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Bike Citizens Faktencheck: Familienradreise – 200 km, ein Cargobike und ein Baby

Kann man ein Baby einfach so in ein Cargobike stecken und über 200 Kilometer in den Urlaub radeln? Ja, man kann! Auf vier Etappen mit vielen Pausen und Bestechungssnacks. Der Ciclovia Alpe-Adria-Radweg von Tarvis nach Grado im Familiencheck.

Elli
Als Orientierungs-Chaotikerin mit Leidenschaft zum Radfahren entwickelte sich die Bike Citizens App für Elisabeth schnell zum treuen Wegbegleiter in Berlin. Seit nunmehr zwei Jahren ist sie Teil des Bike Citizens Team in Graz und bastelt selbst als Head of Communications an den neuen Ideen und Projekten mit.

Trotz, oder gerade wegen unseres Familienzuwachses wollten wir im Sommer raus aus der Stadt. Wir wollten in die Natur, uns bewegen, neue Orte erkunden und stressfrei genießen – natürlich mit dem Fahrrad.

Dabei sprang uns der Ciclovia Alpe-Adria-Radweg ins Auge. Er führt durch das nördliche Italien – entlang des  Kanaltals und des Flusses Tagliamento. Über Schotter- und Waldwege führt er durch Sonnenblumenfelder und kleine Dörfer bis nach Grado ans Mittelmeer!

In Vor-Babyzeiten hätte unser Motto gelautet:
“Rauf aufs Rad! Los geht’s!”

Reiseplanung mit Mottowechsel – Organisation statt Spontanität
In Vor-Babyzeiten hätte unser Motto gelautet “Rauf aufs Rad! Los geht’s. Wir fahren so lange es uns Spaß macht, bleiben dort, wo wir es schön finden und fahren weiter wann wir wollen”. Mit einem sechs Monate alten Baby macht man sich dann doch mehr Gedanken. Uns erschien die Planung von Unterkünften und Tagesetappen, die selbst mit vielen Pausen und bei Schlechtwetter machbar waren, als sinnvoll.

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Gute Routenplanung ist die halbe Miete, wenn man mit einem Baby reist…

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… und Bestechungssnacks! Sonst wird der fahrbare Untersatz vom Baby aufgefuttert © Elisabeth Felberbauer

Das Baby ist da – ein Cargobike muss her
Möglich war die Radreise dank unseres Cargobikes, dass gleich nach dem Baby Einzug in die Familie fand. Schon vor der Geburt war klar, das Baby braucht einen fahrbaren Untersatz. Unsere Ansprüche waren hoch und unterschiedlich.

Ich (die Mama) wollte ein Fahrrad mit dem wir unser Kind auch bei Regen trocken transportieren können. Er (der Papa) wollte eines, dass auch Fahrspaß über weite Strecken bietet. Wir waren uns aber auch einig, dass das Rad genug Platz für das Baby bieten und zugleich nicht zu viel Platz auf Radwegen einnehmen sollte. Ebenso kam für uns beide ein Fahrradanhänger nicht in Frage, denn wir wollten unser Kind im Stadtverkehr vor uns im Auge haben und direkt mit ihm kommunizieren.

Unsere Wahl, bzw. „seine“ fiel schlussendlich auf ein Larry vs. Harry „Bullitt“ mit Canopy Aufbau: ein klassisches, einspuriges und sportliches Cargobike vom Typ Long John, das nicht in erster Linie für den Transport von Kindern gebaut ist. Zugegeben hatte ich erst Respekt, das Gewicht auf nur zwei Rädern auszubalancieren und durch den langen Radstand die Kurven zu meistern. Tatsächlich gewöhnte ich mich schnell an den neuen Fahrstil. Die Balance hält sich leicht und das Rad liegt gut in der Kurve.

Wie transportiert man ein Cargobike von A nach B?
Mit unserem Bullitt plus normalem Fahrrad wollten wir 200 Kilometer von Tarvis nach Grado radeln. Geplant war diese Strecke in drei Etappen à 60 Kilometer. Nach ein paar Tagen am Meer wollten wir mit den Rädern weiter nach Udine und von dort mit der Bahn zurück nach Tarvis.

Wie kommen wir aber mit Baby und Lastenrad von unserer Heimatstadt im Süden Österreichs nach Tarvis? Es passt weder in den Kofferraum noch auf den Fahrradträger. Aber, es sollte doch problemlos in einem Zug Platz haben. Wir wurden eines besseren belehrt: Die Österreichische Bahn (ÖBB) transportiert keine Fahrzeuge ab 29 Zoll, Tandems, Liegeräder oder Fahrradanhänger. Auch wenn ein Cargobike damit nicht explizit ausgeschlossen ist, erklärte uns der Mann hinter dem Informationsschalter, kann dieses Rad nur in speziellen Gepäckabteilen transportiert werden. Zum Zeitpunkt unserer Reise (Sommer 2018) werden diese nur nach Innsbruck geführt. Auch die Idee das Cargobike per Bahn als Haus-Haus-Gepäck zu verschicken, funktioniert nur mit einer Empfängeradresse. Damit fiel der Zug als Transportmittel aus – und die Reise ins Wasser?

Wir prüften andere Möglichkeiten: Unter anderem Fernbusse und Miettransporter. Das eine fiel wegen zu langer Fahrtdauer weg, das andere wegen zu hoher Kosten (ab 600 Euro aufwärts für An- und Abreise je 200 km). Die Lösung war letzten Endes „Car-Sharing“ wobei der Begriff Autotausch in der Familie besser zutrifft. Wir tauschten unser Auto gegen das von meinem Papa mit Anhängerkupplung und kleinem Anhänger. Damit war der Transport von Österreich nach Italien möglich!

Die Bahnfahrt in Italien von Udine nach Tarvis verlief entspannt. Wir erkundigten uns mit Händen und Füßen, ob „la Nostra Bicicletta Molto Grande“ (unser sehr großes Fahrrad) im Zug mit darf. Die Antwort war simpel: „È una bicicletta?“ – „Si“ –  „Va bene!“ („Es ist Fahrrad?“ „Ja“ „Natürlich!“) Schon saßen wir im Zug.

Erst nach unserer Reise stießen wir bei ausgiebiger Recherche auf wissenswerte Informationen in Diskussionsforen  wie man mit einem Cargobike und den öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs sein kann. Es hatten also schon mehrere Menschen “unser” Problem. Eine gute Info-Quelle dazu ist auf Cargobike.jetzt unter Fahrradmitnahme zu finden.

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Ein Cargobike lässt sich nicht so einfach transportieren © Elisabeth Felberbauer

Parken, Packen, Schlichten und der Baby-Sitz
Angekommen in Tarvis, bot der Bahnhof kostenfreie und ausreichend Parkmöglichkeiten fürs Auto. Von dort ist der Einstieg in den Ciclovia Alpe-Adria Radweg nicht weit. Voller Vorfreude bestückten wir die Räder mit unseren wasserdichten Packtaschen für den Gepäckträger. Darin hatte unser Reiseequipment (sehr sparsam gepackt) gerade so Platz. Der sehr umfangreiche Baby-Kram fand auf der Ladefläche des Cargobikes Platz: Windeln, Brei, Feuchttücher, Sonnencreme, Klamotten, Getränke – und die Badetasche.

Die meisten Babies werden direkt mit Babyschale im Cargobike verfrachtet – so auch unseres. Da das Bullitt, wie auch viele andere Modelle, keine eigene Kinder- und Baby-Sitz-Lösung anbietet, haben wir eine für Fahrradgepäckträger entwickelte Maxi-Cosi-Halterung mit Hilfe von Spanngurten befestigt. Das Baby ist damit gut und sicher verwahrt, der Nachteil: die Ladefläche ist fast voll. Die Lösung ist nicht ganz optimal. Die Baby-Schale ist groß und sperrig und inklusive Kind im Laufe der Zeit ganz schön schwer. Durch die Doppelnutzung für Auto und Fahrrad trägt man die Schale immer hin und her. Fahrradanhänger oder Cargobikes mit Baby-Hängematten haben hier einen eindeutigen Gewichts- und Logistikvorteil.

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Der “Ciclovia Alpe Adria” führt durch unzählige Tunnel …

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… und vorbei an hohen Bergen zB. in Tagliamento …

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… und auf Brücken durch atemberaubende Täler mit kleinen Villaggios …

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… bis ans Meer bei Grado. Fotos © Elisabeth Felberbauer

Der Familien-Reisebericht in 3 Etappen
Etappe 1: 57 km – Im Stopp and Go von Tarvis bis Moggio di Udinese
Die erste Freude endlich auf dem Rad zu sitzen, wird von Babygeschrei getrübt. Bei allem Komfort: Zwei Stunden Autofahrt mit anschließender Radtour waren zu viel. Unser Plan, nach der halben Strecke eine Pause einzulegen ist hinfällig und wir bleiben bereits auf den ersten Kilometern mehrmals stehen. Erst als sich der Protest im Lastenrad legt, beginnen wir die Fahrt zu genießen.

Durchs Kanaltal fahren wir die alte Pontebbana Bahntrasse entlang, die heute ein idyllischer Radweg ist. Einen atemberaubenden Ausblick auf das darunterliegende Flussbett und Tal bieten die zahlreichen alten Brücken mit Gitterboden, welche die Trassen miteinander verbinden. Die abwechslungsreiche Landschaft gestaltet die erste Etappe selbst mit Baby und vielen Pausen sehr kurzweilig. Zahlreiche Tunnel kühlen angenehm. Aber Obacht: Die Tunnel sind ganz schön dunkel. Ohne Licht fährt man ins schwarze Nichts!

Unser Etappenziel am Tag 1 enttarnt sich bei der Ankunft als sehr kleiner Ort. In Moggio di Udinese ist Wochentags (zumindest Montag) bis auf ein Restaurant mit sehr mäßiger Küche alles geschlossen. Es lohnt sich 10 Kilometer weiter nach Venzone zu radeln.

Etappe 2: 76 km – Die Flucht vor dem Regen über Venzone nach Udine
Neuer Tag  – neue Herausforderungen: Der Wetterbericht sagt Regen voraus, was spontane Pausen im Freien mit Baby erheblich erschweren. Unser Plan: So schnell wie möglich so viele Kilometer wie möglich Richtung Udine radeln. Wir nutzen die Vormittagsschlafphase unseres kleinen Begleiters, um die Hälfte der Strecke zurückzulegen. Das nimmt den Zeitdruck!

Etappe zwei führt über Schotterwege entlang von Feldern und Wäldern durch kleine italienische Dörfer. Je weiter wir in den Süden kommen, desto besser wird die Beschilderung, vor allem auf den offiziellen Straßen. Dennoch verpassen wir eine Abbiegung und landen prompt auf einer schwerbefahrenen Straße. Obwohl die Lastwägen genügend Abstand halten, fühlen wir uns inmitten der großen Geschosse mit unserem Nachwuchs gar nicht wohl. Glücklicherweise können wir in den nächsten Schotterweg „einsteigen“ und finden über einen kleinen Umweg zurück zum Ciclovia Alpe-Adria-Radweg.

Unser kleiner Begleiter hat sich nun an sein temporäres Zuhause gewöhnt und lässt sich während der Fahrt mit Essen besänftigten. Dennoch ist der Nachmittag gespickt mit Pausen – diesmal sind es wenige, dafür umso längere, um ihm genügend Bewegungsfreiheit zu geben. Schließlich erreichen wir Udine am späten Nachmittag – bei Sonnenschein!

Etappe 3: 57 km – Meeresduft – Grado wir kommen
Am dritten Tag ist bereits alles gut eingespielt. Anders als an den ersten beiden Tagen, läuft diesmal mit dem Baby alles wie am Schnürchen. Er nutzt das Schaukeln im Cargobike für ein zweistündiges Nickerchen am Vormittag und am Nachmittag. Mit diesem Wissen genießen wir eine entspannte ausgedehnte Mittagspause. Auch das Wetter spielt mit!

Etwa 30 Kilometer vor dem Etappenziel Grado – ab Palmanova – führt überwiegend ein asphaltierter Radweg parallel zur Hauptstraße in Richtung Meer. Schlaglöcher und geflickte Straßenstücke erschweren uns die Fahrt und unserem kleinen Begleiter den Nachmittagsschlaf. Nach ganz viel Asphalt riechen wir endlich das Meer – wenig später sehen wir es auch!

Die letzten Meter fahren sich wunderbar: Eine lange Brücke führt übers Meer immer Richtung Grado. Das lässt die Vorfreude auf das kleine Städtchen wachsen. Und den Nachmittag verbringen wir dann endlich am Meer!

Mehr lesen zum Thema “Cargobike” im Urban Independence Magazin:

Elli
Als Orientierungs-Chaotikerin mit Leidenschaft zum Radfahren entwickelte sich die Bike Citizens App für Elisabeth schnell zum treuen Wegbegleiter in Berlin. Seit nunmehr zwei Jahren ist sie Teil des Bike Citizens Team in Graz und bastelt selbst als Head of Communications an den neuen Ideen und Projekten mit.

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