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Fixie – Wiener Fahrradkultur – und mehr

Danny von FixDich in Wien ist selbst begeisterter Fixie-Fahrer und hat sich mit seinem eigenen Fixie-Shop einen kleinen Lebenstraum erfüllt. Andreas Stückl, Gründer von Bike Citizens, hat ihn zum Interview getroffen. Im gemeinsamen Gespräch hat er mehr über seine Hintergrundgeschichte herausgefunden und nachgeforscht wie sich die Wiener Radfahrkultur entwickelt hat.

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Foto: Bike Citizens

Fixie – Wiener Radfahrkultur – und mehr

Jetzt hast du bald dein sechs-jähriges Jubiläum mit FixDich. Was hast du davor gemacht?

Ja genau, im April 2010 habe ich aufgesperrt. Um 2000 herum bin ich drei Jahre für Hermes (Fahrradbotendienst in Wien) gefahren. Dann hab ich acht Jahre lang bei City Bike als Mechatroniker gearbeitet und die ersten eineinhalb Jahre nach der Eröffnung habe ich parallel gearbeitet. Montag bis Mittwoch bei City Bike Wien und Donnerstag bis Samstag im FixDich-Shop. Die ersten zwei Jahre waren somit sehr zeitintensiv. Nach eineinhalb Jahren habe ich dann gemerkt, dass es sich ausgeht und seitdem bin ich nur mehr im Shop.

Wie lange fährst du schon Fixed und wie bist du dazu gekommen?

Ich fahr jetzt ungefähr seit dreizehn Jahren Fixed. Irgendwann habe ich mit zwei Kollegen überlegt, dass es in Wien eigentlich keinen Shop gibt, welcher Fixed-Teile verkauft.

Bist du nach wie vor der einzige Shop, der Fixed-Teile in Wien verkauft?

Rein Fixed ja. Es gibt zwar jede Menge andere Fahrradshops, die teilweise auch Fixed Räder verkaufen, aber ich bin meines Wissens der Einzige mit diesem Fokus.

Unabhängig von den herrschenden Mythen über Fixie-Fahrer, welche Klientel triffst du in Wien an und warum entscheidet sich dieses für ein Fixie?

Vom Anwalt über den Arzt bis hin zum Studenten – es ist wirklich bunt gemischt. Einerseits ist es sicher Trend, aber für viele ist es überhaupt der Einstieg in die Fahrradszene. Teilweise haben sich die Leute, die ich vor drei Jahren mit einem Fixie ausgestattet habe, mittlerweile schon ein Crossbike oder ein Rennbike gekauft. Sie fahren aber immer noch alle drei, nur haben sie für die verschiedenen Zwecke verschiedene Räder. Man kann sagen es ist ein bisschen die Einstiegsdroge.

Wirklich? Ich hätte es eher andersrum gesehen.

Nein, es ist echt oft so, dass Leute kommen, die seit fünf Jahren oder länger nicht mehr mit dem Rad gefahren sind und sich überlegt haben, dass ein Single-Speed oder Fixie praktisch für die Stadt wäre.

Wie sieht denn die gesetzliche Lage für Fixie-Fahrer aus, ist ein Fixie straßenverkehrstauglich?

Fixie fahren ist prinzipiell nicht verboten, aber es gibt eine Bremsenpflicht. Laut StVO müssen zwei voneinander unabhängige Bremsen vorhanden sein. Ob das auch der Antrieb ist steht nicht näher definiert. Einige Boten haben hinten eine Fake-Break montiert. Die funktioniert zwar, ist aber am Sattelrohr montiert. Mittlerweile gibt es aber einige Polizisten die Bescheid wissen, wie das Rad auszusehen hat und wie damit gefahren wird.

Bist du auch viel mit dem Rad in anderen Städten unterwegs?

Ja, ich war in Barcelona, Berlin, Rotterdam, Den Haag, Salzburg und in Graz natürlich.

Wenn ich jetzt zum Beispiel die Radfahrinfrastruktur von Berlin und Wien vergleiche, ist die Qualität in Wien schon um einiges besser.

Ja, ich war jetzt schon lange nicht mehr in Berlin. Aber in Rotterdam und Den Haag und das ist natürlich mega! Die Infrastruktur dort ist der Hammer.

Ich war auch vor ein paar Jahren in Kopenhagen – das ist aber teilweise schon too much. Das ist gerade so an der Kippe wo du sagen kannst, es gibt schon zu viele Radfahrer und du im Stau stehst.

Ja, aber das erlebst du in Wien auch. Wenn du im Sommer in Wien am Ring bist und Richtung Oper oder Schauspielhaus fährst, staut es sich auch. Aber halt nur, weil die Radwege einfach so eng sind. Außerdem kennt jeder den Ringradweg und es ist die beliebteste touristische Route. Das Problem ist, dass die Leute teilweise sehr undiszipliniert sind. Wenn die Leute hintereinander an der Ampel stehen und manche, die langsamer unterwegs sind, bei dir an der Seite nach vorne rollen. Die, die schneller unterwegs sind, denken sich dann: „super ein langsamer“ und müssen dann wieder überholen. Da ist dann logisch, dass sich einige ärgern und das ist leider schade. Das war in Rotterdam ganz anders, die sind alle sehr diszipliniert.

Hast du im Vergleich feststellen können, dass Wien zu den anderen Städten bei Fahrrad-Trends etwas hinterher ist?

Man kann definitiv sagen, dass Wien ein bisschen hinterher ist, aber woran das liegt, kann ich schwer sagen. Als ich zum Beispiel in Wien zum Fixed fahren begonnen habe, haben auch alle gefragt „wie kannst du nur ohne Bremsen und mit nur einem Gang fahren?“ Und einige Jahre später hat man gemerkt, dass es plötzlich in den Mainstream kippt.

Kann man sagen, dass es auch heute noch Leute gibt, die dich in Wien fragen, wieso du mit dem Rad fährst?

Ja, gibt es bestimmt, aber ich glaube das wird jetzt besser. Es gibt so viele Radfahrer, die dazu gekommen sind. Das war auch bei City Bike interessant zu beobachten. Ich war ja den ganzen Tag nur draußen, weil wir nur von Station zu Station gefahren sind. Und im Frühling konnte man gut erkennen, dass es immer mehr Radfahrer gab und auch der Vergleich zum Vorjahr war immer spannend – die Zahlen sind stetig gestiegen über die letzten Jahre hinweg.

Das kann dann vermutlich auch auf die Steigerung der City Bikes Nutzung umgelegt werden, oder?

Das sowieso. City Bikes wurde in den letzten Jahren immer weiter ausgebaut und neue Stationen sind dazu gekommen.

Mich hat das immer gewundert, weil die City Bikes sind ja hauptsächlich für City-Bewohner gedacht gewesen oder?

Ja, eigentlich als öffentliches Verkehrsmittel. Nicht als typisches Leihrad, sondern wirklich wie die U-Bahn, du steigst ein, fährst wo hin und steigst dort aus. So soll auch das City Bike benutzt werden, damit es eine möglichst hohe Verfügbarkeit hat. Also kann man es als Kombination von öffentlichen Verkehrsmitteln und dem Fahrrad sehen. Aber wenn ich in Wien wohne, dann habe ich mein eigenes Fahrrad, weil es viel komfortabler ist. Die Nutzung von den City Bikes ist aber trotzdem massiv gestiegen! Es wird von Touristen sehr gut angenommen. Wobei es manche falsch angehen, und dann 5 bis 6 Stunden fahren oder sich das Rad über die Nacht ausborgen und dann wird die Rechnung hoch. Die erste Stunde ist gratis, die zweite und dritte Stunde kostet je 1€ und ab der vierten Stunde je 4€. Und weil da doch einiges zusammen kommen kann, sollte man es auch richtig nutzen. Wenn man das Rad also eine Stunde ausleiht, dann wieder zurück bringt und sich 15 Minuten etwas ansieht, kann man sich für eine weitere Stunde wieder ein Fahrrad gratis leihen und weiter fahren und so kann man den ganzen Tag gratis fahren und das ist eigentlich schon ein sehr gutes Angebot.

Wenn ich als passionierter Single-Speed oder Fixie-Fahrer nach Wien komme und mir ein Rad ausleihen möchte, gibt es da Möglichkeiten?

Ein Plan von mir zielt genau in diese Richtung. Ich würde gerne ein paar Fixies zum Vermieten anbieten. Da muss ich aber rechtlich noch alles abklären wie das mit der Versicherung funktioniert, wenn jemandem etwas passiert oder das Rad kaputt gemacht wird.

Hast du in den letzten fünf Jahren eine Veränderung in Bezug darauf, wie Menschen über das Radfahren denken, wahrgenommen? Oder denken die Leute noch, ja wer mit dem Fahrräd fährt muss Student sein und kein Geld haben?

Nein eigentlich nicht, manchmal sieht man wirklich Leute mit Rädern, da ist es fast klar, dass es ein Statussymbol ist. Da merkt man der fährt jetzt zum Büro und heim und es muss einfach schön aussehen. Sie genießen es zwar, aber es ist auch sehr wichtig wie das Fahrrad aussieht.

Es kann also als grundlegender Vorteil zum Auto gesehen werden, das gilt ja auch als Statussymbol und das schöne “Statussymbol Fahrrad” kann sogar mit ins Büro genommen werden.

Ja, ein Riesen-Vorteil, du kannst es überall mit hin nehmen und alleine kostentechnisch ist es ein Vorteil. Was auf alle Fälle auch gesagt werden kann, ist, dass mittlerweile viel mehr Leute davon überzeugt sind und die Meinung tragen, dass das Fahrrad wirklich ein super Verkehrsmittel für die Stadt ist. Das ist auch bei der Critical Mass gut zu beobachten.

Was wäre der Grund warum die Leute sagen, „ja das Fahrrad ist klasse“?

Ich denke, sie haben sich sich ein Rad besorgt, sind eine Saison gefahren und merken wie geil das ist. Sie merken wie schnell man überall ist und wie wenig Stress man dadurch hat. Also die Komponenten Spaß, Sport, fit sein und die kostengünstigste Variante eines Verkehrsmittels. Und in einer Stunde bist du überall in Wien. Ich meine, verglichen mit Berlin ist Wien ja fast ein Dorf, wenn man sich die Ausdehnung ansieht.

Ich find’ ja auch du erlebst viel mehr in der Stadt wenn du mit dem Rad fährst, geht’s dir da gleich?

Ja, ich find’ man denkt sich dann “ah wie cool jetzt kenn’ ich das” und dann fügt sich nach und nach ein Puzzle im Kopf zusammen. Man merkt wie die Topografie der Stadt ist. Das erlebt man nicht wenn man nur in den öffentlichen Verkehrsmitteln sitzt oder mit dem Auto fährt.

Fährst du hin und wieder mit dem Auto?

Sehr selten weil ich auch keins mehr besitze.

Ich find’ immer, wenn ich in in der Stadt mit dem Auto fahre, steigt der Stresspegel sofort an . Wie siehst du das?

Beim Autofahren ist es ja so, dass alle in ihrem Käfig sitzen und nicht miteinander kommunizieren können. Am Rad ist das ja total easy. Wenn mir irgendwas nicht passt rede ich einfach rüber zu dem anderen. Das geht halt beim Autofahren nicht wirklich. Ich denke beim Autofahren in der Stadt ist es wichtig die Ruhe zu bewahren.

Ich hab auch gehört, dass die nachfolgende Generation gar nicht mehr so wild darauf ist, ein eigenes Auto zu haben, hast du da in Wien etwas gemerkt?

Ja, das merkt man total. Erstens weil es so viel Geld kostet, dann brauchst du ein Parkpickerl und laufend andere Dinge. Ich kenne viele Leute die gar kein Auto mehr besitzen. Da ist es ja wirklich sinnvoller wenn du ein Auto hast, welches du mit anderen Leuten teilst. Aber leider bemerkt man, dass in Wien oder in gesamt Österreich die Autolobby richtig groß ist und die Angst vor Veränderung auch.

Es gibt eine Statistik vom BMVIT (Bundesministerium für Verkehr, Innovation und Technologie), Radverkehr in Zahlen, und da wurden Leute über ihr Wohlbefinden beim Radfahren in der Stadt gefragt, vor und nach Fahrtantritt. Es ist faszinierend was die Leute vorher glauben und wie es dann wirklich ist.

Ja, ich sag dazu immer Fäule – wenn die Fäule überwunden ist und man das erste Mal am Rad sitzt und sich denkt, das ist ja super, es rollt ja und es ist eigentlich gar nicht so anstrengend wie ich es mir gedacht habe und ich bin so flott, dann macht es sofort Klick im Kopf. Also das hab ich schon des Öfteren im Gespräch mit Menschen erlebt.

Hast du selber auch schon einige Leute zum Radfahren gebracht?

Ja, in meinem Freundeskreis, da fahren mittlerweile eigentlich alle mit dem Rad.

 

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