Das urbane Fahrradmagazin

Mit Faltrad in den Urlaub: Wie “kleine Räder” das Radreisen neu definieren

Bei "Radreise" denkt man schnell an viel Gepäck auf großen Tourenrädern. Bei "Faltrad" denkt man an kleine Räder in der Stadt. Dabei ist das Reisen und Urlauben gerade auf und mit einem Faltrad äußerst komfortabel. Es eröffnet Urlaubshungrigen neue Horizonte, denn es birgt Möglichkeiten, die große Fahrräder so nicht bieten - egal ob Wochenendtrip oder lange Reise. Aber welche?

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Die leidenschaftliche Pedalistin hat schon einige (Welt-)Reisekilometer im Radsattel gesammelt und verbindet tagtäglich Faltrad mit ÖPNV in Berlin. Ihr Zugang zum Fahrrad(fahren) ist vielschichtig-detailverliebt bis unkompliziert-pragmatisch und reicht in ihre frühen Jugendtage in Österreich (Graz) zurück. Ob total beladen, super lightweight, 16 Zoll oder 29er, gefahren wird alles was gute Laune macht.
Mit dem Faltrad im Hafen von Toulon. Foto: Karen Rike Greiderer

Dort wo das Unterwegs-Sein mit „großen“ Fahrrädern mühsam wird – zum Beispiel bei der Mitnahme in Bus oder Bahn – entfalten die „kleinen“ Räder ihr volles Potenzial. Falträder sind Meister der Flexibilität und die Crème de la Crème des Komforts. Was im Alltag Standard ist gilt auch im Urlaub.

Es kommt nicht von ungefähr, dass der Urgedanke von diversen Faltradmarken auf eine Radreise zurückgeht. Dem Unternehmerduo Riese und Müller kam die Idee zum „Birdy“ auf ihrer vierwöchigen Tunesien-Radreise. Der Macher des „Bike Friday“-Faltrades wollte ein solides Reiserad schaffen, das in einen Standard-Reisekoffer passt, der auch als Fahrradanhänger funktioniert.

Radreisen neu definieren
Mit einem Faltrad gibt es nicht die eine Art des Reisens. Eine Faltradreise ist es dann, wenn das faltbare Rad mitkommt und die beliebig lange Auszeit vom Alltag durch seine Flexibilität schöner macht. Weder Radtyp, noch Anzahl der Übernachtungen definieren die Reise, noch muss das Hauptmotiv „Radfahren“ sein. Die Faltradradreise orientiert sich an den persönlichen (Urlaubs-)Vorlieben. Der Urlaubstyp ergibt sich aus der Priorität, dem das Radfahren als Tätigkeit im Urlaub zukommt.

Drei Radreise-Typen
Es kristallisieren sich daraus drei Reisetypen:

  • Typ A – Urlauber und Urlauberin: Das Faltrad ist für die maximal komfortable Bewegungsfreiheit und Radiuserweiterung vor Ort zuständig. Im Urlaub geht es ganz gemütlich zu.
  • Typ B – Die Reisenden: Das Faltrad ist essentieller Bestandteil um auf der Reise von A nach B zu gelangen.
  • Typ C – Reisender Urlauber und Urlauberin: Dieser Typ ist eine Mischform aus Typ A und B.

Typ “Urlauber und Urlauberin”: Gehört man zu diesem Typ gestaltet sich die Urlaubsplanung mit dem Faltrad kaum aufwendiger als die Planung ohne Rad. Ziel und Zeitraum auswählen. Rad falten und einpacken. Und entspannen!

Das Faltrad bereichert den Urlaubstag, indem es für selbstbestimmte, flexible Mobilität am Urlaubsort sorgt. Man genießt den Komfort des eigenen Rades, das stets griffbereit ist, weder unnötig Platz in Anspruch nimmt, noch Kosten verursacht oder zu einer bestimmten Uhrzeit zurückgegeben werden muss.

Je einfacher und planloser bzw. spontaner sich die Mobilität im Urlaub gestaltet, desto seltener fällt der Blick aufs Telefon oder die Uhr… plötzlich ist man ganz entspannt im Hier und Jetzt.

Urlaub Fahrrad

Je seltener der Blick auf Telefon und Uhr desto mehr Entspannung! Photo © Christopher Burns

Typ B – Die Reisenden:  Dieser Typ verzeichnet viele Parallelen zu klassischen Radreise-Abenteurern. Diese Art des Reisens mit Faltrad ist dementsprechend mit mehr Organisationsaufwand verbunden.

Der große Unterschied zu einer klassischen Radreise mit einem „BigWheel“ – einem Tourenrad mit „großen“ Reifen – ist, dass man mit einem Faltrad immer einen  simplen Plan B namens „Intermodalität“ in petto hat. Das bedeutet, dass man immer bereit ist, das Faltrad zu falten und zB. eine Strecke mit Fähre, Bus oder TukTuk zurückzulegen.

Brompton Japan Reise

Auch Langstrecken-Radreisen über die Alpen klappen mit einem voll bepackten Faltrad © Petit Tours / Daniel Kormann + Karen Rike Greiderer

Reisende Urlauber und Urlauberin – also „Typ C“ – sind die Genießer unter den Abenteurern und Abenteurerinnen. Sie lassen nichts aus und kombinieren „Typ A“ und „Typ B“ . Meistens sind sie länger unterwegs als zwei Wochen und wechseln sich bei Stadt- und Naturtrip ab.

Ein gutes Beispiel für reisende Urlauber sind “Inselhüpfer” – sie kommen per Boot von Insel zu Insel und erkunden diese dann per Faltrad – und das alles innerhalb der 14-tägigen Sommerferien!

Faltrad Reise Auto

Beim Roadtrip nimmt das Rad einfach Platz am Rücksitz und wartet auf seinen nächsten Ausflug zB. vom ruhigen Plätzchen in die trubelige Stadt © Karen Rike Greiderer

Vorteile und Unterschiede zum Reisen mit dem “großen Rad”
Wie kommen die Vorteile, wie Komfort, Flexibilität, Freiheit mit einem Faltrad zustande?  Wo liegen die Unterschiede zum Reisen mit einem großen Fahrrad?

  • An-/Abreise und Transport: Das Faltrad wird als Gepäckstück in Zug, Bus oder Fähre eingecheckt – meist kostenlos. Es muss bei der Abreise nicht in Einzelteile zerlegt und danach wieder zusammengebaut werden. Schienenersatzverkehr, eingeschränkte Mitnahmemöglichkeit im ICE oder das Fehlen von Fahrradträgern an (Leih-)PKW oder Wohnmobil sind kein Hindernis.
  • Verknüpfte Mobilität ist der Plan B: Fünf Tage Regenwetter, epische Müdigkeit, (Muskel)Kater oder Krankheit: Es gibt viele Gründe manchmal nicht aufs Rad steigen zu wollen. Auf einer Radreise gibt es dann schnell Zeitdruck. Auf einer Radreise mit dem Faltrad bleibt man in so einer Situation gelassen. Ohne logistischen Aufwand oder explodierende Kosten kann man auf Plan B zurückgreifen: 1. Rad falten. 2. Gepäck auf die Schultern. 3. Aus gegebenen Mobilitätsoptionen die komfortabelste auswählen und weiter…  Auch Autostopp ist möglich. Das Faltrad passt selbst in einen Kleinstwagen!
  • Verknüpfte Mobilität ist die Basis: Mit einem Faltrad kann die sogenannte “Intermodalität” auch die Basis der Auszeit sein. Zum Beispiel gibt es  Abenteurer und Abenteurerinnen, die per Faltschlauchboot und Faltrad quer durch Norwegen tourten. An Land wurde das Boot klein gemacht und kam ins Gepäck – im Wasser umgekehrt. Undenkbar (umständlich) mit einem „großen“ Fahrrad, oder?
  • Sicheres Parken: Alle die mit einem großen Rad auf Reisen waren, kennen die Sorge um sichere, witterungsfeste Parkmöglichkeiten – nicht nur in der Nacht. Mit dem Faltrad ist diese Sorge unbegründet! So entfällt die Sortierung der Unterkünfte nach Fahrradfreundlichkeit. Obendrein spart man sich das schwere Bügelschloss im Gepäck.
  • Sparfuchs: Mit einem Faltrad spart man nicht nur Kosten bei der Mitnahme im Öffentlichen Personenverkehr. Besonders Urlauber vom Typ A können ganz entspannt eine günstigere und ruhigere Unterkunft abseits vom Trubel wählen. Mit dem Faltrad im Gepäck ist man schnell im Stadtzentrum, beim leckeren Bäcker oder am Strand. Umgekehrt lässt man auch mal schnell die hektische Stadt auf dem Faltrad hinter sich verschwinden und entdeckt vielleicht eine ganz andere Seite des Urlaubsortes…?
  • Packen und Gepäck: Faltradreisende sind entweder Freunde des Minimalismus, oder Fans des minimalistischen Reisens, denn die Grenze für Gepäckzuladung liegt bei etwa 30 kg. Schlau gepackt und gut geplant, reichen 30 kg Gepäck für eine halbjährige Weltreise. Der Vorteil am „schlanken“ Reisen ist, dass Gepäck und Faltrad von einer Person getragen werden können, denn Rad und Gepäck bleiben immer nah am Körper und sind nie unbeaufsichtigt. Hochwertige Faltradmarken bieten ausgeklügelte Lösungen für den Transport von Gepäck. Fahrradanhänger ermöglichen ein Mehr an Gepäck, schmälern aber zugleich die Flexibilität.
  • Trail Magic: Radreisende lieben es: Trail Magic! Wunderbare Zufälle in Situationen, in denen man diese am wenigsten erwartet und am nötigsten braucht. Mit dem Faltrad kommt man oft rein durchs Aussehen des Rades mit Fremden ins Gespräch. Auf der anderen Seite ist die Faltrad-Community weltweit gut vernetzt, offen, unkompliziert und hilfsbereit. Das Rad ist ein unausgesprochener Code, der Türen öffnet!
Faltrad Hotel Zimmer

Im Hotel kommt das Faltrad mit aufs Zimmer © Daniel Kormann / Kultrad

Zug Deutsche Bahn Fahrradmitnahme ICE

Im ICE gilt das Rad als Gepäckstück und reist kostenlos mit © Daniel Kormann / Kultrad

Faltrad Reise Weltreise Brompton

Bei einer längeren Faltradreise muss man shcon spartanisch packen  © Petit Tours / Karen Rike Greiderer

Das Fazit: Die Essenz des Radreisens gepaart mit Flexibilität
Falträder sind komfortable Begleiter, die eine neue Art des unkomplizierten Reisens ermöglichen. Sie sind Teil des Reiseerlebnisses und begeistern sowohl erfahrene Radreisende als auch Neulinge.

Die alten Radreise-Hasen wissen die Flexibilität zu schätzen und erreichen per Faltrad auf einmal Orte, die ihnen mit einem großen Tourenrad bisher verwehrt blieben. Die Neulinge wiederum sind von der Flexibilität überrascht und freuen sich einfach über die Essenz des Radreisens: Verzauberung durch Freiheit und Zeitlosigkeit….

Die Nachteile: Das Faltrad ist keine eierlegende Wollmilchsau! 
Natürlich lässt sich mit einem Faltrad nicht jeder Urlaub und jede Tour realisieren. Der Komfort schwindet bei längeren Fahrten auf unbefestigten Straßen. Auch extreme und lange Steigungen können – insbesondere wenn das Rad beladen ist – zermürben.

Grundlegende Reparaturen sollte man auf einer Radreise mit Faltrad selbst vornehmen können und im besten Fall eine Ersatzgarnitur an Zubehör und Werkzeug dabei haben. Ebenso ist das Rad weniger geeignet für Long-Distance-Trips in sehr abgelegene Regionen. Dafür sindFalträder zu speziell und die Gepäckzuladung zu gering. Falträder sind und bleiben im Kern urbane Räder mit denen du fix am Stau vorbei radelst.

Noch ein paar Tipps und Tricks:

Stress vermeiden:  Vor dem Check-In im Hotel oder Fernbus ist es hilfreich das Rad vor neugierigen oder kritischen Augen zu bewahren. Rechtzeitig falten und in einer Tasche oder Tüte verstauen.

Reparaturen und Ersatzteile: Grundlegende Reparaturen am Faltrad sollte man selber machen können. Ersatzteile gehören ins Gepäck, denn viele Radläden führen keine faltradspezifischen Produkte und Ersatzteilbestellungen können Monate dauern. Außerdem ist es nicht Standard, dass ein Werkstatt-Team über Faltradkompetenzen verfügt. Hilfreich ist es vor der Tour an Zielort auf der Strecke Läden zu recherchieren und zu kontaktieren, die auf Falträder spezialisiert sind.

Faltradknigge:
Weiß bescheid, wie du dich in Zug, Bahn und Bus zu verhalten hast und worauf es beim Unterwegssein mit dem Faltrad ankommt! 

karen Greiderer_squarel
Die leidenschaftliche Pedalistin hat schon einige (Welt-)Reisekilometer im Radsattel gesammelt und verbindet tagtäglich Faltrad mit ÖPNV in Berlin. Ihr Zugang zum Fahrrad(fahren) ist vielschichtig-detailverliebt bis unkompliziert-pragmatisch und reicht in ihre frühen Jugendtage in Österreich (Graz) zurück. Ob total beladen, super lightweight, 16 Zoll oder 29er, gefahren wird alles was gute Laune macht.

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Kommentare
  • Kikimora

    Ich habe ein Dahon Mu P8 Faltrad(20 Zoll, 8 Gänge Kettenschaltung), mit dem ich nun schon die vierte vierwöchige Tour mit Zelt (1,5 kg auf dem Gepäckträger)und Rucksack (11 kg) hinter mir habe. Ich werde oft gefragt, ob das nicht beschwerlich wäre, mit dem Faltrad so zu reisen. Nein, ist es nicht. Mein Sattel ist ein wenig höher als die Lenkstange und vom Rucksack spüre ich wenig. Dafür bin ich windschnittiger als die Radler, die mit großen Rädern und haufenweise Gepäck unterweg sind. Wie schon im Artikel erwähnt: Minimalismus. Man muss halt vorher ein wenig investieren in gute leichte Sachen. Die halten dann aber auch. Auf einer Radtour stellt sich morgens nicht die Frage: was ziehe ich an! Zum Transport habe ich immer eine Nylonhülle dabei, aber im Zug – egal wo – wurde noch nie gemeckert, wenn die Hülle aufdem zusammengeklappten Rad nicht drauf war. Werkstatt-Reparaturen hatte ich bis jetzt noch keine. Dass man als Radreisender einen Reifen bzw. Schlauch wechseln kann, steht außer Frage. Ein bisschen technisches Verständnis und Geschick zu haben, ist von Vorteil. Ich liebe mein Faltrad und die Reisen damit.

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