Das urbane Fahrradmagazin

Ein typischer Tag für einen Fahrradkurier

Wenn ich eines gelernt habe in meiner jahrelangen Fahrradkurier'karriere', dann das: „Nach der ersten Stunde geht’s mir eh wieder gut.“ Radeln reinigt Körper und Geist, und das ist auch gut so.

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Get Up, Stand Up

„Warum macht dieses Äffchen plötzlich so seltsame Geräusche, und so laute und unausstehlich nervige dazu? Gerade haben wir uns doch noch ganz normal unterhalten.“ Solche Gedanken gehen mir durch den schlaftrunkenen Kopf, wenn sich die Wirklichkeit langsam gegen die Traumwelt durchsetzt und mich für einen neuen Tag wecken will.

Der gestrige Feierabend steckt mir noch ein bisschen in den Knochen, und den Adern und dem Magen. Zum Glück gibt’s die geliebte Snooze-Taste, die das Unausweichliche noch für ein paar Minuten hinauszögern kann, das taumelnde Aufstehen und das anschließende etwas gezwungene aber überlebenswichtige Frühstücken.

Wenn ich eines gelernt habe in meiner jahrelangen Fahrradkurier’karriere’, dann das: „Nach der ersten Stunde geht’s mir eh wieder gut.“ Radeln reinigt Körper und Geist, und das ist auch gut so. Andernfalls wäre der Job mit dem einhergehenden Lifestyle, dem alltäglichen Stress-, Anstrengungs- und Konzentrationspensum wohl nicht durchzustehen.

Nach der morgendlichen Wasch- und Putzprozedur und dem obligatorischen Reifencheck werf ich mich dann in Schale – Radlhose, Trikot, Radlschuhe und Helm stellen dafür das Grundgerüst, der Rest muss wetterkonform ausgewählt und integriert werden.

Fahrradkurier

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Into the Flow

Und dann geht’s los, zumindest offiziell. Es kann schon mal vorkommen, dass es die Auftragslage erlaubt, noch ein paar Minuten daheim zu warten, nochmal in sich zu kehren – um dann brutal vom Disponenten aus dem Halbschlaf gerissen zu werden. Aber spätestens dann taucht man wieder ein, in das Gewirr, das Chaos, die Wildnis des (Groß)Stadtverkehrs.

Tasche geschultert, Schloss verstaut, Helm aufgesetzt, und ab geht die Post – nein, Postbote werde ich nicht gern genannt. Die erste Abholung bringt mich gleich mal mitten ins Stadtzentrum, gemütlich soll ich tun hieß es, es könnte ja auf meinem Weg noch was dazu kommen, und solange der Auftrag nicht als ‘dringend’ bestellt wurde (in der Fachsprache Express, VIP, Rush oder dergleichen genannt) gibt es keinen Grund, sich schon gleich am Anfang des Tages auszupowern.

Also schwimme ich unauffällig im Morgenverkehr Richtung Zentrum mit, genieße die ersten Sonnenstrahlen und merke dabei, wie mein Kopf vom Müdigkeits- und Katermodus auf Konzentration, Fokussierung und Aufmerksamkeit schaltet.

Überall und jederzeit lauern Hindernisse: der müde Beamte, der blind die Straße quert, die gestresste Studentin, die panisch zur Bim-Station sprintet oder der genervte Pendler, der wie immer schon zu spät ist und die Lücke im Stau nutzen will. All diese Faktoren kann man nur durch vorausschauendes Fahren, Weitsichtigkeit und Antizipation erkennen und kontrollierbar machen, und die Extraportion Erfahrung sorgt dafür, dass man solche Situationen sogar zu eleganten und nahezu anmutigen Fahrmanövern verwandeln kann. Es macht richtig Spaß, Situationen zu lesen, sich darauf vorzubereiten, zu wissen, dass der Autofahrer vor einem gleich ohne zu blinken abbiegen wird, und dann im richtigen Moment genau richtig zu reagieren.

Und da ist es schon soweit. Das Handy klingelt noch vor der Abholung, ich bekomme noch zwei andere Aufträge – zwei weitere Abholungen in der Innenstadt, wovon einer eigentlich gar nicht in meine Route passt, aber naja, der Disponent wird schon wissen, was er tut. Also geb ich ein bisschen Gas, und kurz vor der dritten Abholung klingelt es wieder:

„Du, wo bistn schon?“

„Hab gleich alles drin.“

„Na perfekt, dann ruf bitte den Jo an und mach dir nen Treffpunkt mit ihm aus, der übernimmt den Pullermann (fiktiver Kundenname) von dir.“

„Passt, mach ich. Hab gehofft, dass ich den los werd.“

„Na klar, ich weiß schon was ich tu.“

Ja, es ist schön, in einem eingespielten Team zu arbeiten, das mehrheitlich aus guten und besten Freunden besteht. Man weiß, dass man sich aufeinander verlassen kann. Und wenn doch mal was schief läuft, sind alle füreinander da und helfen sich gegenseitig aus. Es ist ein großes Miteinander, das sich über eine gemeinsame Identifikation, über geteilte Lebensweisen und die Liebe zum Fahrradfahren definiert.

Nach der Übergabe und kurzem Tratsch mit Jo mach ich mich auf, um meine beiden Aufträge auszuliefern und schlängle mich flüssig stadtauswärts durch den stockenden Innenstadtverkehr.

Wieder klingelt das Handy.

Nach einem 20-sekündigen Monolog des Disponenten bin ich um einen Auftrag und eine Herausforderung reicher – ein Stammkunde will etwas vom Stadtrand abgeholt und innerhalb von einer halben Stunde zugestellt bekommen.

„Ok, in 10 Minuten bin ich draußen und habs abgeholt, dann beim reinfahren die beiden anderen Sachen raushauen, und dann hab ich noch ein paar Minuten, um den Express abzugeben“ überschlägt es sich in meinem Kopf, während ich in voller Beschleunigung versuche, den Windschatten des Kleintransporters zwei Autos vor mir zu erwischen.

Nach der Abholung am Stadtrand schaue ich luftschnappend auf die Uhr – noch 22 Minuten, das geht sich aus!

Also weiter zur ersten Abgabe in die Mozartgasse Nummer… Mist, Hausnummer vergessen, naja, ich fahr mal Richtung Mozartgasse und schau auf dem Weg irgendwann aufs Packerl.

Kurze Aufmerksamkeitsfrage für die LeserInnen: Wie viele Pakete habe ich gerade in der Tasche?

Kundennamen, Straßennamen, Hausnummern, Preis des Auftrags – es gibt viele Informationen, die allein ein einzelner Auftrag mit sich bringt, und die einen anfangs völlig erschlagen. Mit der Zeit braucht man den Notizblock aber immer seltener, man lernt sehr schnell. Auch der Stadtplan wird langsam, aber sicher, zum stummen Begleiter, den man nur noch für entlegene Privatadressen braucht. Vor allem bei Stammkunden ist irgendwann nur noch der Name nötig, unter dem alle weiteren Informationen automatisch abgespeichert sind.

Alles abgegeben, nach 28 Minuten melde ich mich keuchend beim Disponenten frei, der natürlich nichts besseres zu tun hat, als mir gleich den nächsten Auftrag durchzugeben. Als Belohnung für den Mörder-Express beschreibt er ihn, und tatsächlich – gleich um die Ecke soll etwas abgeholt und erst irgendwann nachmittags zugestellt werden. Ich soll das Packerl mal abholen, und dann gemütlich in die Zentrale kommen und es vorerst mal dort lagern. Gesagt – getan. Auf dem Weg hab ich sogar noch Zeit, mir etwas zu trinken zu kaufen – für den Disponenten gibt’s Kaffee und Klopapier. „Wird dringend benötigt.“

Nach einer kurzen Entspannungspause in der Zentrale weiß ich schon, was als nächstes auf mich zukommt. Jeden Tag um die gleiche Uhrzeit gibt’s eine Hin- und Retourfahrt von einem Stammkunden, was meistens derjenige macht, der entweder zufällig in der Nähe der Abholadresse, oder eben in der Zentrale ist. Als das Kundentelefon klingelt und mir der ‘Dispo’ sofort einen lächelnden Blick zuwirft, weiß ich was Sache ist und mache mich langsam aber bestimmt abfahrbereit. Da sonst nichts für mich dabei ist, kann ich es ruhig angehen lassen – der Auftrag hat ein bisschen Zeit, und ich noch einige Stunden Dienst vor mir.

Noch vor der Abgabe werde ich gebeten, nochmal in der Zentrale vorbeizukommen. Ich soll aufs Lastenrad umsteigen, weil es dann von etwas außerhalb eine größere Abholung gibt, die mir gut in die Route passt. Lastenradfahrten können Fluch und Segen sein. Heute ist es nicht so windig, könnte also lustig werden. Mal sehen, wie schwer das Ganze ist.

Nach dem Radtausch, der Retourfahrt und der Lastenabholung bekomme ich nochmal 2 Aufträge, von denen einer mit in Richtung Innenstadt und der andere auf die andere Stadtseite geht. Letzteren werd ich irgendwo in Zentrumsnähe an einen Kollegen los.

Beidesmal zwei volle Ordner, die aber als ganz normale Sendungen bestellt wurden. Normalerweise müsste ich mich jetzt mit 4 Ordnern in der Tasche plagen, aber glücklicherweise bin ich ja mit dem Lastenrad unterwegs. Da gehen sie schon noch irgendwie mit drauf – der Gewichtszuschlag wird natürlich trotzdem verrechnet.

Der restliche Tag plätschert dann so vor sich hin. Es gibt so Tage, an denen passt einfach alles zusammen. Da kommen die Aufträge genau zur richtigen Zeit rein, so dass selbst dringende Expressfahrten leicht mit anderen Aufträgen kombiniert werden können und trotzdem nichts zu alt wird. Sogar ein kleines Mittagessen findet entweder genüsslich auf einer Parkbank oder doch auf dem Sattel mit Schluckaufpotenzial seinen Platz.

Natürlich geht auch hin und wieder alles schief – bei Regen zu einer Abholung tief in einem Außenbezirk zu fahren, wo dann keiner anzutreffen ist, und bei der leeren Rückfahrt plötzlich ein Zischen vom Hinterrad wahrzunehmen, kommt einem Weltuntergang gleich. Nein, eigentlich ist es schlimmer als das. Dann ist der für den Job so wichtige FLOW gleich mal dahin, und ohne ihn macht die ganze Sache nur noch bedingt Spaß und wird sehr, sehr mühsam. „Was tu ich hier eigentlich?“ – Momente sind selten, aber es gibt sie wie überall. Das Tolle am Fahrradkurier sein ist, dass sie schon nach der nächsten Abholung überwunden sein können. Wenn die botenerfahrene Sekretärin schon eine Tasse Tee und ein Handtuch zum abtrocknen vorbereitet hat und sich tausendfach bei einem bedankt, weiß man sofort wieder, warum man sich all dem aussetzt.

Out of the box

Man wird gebraucht, man verdient Geld mit seinem Hobby, man ist in Bewegung, bleibt fit und stärkt seine Abwehrkräfte. Man wächst, man verschiebt seine persönlichen Grenzen in sehr viele Richtungen, manchmal in einem unvorstellbar großen Ausmaß.

Man umgibt sich mit Freunden, arbeitet zwar großteils alleine, aber gleichzeitig für und an einem kollektiven Ganzen, und das nicht nur firmenintern, sondern städte-, länder-, europa- und weltweit.

Und das wird gefeiert, am besten mit einem isotonischen Feierabendbierchen in oder vor den Zentralen, in den Stadtparks oder auf den Freiheitsplätzen dieser Welt. „Auf uns und das Leben, prost, salud, cheers, à la tienne, na zdrowie, skål, egészségedre, salute, živjeli.“

Auf dass das Äffchen morgen wieder klingelt.

Foto © Bike Citizens

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