist. An die 200 Straßen wurden mit Zollstock vermessen, wie breit der Gehweg, der Radweg, der Parkstreifen und die Fahrbahnen sind. Als Google Maps holen sie die Länge der Straßenabschnitte, der Senat stiftet den Schlüssel, um die Daten nachher auf Berlin statistisch belastbar hochzurechnen. Mit wenigen Stunden Aufwand wird Wissen geschaffen, das es vorher nicht gab.

3% der Berliner Straßen sind für Radfahrer reserviert, 19 mal mehr für die Autofahrer: Knapp 20% zum Parken, 40% zum Fahren. Dabei stehen Pkws in Berlin durchschnittlich 23 ½ Stunden herum, werden also nur zu 2% genutzt. Ein Drittel scheint sich über Wochen gar nicht mehr vom Fleck zu bewegen. Würden diese Autos abgewrackt werden – alle hätten Platz, die Radfahrer und die Autofahrer. Denn der Radverkehr ist um 50% gewachsen, 15% aller Wege in Berlin werden mit dem Rad zurückgelegt – und nur noch 32% mit dem Auto. Flächengerechtigkeit sieht anders aus!

Foto © Andreas Stückl

Im Sommer schreibe ich den Report dann fertig, eine Freundin redigiert, ich mache die Grafiken und die Fußnoten, soll ja vor jedem Fachmann bestand haben. Spiegel, Taz, Welt und Berliner Morgenpost u.a. berichten. Um 600 Prozent müsste der Senat die Radverkehrsflächen ausbauen, um Gerechtigkeit in Sachen Verkehrsflächen herzustellen. Das ist ein paar Headlines wert…

Werfe mich beim weltweiten Parking Day im Anzug und mit Schlips und Kragen vom Rad neben die imaginär sich öffnende Autotür – ZDF, RBB und Welt TV halten es in tollen Bildern fest. 45% aller Radunfälle auf der Fahrbahn entstehen durch sich öffnende Autotüren; gleichzeitig fordern Gerichte von uns Radlern, 1,50m Sicherheitsabstand von parkenden Autos. Und was passiert? Nix!

Ich hab kein Bock, dauern wie ein Kaninchen vor den Autos zu flüchten. Mir gehört die Stadt und die Straße wie jedem anderen Steuerzahler. Dann manche für ihre Mobilitätsbedürfnisse eine ganze Ecke mehr Platz brauchen, ist deren Bier, darf aber nicht zu Lasten meiner Sicherheit und Mobilität gehen. Die Grünen, VCDs und ADFCs dieser Welt trauen sich an die Autolobby nur noch in homöopathischen Dosen heran, also mache ich weiter Krawall mit App, Web und Crowd.

Wie´s weitergeht? Radler der Critical Mass Mainz wollen ihre Stadt vermessen, auch andere sind am Nachdenken. Und dann träume ich da noch von einem Flächen-Tool, einer kleine Web-Maske oder App, so dass jeder, wo immer er oder sie gerade ist, mal schnell ne Straße auf Flächengerechtigkeit vermessen kann. Plus die Hochrechnung auf die Stadt, dass man dem Bürgermeister weiter kritische Fragen stellen kann. Hey, liebe Leserinnen und Leser, wer hat Lust, so ein Flächen-Tool pro bono zu entwickeln? Bitte melden.

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