Das urbane Fahrradmagazin

Graz und Forlì als Beispiele unterschiedlicher Fahrradkulturen

Geliebter Alltag am Hauptwohnsitz. Die ideale Entdeckung eines neuen Lebensmittelpunkts. Ein praktischer Reisebegleiter. Oder einfach ein Weg, um eine fremde Stadt in kurzer Zeit mit Leib und Seele kennenzulernen. Mit der Veränderung unserer urbanen Umgebung verändern sich auch unsere Gewohnheiten. Unsere Routen, Ziele und Perspektiven. Jede Stadt bietet unterschiedliche Fahrradkulturen. Eigene Möglichkeiten, aber auch noch unbekannte Herausforderungen. Im Städtevergleich kann man nicht nur seinen persönlichen Radfahr-Horizont erweitern, sondern auch anregende Beispiele und konstruktiven Input für stadtplanerische Verbesserungen finden.

Foto_Edith_square
Geboren und aufgewachsen in der Steiermark, wohnhaft in Graz und als Konferenzdolmetsch-Studentin zwischen Sprachen, Texten und Worten zuhause. In Studium und Beruf bin ich sprachliche Bastlerin aus Leidenschaft. In meiner Freizeit bin ich liebend gerne auf Reisen und baue meinen sprachlichen Werkzeugkasten aus.
Foto: Public Domain

Eine radfahrende Weltenbummlerin beschreibt ihre Erfahrungen im Städtevergleich

Die Erfahrungen einer radfahrenden Reisenden zeigen, warum sich das Bike als Weggefährte immer auszahlt und was man dabei von anderen Städten lernen kann. Evelyn (24) lebt in Graz und ist dort tagtäglich mit dem Rad unterwegs – eine bewusste Entscheidung. Für sie ist es „zweifelsohne das beste Verkehrsmittel in der Stadt“ und transportiert auch ein wunderbares Gemeinschaftsgefühl. Neben der Umweltfreundlichkeit und der Kosteneffizienz spielen hierbei auch Evelyns persönliche Vorlieben eine große Rolle: Sie fühlt sich als Radfahrerin in Graz wohl, mit „gut ausgebauten Radwegen und vielen Gleichgesinnten“. Zudem bietet die Grazer Radlandschaft auch ein reiches Repertoire an Veranstaltungen und Events. Diese laden zur Teilnahme ein. Um sich noch mehr als Teil der Bike-Community zu fühlen. Aber auch, um aktiv an der Gestaltung des städtischen Lebensraumes mitzuwirken.

Im Monat Mai dreht sich so einiges an städtischem Leben um das Bike. Ob im Kampf um die Lorbeeren bei den wetterunabhängigen Indoor-Parcours des Altbaukriteriums oder in Form der bewegten und bildenden Unterhaltung im Rahmen des Short Film Night Rides mit Start in der Postgarage (hier werden an mehreren nächtlichen Zwischenstopps je 2-3 Kurzfilme zum Thema Rad gezeigt), die Grazer Fahrradkultur beinhaltet für jeden etwas. Im Rahmen der Critical Mass, die jeden letzten Freitag im Monat ausgehend vom Südtirolerplatz zu einer Rundfahrt durch Graz einlädt, können die Radfahrer außerdem ihre Stimme erheben. Als Protest und zur Sensibilisierung der übrigen Verkehrsteilnehmer, um die Radfahrer aus dem Schatten zu holen und sichtbar zu machen. Und im Andenken an jene Radfahrer, die im Straßenverkehr ums Leben gekommen sind. Dies ist nur ein kleiner Ausschnitt aus einer Bandbreite an Möglichkeiten und Angeboten, welche die Grazer Fahrradszene zur Verfügung stellt.

Aber Evelyn erkennt in der Stadt Graz mitunter auch großes Verbesserungspotenzial. Verglichen mit den anderen Städten hat sie in Graz mitunter nicht ganz so positive Radfahr-Erlebnisse gesammelt. Und zwar dort, wo es noch keinen Radweg gibt, wie etwa in der Merangasse und der Riesstraße. „Die Menschen in Autos halten zu wenig Abstand, und man hat das Gefühl, im Verkehr regelrecht unterlegen zu sein. Ich freue mich, wenn ich (als Mensch) im Verkehr gleichberechtigt wahrgenommen werde. Die Straße ist ja schließlich für alle Verkehrsteilnehmende da“

Fahrradkulturen Graz Fahrradkurier

Foto © Bike Citizens

Unterschiedliche Fahrradkulturen

Als es Evelyn schließlich für einen längeren Zeitraum in das italienische Städtchen Forlì verschlug, lernte sie eine gänzlich andere Fahrradkultur kennen. Dort fühlte sich auf ihrem Bike anfangs beinahe wie eine Exotin inmitten vieler „radloser“ Verkehrsteilnehmer. Sie beschreibt auch, dass es dort auch erheblich weniger Fahrrad-Abstellmöglichkeiten gab. Praktische Anwendungen wie etwa „diese türkisen Eisenstangen in Graz“ fehlten. Zunächst eine drastische Umstellung. „Wenn ich in Forlì kein Fahrrad gehabt hätte, dann wäre ich alles zu Fuß gegangen, aber dabei nicht sehr aufgefallen, weil das die meisten machen und es nicht viele Menschen auf Rädern gibt.“ Doch bald schon entdeckte Evelyn das dortige Radfahren als eine rundum schöne Betätigung, die beinahe an eine Zeitreise in die Vergangenheit erinnerte. Eine Cycling-Szene geprägt von uralten Fahrrädern, die nach wie vor tadellos gepflegt in Verwendung sind. Eine verschlafene Altstadt mit vielen Fußgängern und beruhigtem Verkehr, die man in angenehm entspanntem Radel-Tempo erkunden kann. Ein gutes Klima zwischen allen Menschen im Verkehr. Und nicht zuletzt „das Über-das-Kopfsteinpflaster-Rattern“, was anfangs zwar ein bisschen ungewohnt ist, den Relax-Rhythmus aber ideal ergänzt. Trotzdem blieb für Evelyn ein Wunsch offen, nämlich dass „die Menschen in der Stadt einmal über das Radfahren als Alternative zum Zu-Fuß-Gehen nachdenken!“

Die Fahrradkultur in Forlì ist also großteils noch sehr versteckt und teilweise sogar unsichtbar – ein Punkt, in dem Graz als positives Beispiel und als Vorbild dienen könnte. Graz hingegen könnte sich vielleicht eine Scheibe abschneiden, was die Ruhe, Gemütlichkeit und Gelassenheit im Verkehrsbetrieb angeht. Auf jeden Fall könnten beide Städte in einem Austausch untereinander profitieren. Aufgrund dieser positiven und spannenden Erkenntnis hat Evelyn fest vor, auch in Zukunft auf dem Rad durch die Welt zu reisen und neue Städte kennen zu lernen. Ihre nächsten geplanten Destinationen liegen in Österreich: Wien und Linz, zwei urbane Räume, die sicherlich interessante Radfahrer-Perspektiven liefern können.

Foto © Bike Citizens & wikipedia

Entdecke die Welt von Bike Citizens > www.bikecitizens.net

Foto_Edith_square
Geboren und aufgewachsen in der Steiermark, wohnhaft in Graz und als Konferenzdolmetsch-Studentin zwischen Sprachen, Texten und Worten zuhause. In Studium und Beruf bin ich sprachliche Bastlerin aus Leidenschaft. In meiner Freizeit bin ich liebend gerne auf Reisen und baue meinen sprachlichen Werkzeugkasten aus.

Kommentar schreiben

Interessiert dich das Magazin?
Jetzt schmökern