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Effektive Geschwindigkeit: Neues Konzept mit sozialer Komponente

Wie schnell bewegen wir uns wirklich von A nach B? Gewöhnlich sprechen wir von der Durchschnittsgeschwindigkeit, die man erhält, indem man den zurückgelegten Weg durch die benötigte Zeit dividiert. Doch was ist mit der Zeit, die wir brauchen, um auf den Bus zu warten oder um das Geld zu verdienen, damit wir die Kosten für ein bestimmtes Transportmittel bezahlen können?

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Foto: Pixabay

Anders als bei der Durchschnittsgeschwindigkeit werden diese Aspekte bei der „effektiven“ oder „sozialen“ Geschwindigkeit berücksichtigt. Die effektive Geschwindigkeit erhält man, indem man den gesamten zurückgelegten Weg durch die Gesamtzeit dividiert, die man dem Transportmittel gewidmet hat.

Herkömmliches Geschwindigkeitskonzept auf den Kopf gestellt

Unsere Arbeit vergleicht für verschiedene Transportmittel die Durchschnittsgeschwindigkeit mit der effektiven Geschwindigkeit im Hinblick auf das monatliche Einkommen. Anhand von Daten, die wir in 22 Commuter Challenges zwischen 2012 und 2014 sammelten, erhielten wir die folgenden Ergebnisse für die Durchschnittsgeschwindigkeit auf Straßen in den Kategorien Zufußgehen, Radfahren, öffentliche Verkehrsmittel, Motorrad und Auto: 5 km/h, 16 km/h, 8 km/h, 26 km/h und 28 km/h. Anhand dieser Ergebnisse könnte man meinen, dass Motorrad und Auto die schnellsten Fortbewegungsmöglichkeiten in dieser Stadt sind, doch das Konzept der effektiven Geschwindigkeit zeigt ein anderes Bild.

Die effektive Geschwindigkeit wurde nur für Arbeitnehmer geschätzt. Die Einkommen der Arbeitnehmer laut der brasilianischen nationalen Datenbank wurden in 10 Gruppen geteilt, von Gruppe 1 (75 US-Dollar/Monat) bis Stufe 10 (über 9.000,00 US-Dollar/Monat). Die effektive Geschwindigkeit wurde für jede Gruppe für verschiedene Transportmittel berechnet. Die Ergebnisse zeigen, dass Arbeitnehmer der Gruppe 1 sich nur drei verschiedene Transportmittel leisten können: Zufußgehen, Radfahren und öffentliche Verkehrsmittel. Zufußgehen bedarf keiner Arbeit; um eine Fahrt mit dem Rad zu kaufen, müssen die Arbeitnehmer 0,55 Stunden ihres achtstündigen Arbeitstages abziehen, für öffentliche Verkehrsmittel 6,56 Stunden. Nimmt man diese Arbeitszeiten und addiert die Zeit, um die Fahrt mit dem jeweiligen Transportmittel zu kaufen, so ergeben sich folgende effektive Geschwindigkeiten pro Transportmittel: 5 km/h (Zufußgehen), 9,12 km/h (Radfahren) und 1,44 km/h (öffentliche Verkehrsmittel). Arbeitnehmer der ersten Gruppe können sich keine anderen Transportmittel leisten.

Effektive Geschwindigkeit

Mit dieser Methode kommen wir zu dem Schluss, dass bis Gruppe 7 (39.000,00 US-Dollar/Jahr) bzw. für 95 Prozent der Arbeitnehmer in Brasilien die effektivste Geschwindigkeit in einer durchschnittlichen Stadt mit dem Rad erreicht werden kann, trotz der geringen Investition, die für dieses Transportmittel nötig ist. Die Anwendung von effektiver Geschwindigkeit könnte die Orientierung bei öffentlichen Investitionen mehr in Richtung gerechte Verkehrsmittel lenken.

Sammlung qualitativer Daten durch Pendler-Vergleiche

Um die effektive Geschwindigkeit in der brasilianischen Stadt Mossoró zu berechnen, veranstalteten wir in den Jahren 2012, 2013 und 2014 mehrere Pendler Challenges. Pendler Challenges haben das Ziel, die Effektivität verschiedener Transportmittel wie Zufußgehen, Radfahren, Motorrad, Auto, öffentliche Verkehrsmittel etc. unter Berücksichtigung von Aspekten wie Fahrzeit, Kosten, Schadstoffausstoß usw. zu beurteilen. Wir organisierten diese Commuter Challenge, indem wir einen Stadtplan in mehrere Quadranten teilten, um zufällige Start- und Zielpunkte zu erhalten.

Die Start- und Zielpunkte befanden sich in der Mitte des jeweiligen Quadranten. Um die Quadranten zu bestimmen, schrieben wir Buchstaben und Zahlen, entsprechend der auf dem Plan eingezeichneten Linien, auf Papierstücke und gaben diese in zwei Säcke, einen für die Zahlen und einen für die Buchstaben. Um einen Quadranten auszuwählen, zogen die Studierenden jeweils ein Stück Papier aus dem Sack mit den Zahlen und eines aus dem Sack mit den Buchstaben.

In einer Pendler Challange begeben sich alle Teilnehmenden zum Startpunkt. Wenn alle dort angekommen sind, erklärt jemand, dass es sich hierbei um eine Übung und nicht um ein Rennen handelt, dass sich die Teilnehmenden so verhalten sollen, wie sie das normalerweise tun, und dass sie die Verkehrsregeln beachten müssen, während sie fahren, zu Fuß gehen, Rad fahren etc. Nach den Erklärungen starten alle ihre Chronometer und die Übung beginnt. Die erste Person, die am Zielpunkt ankommt, trägt ihre Zeit ein. Nachdem alle am Zielpunkt eingetroffen sind, sammelt jemand die Daten (Zeitdauer, finanzielle Ausgaben etc.) und bereitet einen Bericht vor, der einen Überblick über jede Fahrt/Bewegung geben soll.

Bisher haben wir 24 Commuter Challenges veranstaltet. Sie wurden zu Stoßzeiten und außerhalb der Stoßzeiten durchgeführt, alle jedoch an Werktagen.
Das folgende Diagramm zeigt die durchschnittliche Geschwindigkeit und die Standardabweichung pro Transportmittel, die in diesen Commuter Challenges ermittelt wurden:

Durchschnittsgeschwindigkeit Effektive Geschwindigkeit

Wie aus dem Diagramm hervorgeht, sind die öffentlichen Verkehrsmittel (Busse) in der Stadt Mossoró sehr langsam, da die Wartezeit (Taktzeit) etwa eine Stunde beträgt. Die Wartezeit sowie die Zeit, um zur Bushaltestelle und von dort zum Zielpunkt zu gehen, erhöhen die Fahrzeit enorm. Im Bus beträgt die Geschwindigkeit ebenfalls nur etwa 16 km/h.

Da wir Zugriff auf die brasilianische nationale Datenbank der Arbeitnehmereinkommen hatten, berechneten wir in unserer Studie die effektive Geschwindigkeit nur für Arbeitnehmer. Die Monatseinkommen der Stadt Mossoró laut der brasilianischen nationalen Datenbank wurden in zehn Gruppen eingeteilt. Wie man sehen kann, handelt es sich um eine sehr arme Stadt. Beinahe 86 Prozent der Arbeitskräfte verfügen über ein durchschnittliches Monatseinkommen von 626,09 US-Dollar.

Effektive Geschwindigkeit nach Lohnstufen

Um die effektive Geschwindigkeit zu berechnen, entschieden wir uns, verschiedene Transportmittel zu vergleichen, und – da wir in einer Autogesellschaft leben – berechneten wir auch die effektive Geschwindigkeit für verschiedene Autoklassen. Wir berücksichtigten also verschiedene Transportmittel und verschiedene Arten von Autos und berechneten fixe und variable Kosten für jeden Modus.

Durch die Berücksichtigung des Monatseinkommens, das wir in Arbeitsstunden, um eine bestimmte Fahrt pro Modus kaufen zu können, umwandelten, der durchschnittlichen von einem Arbeitnehmer zurückgelegten Distanz und der Gesamtkosten pro Modus erhielten wir eine einkommensbezogene effektive Geschwindigkeit. Das Fahrrad ist bis Gruppe 7 (3.130,00 US-Dollar/Monat) die effektivste Fortbewegungsart in Mossoró, bei einem höheren Einkommen ist es das Motorrad (100 CC).

Über den Autor

Eric Morfa Morales  Eric Amaral Ferreira

Ich habe vor vier Jahren bei ITDP nachhaltigen Verkehr in Brasilien, Columbien, Mexico und Indonesion promotet. Davor war ich fünf Jahre lang bei Metropolitan Transport Authority Curitiba angestellt, wo ich im Entstehungsprozess und in der Umsetzung für öffentlichen Verkehr beteiligt war. Als ich Professor an der Federal University wurde, habe ich Studenten eingeladen Studien mit dem Fokus auf Radfahren, Zufußgehen und öffentlichen Transport zu erarbeiten. Ein Ergebnis dieser Studiengruppen ist Effektive Geschwindigkeit, derzeit sind wir 10 Personen.

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