Das urbane Fahrradmagazin

Diese Fahrradkuriere kennen jedes Schlagloch persönlich

Im Ugandas Hauptstadt setzen sich die Fahrradkuriere vom Kampala Cycling Club für eine lebenswertere Stadt ein.

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Fahrradkuriere setzen sich für ein lebenswerteres Kampala ein

Der Verkehr auf der Entebbe Road in Kampala, Uganda, ist von einer rauen und rhythmischen Poesie. So lässt er sich im Fließband-Verkehr auf deutschen Straßen nicht finden. Die rote Erde Afrikas zeigt in der Hauptstadt dieses ostafrikanischen Landes ein selbstbewusstes Gesicht. An vielen Stellen gibt sie Minibusse, Motorradtaxis und Fußgängern sicheren Halt in warmem ziegelrot. Für Richard Kitaka und Henry Nkaluba sind all diese geteerten und erdigen Straßen zur Heimat geworden. Als Fahrradkuriere sind sie täglich im Auftrag des Kampala Cycling Club unterwegs. Sie mögen ihre Stadt und erklären: “Abgesehen vom guten Wetter sind es die Menschen, die diese Stadt liebenswert machen. Die Leute hier sind meist sehr tolerant und entspannt“.

Kampala Straße Lastenrad Fahrradkurier

Die rote Erde Afrikas zeigt in der Hauptstadt dieses ostafrikanischen Landes ein selbstbewusstes Gesicht.

Bevor die Sonne im Zenit steht und zeigt, was in ihr steckt, beginnt der Arbeitstag der Kuriere. Nahe den Kasubi Tombs, den alten Grabstätten der ugandischen Könige, liegt die Zentrale ihres Fahrradklubs. Hinter Sonnenschirmen, einem öffentlichen Brunnen und Verkaufsständen besprechen sich die Fahrer. Im Dämmerlicht des einstöckigen Gebäudes lagern dicht gedrängt Dutzende von Rädern. Sehr knapp unterhalb der Decke hängen Fotos internationaler Radfahrer. Und zwei Feldbetten gibt es in der Werkstatt auch noch.

Kampala Fahrradklub

An der Masiro Road liegt der Ausgangspunkt: Von hier aus treten die Kuriere in die Pedale.

Seit 2006 ist hier an der Masiro Road der Ausgangspunkt aller Aktivitäten des Klubs. Hier trifft man sich zum täglichen Training. Hier werden Räder an Touristen verliehen. Und die Kuriere treten von hier aus in die Pedale. Noch hat die Sonne den Asphalt nicht in Falten gelegt. Und doch sind die beiden Fahrer nass bis auf die Haut, als sie von den Sicherheitskräften vor der Botschaft abgetastet werden, bei der sie heute ihre Sendung abholen. Beide Seiten kennen sich. Beide Seiten sind die Prozedur und den Schweiß gewohnt. Alles kein Problem.

An der Ecke kaufen sich die beiden Jungs eine kleine Tüte Wasser. Sie ähnelt einem Transportbehälter für Zierfische, nur dass Guppys oder Goldfische fehlen. Wasser in Flaschen ist teuer. Ein halber Liter kostet 1000 ugandische Schillinge, das sind etwa 30 europäische Cent.

Verkehr Kampala Fahrradkurier

Ein Blick in den Verkehr und es geht los.

Die Unterlagen werden in den Packtaschen verstaut. Der Helmverschluss schnappt ein. Ein Blick in den Verkehr und es geht los. Die Stadt ist zu groß, um jeden Winkel zu kennen. „Wir fragen häufig die Boda Boda Fahrer“, erklärt Richard, „denn sofern sie einen festen Standort haben, kennen sie sich im Viertel meist bestens aus.“ Mit den Fahrern der legendären Motorradtaxis verbindet Richard und Henry ein unerschütterlicher Mut. Nach ein paar Jahren auf dem Sattel kennen die Fahrer jedes Schlagloch persönlich. Zumindest sollten sie das. Denn bei allem Charme des Unperfekten kann der nicht über die Gefahren der Straße hinwegtäuschen. Da ist der Helm mehr als die Versicherung für eine stabile Frisur.

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Bis zu zehn Stunden sitzen die Fahrradkuriere manchmal im Sattel.

Richard und Henry sitzen oft bis zu zehn Stunden im Sattel. Dabei ist das Abliefern einer Botschaftssendung in einer klimatisierten Mall im Innenstadtbereich der leichte Teil der Arbeit. Kampala ist für seine Bewohner die Stadt die sieben Hügel. Das sagten die Bewohner bereits lange vor der Kolonialzeit. Hier sind Steigungen von über zehn Prozent keine Seltenheit. „Und bei Temperaturen über dreißig Grad ist es auch für uns Einheimische richtig heiß“, sagt Richard. Sein T-Shirt ist klitschnass. Er wechselt es kurz, um sich dann seinem Mittagessen zuzuwenden. Es gibt Cassava mit Bohnen. Der Lieferservice hat hier im Stadtteil Lubya keine vier Räder. Er trägt Flip Flops und holt irgendwann den gelben Plastikteller mit allem ab, was vom Eintopfgericht noch übrig ist. Ein Service, der ökologischer daherkommt als Aluminiumverpackung und Plastiktüten.

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Mit seinem Bullitt-Lastenrad windet Richard sich durch den Verkehr und ist dabei ganz bei sich.

Die Pause tut Richard gut. Über einhundert Kilometer ist jeder Kurier täglich unterwegs. Da ist eine Unterbrechung eine Notwendigkeit, um neue Kraft zu schöpfen und die Konzentration aufrecht zu erhalten. Ein Stammkunde der Kuriere ist die niederländische Botschaft. Die Fahrer sind nicht nur zuverlässig, sondern auch schnell. Mit seinem Bullitt-Lastenrad windet Richard sich durch den Verkehr und ist dabei ganz bei sich: “Das hier ist es, was ich bin. Ich weiß, ich bin anders. Aber ich tue genau das, was ich will“.

Glücklich kann sich schätzen, wer das von sich sagen kann.

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In Kampala wird das Fahrrad überall hin mitgenommen.

In Kampala auf dem Rad unterwegs zu sein, ist alles andere als eine Partie Schach zu spielen. Bei aller Leichtigkeit, die die Stadt ausstrahlt beschreibt Amanda Ngabirano den Pulsschlag der Stadt in erster Linie als rau und riskant. Die Dozentin für Raumplanung und Stadtentwicklung an der Makerere Universität in Kampala weiß, wovon sie spricht. Seit 2011 kämpft sie für eine Verbesserung der Infrastruktur für Radfahrer in ihrer Heimatstadt. Ihre Inspiration für urbane Radfahrkultur kommt aus den Niederlanden. Dort studierte und lebte sie mehr als ein Jahr lang, lernte Rad fahren und wurde zu einer glühenden Verfechterin eines Paradigmenwechsels städtischer Mobilität. „Ich will zeigen, dass der Umstieg auf das Rad auch in Uganda möglich ist“, sagt Amanda. Doch noch hat das Radfahren in der Stadt am Viktoriasee ein schwaches Image. Wer etwas auf sich hält und es sich leisten kann, bewegt sich lieber auf vier Rädern.

Amanda fährt täglich mit dem Rad zur Arbeit. Sie will ein Beispiel geben und Vorurteile widerlegen. „Du kannst klug sein und dein Lieblingskleid auf dem Rad tragen“, erklärt sie, „Wenn Leute sagen, dass das nicht geht, müssen sie nur mich ansehen, um eines besseren belehrt zu werden“. Dennoch weiß die Expertin für Mobilität, dass ihr Vorhaben einen langen Atem voraussetzt. Doch Rad zu fahren ist nicht eine vom Schicksal verordnete Fortbewegungsart für sozial Abgehängte. Das zeigen die Mitglieder des Kampala Cycling Club deutlich. Sie sind zuallererst entschlossen, wagemutig und selbstbewusst unterwegs. Auch wenn sie im Kuriergeschäft noch nicht das große Geld machen. Immer wieder stehen sie zwischen Obst und Gemüseständen, Minibussen und Bügersteighändlern. „Oft warten wir hier am Nakasero Markt auf Kunden. Es ist schon frustrierend, wenn das Geschäft nicht läuft“, kommentiert Richard die Lage.

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Es ist schon frustrierend, wenn das Geschäft nicht läuft.

Doch dann geht doch noch was. Henrys Handy klingelt. Ein Kunde ruft an und erteilt einen Auftrag. Schnelligkeit ist dann das Eine. „Viel wichtiger aber ist höchste Wachsamkeit“, erklärt der Zweiundzwanzigjährige, „eine falsche Bewegung kann dich im Verkehr das Leben kosten“. Auf dem Weg zum Einkaufszentrum in der Yusuf Lule Road wischen die beiden vorbei am Außenspiegel eines Landrovers. Dann passt ein eiliger Fußgänger nicht auf. Am Ende des vier Kilometer langen Weges wären die beiden Kuriere zwei Mal beinahe überfahren worden. „Das passiert mir ständig“, erklärt Henry augenzwinkernd, „solange ich nicht verletzt werde, reg‘ ich mich schon gar nicht mehr auf“. Der Job als Fahrradkurier bedeutet Zentimeterarbeit. Eine Mischung aus Leidenschaft und trotzigem Standhalten.

Diese Haltung legt auch Marion Ayebale an den Tag. Die achtundzwanzigjährige Erzieherin ist die einzige Frau im Klub. Das bedeutet nicht, dass sie langsamer fährt. Auf dem Rad ist Marion die schnellste Frau in Uganda. Schnell genug um als ‚Marianne Voss aus Uganda‘ bezeichnet zu werden. Die neunundzwanzigjährige Niederländerin ist zweifache Olympiasiegerin und zwölffache Weltmeisterin auf dem Rennrad. „Meine Eltern waren erst dagegen“, erzählt Marion, „in Uganda ist das eine kulturelle Sache, dass Frauen sich eigentlich nicht aufs Fahrrad setzen“. Sie hat es trotzdem getan und trainiert seither mit dem Team von Kampala Cycling. Marion versteht sich als Wegbereiter für andere Frauen, ebenfalls ihren eigenen Weg zu gehen. Amanda Ngabirano, die Fahrrad-Enthusiastin der Makerere Universität, hat sie auf ihrer Seite.

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Gemeinsam arbeitet das Team vom Kampala Cycling Club daran, Radfahren sicherer und attraktiver zu machen.

Amanda kämpft dafür, dass Frauen sicher mit dem Rad in der Stadt unterwegs sein können. Das sei gut für die Umwelt, den Menschen und das Lebensgefühl sowieso. Bis dahin ist es noch ein weiter Weg. Insbesondere an der Infrastruktur muss noch gearbeitet werden. Fahrradwege in guter Qualität werden dringend benötigt. So wird Radfahren sicherer und damit attraktiver. Diesen Weg kann Amanda nicht alleine gehen. Dem Team von Kampala Cycling ist sie deshalb dankbar und erklärt: „Wir brauchen Menschen mit Durchhaltevermögen und Mut“. Dass Marion, Henry und Richard das Zeug dazu haben, beweisen sie auf den Straßen Kampalas. Mit jedem Schlagloch aufs Neue.

Text: Tom Laenger
Foto © Nils Laenger

Über Tom und Nils Laenger

Im Herbst 2016 waren Nils Laengner (Fotograf) und Tom Laengner (Journalist/Künstler) in Uganda und in der Demokratischen Republik Kongo. Als Vater und Sohn arbeiten sie journalistisch seit 2012 immer wieder zusammen. Angefangen mit einem Portrait über Straßenmusiker aus Kinshasa, Kongo. Weil Menschen ziemlich großartig sein können, erleben Nils und Tom respektvolle Begegnungen als ein großes Glück.

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