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Fahrradsattel Odysee – Jagd auf den richtigen Fahrradsattel in Zeiten der Pandemie

Radsattel- und Matratzenkauf haben mehr gemeinsam als man denkt. Obendrein ist der Lockdown ein schlechter Berater. Wie man ohne Probesitzen und Fachberatung einen Sattel findet, der wirklich zu einem passt, liest du hier:

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Dass es Menschen geben soll, die mehr als ein Fahrrad besitzen, konnte die sportliche Grazerin bis vor fünf Jahren gar nicht verstehen. Heute kann die Marketingberaterin nicht mehr ohne Stadtflitzer, Rennrad und Mountainbike sein. Auch für Klatsch & Tratsch mit Freundinnen sitzt es sich mittlerweile besser am Sattel, als auf der Couch.
Foto © Igor Lypnytskyi / Unsplash

„Keine Stunde im Leben, die man im Sattel verbringt, ist verloren“ meinte einst Winston Churchill in Bezug auf das Reiten. Dieses Zitat lässt sich auch auf das Radfahren ummünzen  – vorausgesetzt, man sitzt gut! Wenn der Sattel nicht zu einem passt, können auch schon fünf Minuten am Rad die Hölle sein. Ausgerechnet in der Zeit des österreichischen Lockdowns und mitten in der Pandemie musste auch ich dringend einen neuen Radsattel besorgen. Aufgrund der Schließung des Fahrrad-Fachhandels konnte ich mich bei der Wahl des richtigen Sattels nur auf Forentipps, Online-Bewertungen und auf mich selbst verlassen.

Welcher Sattel ist der richtige? 

Und wie finde ich das ganz allein heraus?

Sattel

Foto © Igor Lypnytskyi / Unsplash

Was im Matratzenstudio das Probeliegen – ist im Radhandel das Probesitzen

Das Sattel-Sortiment ist mittlerweile ähnlich breit wie im Matratzenhandel. In beiden Fällen kann man mit der Wahl mächtig daneben liegen, wenn man das Produkt nicht vor dem Kauf ausprobiert. Was im Matratzenstudio das Probeliegen, ist im Radhandel das Probesitzen. Nicht der breiteste Sattel ist automatisch der bequemste, nicht die tiefste Einbuchtung im Lochsattel bietet die beste Druckentlastung. Der wichtigste Ausgangspunkt, um den optimalen Sattel zu finden heißt es überall ist: Die Vermessung des Sitzknochenabstandes! Aber, bitte was?

DIY Sitzknochenabstand selber messen:

Du brauchst zwei Stück Wellpappe (Din A4), Lineal, Stift, Stuhl mit gerader, fester Fläche und 5 Minuten Zeit:

  • Wellpappe (DIN A4) auf eine ebene Fläche legen – am besten in bequemer Sesselhöhe
  • Vor die Pappe stellen, dann mittig drauf setzen
  • Hohlkreuz machen und die Füße auf die Zehenspitzen stellen – so treten die Sitzknochen stärker hervor und hinterlassen eine deutlichere Spur auf der Pappe
  • Einatmen. Ausatmen. Aufstehen!
  • Vertiefungen auf der Pappe mit einem Stift einkringeln und beim tiefsten Punkt ein X-erl machen
  • Abstand zwischen den X-erln mit einem Lineal ausmessen
  • Vorgang wiederholen und Ergebnisse vergleichen!

Vorurteile adé: Pogröße und Geschlecht

Beim Bestimmen der richtigen „Sattelgröße“ geht es nicht um das Povolumen, sondern um die knöchernen Strukturen, die am Sattel Druck ausüben. Bei zierlichen Personen können die Sitzbeinhöcker weiter auseinanderliegen und somit ein breiterer Sattel notwendig sein. Bei stämmigen Personen wiederum, kann der Sitzknochenabstand sehr gering ausfallen. Selbiges gilt für Mann und Frau: Anatomisch bedingt haben zwar Frauen tendenziell eher einen breiteren Sitzbeinhöckerabstand. Aber die Unterscheidung zwischen Herren- und Damensattel ist deswegen nicht immer relevant – kann aber unter Umständen doch Sinn machen.

Für die Wahl des richtigen Sattels musst du zuerst dich selbst und dann dein Rad ins Visier nehmen:

1/ Sattelbreite: Kenne deinen Sitzknochenabstand!

Falls du deine Sattelgröße nicht kennst, mach zuallererst eine Sitzknochenanalyse.  Das kannst du beim Fachhändler genauso machen wie zuhause mit einer weichen Pappe. In beiden Fällen dauert die Vermessung nur ein paar Minuten und ist Gold wert!

2/ Polsterung: Kenne deine Fahrten!

Die Sattelpolsterung ist bei Stadträdern und „Commuter Bikes“ – also Räder für die Fahrt zur Arbeit –  ein wichtiges Kriterium, da man auf dem Weg zum Einkauf, ins Kaffeehaus oder ins Büro nicht unbedingt eine Radhose mit integriertem Sitzpolster trägt. Alternativ kann man den Sattel auch mit einem Gelbezug ausstatten, um den nötigen Komfort zu erzielen.

3/ Sattelform: Kenne deine Sitzposition!

Sattelform und -breite sind stark abhängig von der Sitzposition am Rad. Es gilt: Je aufrechter der Sitz, desto breiter die Sattelbasis. Am Rennrad ist die Sitzposition beispielsweise stark nach vorne geneigt. Demnach ist der Druck auf die Sitzbeinhöcker nicht so stark – entsprechend schmal kann der Sattel ausfallen. Die Sattelform sollte auf jeden Fall drucksensible Bereiche wie Schambein und Sitzbeinhöcker, aber auch Nerven- und Blutbahnen entlasten.

4/ Die richtige Sattelposition

Die Einstellung des Sattels ist genauso wichtig wie der Sattel selbst. Zur Orientierung kannst du dir merken, dass die Sitzbeinknochenauflage in der Waage sein sollte. Schaut die Sattelspitze zu weit nach unten, neigt man dazu nach vor zu rutschen. Die Hände drücken dann verstärkt gegen den Lenker, um die Position am Sattel zu halten. Diese Sitzposition kann bei längeren Strecken – also bei Fahrten mehr als fünf Kilometer am Stück täglich – zu Verspannungen des Schulter- und Nackenbereichs führen. Ist der Sattel zu weit aufgerichtet, also kuckt die Sattelnase gen Himmel, wird der Druck auf sensible Bereiche des Beckenbodens erhöht.

Was sind “Sattelzonen”?

In den letzten Jahren gibt es vermehrt Sattelmodelle mit verschiedenen Sattelzonen. Was die 7-Zonen-Kaltschaummatratze verspricht, gilt auch für das Zonen-Konzept im Sattelbau: Die unterschiedlichen Sattelzonen bieten je nach Bedarf Unterstützung und Entlastung der beanspruchten Kontaktzonen. Auch den „Memory Foam“ – eine viskoelastische Schicht, die sich der Körperform anpasst – kennt man von Sattel- als auch Matratzenherstellern.

5/ Die richtige Sattelhöhe

Was man immer wieder im Stadtverkehr beobachtet, ist  dass Sättel zu tief eingestellt sind. Wegen der ständigen Stopps und Starts ist das leichtere Aufsteigen für viele komfortabler. Dieser vermeintliche Komfort rächt sich aber durch Knieschmerzen oder auch einen „zwickenden“ Sattel, auf dem mangels Bequemlichkeit hin und her gerutscht und dennoch keine gute Position gefunden wird. Ist der Sattel zu hoch eingestellt, wippt die Hüfte beim Pedalieren von links nach rechts: Absolutes No-Go, diese Sitzposition kann zu Hüftbeschwerden führen.

Im guten Fachhandel ist auch Testen unter Realbedingungen kein Thema. Die Expertinnen und Experten vor Ort können mit minimalen Veränderungen deiner Sitzposition Wunder bewirken. Manchmal muss man auch anerkennen, dass nicht der Sattel das Komfortproblem auf dem Fahrrad lösen wird – sondern das Fahrrad schlichtweg nicht zum eigenen Körperbau passt.

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Foto © Igor Lypnytskyi  / Unsplash

Lockdown-Fehlkäufe: Matratzen und Sättel 

So ging es mir übrigens nicht nur mit meinem Radsattel, sondern auch mit meiner Matratze: Aus einer Notsituation heraus kaufte ich eine Matratze im Lockdown – ganz ohne Probeliegen. Himmlisches Schlafen? Fehlanzeige! Zwei Nächte habe ich durchgehalten, dann war Schluss. Das gute Stück musste umgetauscht werden.

Auch meinen zuerst gekauften Lockdown-Sattel konnte ich zum Glück wieder umtauschen – er passte einfach nicht. Jetzt kenne ich nicht nur meinen Sitzknochenabstand, sondern habe dank der oben stehenden Punkte, auch einen Sattel, der für himmlischen Sitzkomfort und ebensolche Fahrerlebnisse sorgt!

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Dass es Menschen geben soll, die mehr als ein Fahrrad besitzen, konnte die sportliche Grazerin bis vor fünf Jahren gar nicht verstehen. Heute kann die Marketingberaterin nicht mehr ohne Stadtflitzer, Rennrad und Mountainbike sein. Auch für Klatsch & Tratsch mit Freundinnen sitzt es sich mittlerweile besser am Sattel, als auf der Couch.

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