Das urbane Fahrradmagazin

Frühlingscheck ist Fahrersache – Zehn Schritte zum sicheren Saisonstart für Radneulinge und Wartungsmuffel

Du vertraust beim ersten Frühlingscheck nur deiner Fachwerkstatt? Super! Aber diese 10 Punkte-Liste ist garantiert schneller abgearbeitet, als du für den Weg zur Werkstatt überhaupt benötigst – auch wenn du dein Rad noch nie selbst gewartet hast. Wetten?

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Dass es Menschen geben soll, die mehr als ein Fahrrad besitzen, konnte die sportliche Grazerin bis vor fünf Jahren gar nicht verstehen. Heute kann die Marketingberaterin nicht mehr ohne Stadtflitzer, Rennrad und Mountainbike sein. Auch für Klatsch & Tratsch mit Freundinnen sitzt es sich mittlerweile besser am Sattel, als auf der Couch.
Foto © Omar Pina / Unsplash

Regelmäßige Wartungen und Funktionschecks am Fahrrad sind grundsätzlich empfehlenswert – besonders nach dem Winter oder wenn das Rad lange nicht gefahren wurde. Nur wie viele andere Radfahrende, bin auch ich ziemlich nachlässig was eigenständige Überprüfungen am Fahrrad angeht. Ich besitze drei Fahrräder und lege fast alle Strecken auf dem Rad zurück. Dennoch hab ich noch keines meiner Räder jemals selbst auf Frühlingsfitness geprüft.

Grundsätzlich reagiere ich nämlich immer erst dann, wenn das Rad Besorgnis erregende Geräusche von sich gibt.

Dabei geht es nach dem Fahrrad-Winterschlaf erstmal um einen einfachen Check mit den eigenen Augen, Ohren und Händen. Sollte tatsächlich eine Reparatur notwendig sein, dann hat man mit dem Check den Serviceumfang in der Werkstatt bereits eingegrenzt!

Mach’ mit und arbeite mit mir die 10 Punkte Fahrrad-Checklist ab bevor die ersten Frühlingsblumen sprießen! Los geht’s:

Fahrradcheck

Foto © Takehiro Tomiyama / unsplash

1. Reinigung

Ich reinige meine Räder immer nach Bedarf. Meine Schmerzgrenze liegt dabei ziemlich hoch. Wenn ich mein Stadtrad nach dem Winter aus dem Keller hole, verspüre ich dennoch große Lust alles blitzeblank zu polieren. Zum einen um Spinnweben und Kellerstaub loszuwerden; zum anderen auch um etwaige Mängel besser zu erkennen.

Natürlich gibt es spezielle Reinigungssets – ein einfaches, flusenfreies Tuch, Wasser und ein mildes Spülmittel tun es ebenso! Auch wenn die Versuchung groß ist: Bitte keinen Hochdruckreiniger verwenden: Gefettete Lager und feine Teile verlangen nach höchster Sensibilität!

2. Reifen

Wenn das Rad länger steht, solltest du den Reifendruck vor Abfahrt prüfen und gegebenenfalls nachpumpen. Minimal- und Maximaldruck findest du an der Reifenflanke. Warum das gut ist? Ein Reifen mit korrektem Luftdruck tritt sich viel leichter und minimiert das Risiko für einen Platten. Das kann deswegen ruhig öfter machen!

Wichtig: Den Mantel gleich mitprüfen. Wenn dein Rad im Freien überwinterte, können sich brüchige Stellen am Mantel zeigen. Auch Profil und Lauffläche prüfen. Sind Pannenschutzeinlage oder sogar einige Karkassenfäden sichtbar, ist es höchste Zeit für einen Reifenwechsel. Dafür besuche ich lieber Fachleute in der Werkstatt. Hilfreich sind auch Youtube-Tutorials, die das Reparieren eines Plattes ganz einfach in 10 Minuten erklären.

Winter Fahrrad

Beim Reifencheck unbedingt den Mantel mitprüfen. Wenn dein Rad im Freien überwinterte, können sich brüchige Stellen zeigen – das erhöhrt das Risiko eines Platten! Foto © Archit Dharod

3. Laufräder

Prüfe, ob die Räder gleichmäßig laufen. Wie? Hebe das Rad nacheinander vorne und hinten an und drehe am Reifen. Wenn die Felge mit dem Laufrad rund läuft ist alles wunderbar. Sollte das Laufrad hingegen „eiern“, dann gehört das Rad nachjustiert. Auch hier gilt: Wenn du das schon gemacht hast und das Werkzeug dafür zu Hause hast, dann kannst du selbst Hand anlegen. Ansonsten ab in die Werkstatt!

4. Speichen

Sind alle Speichen unbeschädigt? Wenn ja, unbedingt auch noch die Speichenspannung prüfen. Dazu zwei sich kreuzende Speichen mit Daumen und Zeigefinger greifen (ein bisschen Abstand vom Speichenkreuz halten) und leicht zusammendrücken. Der Kreuzungspunkt darf sich maximal 10 mm verschieben. Wenn du das Gefühl hast, dass die Speichen mehr Spiel haben, dann müssen sie nachgespannt werden. Unbedingt alle und nicht nur einzelne Speichen prüfen. Mit einem Speichenspanner-Tool kannst du nun selbst nachspannen.

5. Bewegliche Teile

Die Lager, also Steuersatz, Radnaben, Sattelstütze, Tretlager prüfen und bei Bedarf einfetten. Du erkennst es selbst wenn die Lager Pflege brauchen: Beweg die Teile und beobachte, ob du beim Drehen eine gewisse Schwergängigkeit oder Geräusche wahrnimmst. Für das Einfetten ein geeignetes Lagerfett verwenden. Arbeite hier unbedingt genau und sauber – das Fett darf nirgendwo sonst hingelangen!

6. Schraubverbindungen

Alle Schraubverbindungen kann man einfach selbst checken und gegebenenfalls nachziehen. Ich habe mich von vorne nach hinten durchgearbeitet und zum allerersten Mal ein paar lockere Schrauben festgezogen: Vorbau, Lenker, Sattel, Pedale, geschraubte Griffe – überall war ein bisschen Spiel – mit einem Schraubenzieher oder Inbusschlüssel war das im Nu eliminiert und man selbst fühlt sich einfach prächtig danach!

7. Bremsanlage

Hier empfehle ich Laien eine Sichtprüfung und einen kleinen Test. Schiebe das Rad und betätige spontan die Bremse: Ziehen und/oder  blockieren diese? Es kann sein, dass die Bremsen nach dem Winter nachgestellt werden müssen oder die Bremsbeläge zu tauschen sind. Auch darauf achten, ob sich die Bremshebel leicht bewegen lassen oder möglicherweise die Bremszüge gefettet werden müssen. Versierte Schrauberinnen und Schrauber helfen sich selbst. Für mich geht es in die Werkstatt, wenn ich bei der Überprüfung merke, dass die Bremsen nicht so funktionieren wie sie sollten. Bei hydraulischen Scheibenbremsen sollten sich Ungeübte auf einen Bremsbelags-Check (Mindeststärke ca. 1 mm) beschränken. Alles andere ist Arbeitsbereich von Fachleuten.

8. Beleuchtung

Eine defekte Beleuchtung am Fahrrad ist nicht nur gefährlich, sondern auch strafbar. Ich habe zuallererst überprüft, ob alle Rückstrahler (noch) vorhanden sind: Nach vorne weiß, nach hinten rot, an den Pedalen gelb. Auch die Speichenreflektoren sind vorhanden und funktionsfähig. Check! Vorder- und Rücklicht funktionieren einwandfrei und blenden niemanden. Wie man das Radlicht richtig einstellt (und was man sonst noch alles beachten muss) liest du hier im Urban Independence Magazin.

Tipp: Die Lichter ruhig von Zeit zu Zeit mal abwischen, damit sie wieder ungetrübt leuchten.

Kette

Was du auf jeden Fall machen solltest? Kette und Ritzel deines Rades gründlich reinigen und ölen! Foto © Wayne Bishop / Unsplas

9. Antrieb

Die Kette sollte ebenfalls regelmäßig überprüft werden. Eine verschlissene Kette kann Kassette und Kettenblätter in Mitleidenschaft ziehen. Ich mache das im Rahmen meines Frühlingchecks zum ersten Mal. Dafür habe ich mir eine Kettenmesslehre besorgt, diese auf die Kette aufgelegt und festgestellt, dass hier noch alles im Lot ist. Das handliche Metallwerkzeug wird mit der Vertiefung auf die gespannte Kette aufgelegt und die Eintauchtiefe gemessen. Je weiter die Kette gelängt ist, desto verschlissener ist sie. Verwende – je nachdem ob es sich um ein Stahl- oder Aluminiumritzel handelt – das entsprechende Tool oder die richtige Seite des Werkzeugs. Die Grenzwerte sind meist direkt am Messgerät angeführt. Mein Stadtrad ist zwar bei jedem Wetter, aber meist auf Asphalt unterwegs. Wenn dein Rad häufig Dreck, Salz oder Feuchtigkeit ausgesetzt ist – also ein „Allwetterrad“ ist, dann nutzt dein Antrieb schneller ab.

Was du auf jeden Fall selber machen kannst ist das Schmieren der Fahrradkette. Zuerst mit altem Putztuch, Kettenreiniger und einer kleinen Bürste säubern. Ein geeignetes Kettenöl oder Ketten-Fluid aus dem Fachhandel besorgen und die saubere Kette leicht zwischen den kleinen Gelenken einfetten. Dazu die Schaltung auf das mittlere Kettenblatt und mittlere Ritzel stellen, damit die Kette möglichst gerade läuft. Mit der Hand die Pedale rückwärts (im Freilauf) drehen und dabei das Kettenöl sparsam zwischen den Gelenken (nur auf der Innenseite der Kette!) aufbringen. Die Pedale noch ein paar Umdrehungen rückwärts durchlaufen lassen. Solltest du zu viel Öl erwischt haben, einfach mit einem trockenen Tuch nachwischen. Arbeite sauber und genau, denn das Öl darf auf keinen Fall auf die Bremsen, Felgen oder gar Bremsscheiben gelangen. Wenn alles erledigt ist, kannst du eine Runde am Rad drehen und alle Gänge auf- und runterschalten damit sich das Kettenöl gleichmäßig auf den Zahnkränzen verteilt.

10. Schaltung

Bei der Schaltung ist eine Sichtprüfung auf jeden Fall ratsam. Dazu schaut man am besten von hinten auf das Schaltwerk. Die beiden Führungselemente der Schaltung sollten genau untereinander liegen. Du kannst auch prüfen, ob Schaltwerk oder Ritzel sichtbar beschädigt oder verbogen sind. Sollte dir also bereits beim Schauen etwas auffallen und du die Schaltung noch nie zuvor selbst repariert haben, dann ab in die Werkstatt. Solltest du beim Fahren das Gefühl haben, dass die Kettenschaltung zu viel Bewegungsspielraum hat oder dir die Kette immer wieder abspringen, dann kannst du in einer Notmaßnahme an den Begrenzungsschrauben hantieren. Bitte nur, wenn du das bereits gemacht hast! Beim Lösen der Schraube erweitert sich die Bewegung, beim Festziehen wird der Spielraum eingeschränkt.

Melanie_Almer_01
Dass es Menschen geben soll, die mehr als ein Fahrrad besitzen, konnte die sportliche Grazerin bis vor fünf Jahren gar nicht verstehen. Heute kann die Marketingberaterin nicht mehr ohne Stadtflitzer, Rennrad und Mountainbike sein. Auch für Klatsch & Tratsch mit Freundinnen sitzt es sich mittlerweile besser am Sattel, als auf der Couch.

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