Das urbane Fahrradmagazin

Denk global. Urlaub lokal – Drei Familien, viele Räder und die Uckermark

Pausen vom Alltag sind wichtig. Seit den Nullerjahren herrscht über die Alltagsfluchten ein unausgesprochener Konsens: Je weiter weg und je billiger, desto besser. Dabei wartet das Paradies oft vor der Haustür. Bike Citizens Berlin haben regionalen (Rad-)Urlaub getestet und sind „fluglos“ vor den Toren Berlins gelandet.

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Die leidenschaftliche Pedalistin hat schon einige (Welt-)Reisekilometer im Radsattel gesammelt und verbindet tagtäglich Faltrad mit ÖPNV in Berlin. Ihr Zugang zum Fahrrad(fahren) ist vielschichtig-detailverliebt bis unkompliziert-pragmatisch und reicht in ihre frühen Jugendtage in Österreich (Graz) zurück. Ob total beladen, super lightweight, 16 Zoll oder 29er, gefahren wird alles was gute Laune macht.
(Rad-)Urlaub in der Uckermark © Karen Rike Greiderer

Wir brauchen nicht nur Urlaub – wir haben ihn uns verdient, so das aktuelle Grundsurren.  Auch Umweltbewusste setzen beim Thema Urlaub gern die verspiegelte Sonnenbrille auf. Urlaub muss eine „wirkliche“ Belohnung sein und so ein – zwei – drei Flüge im Jahr – die machen doch nichts. Oder?

Reinzoomen in die Weltkarte
Auch ich gehör(t)e zur Spezies vielfliegende Weltenbummlerin. Heute möchte ich bei der Reiseplanung die Weltkarte nur mehr zu besonderen Anlässen zur Hand nehmen. Klimafreundlichkeit im Urlaub ist wichtig. Aber wohin soll es im Sommer mit der Familie gehen?
Zündender Moment ist eine Routinefahrt im Regionalzug von Berlin nach Stralsund. Ich begutachte die Linien der Netzkarte. Viele Ortsnamen klingen vertraut. Sie sind Namenspatron diverser Hauptstadtdependancen. Wer und was wohl dahinter steckt? Abends verirre ich mich auf Instagram über #brandenburg in die #uckermark. Ein Aha-Moment: Sehnsuchtsorte – ganz in meiner Nähe! Wettercheck: Das bevorstehende Wochenende wird sommerlich  lang. Mein Freund findet die Idee eines Kurzurlaubs gut.Unsere 19-Monate alte Tochter ist ohnehin dabei. Uckermark – wir kommen!

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Auch so kann Familienmobilität aussehen: Mit Rad und Bahn in den Urlaub  © Karen Rike Greiderer

Kurzurlaub fürs Klima und drei Familien
Samstag früh rollen wir mit unseren Rädern samt Kinderanhänger zum Zug. Beim ersten längeren Stopp nach Berlin, in Eberswalde, erwarten wir Familie Nr.2.  Nur sie ist nicht da. Per Textnachricht erfahre ich, dass sie unsere Radtour zum Oberuckersee nicht mitmachen und einen späteren Zug direkt nehmen. So starten wir die 35-km lange Radtour in Angermünde zu dritt. Auf der Suche nach einer Eisdiele durchstreifen wir die Altstadt – eine Zeitreise: Ein verblasster HO-Schriftzugauf grauem Mauerwerk. Mein Freund erklärt, dass es sich bei dem Relikt um den staatlich geführte Einzelhandel der DDR handelt. Es folgt liebevoll aufgearbeitetes Fachwerk und eine moderne E-Bike-Verleih-Station. Wir radeln wehmütig los. Es gäbe viel zu entdecken!

Unter tiefblauem Himmel genießen wir die malerische Fahrt – abschnittsweise entlang des Radfernweges Berlin-Usedom. Manchmal vergessen wir in die Pedale zu treten und rollen einfach so dahin. Bei jedem Hügel feuern meine Tochter und ich den Herren auf dem Single-Speed plus Kinderanhänger an. Jetzt wissen wir: In der Uckermark zum Rad mit Gangschaltung greifen oderganzbequemein Rad mit E-Antrieb ausleihen. Die einstigen Gletscher haben ganze Arbeit geleistet und eine einzigartige, wellige Landschaft hinterlassen.

Bei der längeren Rast blubbert das Mobiltelefon. Ich höre,wie mein Freund sagt: „Kommt rum – die Natur feiert hier multiple Orgasmen. Es ist irre schön und mit jedem Meter wird’s noch schöner!“ Später erfahre ich, dass Berliner Freunde plus Nachwuchs den Kombi beladen und nachkommen. So treffen an diesem Sonnabend drei Familien beim Warnitz Camping am Oberuckersee ein. Die letzten sind das Mutter-Kind-Duo aus Eberswalde. Sie sind per Zufall eine Station eher aus dem Zug gestiegen und die 10 Kilometer Radfahrt bis zum Ziel waren perfekt um einmal tief durchzuatmen.

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Die Uckermark besticht durch sanft wellige Landschaften  © Karen Rike Greiderer

Naturcamping mit ganz viel Freiheit
Die groovige Stimmung am Campingplatz nimmt uns sofort ein. Alle sind nett und entspannt. Links von uns ein eingespieltes, älteres Paar mit Kajak. Rechts von uns eine schicke Gruppe aus Großbritannien, die sich auf die „Hochzeit des Jahrtausends“ zuprosten! Kinder zwischen ca. 1 und 15 Jahren wuseln herum und wollen von Erwachsenen nicht gestört werden.
Unseren Bärenhunger stillt später das einzige Gasthaus in Warnitz, die Deutsche Eiche mit eigener Brauerei. Wir lassen die Langsamkeit dort für uns arbeiten, „testen“ das Bier und durchforsten den Spielplatz draußen und das  Spielzimmer drinnen. Beim Spaziergang zurück begleitet uns der Ruf einer Rohrdommel.

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Die Kinder mögen von den Erwachsenen bitte nicht gestört werden © Karen Rike Greiderer

Sonntag am See, Montag auch
Sonntag verbringen wir an der Familienbadestelle mit Sand. Es gibt genügend Platz für alle am See – auch für Hunde. Selten bewegen wir uns weg vom Wasser. Wenn, dann steht der Weg im Zeichen eines Grundbedürfnisses: Wir überfallen den Imbisswagen “Gutes Drauf” wo bio/fair/vegan/regional Programm ist. Sicherheitshalber hamstern wir Süßes, denn  “wenn’s aus ist, ist’s aus”. Wir entdecken beim Toilettenspaziergang das Café im alten Bahnhof Warnitz und die Touristen-Information. Die Familie mit Auto bunkert leckere Köstlichkeiten aus dem Regionalladen und freut sich, dass es hier Fahrräder und E-Bikes zu mieten gibt. Abends kippt der Nachwuchs mit glühenden Wangen in die Zelte. Der Sonnenuntergang eröffnet uns Großen ein Grande Finale.

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Beim Sonnenuntergang hört man den Ruf der Rohrdommel © Karen Rike Greiderer

Tourismus im Einklang mit Naturschutz
Dabei könnten wir soviel mehr unternehmen! Selbst bei schlechtem Wetter hat die Region, die 2013 Sieger im Bundeswettbewerb “Nachhaltige Tourismusregionen” war, für alle was zu bieten. Oberstes Credo: Tourismus im Einklang mit Naturschutz. Seit Februar 2018 ist die Uckermark als Nachhaltiges Reiseziel zertifiziert. Über 50 Prozent der Region unterliegen den Natur- und Landschaftsschutz, drei nationale Naturlandschaften und das Weltnaturerbe Buchenwald Grumsin. Rund 1.200 Kilometer Wanderweg und ein gut ausgebautes Radwegenetz auf rund 1.600 Kilometern durchziehen den Landstrich. Die Uckermark gehört zum Netzwerk klimafreundlicher Anbieter. Urlaubende sind hier ganz ohne Auto mobil. Es gibt Ruftaxis.

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Mittagspause beim “Gutes Drauf” Bistro  © Karen Rike Greiderer

Tel Aviv vs. Uckermark
Für mich hat „weites“, bereicherndes Reisen viel mit der Wahl des Fortbewegungsmittels und der Route zu tun. Die Familientour zum Oberuckersee als Beispiel: Die Familie aus Berlin Nord braucht per Auto 60 Minuten für ihren „schnellen Wochenendtrip“. Einzige Begegnung: ein Tankwart. Dafür genießen sie einen Gepäckvorteil von dem wir alle profitierten. Für das Mutter-Kind-Duo aus Eberswalde war die Strecke mit der Bahn schon erlebnisreiche und die spontane Radfahrt bot eine Prise Abenteuer im sonst eng gestrickten Alltag. Mit überwiegend Rad und etwas Bahn war Familie Nr.3 (wir) knapp viereinhalb Stunden unterwegs – davon etwas mehr als eine Stunde Pause mit vielen netten Gesprächen. Wir fühlten uns richtig weit weg und einfach „draußen“ und erholt.  Ein Abenteuer fernab vom Alltag in einer wunderbaren Natur.

Im Flugmodus
Viereinhalb Stunden Reisezeit, das ist so lang wie der Direktflug von Berlin nach Tel Aviv,  wo ich auch gern hinmöchte. Aber bei der diesjährigen Urlaubsplanung  ist die Entscheidung leicht – auch dank des Blicks auf den CO2-Rechner: 10 Tage mit Rad und Bahn durch die Uckermark. Urlaub vor den Toren Berlins. Das Mobiltelefon im Flugmodus.

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Die leidenschaftliche Pedalistin hat schon einige (Welt-)Reisekilometer im Radsattel gesammelt und verbindet tagtäglich Faltrad mit ÖPNV in Berlin. Ihr Zugang zum Fahrrad(fahren) ist vielschichtig-detailverliebt bis unkompliziert-pragmatisch und reicht in ihre frühen Jugendtage in Österreich (Graz) zurück. Ob total beladen, super lightweight, 16 Zoll oder 29er, gefahren wird alles was gute Laune macht.

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